Ausgabe: 02 / 1999
Seite: 46-55

Rachel Whiteread Der Blick ins Innere der Dinge

Von Hans Pietsch Elisabeth Scheder-bieschin

RACHEL WHITEREAD Sie kehrt das Innere nach außen und macht die Leere sichtbar. Mit ihren Abgüssen von Innenräumen in Gips , Beton und Kunststoff lenkt die britische Künstlerin Rachel Whiteread, 35, den Blick auf Alltägliches, das beinahe niemand mehr sieht

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Auch die Kunst von Rachel Whiteread ist ernsthaft. Da ist nichts von der Dreistheit, der Arroganz, dem Zynismus, mit denen gleichaltrige Kollegen wie Damien Hirst und andere Stars der skandalumwitterten Brit Art den Markt virtuos manipulieren. Rachel Whiteread 1963 in London geboren, gehört zur selben Generation, aber ihre Kunst schreit nicht. Sie zeigt still, was eigentlich unsichtbar ist. Sie kehrt das Innere nach außen und macht sichtbar, was sonst vergessen werden könnte. Whitereads Skulpturen erzählen von Erfahrung, von Erinnerung, Verlust - und schließlich vom Tod.

Das Atelier der Künstlerin scheint wie dafür geschaffen: Die ehemalige Parfümfabrik am Grand Union Canal im Londoner East End ist umgeben von Verfall und Brachland. Dann aber öffnet eine freundliche junge Frau mit offenem Gesicht und schüttelt dem Besucher die Hand, in Jeans, die Hemdsärmel aufgekrempelt. Einziges Zugeständnis an Mode und Zeitgeist ist eine durchstochene Nase. Mit leiser, aber fester Stimme bittet Rachel Whiteread einzutreten.

Sie teilt sich das zweistöckige Gebäude mit ihrem Lebensgefährten, dem Bildhauer Marcus Taylor. Im riesigen dunklen Erdgeschoß riecht es nach Gips, Gummi und Chemie. Plastikbottiche mit undefinierbaren Flüssigkeiten stehen herum, einer trägt die Aufschrift "Vorsicht! Kinder können hineinfallen und ertrinken!" Ein lärmender Ventilator dröhnt, aufallen Oberflächen liegt feiner weißer Staub.

Hier, in ihrer Fabrik, stellt Rachel Whiteread jene Abgüsse her, mit denen sie bekannt geworden ist. In einer Ecke stehen drei mehr als mannshohe, kalkige Bücherregale. Herausnehmen lassen sich die Bücher jedoch nicht. Strenggenommen existieren sie noch nicht einmal: Wo die Bände standen, ist leerer Raum; an seinen Grenzen zeigt weißer Gips die Negativabdrücke des gesammelten Wissens. An einer anderen Wand lehnen einzelne Bücherreihen, die dem Lesehungrigen ebenfalls die ungleichmäßigen Abdrücke jener Vorderseiten zukehren, die er sonst erst beim Herausnehmen aus dem Regal zu sehen bekommt. Beide Werke strahlen die respektvolle Stille einer Bibliothek aus, doch unterschwellig schwingt ein schwer zu unterdrückendes Gefühl von Gewalt mit.

