Ausgabe: 02 / 1999
Seite: 26-37

Im Wechselbad von Tod und Erneuerung

Von Viktoria Von Flemming

Der Amerikaner Bill Viola geht in seinen Videoinstallationen zentralen Fragen des menschlichen Daseins nach: Tod und Geburt, Körper und Geist, Natur und Zivilisation. Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt zeigt nun Werkbeispiele aus den vergangenen Jahren

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Das 1983 produzierte Video "Anthem" - was soviel wie "Hymne" bedeutetzeigt Bill Violas Sicht auf seine neue Heimat Kalifornien. 1981 war der damalt 30jährige Künstler ins sonnige Long Beach am Pazifik gezogen, wo es weniger laut, weniger hektisch und vor allem billiger als in New York ist. Damals lebte Viola vor allem von Stipendien und Lehraufträgen. Heute ist er nicht nur auf der Video-, sondern auf der ganzen Kunstszene ein Star.

In einer Lagerhalle am nördlichen Stadtrand liegt zwischen monoton stampfenden Ölpumpen das Atelier mit Aufnahmestudio, hochmodernem Schnittplatz und einem kleinen Büro, der Denkklause. Dorthin zieht sich Viola zurück, um neue Projekte auszubrüten. Auf dem übervollen Schreibtisch Notizhefte, Kunstbücher und Gedichte, dahinter eine wohlgeordnete Pinnwand mit Reproduktionen berühmter Gemälde, Erinnerungsfotos - seine Frau Kira ist Fotografin und seine engste Mitarbeiterin sowie Zeichnungen seiner Kinder.

Die Nähe zu Hollywood erweist sich oft als willkommener Standortvorteil. Denn dort lassen sich auch die ausgefallensten Ideen schnell verwirklichen. Für den Dreh seiner jüngsten und spektakulärsten Videoinstallation "The Crossing" ( 1996) etwa brauchte Viola einen Trickspezialisten für Feuereffekte sowie einen riesigen Wassertank samt Auffangbecken. "The Crossing" ("Die Kreuzung") wird auf die beiden Seiten einer mitten im Raum hängenden Leinwand projiziert. Aus der Ferne kommt jeweils derselbe Mann ganz nah auf den Betrachter zu. Auf der einen Seite beginnen Flammen um ihn hochzuzüngeln, aggressiv zu lodern, über ihm zusammenzuschlagen. Auf der anderen Seite tropft Wasser von oben, prasselt ihm peinigend auf die Glatze, braust allmählich auf zu einem gewaltigen Wasserfall. Doch wieder passiert dem Mann nichts, er entschwindet nur unmerklich. Das Wasser fließt ab, das Feuer erstirbt, der Zyklus wiederholt sich. Die entfesselten Elemente wüten nicht nur als zerstörerische Macht, sie sind auch die reinigende, verwandelnde, neu belebende Kraft.

Urschrei, Bad in den Elementen, Grenzerfahrungen - manchmal wird Viola als sentimentaler Esoteriker belächelt. Aber er steht zu seinen Überzeugungen. "Im Fernen Osten ist das Kunstwerk einzig dazu da, das Individuum auf seinen Weg zu führen und zu befreien - den Künstler wie den Zuschauer. Das haben wir im Westen verlernt. Aber ich kann mich damit identifizieren, meine Arbeit ist eine Art geistiges Training." Bill Viola hat durchaus etwas Missionarisches. Sanft, charmant, aber unbeirrbar kehrt er immer wieder zur Kernfrage zurück: "Werbin ich, was will ich, was legitimiert mich als Künstler?" Viola läßt sich gern von fremden Kulturen anregen. Ist er doch selbst eine furiose Mischung: Der namensspendende Großvater war Italiener, der andere Deutscher, die Mutter kam aus England, und seine Frau Kira Perov, eine ukrainische Auswanderin, traf er in Australien. Auch die Wurzeln seiner künstlerischen Ausbildung sind verzweigt. In der Geburtsstadt New York begeisterte er sich für elektronische Experimente, beschäftigte sich mit Wahrnehmungstheorie, Physik, Philosophie und Mystik, machte 1973 aber Examen in Bildender Kunst. Als Museumsassistent betreute er Ausstellungen von Peter Campus oder Nam June Paik und traf Bruce Nauman - Pioniere der damals neuen Video-Kunst, die er noch heute neidlos bewundert.

