Ausgabe: 02 / 1999
Seite: 39-45

Sparsamkeit ist eine Zier

Von Peter M. Bode Dieter Leistner

Der Münchner Architekt Thomas Herzog, 57,gilt als Pionier des ökologisch orientierten Bauens. Vernatwortungsbewußter Umgang mit Energie ist ihm ebenso wichtig wie die ästhetische Qualität seiner Entwürfe

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Ein paar Jahre später ging Herzog einen Schritt weiter in seinem Bemühen, eine für den effizienten Einsatz erneuerbarer Energien geeignete Architektur durchzusetzen: Im Münchner Norden errichtete er für einen Filmemacher eine fast autarke Wohnanlage, und auch in ihrem Atelierhaus in Schwabing holen sich die Herzogs (Ehefrau Verena ist als Partnerin für die Innenarchitektur zuständig) mit Siliziumzellen Strom vom Dach. Was nicht verbraucht wird, geht ins öffentliche Netz. Im vergangenen Jahr haben ihnen die Stadtwerke dafür 1200 Mark bezahlt.

Thomas Herzog spielt inzwischen in der ersten Liga der international gefragten High-Tech-Architekten. Er wird, wenn es um die innovativen Spitzenleistungen des zeitgenössischen Bauens geht, in einem Atemzug mit Norman Foster, Renzo Piano oder Richard Rogers genannt. Doch er bekommt nicht annähernd so viele und so große Aufträge wie diese weltweit operierenden Stars der Szene - vor allem wohl, weil die meisten Bauherren das Wagnis eines Experiments scheuen, wohingegen Herzog immer wieder Neuland erkunden will. "Ungewohntes irritiert", sagt der. "Aber ich fühle mich nicht zur Anpassung veranlaßt durch die Art, wie sich die Umwelt in Form mieser Bauten aus den vergangenen Jahrzehnten nur zu oft darstellt. Mich interessiert, den Organismus eines Gebäudes und die Logik seiner Gestalt zu entwickeln." Am Beispiel des eigenen Hauses erklärt Herzog nicht nur, wie sich die Fassadenhaut klimatechnisch optimieren läßt, er verweist auch auf die Möglichkeiten, die in einem verbesserten Grundriß liegen. Das Haus ist der Länge nach dreigeteilt. In der schmalen Mittelzone, die das Gebäude horizontal und vertikal durchdringt, befinden sich die gesamten Service-Einrichtungen und Installationen. Alle Räume sind dieser Versorgungsschicht unmittelbar zugeordnet. Wo alles beieinander liegt, läßt sich die Haustechnik auch problemlos nachrüsten, wenn sinnvoller Portschritt das nahelegt - für Herzog müssen gebaute Strukturen "fehlerfreundlich" sein, daß heißt offen für Veränderungen. Die Natur mit ihrer flexiblen Reaktion auf den Wandelliefert ihm dafür das Vorbild.

Als Herzog in den frühen siebziger Jahren an die frisch gegründete Gesamthochschule in Kassel berufen wurde, war er der jüngste Professor für Architektur in Deutschland. Zuvor hatte er in Rom mit einer Untersuchung über "Pneumatische Konstruktionen - Bauten aus Membranen und Luft" promoviert. Die akademische Laufbahn setzte der engagierte Lehrer an der Technischen Hochschule in Darmstadt fort, seit 1993 ist er Ordinarius für Entwerfen und Baukonstruktion an der Technischen Universität München. Einen Ruf an das renommierte Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge nahm er zum Erstaunen der Kollegen nicht an - er möchte "lieber ein guter Europäer sein als ein schlechter Amerikaner".

Der Hang zu Forschung und Lehre wird bei Thomas Herzog seit jeher durch eine Leidenschaft fürs Machen, fürs Ausprobieren ergänzt. Besonders faszinierte ihn der Umgang mit Metall. Bereits während der Studienzeit betrieb er eine kleine Schlosserei, in der auch schon prototypisch neue Fassadensysteme ausgetüftelt wurden. Das Ziel war, mit dem geringstmöglichen Materialaufwand die bestmögliche "Leistungsform" zu erreichen.

Diese Versuche wurden später in enger Kooperation mit Physikern, Ingenieuren, Biologen und Materialwissenschaftlern weitergeführt, Herzog aber behielt als Spiritus rector einer intelligenten, umweltverträglichen Architektur in den jeweiligen Teams immer die lenkende Oberhand, da er sich nicht nur für die Funktion, sondern in der Koordination aller Details auch für die Schönheit des Resultats verantwortlich fühlt. Für ihn sind Technik und Ästhetik kein Gegensatz.

