Ausgabe: 02 / 1999
Seite: 70-75

Der Prinz trägt eine Krone aus Flammen

Von Gabi Dewald Jrg Jatho

Das europäische Keramik-Zentrum EKWC im niederländischen 's-Hertogenbosch ermöglicht Künstlern die Begegnung mit einem oft unterschätzten Werkstoff, dem Ton. Wer sich aber - wie der Maler Milan Kunc -darauf einläßt, der erlebt, daß in dem tradionsreichen Material neue und spannende Möglichkeiten stecken

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Nur ein Schritt weiter hinein in das Atelier, und es wird klar: Kerze und Rosen sind nur die Vorboten einer unerwarteten Farbenpracht. In der Ecke steht ein mächtiger, drei Meter hoher Stupa, eine Skulptur in Form eines buddhistischen Sakralbaus mit leuchtend gelber, hochglänzender Kuppel, getragen von drei Elefanten mit detailgetreu modeliierten Köpfen, und auch der Künstler selbst, Milan Kunc, hat sich mit seinem knallig bunten Hawaii-Hemd der Umgebung angepaßt.

Der Tscheche, 1969 in den Westen emigriert, zunächst nach Italien, dann nach Deutschland, wurde bekannt mit seinen als "Ost-Pop" oder auch "Peinlicher Realismus" bezeichneten Gemälden - mit vor Ironie triefenden Andachtsbildern, in denen er die Symbole kommunistischer Ideologie und westlicher Konsumsucht respektlos durcheinanderwürfelte. Jetzt nutzte er die Gelegenheit, sich an einem von zwölf Atelierplätzen des europäischen Keramik-Zentrums EKWC im holländischen 's-Hertogenbosch ganz der Arbeit mit Ton zu widmen.

"Ich habe mir vorgenommen, wieder die Skulptur anzusteuern", sagt der 55 Jahre alte Künstler, der schon in den siebziger Jahren an der Düsseldorfer Kunstakademie mit Keramik experimentiert hat und seine letzte große Wanderausstellung von einem monströsen Gartenzwerg aus Kunststoff begleiten ließ. "Ich bin Bildermaler. Aber was hier gemacht wird, das hat einfach eine neue Dimension." Vorurteile gegenüber der in Technik und Material verpönten Keramik kennt er nicht. Was für andere nach Hobbykeller klingt, nach Bastelkurs und ländlicher Töpferstube, begreift er als ausgezeichnetes Medium zur Umsetzung seiner Ideen. Und Kunc steht nicht allein: Immer mehr renommierte Künstler greifen zu Ton und Glasuren; gerade Maler fühlen sich angezogen von der Möglichkeit, Farbe und Form durch das Brennen zu verschmelzen, dabei mit Glanz oder Mattigkeit zu spielen, durch opaken oder lichtdurchlässigen Auftrag satte Materialität oder Tiefenlicht zu erzeugen.

Pro Jahr besuchen etwa 50 Künstler das 1992 eröffnete Keramik-Zentrum für einen Arbeitsaufenthalt von jeweils drei Monaten - Tony Cragg und Anish Kapoor waren zu Gast, Norbert Prangenberg, Heinz Breloh und Leiko Ikemura. Einen "neuen Umgang mit dem Material zu finden" ist das Ziel von Xavier Toubes, dem künstlerischen Leiter des EKWC.

Das Haus, eine ehemalige Kaffeebrennerei, wurde auf Initiative des niederländischen Kultusministeriums eingerichtet. 1,5 Millionen Gulden (rund 1,33 Millionen Mark) plus projektgebundene Gelder stellt der Staat pro Jahr zur Verfügung; 15 Mitarbeiter sind angestellt, vor allem technische Spezialisten. Der Auswahl eines vierköpfigen, wechselnden Gremiums obliegt es, Künstler aus aller Welt zum Arbeitsaufenthalt nach Brabant einzuladen. Ein von der Unesco gefördertes Projekt unterstützt die Zusammenarbeit mit sogenannten "nichtindustriellen Ländern", dazu kommt in jedem Jahr eine national gebundene Förderung junger Künstler und die Betreuung außerordentlicher Aktioneu oder Ausstellungsvorhaben.