Seine ersten eigenen Videotapes entstanden 1972, die erste Installation folgte ein Jahr später. Damals freundete sich Viola mit David Tudor an, führte dessen elektronische Kompositionen auf. Als Schlagzeuger schulte er seine Begabung für Rhythmus, hörte aber auch klassische Musik und sammelte ethnische Gesänge. Viele Jahre lang war er ständig auf Reisen: Südpazifik, Indonesien, Ladakh und immer wieder Japan. Er filmte unberührte Landschaften, vertiefte sich in indianische Archäologie. Erst als 1988 sein Sohn zur Welt kam, wurde er endlich seßhaft.

Das auf seinen Reisen gesammelte Material ist ein Fundus, aus dem Viola noch heute schöpft. Dazu kommt das Spiel mit den technischen Möglichkeiten. Viola lotet alle visuellen und akustischen Möglichkeiten des Mediums aus: Er jongliert mit Blenden und Bildteilung, mit jähen Wechseln zwischen Weitwinkeltotalen und extremer Großaufnahme. Er beobachtet mit feststehender Kamera das Wandern von Licht und Schatten, experimentiert mit Infrarotkameras, nutzt den Computer für komplizierte Schnittrhythmen, beschleunigt und dehnt Tempi in Bild und Ton. Technisch immer auf dem neuesten Stand, beherrscht er sein Handwerk, verliebt sich aber nie in die bloße Spielerei. Jede Arbeit hat neben ihrer innovativen Form einen Inhalt mit doppeltem oder dreifachem Boden - mal geheimnisvoll, mal bedrohlich, mal symbolisch verschlüsselt. Und in den letzten Jahren oft mit sprunghaften Assoziationen, wie im Traum oder der Dichtung. In "The Reflecting Pool" ("Das spiegelnde Becken", 1977/80), einem Klassiker der Video-Kunst, will ein Mann in ein Schwimmbecken springen. Da hält ihn die Zeit plötzlich an, er erstarrt in der Luft, löst sich in nichts auf. Auf der Wasseroberfläche spiegelt sich derweil ein Geschehen, das im realen Raum gar nicht oder nur zeitversetzt zu sehen ist. Der Trick liegt in einer unmerklichen Bildteilung, die zwei Realitätsebenen parallellaufen läßt. Spiegel und Wasseroberfläche stehen als Metapher für die Brücke zwischen zwei Bewußtseinszuständen.

In "He Weeps for You" ("Er weint um Dich") aus dem Jahre 1976, Violas vielleicht berühmtester Installation, erkennt der Besucher im abgedunkelten Raum ein Röhrchen mit einem daran hängenden Wassertropfen, der zugleich an die Wand projiziert wird. Neugierig näher kommend, entdeckt er sein verzerrtes Spiegelbild in der Großprojektion des Tropfens. Der schwillt an, fällt schließlich runter und zerplatzt mit Donnerkrach auf einer Trommelmembran. In seinen Notizen zu "He Weeps for You" verweist Bill Viola auf die physikalische Erkenntnis, daß auch das kleinste Ding - hier der Tropfen - eine Manifestation des ganzen Universums sei. Er zitiert seinen Lieblingsdichter Jalaluddin Rumi, einen islamischen Mystiker des 13 . Jahrhunderts: "In jedem Moment entsteht und vergeht eine Welt, das bedenke für dich; jeder Moment birgt Tod und Erneuerung." Dieses Spannungsfeld zwischen Mikro- und Makrokosmos, zwischen Irdischem und Himmlischem beschäftigt Viola in vielen seiner Videos. Besonders einprägsam sind solche Bilder in "I Do Not Know What It Is I Am Like" ( 1986), wenn er sich selbst in einem Wasserklecks oder im Auge von Tieren spiegelt. Damit spielt er auf den Mythos vom unergründlichen Schwarz der Pupille als Tor zur Seele an. Im Titel zitiert er einen Vers aus der altindischen Rig Veda ("Ich weiß nicht, was es ist, dem ich gleiche") und versteht die Arbeit als Meditation über das Urbewußtsein der Natur, von den Tieren bis zur Trance hinduistischer Feuerläufer.