Die in Theorie und Praxis gewonnenen Erkenntnisse konnten im größeren Maßstab zum ersten Mal bei einem Wohnheim für Jugendliche im niederbayrischen Klosterdorf Windberg angewendet werden (1991). Entlang der landschaftlich reizvollen Hangkante neben der barocken Prämonstratenser-Abtei erstreckt sich dort ein anmutig schmales Bauwerk. Die Gliederung des Gästehauses mit seinen 100 Betten wirkt besonders prägnant, weil die absichtsvolle Aufteilung in verschiedene Funktions- und Temperaturzonen auch von außen deutlich erkennbar ist. Vor allem die unterschiedliche Form der Dächer auf der Süd- und der Nordseite signalisiert, daß dieses Gebäude wohlüberlegt aus mehreren Komponenten zusammengefügt wurde.

Im südlichen Trakt liegen die Zimmer - in ihnen ist eine behagliche Temperatur erwünscht. Erreicht wird sie durch einen großen Anteil wärmegedämmter Glaselemente in der Fassademilchig durchscheinende Paneele, die an japanische Papierfenster erinnern. Massive Kalksteinwände direkt hinter der Fassade nehmen die eingefangene Wärmestrahlung auf und geben sie infolge ihrer Trägheit und Masse um ein paar Stunden zeitversetzt nach innen abwenn es nämlich kühler wird und Wärme benötigt wird.

Im wesentlich leichter gebauten Nordtrakt, konstruiert als Holzskelett, liegen die Sanitärzellen. Weil sie täglich nur kurz benutzt werden, muß hier auch weniger lange geheizt werden. Röhrenkollektoren auf dem Dach erzeugen das heiße Wasser für die Duschen, und selbst in den sonnenarmen Wintermonaten produziert die diffuse Lichtstrahlung noch eine gewisse Wärme.

Alle Leitungen, Speicher und Kollektoren sind im Gebäude sichtbar. Thomas Herzog will durch Anschauung überzeugen; er wünscht sich den mündigen Bewohner, der sich von der Technik nicht überwältigen läßt. "Mir scheint, momentan besteht das Ideal noch darin, daß jemand leicht tänzelnd durch die Wohnung geht, und das ganze Haus ein hochsensibles System ist, das den Bewohner in einer Art Dauerzustand von 20 Grad Raumtemperatur und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit einlullt", mokiert er sich schmunzelnd. "Das ist albern. Die Menschen kennen leider kaum die ökologischen und ökonomischen Konsequenzen ihres Handelns. Wenn man aber beispielsweise nur per Münzeinwurfduschen könnte, wüßte man sofort, wieviel teure Energie dabei verbraucht wurde. Die Technik und ihre Steuerung sind so einzusetzen, daß wir nicht entmündigt werden. Wer weiß, was er tut, wird auch nicht unbewußt Energie verschwenden." Beim Bau des spektakulären "Design Center" in Linz hatten Herzog und seine Projektpartner nicht das Problem, wie die Sonnenwärme einzufangen ist. Die Aufgabe war vielmehr, die riesige Halle - eine ebenso elegante wie progressive Interpretation des alten Themas "Glaspalast" - vor zuviel Sonne zu schützen. Das markante Bogendach sollte vollkommen lichtdurchlässig sein, ohne daß sich das Rauminnere allzu sehr aufheizt; auch war Blendung durch direkte Sonneneinstrahlung zu vermeiden. Die Lösung: ein raffiniert gefaltetes und gekrümmtes Lamellenraster aus verspiegeltem Kunststoff zwischen den Glasscheiben, das die direkte Lichtstrahlung durchläßt, aber die Sonnenstrahlung reflektiert. Diese patentierte Erfindung, für Linz ersonnen, wird mittlerweile in Serie hergestellt und auch bei anderen Projekten verwendet.

In Hannover ist es die 220 Meter lange und 29 Meter hohe Messehalle 26, die mit dem einzigartigen Schwung ihrer hängenden Dächer zum aufregenden Blickfang der Messe wurde. In der aerodynamischen Konstruktion aus Glas, Stahl und Holz spiegelt sich das Spiel der Kräfte wieder; Zweck und Schönheit entsprechen einander. Die bei dem gewaltigen Raumvolumen von fast einer halben Million Kubikmetern größte Herausforderung für Thomas Herzog und sein Team war es, neben der Lenkung des Tageslichts für Be- und Entlüftung zu sorgen. Die maschinelle Luftführung, durch gläserne Kanäle geleitet, konnte um die Hälfte reduziert werden, weil die ansteigende Form der Dächer den natürlichen Luftauftrieb durch Thermik unterstützt.

Als Herzog im vergangenen Jahr für die Halle 26 mit dem Architekturpreis der WestHyp-Stiftung ausgezeichnet wurde, lobte die Jury an dem Bauwerk seine "vollendete Symbiose aus Nutzung, Technik und räumlicher Wirkung".

Dem Urteil kann man sich nur anschließen.