Ausgabe: 04 / 1999
Seite: 66-71
Kunst- und Modemetropole Mailand Die Mäzene von Mailand
Von Fiona Ehlers Alberto Ferrero
Privat-Initiativen Kunst Sie sind Modemacher und Verleger, sie leben vom Zeitgeist und für ihn - doch Sinn und Selbsterkenntnis suchen sie in der Kunst (und bisweilen auch ein bißchen Glanz fürs Geschäft). Fiona Ehlers stellt vier private Kunst-Förderer in Mailand vor (Fotos: Alberto Ferrero)
Der Flatz vor der Mailänder Scala im Februar. Das Opernhaus liegt im Dunkeln, heute ist spielfrei. Graue Gestalten unter Regenschirmen huschen vorbei. Der Palast links daneben strahlt hell aus vielen Fenstern. Im Foyer hinter dem Eingang steht Nicola Trussardi. Über den Schultern hängt ihm lässig ein dunkler Flanellmantel, zum Zweireiher trägt er eine himmelblaue Seidenkrawatte. In der rechten Hand hält er ein "telefonino",jemand aus Los Angeles ist dran. "Naturalmente, mein Lieber", versichert er, "wenn sie dich für den Oscar nominieren, kleide ich dich ein." Dann öffnen sich die gläsernen Schiebetüren. Trussardi tritt auf den Platz, wo die Fotografen warten, streicht sich übers perfekt ergraute Haar und schiebt den Krawattenknoten Richtung Kinn. Sich selbst darzustellen, mondän und formvollendet das ist es, was Trussardi am besten kann. Neben dem Modemachen, natürlich.
Vor zehn Jahren hat der 57jährige das ehemalige Hotel neben der Mailänder Oper gekauft und aufwendig restaurieren lassen. 1996 wurde der Firmensitz "Marino alla Scala" eröfhtet, ein sechsgeschossiger Prunkbau mit gläsernem Innenhof, Geschäften, Cafeteria und Büros. Im "Art Center", einem 360 Quadratmeter großen Saal im zweiten Stock, zeigt der Modemacher Kunst, drei Ausstellungen pro Jahr. Amerikanische Pop Art von Jasper Johns und Allen Jones war zu sehen, publikumswirksame Zeichnungen von Pablo Picasso oder berühmte Gemälde aus dem Amsterdamer Stedelijk Museum. Bis Ende März 1999 stellt Nicola Trussardi Keramiken des Mailänder Designers und Architekten Gio Ponti aus, ab April macht die Wanderschau mit Großstadtfotografien des Popmusikers David Byrne im "Art Center" Halt.
Das "Art Center" sei sein "Beitrag zur Kunst", sagt Trussardi, In seiner Privatvilla in Bergamo sammelt der gutinformierte Genießer zeitgenössische Kunst aus Italien. Er wohnt mit Skulpturen von Arnaldo Pomodoro und Bildern von Francesco Clemente, im hauseigenen Fitneßstudio hängt ein Gemälde von Renato Guttuso. Für seine Schauen im "Art Center", so betont er, schließe er kein Thema, keine Epoche aus; wichtig sei ihm, daß sie viele Mailänder anziehen.
