Ausgabe: 02 / 1999
Seite: 64-69
Ist Qualität in der heutigen Kunst abgemeldet?
Von Lrnd Hegyi Walter Grasskamp Boris Groys Heinz Peter Schwerfel Stephan Schmidt-wulffen Petra Kipphoff Udo Kittelmann
Umfrage In der Diskussion um aktuelle Kunst, ihre neuen Strömungen und alten Hüte meiden die Experten seit einigen Jahren einen Begriff, der vorher bei Kunstkontroversen ausführlich bemüht wurde: die Qualität. Ist nach Beuys und Warhol, nach postmoderner Zitatwut und "bad painting" das Kriterium Qualität auf die Kunst von heute nicht mehr anwendbar? ART befragte Kritiker, Ausstellungsmacher und Kunstwissenschaftler
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Die Bewertung der Ergebnisse künstlerischer Tätigkeit - früher hätten wir ohne Hemmungen über "Kunstwerke" gesprochen - ist von verschiedenen Qualifikationsversuchen wie Mode, Sensation, Spektakularität, Zeitgeist, Ambiente, Provokation abhängig. Zweifellos müssen wir die Qualität neu definieren, sie vom nicht mehr adäquaten kulturgeschichtlichen Kontext loslösen. In der Praxis des Kunstschaffens und der Kritik operieren wir trotzdem weiter mit diesem - wenn auch nicht immer klar ausgesprochenen oder zugegebenen-Begriff Qualität. Etwa wenn wir selektieren, gewisse Künstler zur Mitarbeit einladen, bestimmte Werke in unsere Ausstellungen integrieren. Die leidenschaftlichen Kämpfe um die Künstler und die ebenso leidenschaftliche Ablehnung gewisser Phänomene weisen auf ein immer noch latent existierendes Qualitätsbewußtsein hin.
Für mich ist Qualität vor allem Authentizität, die Kompaktheit und Strukturiertheit eines Œuvres, die Schärfe des Blickes, welcher uns eine Erfahrung vermittelt, sowie Tiefe und Reichtum der Kontextualisierung im anthropologischen, soziologischen und kulturgeschichtlichen Sinne. Lorand Hegyi Es gibt keine Gesetze tür Produktion und Kunst Walter Grasskamp, Jahrgang 1950, ist Kunstkritiker und -soziologe. Er hat seit 1995 den lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Münchner Akademie Strittig zu sein ist die Qualität der Qualität. Qualität ist, wie Religion, eine Sammelbezeichnung für völlig verschiedene Glaubensvorstellungen. Unterscheiden sich die Religionen danach, welche Götter verehrt werden, so ist für die Qualität ausschlaggebend an welche Kriterien man glaubt. Diese gibt es überall in populären Sammelpackungen: Handwerk oder Spontaneität, Tradition oder Inovation, Verklärung oder Subversion, peinture oder bad painting.
Als man noch Poetiken hatte, zeitübergreifende Gesetzbücher künstlerischen Handelns, konnte sich jeder ein fundiertes Urteil erlauben. Nachdem die ewigen Normen allesamt historisch geworden sind, konnte die Nachfolgerin der Poetik, die Ästhetik, die Kunst zwar noch beurteilen, aber keine Gesetze mehr durchsetzen - damit war der Weg zur Privatreligion geebnet.
Aber auch Privatreligionen neigen zum Fundamentalismus. Als Kampfbegriff ist Qualität daher so häufig gegen unwillkommene Kunstrichtungen eingesetzt worden, daß er im Verdacht steht, als Bollwerk gegen das Neue zu dienen. Schien die Akademie der letzte Garant gültiger Normen zu sein, so hat auch sie sich schließlich jener Ökumene unterordnen müssen, welche die Privatreligionen entschärft hat: dem Markt.
Seitdem sind Qualitätskriterien nur noch relativ zu den Gruppen und Kulturen zu verstehen, in denen sie gepflegt werden. Das hört sich nach bequemem Relativismus an, ist aber keiner. Spätestens seit der Gotik, dem Opus modernum, ist Kunst ein Mittel, sich von vorhergehenden Gesellschaften zu unterscheiden, und das mit zunehmender Geschwindigkeit _ bis hin zum Innovationsrausch der Moderne.