Mit ähnlichen Regalen verkleidete Rachel Whiteread auf der Biennale von Venedig 1997 einen ganzen Raum des britischen Pavillons. Die auch damals nur im Negativ zu erahnenden Bände-Detektivromane, Schnulzen- und Science-fiction-Taschenbücher - hatte sie beim Trödler gekauft und daraufgeachtet, "daß keine Titel darunter waren, die ich mochte und weiterempfehlen würde. Ein echtes moralisches Dilemma!" Mit den Buchreihen verlagerte Rachel Whiteread ihr Interesse von der bis dahin individuellen und zum Teil autobiografischen hin zu einer eher kollektiven und historischen Erinnerungsarbeit. Schon seit längerem gibt sie ihren Arbeiten auch keine direkten Titel mehr - "das würde zuviel preisgeben", sagt sie. Mitten in Whitereads Atelier steht ein tischähnliches Gebilde aus weißem Plastik. Die Arbeit "ohne Titel (verlängerter Sockel)" ( 1998), so erklärt sie, geht auf Abgüsse steinerner Totenbänke zurück und gibt den Raum unter und zwischen den Metallgestellen wieder, auf dem im Leichenschauhaus die Marmorplatte liegt - für die Künstlerin "ein Spiel mit einem erfundenen Raum". Die aus durchsichtigem, aber mit weißem Pigment versetztem Plastik gegossene Skulptur soll durch das spätere Polieren der Oberfläche "noch mehr zum Nichts werden - ein Objekt, das fast verschwunden ist". Die Künstlerin wirkt beinahe verlegen, als sie fragt: "Ergibt das alles Sinn?" Bett und Badewanne werden unsterblieh In der oberen Etage hat sie ihr "Denkstudio" eingerichtet: große Fenster mit Blick auf den Kanal, in der Mitte des Raums ein gewaltiger Arbeitstisch, eine Tischtennisplatte, von der Decke hängt ein Trapez. Aufeinem Regal stehen drei Puppenstuben, mit denen sie "bald etwas machen" will. An einer Wand lehnt eine längliche Steinplatte, eine Längsseite ist abgerundet: "Das ist die Marmorplatte einer Totenbank, die ich vor einigen Jahren bei einem Trödler gekauft habe", erklärt Rachel Whiteread. An einer Pinnwand steckt ein Zeitungsausriß mit dem Foto eines jungen Mannes neben einem Seziertisch - die dunklen Flecken auf dem Stein könnten getrocknetes Blut sein. "Ich habe seit langem Erfahrung mit dem Tod", sagt die Künstlerin. "Aber ich versuche, nicht über meinen eigenen nachzudenken." Neben dem Zeitungsausriß hängt ein Foto von "Haus", ihrer bisher berühmtesten Arbeit, für die sie 1993 mit dem Turner-Preis der Tate Gallery ausgezeichnet wurde. Rachel Whiteread hatte dafür das Innere des letzten noch stehenden Hauses einer Häuserzeile aus dem vorigen Jahrhundert vollständig mit Zement ausgegossen. Kaum war die Verschalungin diesem Fall die Außenmauern des Hauses _ abgenommen, da brach auch schon der Sturm los: Der letzte Bewohner nannte es einen Schandfleck, was die Künstlerin aus seinem Haus gemacht hatte, die Boulevardpresse hetzte ausgiebig gegen die Künstlerin und keifte, wie üblich, über die angebliche Verschwendung öffentlicher Gelder. Tatsächlich stand der in Zement gegossene und seiner Wände beraubte Hausinnenraum an seinem ursprünglichen Ort als nostalgisches Monument, schutzlos dem Wetter ausgesetzt - eine traurige Erinnerung an eine Zeit, die einmal war. Nach einem Jahr fiel auch der Abguß den Planierraupen zum Opfer.

Auf die Frage, ob sie diese Kontroverse damals überrascht habe, lacht Rachel Whiteread wieder, dreht sich eine weitere Zigarette und antwortet: "Wenn man ein ganzes Haus in einem armen Londoner Viertel mit Beton ausgießt, dann ist das natürlich eine politische Geste und damit kontrovers." Aufgewachsen ist die Künstlerin in einer Familie, in der Kunst und Politik immer gegenwärtig waren. Der Vater war in der Labour Party aktiv, die Mutter ist Künstlerin. Ihre dezidiert feministischen Arbeiten haben die Tochter ebenso geprägt wie die Unbeirrbarkeit der Mutter, trotz anfänglicher Erfolglosigkeit ihren eigenen Weg zu gehen.

Schon während des Studiums machte Rachel Whiteread Abgüsse von ihrem Ohr, einer Hand, einer Wärmflasche. Bald ging es ihr aber nicht mehr darum, ein Objekt selbst abzubilden, sondern die Luft, die es umgibt: "Ich wollte dem Raum unter dem Tisch, wo man seine Beine unterbringt, Würde und Autorität verleihen." Der erste dieser Abgüsse, die Rachel Whiteread "negative Räume" nennt, entstand 1988. Die Künstlerin goß einen Kleiderschrank mit Gips aus, entfernte die hölzerne Hülle und verkleidete den Klotz mit schwarzem Filz. Andere häusliche Gegenstände folgten: eine Badewanne, eine Küchenspüle, ein Bett, eine Matratze. "Ich wollte diese Dinge unsterblich machen", sagt sie, "ihnen Größe geben." Tatsächlich erinnern diese frühen Arbeiten an Sarkophage, ihre Ausmaße entsprechen denen des menschlichen Körpers. Gerade durch seine physische Abwesenheit ist der Mensch in diesen Arbeiten besonders präsent.

