Ausgabe: 02 / 1999
Seite: 56-63
Was du bist, bin ich gewesen. Was ich bin, wirst du sein
Von Eva Demski
Fast 2000 Jahre alt sind die Mumienporträts aus Ägypten, doch verblüffen sie ihre Betrachter: Die Toten der Antike erscheinen uns wie Vertraute aus einer anderen welt
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Von ihren Fundorten in der Wüste Ägyptens aus haben sie den Weg in alle Himmelsrichtungen genommen, ebensowenig freiwillig wie etwa eine versprengte Familie. Gewiß ist es merkwürdig, bei Bildern Begriffe in den Sinn geraten zu lassen, die eigentlich Menschen vorbehalten sind, "freiwillig" zum Beispiel. Ein Bild, ein dem Leben noch so sehr verpflichtetes Kunstwerk, hat weder Willen noch Widerstandskraft, weder Trauer noch Ruhe: Es kann all das im Betrachter allenfalls hervorrufen. Wir wissen das, aber es ist etwas an diesen Porträts vom Beginn des ersten Jahrtausends, das uns auf sie reagieren läßt wie auf Menschen.
Natürlich sind es die Augen, die den Museumsbesucher in seiner Ratio verwirren, obwohl sie ihm bekannt vorkommen, aus Grabkammern griechischer Klöster vielleicht oder von byzantinischen Mosaiken. Groß und dunkel sind diese Blicke von Männern, Frauen und Kindern, sehr ruhig, nicht immer gerade auf den Betrachter gerichtet, sondern oft an ihm vorbei in Gegenden, die wir noch nicht sehen können.
Sehr raffiniert haben die antiken Porträtisten ihren Menschen diese Augen gegeben, haben sie unterschiedlich groß gemalt, mit Schattierungen und Schraffuren ausgearbeitet - und allmählich verändern sich die Assoziationen der Beschauer: Nicht mehr aus den Tiefen der Geschichte und den Trümmern der Bildung steigen sie herauf, plötzlich steht die Änderungsschneiderin Aise aus der Falkstraße vor uns, ein Nachbar, eine Mitarbeiterin des Museumsdirektors, der Zeitungsverkäufer.
Als die Totenbilder im vergangenen Jahrhundert aus dem Sand gegraben wurden, war das für viele ein Schock: Nicht fremd, ehrfurchtgebietend oder göttergleich schauten diese gefundenen Menschen den Antikenjägern entgegen, sondern wie ihresgleichen, wie Geschwister der erkennbar selben Menschenfamilie. Was also waren diese Bilder? Auf den Mumienkopf gelegte, oft mit eingewickelte, grob passend geschnittene Tafeln aus verschiedenen Hölzern, darunter Sykomore, Zeder, Zypresse oder Linde, manchmal vorbereitet mit einer geglätteten Mischung aus Leim und Gips.
Gelegentlich wurden auch auf Holz gespannte Leinwandbildnisse gefunden. Gemalt sind sie in Tempera, Wachstechnik oder einer Mischung aus beidem, bei der dem Wachs Ei hinzugefügt wird, was die Mischung dünnflüssiger, also leichter zu verarbeiten, dafür weniger haltbar macht; viele der Porträts waren durch die zur Mumifizierung notwendigen Essenzen und Insektenfraß verdorben.
Bände sind mit den Erörterungen jener Maltechniken gefüllt worden. Uns unwissenschaftliche Zuschauer zieht aber die Frage nach der Temperatur des Wachses weniger in ihren Bann als all die vielen Fragen, bei denen die Experten ein kleines verächtliches Zucken um die Mundwinkel bekommen - wie alt waren diese Menschen? Was haben sie im Leben getan? Waren sie glücklich? Welches Bild vom Tod hatten sie?
Ganz zu klären wird das nie sein: ob das Aufkommen einer selbstbewußten bürgerlichen Schicht eine neue Hinwendung zum Individuum, zur Unverwechselbarkeit des Menschen vollzogen hat, ob neue religiöse Einflüsse wirksam wurden, als die Mumienporträts zwischen dem ersten und dem dritten (manche sagen: dem vierten) nachchristlichen Jahrhundert gemalt wurden. Schmuck und Kleidung, Haartracht und Maltechnik geben Hinweise, ohne wirklich die vertrauter werdenden Gesichter einem gelebten Leben zuordnen zu können. Niemand kann diese Menschen anschauen, ohne an den Tod zu denken _ er allein ist der Grund, daß ihr Bildnis gemacht wurde, aber: Schauen diese Menschen vom Tod aus zurück ins Leben oder aus dem Leben in den Tod?