Nicht nur personell ist das Zentrum gut ausgerüstet: In sechs elektrischen und fünfgasbetriebenen Ofen, der größte davon über 2,30 Meter hoch, werden rund 35 Tonnen Ton pro Jahr gebrannt. Im Glasurlabor geht es zu wie beim Herrenschneider: Auf großen Tafeln akribisch geordnet finden sich Muster aller Glasuren, die jemals im Keramik-Zentrum entwickelt wurden. Milan Kunc ist begeistert: "Das ist unglaublich: Man kommt her, mit einer Zeichnung etwa, hält die hin und sagt: ,So und so stelle ich mir das vor, hier Magenta, dort Rotbraun, hier glänzend, dort matt, und dann sucht man dir das zusammen ! "'

Der Künstler lernt, wird angeleitet und beraten - und bleibt dennoch in der Verantwortung. Milan Kunc genießt die Nähe zum Produkt seiner Arbeit: "Die westliche Kunst", sagt er",hat sich auf Kopfarbeit reduziert. Handwerk ist aus ihr verschwunden, weil man sich daran gewöhnt hat, daß man ein Konzept zu Papier bringt, das dann von 20 Assistenten ausgeführt wird. Je weniger der Künstler die Arbeit berührt, desto tollere Kunst ist es am Ende. Dadurch ist das Persönliche oder Menschliche in der Kunst verlorengegangen." Das Hochgefühl bei der Arbeit ist durchaus gekoppelt an drastische Mißerfolge. Beim voluminösen "Prinz der Erleuchtung" etwa überschätzte Kunc die Stabilität des feuchten Tons: Fast fertig war der gewaltige Kopf, dem eine Landschaft angarniert werden sollte, da brach die schwere Masse ab und drohte das schon im Detail modellierte Kernstück mit sich zu reißen. Nur ein beherzter Schnitt rettete den Göttlichen, und Kunc mußte Nächte durcharbeiten, um den Zeitverlust wieder einzufahren.

Alles richtet sich nach den Brennplänen, die bei 12 Anwärtern auf die Ofen genau eingehalten werden müssen. "Struktur" ist ein auf Konferenzen und Besprechungen häufig zu hörendes Wort. Wie eine Kommandobrücke liegen die Büroräume oberhalb der riesigen Brennhalle, die in einen hohen Saal mündet, wo Stellwände die einzelnen Arbeitsplätze voneinander trennen. An den Geräuschpegel mußte Kunc sich gewöhnen: "Am besten arbeitet man hier nachts", sagt er.

Gleich neben den Ateliers liegt das Wohnhaus; die Apartments sind komfortabel, die Atelierplätze kostenlos. Trotzdem, sagt Kunc, dessen Stipendium ein Grundbudget von 1500 Gulden für Material und Brennkosten umfaßt, trotzdem "fließen hier die Hunderter gerade so raus. Ich brauche Leute, die mir helfen, damit es vorangeht, Ich benötige Transportkisten, und dann kommt noch das ganze Gold. Für 1000 Gulden Einbrenngold, hochglänzend!" Und obwohl er gerade beim Klagen ist, beginnen seine Augen zu funkeln: "Die ganze Kuppel und das Gesicht, die Spitzen hier, also alles, was jetzt gelb ist, alles wird vergoldet - das wird wunderbar aussehen, ganz prächtig und kostbar." Der ganze im EKWC entstandene Werkzyklus ist durchdrungen von den Eindrücken seiner Reisen nach Thailand und Birma, wo ihn die Zeugnisse der alten Kunst und Kultur tiefbeeindruckten. "Es geht mir nicht ums Zitieren", stellt er klar. "Aber ich habe gesehen, daß ich mit solchen Dingen meine Entwicklung bereichern kann. Diese Arbeiten haben viel zu tun mit dem Thema des Traumes - mit dem ich mich seit langer Zeit befasse. Heute hält man sehr viel von dem, was schrecklich aussieht, depressiv macht und negative Vibrations aussendet. Das finde ich vollkommen daneben. Deshalb sehe ich es als Notwendigkeit, dem entgegen eine positive Kunst zu produzieren, die eine Art Energiespender ist." Und wie um sein Bekenntnis zu unterstreichen, zündet der Künstler die Kerze und zwei Räucherstäbchen an, rückt die Rosen zurecht, schenkt einen Roten nach und wendet sich, einen Batzen Ton in der Linken, dem lächelnden Erleuchteten mit dem Flammenhaar zu. Nach drei Monaten im Keramik-Studio sind die Künstler mit den Möglichkeiten des Werkstoffs Ton vertraut