Rachel Whiteread versuchte, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. 1990 entstand die Arbeit "Ghost" - der Abguß eines Zimmers im Norden Londons, in dem die Künstlerin als Studentin gewohnt hatte. Um zum Schluß die Innenseite der Tür in Gips zu gießen, mußte sie sich selbst einschließen: "Ich fühlte mich wie eine Nonne", erinnert sie sich, "die eine schreckliche Sünde begangen hatte und zur Strafe in ihrer Zelle eingemauert wurde ." 1996 gewann sie den Wettbewerb für ein Mahnmal, das auf dem Judenplatz in der Innenstadt von Wien an die über Ein Mahnmal aus namenlosen Büchern 65000 während der Nazizeit ermordeten österreichischen Juden erinnern soll. Ihr Entwurfsieht eine in Beton gegossene, nach außen gekehrte Bibliothek vor die genau so in einem der umliegenden Bürgerhäuser hätte enthalten sein können. Der nicht zugängliche Innenraum, den die als Bücher modellierten Außenwände umschließen, macht die Leere beklemmend deutlich: Die Leser dieser Bücher existieren nicht mehr.

Fast drei Jahre lang sah es so aus, als würde die Umsetzung des Entwurfes politischen Streitereien zum Opfer fallen. Jetzt wird die Arbeit doch installiert. Fertig ist die "namenlose Bibliothek" schon längst. Seit Monaten warten die Einzelteile in einer Wiener Zementgießerei auf ihren Zusammenbau.

Rachel Whiteread empfindet den Auftrag als Ehre, aber auch als moralische Pflicht. Ihr Aufenthalt als DAAD-Stipendiatin in Berlin 1992/93 hatte ihr das Grauen des Völkermords nahegebracht. Die Kontroverse um das Berliner Holocaust-Denkmal hatte gerade begonnen. Mit dem Wiener Mahnmal will sie nun als "engagierte Beobachterin" selbst dazu beitragen, "daß die Opfer nicht in Vergessenheit geraten".

Die technische Herstellung des Wiener Mahnmals war für sie Neuland, das sie nur mit großem Unbehagen betrat. Zuvor hatte die Künstlerin bei jedem Projekt selbst zumindest Hand angelegt, wenn nicht gar ihre Skulpturen vollständig selbst geschaffen, hatte Verschalungen gezimmert, das Material angesetzt und in die Formen gegossen, In Wien aber mußte sie das Verfahren aus der Hand geben und nach Abgabe der Entwurfzeichnungen alles einem einheimischen Unternehmen überlassen.

Die Scheu vor ähnlichen Bedingungen ließ Rachel Whiteread lange zögern, ehe sie im vergangenen Jahr erneut einen öffentlichen Auftrag annahm, diesmal vom New Yorker Rat für Kunst im öffentlichen Raum. Die Arbeit "ohne Titel (Wasserturm)" ist der Abguß eines der unzähligen hölzernen Wasserbehälter, die auf den Dächern der Stadt installiert sind. Wie ein Leuchtturm steht das Werk aus durchsichtigem Plastik nun auf einem Haus in Manhattan. Das Material vermittelt den Eindruck als sei das Äußere des Behälters entfernt und sein Inhalt, das Wasser, freigelegt worden.

Um solche Effekte zu erzielen, experimentiert die Künstlerin ständig mit neuen Werkstoffen. Sie begann mit Gips und Gummi, ging danach zu mehr oder minder transparentem, schließlich farbigem Kunstharz über - etwa bei der Arbeit "ohne Titel ( 100 Räume)" von 1995: Die 100 Schemel scheinen von innen zu leuchten. Kontakte mit Spezialfirmen führen immer wieder zu neuen Versuchen und neuen Entdeckungen. Das Plastikmaterial etwa, das Whiteread für den New Yorker Wasserbehälter verwendete, hatte erst nach monatelangem Probieren die richtige Konsistenz. Mit einer deutschen Firma hat sie gerade an einem neuen Filzmaterial gearbeitet.

Was die Zukunft bringen wird? "Wer weiß", lacht Rachel Whiteread. "Ich lasse sie auf mich zukommen. Seit mehr als zehn Jahren arbeite ich mit Abgüssen, und diese Arbeit fasziniert mich noch immer. Warum sollte ich mich ändern, nur um die Kritiker zufriedenzustellen, die nicht über meine Aquarelle schreiben können?" Literatur zum Thema: Kataloge: Kunsthalle Basel, 1994; Tate Gallery Liverpool, 1990; British Pavilion Venice Biennale, London 1997.