1970 übernahm der studierte Ökonom die Lederhandschuhfabrik seines Großvaters, seitdem trimmt erden Betrieb auf Zukunft. Längst geht es ihm nicht mehr nur um Haute Couture: Trussardi bekleidet auch Kinder, designt Fahrräder und entwirft Eisenbahnen und Flugzeuge_ "life culture" nennt es der Manager, Lebenskultur. Sein jährlicher Umsatz damit: 900 Milliarden Lire, rund 900 Millionen Mark. "Marino alla Scala" sei ein "Service für alle Kunstfans", ein Ort, an dem ein "Austausch zwischen Mode und Künstlern stattfinden soll". Natürlich gehe es auch um Inspiration für die eigene Arbeit. Mit seinem Projekt stößt der Unternehmer nicht überall auf Gegenliebe. Zu pompös, zu ehrgeizig, zu sehr Trussardi, findet manch einer aus der norditalienischen Kunstszene. Und rümpft die Nase, wenn Trussardi am Tag der Modeschauen zur Vernissage lädt. Der Geschäftsmann aber gefällt sich in seiner Rolle als Mäzen: "Ich will die Leute teilhaben lassen an meinen interessen, will etwas erschaffen und mich darstellen", sagt er, "dabei kann ein bißchen Ehrgeiz nicht schaden." Miuccia Prada "Ich habe keinen Auftrag, Kunst den klassen näher zu bringen. Ich zeige, was ich mag" Miuccia Prada ist eine bescheidene Frau. Zu der Geschichte von Miuccia, die sich mit 28 Jahren aufmachte, das großväterliche Geschäft für Reisegepäck in eines der einflußreichsten Mode-Imperien zu verwandeln, zuckt sie mit den Schultern. Über Erfolg spricht man nicht bei Prada. Lieber berichtet die zierliche Mailänderin mit der tiefen Stimme von ihren Schwächen, den Selbstzweifeln, der Scheu vor Menschen. Kunst sei für sie eine "praktische, spielerische Art, das Leben zu betrachten" . Lebenshilfe für eine Frau, die sich selber weiterentwickeln will, nicht nur ihre Mode. "Wenn ich heute mit jungen Künstlern spreche, merke ich, wie alt ich geworden bin", sagt sie. "Ich mache mir Probleme, die sich denen gar nicht stellen".
Für die 48jährige hat Kunst nichts mit Mode zu tun. Und schon gar nichts mit Prada, ihrer Firma. Seit vier Jahren fürden sie zeitgenössische Künstler, viele von ihnen arbeiten mit Film, Video und Fotografie. Ausstellungen von solcher Qualität, wie sie in der "Fondazione Prada" gezeigt werden, sind selten in Italien und oft nur etwas für Kenner. "Ich habe keinen Auftrag, Kunst den Massen näherzubringen", sagt die Prada. "Ich zeige, was ich mag." In zwei ihrer Hallen präsentierte die Stiftung 1997 die riesigen Spinnen der Amerikanerin Louise Bourgeois. Von Dan Flavin wurden Neon-Objekte gezeigt, die britische Künstlerin Sam Taylor-Wood stellte per Video einen Bodybuilder auf den Kopf. Ab Mai ist der "Dream Temple" von Mariko Mori zu sehen, eine Videoarbeit in einem eigens für die Räume gebauten, buddhistischen Tempel aus Glas und Stahl.
Die Hallen, zusammen 1500 Quadratmeter groß, gehören zum Geschäft. Sie liegen in der Via Spartaco, weit ab von den Prada-Boutiquen am Dom. Hier wird gearbeitet, hier werden die Kollektionen einem Fachpublikum vorgeführt, hier wird auch die Kunst gezeigt. Anfangs irritierte der Stallgeruch die Unternehmerin, doch vor allem den Künstlern gefällt diese Grenzüberschreitung; außerdem schätzen sie die fast ehrfürchtige Zurückhaltung der Förderin.
Auf strikte Trennung von Geschäft und Kunst legt Miuccia Prada großen Wert. Sie haßt es, als kreatives Genie hervorgehoben zu werden. Das Versteckspiel mag Strategie der Modemacherin sein, doch es paßt zum minimalistischen Stil von Prada, zur exklusiven Uniformität, die kein Gesicht will.
Tatsächlich ist Pradas Engagement als Kunstförderin erstaunlich frei von Geschäftemacherei. Die Arbeit der "Fondazione Prada" ist kein Mäzenatentum aus schlechtem Gewissen, eher Miuccia Pradas öffentlich gemachter Weg zur Selbsterforschung. Die umfangreichen Ausstellungskataloge, hervorragend bibliografiert und kommentiert von Kuratoren und Kritikern wie Germano Celant und Nancy Spector, sind erst auf den zweiten Blick auch Werbung für die Marke.