Seither definiert Kunst Zeitgenossenschaft mit unterschiedlichen Mitteln. Zu diesen kann, wie schon im Klassizismus, auch die Wiederaufwertung abgelegter Stile gehören. Der Avantgardismus hat diese Leistung kräftig übertrieben, indem er gleich auch die Stile der Zukunft zu liefern versprach - die Zukunft hat aber längst nicht mehr den Glamour des Jahrhundertbeginns.
Die Postmoderne ist daher bescheidener: Sie betreibt ein klassisches Geschäft der Moderne, nämlich Zeitgenossenschaft zu definieren. Dafür eignet sich vor allem die Kunst, darin liegt ihre Qualität, und die ist zwangsläufig strittig, wie schön! Walter Grasskamp Qualität liegt heute im Umgang mit den werken Boris Groys 1947 in Berlin geboren, emigrierte 1981 aus Moskau, lehrte russische Geistesgeschichte in Münster und unterrichtet heute an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe Der Begriff Qualität, verstanden als Kriterium für die Beurteilung der Kunst, ist auch heute keineswegs obsolet geworden. Allerdings hat sich die Art, wie die Qualität eines Kunstwerks bestimmt wird, mit der Zeit geändert. Über eine lange Zeit hinweg hat die Feststellung einer hohen Qualität bedeutet, daß das Kunstwerk aus besonders wertvollen Materialien gemacht wurde _ wie Gold, Silber oder Marmor - und daß die Bearbeitung dieser Materialien besonders präzise, fein und bewundernswert war. In der Moderne hat sich dagegen allmählich die Bestimmung der Qualität als Herkunft durchgesetzt. Die Wertschätzung eines individuellen Kunstwerks im modernen Kunstsystem wurde im wesentlichen aus seinen Herkunftsurkunden abgeleitet - aus dem Nachweis, daß es dem Genie eines bedeutenden Künstlers entstammt. Die modernen Kunstwerke bildeten somit eine Aristokratie unter den Dingen.
Heute ist der moderne Mythos vom Künstler als Vater seiner Werke verblaßt und unglaubwürdig geworden. Daraus wurde oft der falsche Schluß gezogen, daß der Begriff Qualität damit ebenfalls seine Geltung verloren hat. Dem ist aber nicht so. Die Künstler, die für unsere Zeit repräsentativ sind, verwenden zwar in erster Linie das allgemein zugängliche, profane und mediale Bildergut, das vor aller Augen anonym und mit Hilfe der Technik entsteht. Aber diese Künstler tun es auf eine solche Weise, daß dieser Gebrauch von der Gesellschaft immer wieder als individuell, persönlich, originell und damit besonders wertvoll anerkannt wird. Die Qualitätsunterschiede sind heute weniger im Ursprung der Bilder als vielmehr im Umgang mit ihnen zu suchen. Im heutigen Kunstsystem sind nicht die Dinge als solche aristokratisch, sondern ihre künstlerische Verwendung gilt als besonders interessant. Boris Groys Qualität spielt in der Kunst keine Rolle Heinz Peter Schwerfel, 44, Kunstkritiker und Filmemacher ist seit September 1998 ART Redakteur Qualität spielt beim Umgang mit zeitgenössischer Kunst keine Rolle. Weil es objektive Kriterien von Qualität nicht gibt und nie gegeben hat. Vielleicht malten die Italiener ja wirklich schön, die Deutschen nur häßlich und die Franzosen elegant -jedenfalls bekam jede Malschule ihren Platz in der Kunstgeschichte, nicht nur die angeblich qualitativ beste.