Die Begegnungen in der Frankfurter Schirn Kunsthalle wird jeder für sich zu einer persönlichen Antwort auf diese Frage nutzen. Es fällt schwer, auf die Analyse der Altertumsforscher Heinrich Drerup und William M. Flinders Petrie einzugehen, nach der die Porträts eine Art Anreicherung, eine sinnliche Auffüllung der schematisierten ägyptischen Masken seien und die Bilder ihrerseits im Lauf der Jahrzehnte eine gegenläufige Entwicklung vom eher impressionistischen Stil der Frühzeit zum streng linearen der späten Werke durchgemacht hätten: Zu merkwürdig und kunsthistorische Fragen übertönend scheint uns die Vertrautheit des Blicks. Nicht alte und lebenssatte Leute schauen uns an, die grauhaarige Frau mit den Mundfalten - eine Leihgabe aus dem British Museum - wirkt fremd und fast unwirsch im Kreis der anderen mit ihren unverwandt ernsten, eindringlichen, beinahe fordernden Blicken, Ihre Macht war auch für jene Abenteurer und zuweilen selbsternannten Forscher spürbar, die im 19. Jahrhundert voll leidenschaftlicher Gier die unter dem Sand versiegelten Schatzhöhlen Ägyptens durchwühlten und ausbeuteten.
Die ganze Welt verdankt diesen Raubzügen den Glanz ihrer Museen, und es ist seltsam, wie fest auch heute noch die Überzeugung ist, das Abendland von Berlin bis New York habe ein Recht auf die Zeugnisse dieser großen Kultur. Theodor Graf, ein Wiener Großkaufmann mit einer Niederlassung in Ägypten, war gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der Oase Fayum schon mehrmals fündig geworden - und ganz unschuldsvoll steht bei Hilde Zaloscer, der großen alten Dame der Mumienbildnisforschung: "Es ist das Verdienst Theodor Grafs gewesen, einen großen Teil der Papyri nach Europa zu bringen, wo sich Wien den Löwenanteil sichern konnte." Ja, so war das, und keiner dachte sich was dabei. In ihrem 1961 geschriebenen Buch erzählt Zaloscer, wie jener Graf 1887 mit Hilfe von Fellachen, die den Europäern oft Hilfs- und Kundschafterdienste leisteten, einige Hundert solcher Porträts aus den alten Friedhöfen kaufen konnte. Natürlich waren einzelne Bilder schon vorher, schon im frühen 17. Jahrhuntert bekannt, aber erst die Ausstellung in der Berliner Königlichen Akademie, die Graf organisierte, verhalf der ganzen Gattung zu Aufmerksamkeit und den unvermeidlichen Expertenstreitigkeiten.
Das seien Könige, oder sie seien gar nicht echt, hieß es; Kunsthistoriker und Archäologen zerrten ihre Erkenntnisse und Irrtümer zwischen sich hin und her. Bis heute sind etwa 900 bis 1000 Mumienporträts erfaßt, es ist aber fast gewiß, daß aus privaten Sammlungen, Nachlässen oder auch Funden noch weitere auftauchen werden. Und sicherlich gibt es Menschen, die - wie Sigmund Freud - zumindest eines dieser Gesichter ihr eigen nennen wollen wie einen Freund oder eine Freundin, die fragt und sich fragen läßt.
Das geht, ich weiß es aus eigener Erfahrung, in diesem besonderen Fall auch mit Reproduktionen. Die Ausstrahlung der Porträts ist so mächtig, daß sie die Vervielfältigung aushalten. Auch jener Wiener Kaufmann Graf hat es gewußt und hat in der Technik seiner Zeit für ihre Verbreitung gesorgt. Vor zehn Jahren dann hat sich der Schriftsteller Paul Badde von einem alten, wasserbeschädigten Buch bezaubern lassen, aus dem ihm diese Menschen entgegensahen: "Sie blickten uns an", schrieb er, "wie keiner mehr vorher und kaum jemand jemals nachher. Sie bedrängen uns nicht, sie sind langmütig, aber wollen - je länger wir vor ihnen verharren - doch wissen, was wir von uns selbst noch weiter wissen wollen, von den Ursprüngen und Grundlagen unserer einen modernen Welt, die sich in all ihren Prognosen gerade selbst aufzugeben scheint." Badde erlebte, mit welcher Heftigkeit diese Abbilder dem Beschauer ins eigene Leben geraten können. Und nach einiger Zeit sehen wir auch die Nuancen in den Blicken - Nuancen, die uns aus dem eigenen Leben sehr vertraut sind: fast besorgt die schön geschmückte Triererin, ein bißchen mürrisch der kleine Junge mit den krausen Locken, wie in sanfter Resignation verharrend die Klaudiane, die in Antinoopolis gefunden wurde.
