Ausgabe: 02 / 1999
Seite: 90

Vitales Kunst-Kartell mit Fragezeichen

Von Alfred Nemeczek

Unter dem Titel "L'Ecole de Paris? 1945-1964" erinnert eine Schau in Luxemburg an die einst dominierende Nachkriegsszene der französischen Metropole

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Nein, eine stilistisch oder politisch homogene Gruppierung ist diese riesige Ansammlung von figurativ oder abstrakt sich ausdrückenden Malern und Bildhauern nie gewesen. Und obwohl Franzosen anfangs den Ton angaben, war diese Pariser Szene der Jahre 1945 bis 1964 mit ihren dort lebenden Dänen, Amerikanern, Spaniern, Belgiern, Schweizern, Chinesen, Niederländern und Deutschen so multinational wie keine zuvor. Multikulturell aber war sie nicht.

Verbindend wirkte damals vor allem das geistige Klima der Metropole. Das Ende des Weltkrieges, das Bewußtsein, gemeinsam noch einmal davongekommen zu sein, sorgte in Theatern und an Universitäten, in Filmstudios und Malerateliers für Kreativität und Auf bruchsstimmung. Aus der Hoffnung auf eine neue Humanität unter den Auspizien der noch weithin verkannten Avantgarde resultierte Solidarität unter den Intellektuellen - das war die Corporate identity der "Ecole de Paris". Was aber durchaus nicht bedeutete, daß alle am gleichen Strang gezogen hätten.

Ein Klassenkämpfer wie André Fougeron malte schlichte Leute auf dem Wochenmarkt in plakativer Manier, ein Kolorist wie Alfred Manessier knüpfte etwa bei "Nacht in Gethsemane" - an christlich-mittelalterliche Glasfenster-Traditionen an. Der zum Sozialismus tendierende Systematiker Auguste Herbin reflektierte das Problem "Lenin-Stalin" (Bildtitel) in konstruktivistischer Farb-Dialektik, der Dynamiker Georges Mathieu provozierte mit schwarzen Farbgesten blasphemisch den Tod. Der Schweizer Alberto Giacometti bot Entwürfe des in eine Welt ohne Mitte geworfenen Menschen, und der Skeptiker Arman bannte die Furcht vor dem Dritten Weltkrieg in eine Akkumulation von Gasmaskenfiltern. Formal ging es um Realismus contra Abstraktion, inhaltlich um Akzeptanz der Moderne, um Existentialismus und Kalten Krieg.

Ein vitales Panorama dieser Problematik, insgesamt 261 Arbeiten von 109 Künstlern, entrollt Ceysson, früher Direktor am Centre Pompidou, in seiner ersten Ausstellung als Leiter des Luxemburger Musée d'Art Moderne Grand-Duc Jean. Doch weil dieses vom amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei entworfene Institut noch im Bau ist, gastiert er im Kunst- und Geschichtsmuseum der Stadt, was der Schau guttut.

Das Haus saugt den Betrachter in eine labyrinthische Abfolge kleiner und größerer Räume, Winkel und Treppenhäuser, die so zahlreich sind wie die Facetten der "Ecole". Die erschließen sich erst beim zweiten Durchgang. Als erster starker Eindruck dominiert das große Staunen - die reine Freude über soviel intaktes Vertrauen der Künstler auf die Kraft der Farbe und der Formen, auf die Kultur der bonne peinture und den evokativen Zauber des plastischen Materials. Damals, so scheint es, war auch das kühnste Experiment noch durch ästhetische Regeln vor Beliebigkeit geschützt.

Zu erleben sind Talente, deren Kunst trotz enger Nachbarschaft zu den Heroen Pablo Picasso und Fernand Leger noch immer überzeugt (Cesar, Vieira da Silva, Bissiére, Hartung, Soulages, Lardera, Tinguely). Mitläufer von einst, darunter Gustave Singier, Arpad Szenes oder Camille Bryen, wirken heute noch überflüssiger als in den fünfziger Jahren. Klug hält Ceysson, der Giacometti, Germaine Richier, Wols, Jean Fautrier, Nicolas de Stael oder Jean Dubuffet breit dokumentiert, darum auch ihren Anteil knapp. Doch nur ein einziges Bild von Serge Poliakoff - das ist zu wenig. Und gar keins von Georges Braque, Zoran Music oder Bernard Buffet . das ist historisch nicht fair.

Als um 1960 in den Vereinigten Staaten die Pop Art triumphierte, verlor die "Ecole de Paris" ihre Hegemonie, auch kommerziell. Nicht einmal der elegante Euro-Pop eines Martial Raysse konnte daran etwas ändern. L Ecole de Paris? 1945-1964. Musee national d'histoire et d'art Luxembourg. Bis 21. Februar. Katalog (französisch/ englisch) 1850 belgische Franc/93 Mark.