Qualität gibt es nur in der Mehrzahl, und da sind es schlicht die Eigenschaften eines Kunstwerks, die es zur Kunst machen. Die scheinbar objektiven Qualitätsmerkmale des konservativen Volksmundes aber - handwerkliche Meisterschaft, formale Innovation, ideologischer Konformismus - sind spätestens seit Marcel Duchamp nicht nur verlogen, sondern lachhaft geworden. Deshalb: Schluß mit Urteilskrücken, die den Umgang mit aktueller Kunst nur erschweren. Das komplexe Zusammenspiel von Form und Inhalt, Innovation und Tradition, Schönheitskanon und gesellschaftlichem Kontext, das jedes interessante Kunstwerk ausmacht, zuzüglich der vom Philosophen Roman Ingarden erläuterten, vor allem subjektiv und emotional konditionierten "ästhetischen Erfahrung" _ dieses immer wieder faszinierende Spiel der Kunst sprengt den Rahmen eines noch so schwammigen Qualitätsbegriffs. So leicht wollen die Künstler es uns nicht machen. Recht huben sie. Heinz Peter Schwerfel Qualität ist ein Produkt ideologischer Arbeit Stephan Schmidt-Wulffen ist seit 1992 Direktor des Kunstvereins in Hamburg. Der 47jährige promovierte Kammunikotionswissenschaftler war vorher Kunstkritiker Keine Kunst ohne Kunsturteil! Aber es ist schwerer geworden, jene Informationen ausfindig zu machen, die ein Urteil überhaupt erst ermöglichen. Qualitätsbewertung setzt die Kenntnis von künstlerischen Strategien und Zielsetzungen voraus. Es macht eben keinen Sinn, den berühmten Flaschentrockner von Marcel Duchamp aufgrund der handwerklichen Fähigkeiten seines Schöpfers zu beurteilen oder die Datumsbilder On Kawaras auf ihre kompositionellen Qualitäten hin zu prüfen. Bis in die sechziger Jahre war es einfacher, solche imaginären Landkarten für das Kunstgeschehen zu entwickeln. Doch dann kam Künstlern und Theoretikern ihr idealistisches Weltbild abhanden und sie ließen sich auf die praktischen Zusammenhänge des gesellschaftlichen Lebens ein. Seither müssen wir zwischen männlichen und weiblichen Artikulationen unterscheiden, Techniken der Subkultur kennen, aktivistische, lokal operierende Interventions- von Museumskunst unterscheiden. Ganz zu schweigen von der intellektuellen Debatte, die in den letzten zwei Jahrzehnten völlig neue Wahrnehmungs- und Diskursregeln für die bildende Kunst etabliert hat. Dazu gehört auch die Einsicht, daß Qualitätsmerkmale nicht an Objekte gebunden, sondern Produkte einer ideologischen Arbeit sind.
Bei meiner aktuellen Auseinandersetzung mit der "neuen Malerei" halte ich mich an Erfahrungswerte wie den, daß gute Kunst die Brücken zu ihren Vorgängern nie vollkommen abgebrochen hat: Die Malerei sollte bei allem schönen Schein auch gesellschaftliche Strukturen thematisieren. Theoretiker wie Dave Hickey haben mir geholfen, eine Vorstellung von Aura zu entwickeln, die sich von den Anschauungen der fünfziger und achtziger Jahre sinnvoll unterscheidet. Und schließlich gilt, daß gute Kunst immer auch einen konzeptuellen Beitrag geliefert hat. Schön malen reicht eben doch nicht ". Stephan Schmidt-Wulffen Qualität ist eine humane Kategorie Petra Kipphoff studierte Anglistik Germanistik und Kunstgeschichte und ist Kunstkritkerin der Wochenzeitung "Die Zeit" Qualität? Lange nicht mehr gehört. Natürlich: Lebensqualität. Oder: Qualitätsware. Ist es ein Zeichen von Souveränität oder Orientierungslosigkeit, daß Qualität im Kunstzusammenhang abhanden gekommen ist? Qualität? Lange nicht mehr benutzt. Qualität ist das Gegenteil von Quantität. Schlag nach bei Goethe: "Betrachten wir aber dieses (das Universum), insofern uns die Fähigkeit gegeben ist, mit vollem Geiste und aus allen Kräften, so erkennen wir, daß Qualität und Quantität als die zwei Pole des erscheinenden Daseins gelten müssen." Mit vollem Geiste: Der Geist fängt oft bei der Immobilie, will sagen dem Bankkonto an. Wenn jemand heute Kunst kauft und eine Karriere als Sammler anfangen will dann fragt er nicht nach Qualität, sondern er fragt den Galeristen. Und woran orientiert der sich? "Was man hört, bestimmt offenbar, was man sieht", heißt es in Martin Walsers neuem Roman "Ein springender Brunnen". Oder auch: Das Sein des Marktes bestimmt das Bewußtsein der Kunst. In einigen Köpfen, auch der Ausstellungsmacher und Kritiker, hat die Innovation die Qualität beerbt. Womit Kunst zur Frage des Jahrgangs wird oder auch des Patentrechts und man beim Saisongeschäft der Auto- und Modeindustrie angelangt wäre.