Sind diese Bilder nun vor dem Tod der Dargestellten oder danach gemalt? Die Frage wurde leidenschaftlich diskutiert; statt einer Antwort gibt es viele. Vielleicht hilft es, diese Menschen ganz unwissenschaftlich anzusehen: Alle sehen aus, als gingen sie zu einem Fest, zu einer ernsten, würdevollen Feier. Die Mumienbildnis-Forscherin Barbara Borg macht darauf aufmerksam, wie ähnlich sich die Porträts trotz ihrer scheinbaren Individualität sind. Gesichter, Haltung, Kleider und Schmuck muten fast 2000 Jahre später an, als sei Grund und Ziel der Darstellung bei allen Dargestellten gleich gewesen. Dem Jenseits gefaßt und würdevoll entgegenzutreten? Sich als Angehörige eines mystischen Kreises auszuweisen?
Die Archäologen mögen solche Fragen mit leisem Unmut vernehmen - doch das läßt sich nicht vermeiden, wenn die Gegenstände wissenschaftlicher Neugier und Leidenschaft so viel psychologischen und literarischen Stoff in sich bergen! Eindeutig dürfte sein, daß diese anrührenden Bildnisse ihre Existenz den Reibungen und Aufbrüchen einer sich verändernden Gesellschaft, den Einflüssen des religiös und gesellschaftlich Neuen, oder, wie mancherorts gesagt wird, des "Multikulturellen" verdanken.
Unverkennbar prägen ägyptische, römische und griechische Einflüsse die Bildnisse; vor allem Hilde Zaloscer hat die Existenz jüdisch-christlicher Elemente hervorgehoben: "Wie das Wesen des Menschen nicht in der empirisch-erkennbaren Erscheinung, sondern im Geistigen wurzelt, so stellen die Mumienbildnisse die Personen nicht dar in ihrer sichtbaren und greifbaren Gestalt, sie sind Bildnisse von Auferstandenen, von Verklärten: Sie sind die Darstellung der Epiphanie der Seele, also offenbaren die Mumienbildnisse mit einer neuen formalen Struktur ein neues Weltgefühl und eine neue Beziehung zum Tod." Auch Goldhintergrund, Goldknöpfe und Goldplättchen, die sich an manchen Porträts finden, wertet Zaloscer nicht als selbstbewußt eingesetztes Symbol für das im Leben Erreichte, sondern als Sinnbild der Sonne und damit des Lebens.
Doch die Wissenschaft hilft uns nur ein kleines Stück weiter. Wir zur Sachlichkeit Verdammten aber, die viele von den Dingen, die aus der Antike zu uns hinüberleuchten, nur als Kunstwerk zu betrachten fähig sind, als Beweis erstaunlicher Fertigkeiten oder als kulturelle Hochleistung, wir laufen Gefahr, vor diesen Bildnissen ein bißchen kleinlaut zu werden. Unser Verständnis der Antike noch immer ein bißchen zu statisch und zu marmorweiß - ist hauptsächlich bestimmt durch Architektur und Skulptur. Daß die auch zur höheren Ehre der Götter diente, wird in unserem Bewußtsein oft durch die Bewunderung des Technischen und des Ästhetischen überdeckt.
Jetzt aber sehen wir Malerei der Antike. Und auch wenn sie ihre Geheimnisse nicht verrät, läßt sich jener römische Spruch in den gemalten Blicken lesen, der zeigt, daß es keine neue, sondern eine sehr alte und bleibende Sicht auf den Tod gibt: Sum quod eris, fui quod es. Was ich bin, wirst du sein. Was du bist, bin ich gewesen. Ausstellung: Augenblicke. Mumienporträts und ägyptische Grabkunst aus römischer Zeit. Schirn Kunsthalle, Frankfurt/Main, vom 26. Januar bis zum 11. April. Es erscheint ein Katalog mit 350 Seiten im Verlag Klinkhardt & Biermann, München, zum Preis von 58 Mark (im Buchhandel 98 Mark). Literatur zum Thema: William M. Flinders Petrie: Ten Years Digging in Egypt. London 1893. Heinrich Drerup: Die Datierung der Mumienporträts. Paderborn 1933. Hilde Zaloscer: Porträts aus dem Wüstensand. Wien 1961 . Euphrosyne Duxiadis: The Mysterious Fayum Portraits. London 1995. Barbara Borg: "Der zierlichste Anblick der Welt". Ägyptische Porträtmumien. Mainz 1998.
Von Berlin bis New York glaubt das Abendland, ein Recht auf diese Bilder zu haben