Wenn Miuccia Prada energisch behauptet, die "Pradamania", die scharenweise Japaner in die Mailänder Läden treibt, sei ihr zwar eine finanzielle Dauerfreude und ermögliche erst die teure Kunstförderung, sei ihr aber zugleich ein rästelhafter Greuel - man möchte es ihr fast glauben. Gabriele Mazzotta "Wir haben in Mailand Geld - und eine Kultur ohne bleibende Bedeutung" Er ist einer der wichtigsten Kunst-Unternehmer Italiens, sein Haus so etwas wie ein privates Nationalmuseum der Moderne. In der Wirtschaftsmetropole Mailand, in der es bis heute kein funktionierendes öffentliches Museum für moderne oder zeitgenössische Kunst gibt, schaffte Gabriele Mazzotta mit seiner Stiftung, was der Stadtverwaltung bislang nicht gelungen ist.
"In Sachen Kunst sind wir hier in einer unglückseligen Lage", sagt der 61jährige Kunstbuchverleger, Sohn des 1969 gestorbenen Verlegers und Sammlers Antonio Mazzotta. "In Mailand ersetzte man die großen Literaten, Verleger und Künstler der sechziger und siebziger Jahre durch die Mode- und Werbebranche. Jetzt haben wir Geld- und eine Kultur ohne bleibende Bedeutung." Vor zehn Jahren gründete Mazzotta junior die "Fondazione Antonio Mazzotta". Aus den Beständen der beachtlichen Privatsammlung - die Familie besitzt rund 2000 Zeichnungen und Gemälde des 18. bis 20. Jahrhunderts - organisierte die Stiftung Ausstellungen mit Werken von Paul Klee, Pablo Picasso oder den Expressionisten und zeigte sie in den wichtigsten Museen Europas. 1994 wurde der eigene Ausstellungsbau, dreigeschossig, in einer alten Textilfabrik eröffnet. Am Foto Buonaparte, zwischen Burg, dem neuen Piccolo Teatro und der Brera-Pinakothek, stellt Mazzotta jährlich etwa drei Ausstellungen auf die Beine. Mit bis zu 150 000 Besuchernjährlich gehören sie zu den großen Kulturereignissen des Landes.
Die Stiftung präsentiert Kunst aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts-Wassily Kandinsky, Bauhaus, Futurismus. Anfang des Jahres zeigte sie Man Ray, bis Mitte Mai Gustav Klimt und die Wiener Secessionisten. Fürjunge Kunst fehlt es Mazzotta nicht an Interesse, aber an Mitteln: "Eine Fläche von 1300 Quadratmetern ist dafür zu klein", sagt er. "Außerdem sind wir auf den finanziellen Erfolg angewiesen." Fürjunge Besucher hingegen wird viel geboten: Neben den Ausstellungskatalogen verlegt die Stiftung auch Bilderbücher für Kinder, die einleuchtend erklären, "warum der kleine Man (Ray) komische Apparate erfand, die zu nichts gut waren".
Gabriele Mazzotta ist einer, der sich zufrieden zurücklehnen könnte. Dank seiner engen Kontakte zu internationalen Ausstellungshäusern und Instituten kann er schnell und langfristig planen. Seinem Haus verlieh der Europarat 1995 den Titel "Museum des Jahres", die Stadt Mailand bezuschußt einige seiner Ausstellungen.