Quantität ist eine Kategorie, in der es um Zahl, Gewicht, Material geht. Qualität ist eine Kategorie, in der es um die Relationen und Wechselwirkungen geht zwischen Mensch, Objekt, Werkzeug, Material. Qualität ist eine humane Kategorie. Sie ist keinesfalls abgemeldet, aber der Begriff scheint heute nicht mehr zeitgemäß. Zum Beispiel, weil die handwerkliche Meisterschaft, die jahrhundertelang ein selbstverständliches Ingrediens der Qualität war, keinen Stellenwert mehr hat. Und weil es nicht mehr allein um die vorwiegend optische Erfahrung eines Bildes, einer Skulptur, einer Zeichnung geht. Was in dem Wort Qualität konzentriert gespeichert war, hat sich diversifiziert, aufgelöst in ein Bündel von Wahrnehmungen und Erfahrungen. Für die es viele Epitheta ornantia gibt. Nur der arme Museumsdirektor, der muß immer noch Qualität einkaufen. Oder? Petra Kipphoff Nur das Publikum glaubt an eindeutige Qualitätskriterien Udo Kittelmann 40 ist seit Sommer 1994 Chef des Kölnischen Kunstvereins. Der gebürtige Düsseldorfer leitete vorher den Kunstverein in Ludwigsburg Die Frage nach der Qualität von Kunst ist so alt wie die Kunst selbst. Und wahrscheinlich gab es auch immer schon eine Divergenz zwischen ihrer Bewertung in der Zeit ihrer Produktion und der Beurteilung im Rückblick-hier sei nur an das Beispiel van Gogh oder in jüngerer Vergangenheit an Beuys erinnert. Doch ist Qualität in der heutigen Kunst, also ihre Güte und ihr Wert, endgültig abgemeldet? Darauf gibt es nur eine Antwort: natürlich nicht. Nur haben sich die Kriterien für Qualität verschoben. Qualität im Sinne eines stabilen Wertmaßstabes, der unabhängig von Zeit und Ort funktioniert, gibt es nicht mehr.
Das mag auch der Grund dafür sein, warum der Dialog unter Kennern mittlerweile scheut, das hehre Wort "Qualität" in den Mund zu nehmen. Nur das breite Publikum hängt immer noch gerne eindeutig- zumeist handwerklichen-Kategorien des Qualitätsurteils nach. Aber längst sind Stil und Werk nicht mehr fest aneinander gebunden, Im freien Spiel mit den Medien und Materialien ist alles möglich geworden _ alles kann Kunst sein, aber nicht alles muß Kunst sein. Mit der Abkehr von der Kontinuität innerhalb ihres Gesamtwerkes haben Künstler auch das vormals starre Raster ihrer Beurteilung überwunden und damit eine andere Qualität von Qualität erreicht, die der früheren in keiner Weise nachsteht.
Daher ist heute die Kontinuität von Qualität kein notwendiges Kriterium mehr für diese. Kunst wird in vielen Fällen momentan gedacht, auf ihre Wirkung im Hier und Jetzt berechnet und ihre möglicherweise verfrühte Verfallszeit in Kauf genommen. In der Folge ergeht es manchem Künstler nicht anders als vielen Popstars, die mit einem Song die Hitparaden stürmen und bald wieder von der Bildfläche verschwinden. Aber sie haben einen Evergreen geschaffen.
Und wollen heute nicht Künstler Katalysatoren sein, deren Interesse weniger der Objektproduktion, sondern der Ästhetik der "Diffusion" ihrer eigenen Gedanken gilt? Letztlich gilt immer noch, was Walter Benjamin notierte: "Es ist von jeher die Aufgabe der Kunst gewesen, eine Nachfrage zu erzeugen, für deren volle Befriedigung die Stunde noch nicht gekommen ist. Die sich ergebenden Extravaganzen und Kruditäten der Kunst zumal in den sogenannten Verfallszeiten gehen in Wirklichkeit aus ihrem reichsten historischen Kräftezentrum hervor." Und wer wollte ernsthaft bezweifeln, daß ein Film von Matthew Barney es mit einem Bild von Hieronymus Bosch aufnehmen kann? Udo Kittelman
