Ausgabe: 02 / 1999
Seite: 82-83

Heilige in flackerndem Licht

Von Boris Hohmeyer

Madrid: El Greco Das Museo Thyssen-Bomemisza zeigt, wie sich der gebürtige Kreter zum bedeutendsten spanischen Maler der Zeit um 1600 entwickelt hat

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Alles Unsinn, meint die neuere Forschung. El Greco war ein normaler, wenn auch kein gewöhnlicher Maler, ein gebildeter Mann, der die kunsttheoretischen Werke in seiner Bibliothek schriftlich kommentierte. Um die überlängten Figuren, kalten Farben und verschwimmenden Räume auf seinen Gemälden zu erklären, bedarf es keiner medizinischen Kenntnisse - er führte damit nur höchst eigenwillig und konsequent Tendenzen des italienischen Manierismus weiter.

Anhand von über 70 Gemälden zeigt die Ausstellung "Identität und Verwandlung" in der Madrider Stiftung Thyssen-Bornemisza, wie El Greco zwischen 1560 und 1600 zu seinem reifen Stil fand; das Spätwerk bleibt dabei bis aufwenige Ausnahmen ausgeklammert.

Ausgangspunkt der Schau sind Bilder der nachbyzantinischen Maler, bei denen derjunge Theotokopoulos auf Kreta gelernt hat. Von dort kam er zunächst über Venedig nach Rom und damit unter den Einfluß der Werke von Tizian, Tintoretto, Parmigianino und Michelangelo. 1577 ließ er sich in Toledo nieder. Dort blieb er für den Rest seines Lebens seine Hoffnung, bei Madrid an der Ausstattung von Philipps II. Klosterpalast El Escorial mitwirken zu können, erfüllte sich nicht. Den Weg von Griechenland über Italien nach Spanien soll die Ausstellung selbst in umgekehrter Richtung gehen: Nach Madrid gastiert sie zunächst in Rom, dann in Athen.

Erst allmählich entwickelte El Greco seine expressiven Verzerrungen und Lichteffekte - nicht willkürlich, sondern als kalkulierten Ausdruck für die Sphäre des Heiligen, Unfaßbaren, Irrationalen. Besonders gut läßt sich das dort erkennen, wo er für gleiche Sujets jahrzehntelang ähnliche Kompositionen beibehielt. Zunächst sind es wohlgenährte Händler in veroneseblauen Gewändern, die Christus aus dem Tempel peitscht; auch Maria und der Verkündigungsengel sind in den siebziger Jahren noch normal proportioniert. Erst später magern die Gestalten ab, ihre Kleider werden von weißlich-flackemden Glanzlichtern modelliert.

Die weltliche Realität verlor der Maler darüber bis ins hohe Alter nicht aus den Augen. Das belegen die lebendigen Porträts, für die er stets besonders gerühmt wurde: Ein dicker Mönch ist auch bei El Greco dick.

In Toledo waren die Bedingungen günstig, um eine individuelle Malweise zu formen. Zwar gab es im gegenreformatorischen Spanien eigentlich strenge Vorschriften, wie biblische Themen darzustellen waren. Doch der Bedarfan Altären und Andachtsbildern war groß, und in der ehemaligen Residenzstadt war kein Konkurrent gut genug, um El Greco die Kundschaft abzuwerben.

Das Selbstbewußtsein, das der Künstler für seinen stilistischen Alleingang brauchte, hatte er der Überlieferung nach ohnehin schon bei seinem Aufenthalt in Rom bewiesen: Wenn der Papst Michelangelos "Jüngstes Gericht" in der Sixtinischen Kapelle abschlagen lasse, so El Grecos Angebot, wolle er ihm besser und schicklicher ein neues malen.

Vom 4. Februar bis zum 16. Mai im Madrider Museo Thyssen-Bornemisza, danach vom 10. Juni bis zum 19. September im Palazzo delle Esposizioni, Rom, und vom 14. Oktober 1999 bis zum 17. Januar 2000 in der Athener Nationalgalerie. Der Katalog erscheint auf englisch, spanisch italienisch und griechisch.

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