Doch Ruhe interessiert ihn nicht; dazu ist Mazzotta viel zu besessen von der Kunst. Beim Aufbau seines Hauses mischte er eigenhändig mit, warf Architekten hinaus, stritt mit Handwerkern. Packt ihn eine Idee, wird er ungeduldig. Er möchte das Phänomen Vertigo, Schwindel, in der Kunst erkunden, will ein Forschungszentrum für visuelle Kultur gründen, am liebsten sofort. "Ich bin kein Manager", sagt er dennoch und greift sich ins zerzauste graue Haar. In seinem Büro voller Bücher, Nippesfiguren und herumfliegender Skizzen philosophiert er, delegiert, telefoniert, schimpft auf die Regierenden, denen er immer zu links und zu unabhängig war. Die Auszeichnungen und Pokale für seine Arbeit mit der Kunst hat er in die hinterste Ecke seines Bücherregals verbannt; er nennt sie "la mia Wunderkammer". So sind auch seine Ausstellungen: voller Überraschungen, voller Phantasie und Utopien. Mariuccia Mandelli "Statt meinen Showroom zu vermieten, wollte ich ihn lieber mit Kultur beleben" Kritias, eine Figur des Philosophen Platon aus dem antiken Griechenland und Gegenredner von Platon, hatte einen Hang zu vergänglichen Genüssen. Er verkaufte sein Vermögen, um seinen Frauen schöne Stoffe, Schmuck und Parfüm zu schenken. Nach dem Verschwender Kritias nannte Mariuccia Mandelli ihre Firma "Krizia". Die Designerin, 64, liebt ihre Arbeit. Für die Mode gab sie den Beruf der Grundschullehrerin auf und schuftet seit 45 Jahren bis zu zwölf Stunden täglich. Berühmt und reich wurde sie durch Tiermotive auf schlichten Strickkleidern - trotzdem sehnt sie sich manchmal danach, etwas Dauerhaftes zu schaffen. "Vorrei essere eterna", lautet ihr Motto. Ich möchte ewig sein.
Im Firmensitz an der vornehmen Via Daniele Manin, gegenüber den öffentlichen Gärten der Stadt, richtete sie vor knapp 15 Jahren den "Spazio Krizia" ein, eine kleine Bühne für den Hausgebrauch. Dahinter steht ein ernsthaftes Interesse für Kunst und Literatur - Mariuccia Mandelli gilt als "la colta", die Gebildete, unter den Modemachern.
Mit einem feststehenden Konzept allerdings nimmt man es in der Via Daniele Manin nicht so genau. In den Veranstaltungskalendern taucht der "Spazio Krizia" unregelmäßig auf. Wenn aber Signora Mandelli eine Sache in Angriff nimmt, dann, so wissen die Mailänder, lohnt es sich, dabeizusein.
Schuldgefühle hätten sie gepackt, gesteht die Modemacherin, weil sie ihren Showroom nur während der Modemessen für wenige Wochen nutzte. "Statt zu vermieten, wollte ich ihn lieber selber mit Kultur beleben", sagt die temperamentvolle Frau, die zu ihrem Seidenanzug geringelte Söckchen und Gesundheitsschuhe trägt. Also trommelte sie ein paar Freunde zusammen: ihren Schwager, den Filmregisseur Francesco Rosi; Giorgio Strehler, damals Intendant des Piccolo Teatro; den Schriftsteller Umberto Eco, den Dirigenten Ricardo Muti und Carlo Bertelli, den früheren Direktor der Brera-Pinakothek.
Gemeinsam organisierten sie Konzerte und Abende mit Autoren, In die postmodern eingerichteten Räume mit den lackschwarzen Türen und verspiegelten Wänden kamen Michael Ende und Patricia Highsmith, Jean Baudrillard, José Saramago und Isabel Allende. "Und mehr als 2000 Mailänder", sagt Mandelli, "stürmten mirjedesmal mein Haus." Die Lesungen sind selten geworden, heute organisiert Krizia immer häufiger Ausstellungen. Mariuccia Mandelli, die Tiffany-Lampen sammelt und sich für Bill Viola ebenso begeistert wie fürjapanische Innenarchitektur, zeigt neben Keramikarbeiten und Fotografien vor allem ausgefallenes Möbeldesign. Schon viermal lud sie den Israeli Ron Arad mit seinen Stuhl-Skulpturen aus glänzendem Stahl und Aluminium ein. Arads Freund und Kollege Ingo Maurer zeigte einige seiner Lampen, die in den Designsammlungen der wichtigsten Museen stehen. In diesem Monat werden beide wieder im "Spazio Krizia" ausstellen.
