Ausgabe: 02 / 1999
Seite: 79

Länger bringt selten auch mehr

Von Alfred Nemeczek

KUNST-GESCHICHTEN VON

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Dieser Trick, so schlüssig er scheint, geht leider in der Praxis kaum auf. Denn die Verlängerung einer Schau vermeidet zwar verschlossene Türen und nützt so dem Prestige - der Besucherstatistik hilft sie fast nie auf die Beine. Meine Erfahrung legt eher eine drastische Verkürzung der Laufzeiten nahe; denn voll ist ja jede noch so gute Darbietung aktueller Kunst nur ein-, bestenfalls zweimal: am Abend ihrer Vernissage und bei gelegentlichen Mitternachtséancen. Da ist noch Event, was am Tag danach zur Pflichtübung absackt; da sieht man nicht nur Werke, Künstler und Groupies, sondern wird auch selber gesehen.

Und das ist nicht allein beim Hamburger Kunstverein so, dessen opulente Reihe "Fast forward" alle Voraussetzungen für eine große Publikumsnummer mitbringt, doch immer herzlich leer ist, wenn ich komme. Auch den Wolfsburger Warhol-Bombast - gut, es war ein Mittwochmittag - hatte ich stundenlang fast für mich, und genauso war es an den Stätten der Berlin Biermale. Besser besucht, keinesfalls überlaufen, erlebte ich die Brit-Art-Offensiven "Sensation" (Berlin) und "Emotion" (Hamburg); dann wieder tote Hose bei Kiki Smith und Vollrad Kutscher in Hannovers Kestner Gesellschaft.

Manchmal macht mich diese Publikumsabstinenz neidisch auf die Opernhäuser, die bei vergleichbar hohen Pro-Kopf Subventionen wenigstens zu über 80 Prozent "ausgelastet" sind. Oft verstört mich die Gleichmut, mit der die Leiter schwach besuchter Kunstinstitute das brisante Problem verdrängen. Rene Block, Chef der Kasseler Kunsthalle Museum Fridericianum, stellt wenigstens Strukturüberlegungen an, wenn er mir vorrechnet, daß eine Schau, die in seinem Haus 6000 Menschen anlockt - was viel ist für einen Standort von knapp 200000 Einwohnern - im gut fünfzehnmal größeren Berlin keinesfalls doppelt so viele Besucher hätte, weil dort das Konkurrenzumfeld so riesengroß sei.

Geistigen Hochmut der abgestandenen Art verriet dagegen ein Statement des Bremer "Weserburg"-Direktors Thomas Deecke im Bericht in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" über eine Leverkusener Tagung der "Privatinitiative Kunst" : "Vollkommen zu Recht", nach Meinung der Zeitung, "stellte er die Frage, was denn eine , niedrige Besucherzahl ' überhaupt sei. Wenige Besucher, die sich mit dem Angebot im Museum wirklich beschäftigten, seien ihm lieber als eine breite Masse, die flüchtig durch die Räume eilt." Geschenkt. Mit Binsenweisheiten liegt man selten falsch; doch der Kampf um mehr Besucher, die ja auch Deeckes Haus nötig hätte, wird damit nicht gewonnen. Er muß aber gewagt werden.

Vollends verärgert mich dann der kurzsichtige Kommentar meines Kollegen Carl Friedrich Schröer zu einer herrlichen Ausstellung, die lange lief, weil viele sie sehen wollten. "Ist es nicht widersinnig", schreibt er in der "Kunstzeitung" über die Gauguin-Schau in Essen, "den ,Erfolg' einer Kunstausstellung an der zahlenmäßigen Erfassung der Besucher zu messen, nur zumal sie mit der neuerlichen Höchstleistung ihren Hauptsponsor, die Ruhrgas AG, hoffentlich bei Geberlaune halten." Verschmockter geht es kaum. Denn so legitim es ist, eine Erfolgsbilanz auch auf Besucherzahlen - hier 341 000 - zu stützen, so wahr ist es auch, daß der Zuspruch des Publikums tatsächlich Gauguins Südsee-Bildern und keineswegs dem Sponsor galt. Das ist ein Grund zur Freude, keiner zu Nörgelei.