Ausgabe: 01 / 2000
Seite: 124
Politur für das Publikum
Von
Hans Peter Thurn: Die Vernissage. DuMont Buchverlag, Köln. 216 Seiten, 25 Schwarzweiß-Abbildungen. 39,90 Mark
Die ideale Lektüre für den Tag danach: Wenn das Hochgefühl der nächtlichen Täuschungen nachlässt, wenn die jedem Vernissage-Gänger vertraute Frage nach dem Sinn der vielen beim Small-Talk verflossenen Abendstunden sich ihren Weg bohrt durchs benebelte Hirn, liefert Hans Peter Thurns Kulturgeschichte des Eröffnungsrituals Trost und Entspannung. Ob Künstler, Galerist oder Sammler - in der amüsanten Analyse des Zeremoniells findet jeder seine prominenten Leidensgenossen und die wohltuende Bestätigung für das emotionale Spektrum zwischen ausgelassener Feststimmung und "Ausstellungsmigräne" (Emile Zola).
In vielen unterhaltsamen Episoden beschreibt Thurn, Soziologieprofessor an der Düsseldorfer Kunstakademie, die Etymologie des Worts vom französischen "vernis" (Lack) und die Entwicklung der Institution Vernissage, die im 19. Jahrhundert zunächst einem handwerklichen Zweck diente: Zwischen Aufbau und Eröffnung der Pariser Salon-Ausstellungen gab der Tag der Vernissage den Malern Gelegenheit, ihre frisch gemalten Bilder vor Ort zu firnissen. Private Einladungen an Freunde und Kritiker, die noch vor dem offiziellen Beginn der Schau einen ersten Blick auf die Bilder werfen durften, öffneten den zwanglosen Künstlertreff bald für ein privilegiertes Publikum.
"Als Tor zur Geltungswelt hat sich die Vernissage behauptet", resümiert Thurn und widmet dem "schönen falschen Schein", der über dem eher gesellschaftlich denn künstlerisch relevanten Anlass liegt, süffisant-ausschweifende Schilderungen: "Jene Politur, die ehedem den Bildern oberflächlichen Glanz verlieh, wird inzwischen verlagert auf die Außenhaut der versammelten Gesellschaft."
Auf der allerdings, das wissen alle Akteure des abendlichen Stegreifspiels, blättert der Lack schneller ab als auf den Gemälden.
