Ausgabe: 04 / 1999
Seite: 12-21

Kunst- und Modemetropole Mailand Szene Mailand

Von Rita Imwinkelried Dirk Reinartz

In der jungen Kunst Italiens gibt Mailand den Ton an. Die lombardische Hauptstadt ist Zentrum einer selbstbewußten Szene, die sich der italienischen Tradition in der Kunst stets bewußt ist und trotzdem ihre eigenständigen Positionen gefunden hat. Rita Imwinkelried besuchte die Ateliers (Fotos: Dirk Renartz)

GRAZIA TODERI Das jahrtausendealte Material Ton und digitale Videotechnik sind die Medien, mit denen die 35jährige Künstlerin ihre eigene, unwirkliche Welt erschafft. Aus Ton formt sie Landschaften mit Figuren und Objekten, die sie dann auf Video aufnimmt und anschließend am Computer manipuliert. Zur Zeit entstehen zehn Video-Bühnenbilder tür ein Ballett nach Pier Paolo Pasolinis Film "Erotische Geschichten aus 1001 Nacht" Mit ihren poppig-bunten Reliefs erinnert ALESSANDRA GALBIATl, 35, an die Welt der Kindheit und an erste Experimente mit Formen und Farben: Grün und Rot ergeben da noch nicht Braun, sondern eine Wiese mit Blumen. Blau und Weiß werden nicht zu Hellblau, sondern zum Schneemann unterm Himmel. Für Analyse und Verstand ist auf den meisterhaft verarbeiteten Reliefs von Alessandra Galbiati kein Platz, Lust und Intuition erorbern sich die Kunst zurück Trostlose Stadtlandschatten fotografien GABRIELE BASILICO, Betonwüsten, Industrieanlagen und die Kapitulation der Architekten vor der Wirklichkeit. Trotzdem sind die Fotos des 54jährigen mehr als nur Sozial-Reportagen. In ihnen wird eine Atmosphäre erzeugt, wie sie auch der klassische italienische "Spaghetti-Western" vermittelt: Das nur scheinbar träge, passive Großstadtklima knistert vor Spannung, und die Situation könnte jederzeit explodieren DARIO GHIBAUDO bietet iranische Lebenshilfe an. Seit 1992 arbeitet der 49jährige an seinem "Museum der Un-Naturkunde", in dessen Mittelpunkt der "Homo Pronto", der perfekt funktionierende Mensch steht. Elf vakuumverpackte Menschenpuppen hat er für seinen "Saal der Anthropologie" schon mitsamt ihren Arbeitsgeräten eingeschweißtvon der Krankenschwester über den Anwalt bis zum Mafioso. Neun weitere Museumssäle sind in Arbeit

FRANCESCO MARIA GARBELLI Irgendwann interessierten ihn die Verkehrszeichen an den Straßen mehr als die Gebäude. Seitdem fügt der studierte Architekt, 36, jede Art von Hinweistafeln zu Skulpturen und Assemblagen [Text nicht OCR-lesbar] Heraus aus den Museen und hinein ins Leben will ALBERTO GARUTTI, 50, die Kunst bringen. Seine auf eine Linie zwischen zwei Farbfeldern reduzierten Horizont-Gemälde entstehen vorzugsweise auf öffentlichen Plätzen. Zur Zeit arbeitet er an einem "Monument für die Neugeborenen" in Bergamo: Kommt ein Mädchen zur Welt, betätigt die Hebamme in der städtischen Klinik einen Schalter, und auf der Piazza davor leuchten rosarote Lampen auf; bei Jungen ist das Licht blau In den frühen achtziger Jahren zählte MIMMO PALADINO zu den Stars der "Transavanguardia", die von Italien aus der europäischen Kunstszene neue Impulse gab. Nach wie vor faszinieren mythologische Themen den 50 Jahre alten Maler und Zeichner. Mit ihnen füllt er vor allem großformatige Leinwände. In den vergangenen Jahren arbeitete Paladino aber auch zunehmend an Skulpturen, zu.denen ihn unter anderem die Helmmasken etruskischer Krieger inspirierten Seit Mitte der sechziger Jahre gilt MARIO MERZ, 74, als ein Hauptvertreter der Arte Povera. Sein Interesse gilt elementaren Gesetzmäßigkeiten des Lebens. Die Wachstumszahlenreihe des Mathematikers Leonardo Fibonacci (um 1170 bis nach 1240) und die Spirale tauchen deshalb immer wieder in seinen Werken auf: als Symbole aus Metall, Reisig oder Neonröhren. Der Iglu verkörpert für Merz die Gleichwertigkeit von Innen- und Außenraum Der Mensch und seine Beziehungen sind das Thema von LILIANA MORO. In ihren Performances und Skulpturen, Zeichnungen und Installationen spielt die 37jährige Mailänderin mit Medien und Materialien und setzt sie in ihren Kunstaktionen gern gleichzeitig ein. Trotz aller Vielfalt wirken die Ergebnisse häufig spröde und schmucklos: Sie sind ein präzises Gefühlsbarometer des grauen Industriequartiers. in dem Liliana Moro lebt und arbeitet PAOLA PIVl inszeniert Situationen, um anschließend als scheinbar unbeteiligte Beobachterin die Reaktionen ihrer Umwelt zu dokumentieren. So fand die 27 Jahre alte Künstlerin 100 Chinesen, die bereit waren, sich gleich zu kleiden und für ein Foto zu posieren. Intereseiert habe sie die Spannung, die sich zwischen den Personen entwickelte, sagt die Künstlerin. Für ein anderes Experiment konfrontierte sie die Besucher einer Galerie mit einer Filmscheinwerferbeleuchtung von 64 000 Watt, um ihr Licht- und Wärmeempfinden zu studieren

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