Um den Zuschauer auch physisch einzubinden, werden die Videos der letzten Jahre fast grundsätzlich in Installationen eingebettet. Der umgebende Raum ist meist dunkel wie im Kino: aus technischen Gründen, aber auch als Bühne für die Phantasie des Betrachters, auf der das Drama der Erinnerung in Szene gesetzt werden kann. Denn im Finstern verliert jeder leicht Orientierung und Zeitgefühl, und Viola möchte, daß sein Werk mit Gefühl, Verstand und Körper, also im Einklang aller Sinne, erlebt wird. Daß so etwas nur funktionieren kann, wenn sich der Betrachter wirklich dem Werk öffnet und sich Zeit nimmt für Violas meditativen Rhythmus, weiß der Künstler. Wer nur lässig und im Vorbeigehen Kunst abhaken will, der hat bei Viola seine Chance verspielt.

Gerade das Verlangsamen von zeitlichen Abläufen ist neben dem dramatischen Zwielicht Violas wirksamster Kunstgriff. "Die Zeit ist mein Rohmaterial. Wie die Farben auf einer Malerpalette möchte ich das gesamte Spektrum der Zeit nutzen. Schnellgeschnittene Normalzeit, wie heute im Fernsehen üblich, langweilt mich." Die Arbeit "Science of the Heart" ("Wissenschaft des Herzens") von 1983 spielt mit Geburt, Schlaf, Sex, Krankheit und Tod, sie beschwört die Zeit in ihrem ewigen Fluß. Der Betrachter befindet sich in einem dunklen Zimmer vor einem rot angestrahlten Messingbett, das unter der Projektion eines blutigen, offenen Herzens steht. Das Herz schlägt bedrohlich laut. Bald ändert sich der Herzschlag, wird durch Zeitraffer rasend schnell, dann wieder normal, fällt in'Zeitlupe und wird immer flacher bis zum Stillstand. Nach einer langen Pause beginnt alles wieder von vorn.

Der Schlaf, ein Zustand, in dem Zeit und Raum aufgehoben werden, ist ein weiteres Lieblingsthema Bill Violas. In mehreren Videos sieht man, wie er sich selbst im Bett herumwälzt und in lange Traumsequenzen abgleitet. Besonders originell sind die "Sleepers" ("Schlafende"), eine Installation von 1992. Im Raum stehen sieben hohe weiße Tonnen, bis zum Rand gefüllt mit Wasser, von deren Grund sanft die Gesichter von Schlafenden heraufschimmern. Oder die Goya-Paraphrase "The Sleep of Reason" ("Der Schlaf der Vernunft") von 1988. In einem kleinen, ausnahmsweise hellen Zimmer, das leer ist bis auf den Teppich und eine Kommode, steht ein Schwarzweiß-Monitor mit dem Bild eines Schlafenden; daneben eine Lampe, eine Weckuhr, eine Vase mit weißen Rosen. Plötzlich wird es stockfinster, und auf allen Wänden blitzen überdimensional vergrößerte farbige Bilder auf: eine Feuersbrunst, ein knurrender Hund das Röntgenbild eines kauenden Menschen, aber auch eine wilde Nachtfahrt durch den Wald, eine aufgescheuchte Eule. Die Bildblitze dauern nur wenige Sekunden, dann wird es wieder hell und ruhig.

Zwei einschneidende Erfahrungen, betont Bill Viola, haben sein Leben und seine Kunst geprägt: die Geburt seines Sohnes Blake 1988 und das Sterben seiner Mutter 1991 . Sein Staunen über das Wunder der Geburt löste in ihm das überwältigende Bedürfnis aus, sein Glück mitzuteilen. "Erst das Weggeben, das Teilen flößt dem Werk seinen Atem ein. Natürlich muß der Beschenkte auch etwas damit anfangen können. Aber das wirkliche Bild erscheint nicht auf dem Monitor oder an der Wand, sondern im Zuschauer selbst. Selbst wenn es vielleicht erst später, in der Erinnerung, wieder auftaucht." Das gilt vor allem für Werke, die mit Tabus spielen. Violas Familie war einverstanden, daß der Künstler das langsame Sterben seiner Mutter auf Video filmte. "Ich wäre verrückt geworden ohne den Schutzschild der Kamera. Mein Leben lang hatte ich mit Bildern zu tun. Aber das war das unerträglichste, das denkbar schlimmste, das war ein verbotenes Bild. Und von keinem anderen habe ich mehr gelernt." Viola dokumentierte den Tod der Mutter ohne den Plan, das Material für eine künstlerische Arbeit zu verwenden. Als jedoch kurz darauf das deutsche Fernsehen ein vereinbartes Auftragswerk anmahnte und die Vorkasse zurückforderte, rang er sich durch, seine eigene Verzweiflung zum Thema für einen Fernsehfilm zu machen. Vorher hatte er bereits für ein über Jahre laufendes Langzeitprojekt zum Thema des menschlichen Lebens . der Conditio humana - in einer Klinik eine Geburt auf Video festhalten dürfen. Jetzt schnitt er zu Tod und Geburt Schwimmer unter Wasser, menschenleere Landschaften, Nachthimmel, aber auch fröhliche Szenen aus seinem Privatleben. Damit das deutsche Fernsehen die ernste Thematik nicht bemerkte, beschrieb er die Arbeit als poetischen Gesang auf den Kreislauf der Natur und betitelte sie "The Passing" ( 1991 ), was "Vorübergehen", aber auch "Hinweggehen" bedeutet. Heute bezeichnet er seinen 54minütigen Film in Schwarzweiß als sein wichtigstes Video überhaupt.

Mit den Bildern von Geburt und Tod setzte sich Viola noch mehrfach auseinander, um mit den ihm eigenen Mitteln "jene Fragen neu zu formulieren, die die Kunst schon immer gestellt hat: Fragen nach der Existenz des Menschen und seiner Vergänglichkeit". Am eindrucksvollsten gelang ihm das im "Nantes-Triptychon", einer 1992 vorgestellten Installation, die an die Tradition des abendländischen Altarbildes anknüpft. Auf der linken Leinwand ist eine Geburt zu sehen, rechts eine Sterbende. Das mittlere Bild-ein unter Wasser schwimmender Mann - wird aufeinen Schleier projiziert, als schwebe es immateriell im leeren Raum. Anregung für die Unterwasseraufnahmen stiftete ein Gemälde des spanischen Malers Francisco de Zurbaran (ART 11/1998) aus dem 17. Jahrhundert, "Die Erscheinung des heiligen Petrus", auf dem der mit dem Kopf nach unten gekreuzigte Apostel wie auf einer Wolke herniedergleitet.

In "Stations", einer Video-Klang-Installation von 1994, hängen drei Schleier in einer Reihe frei im Raum und ihnen gegenüber zwei weitere. Überlebensgroß sind darauf fünf nackte Menschen unterschiedlichen Alters kopfüber projiziert. Sie spiegeln sich in schwarzen Granitplatten am Boden - wie in Grabsteinen. Mit einer Explosion aus Licht und Luftwirbeln tauchen sie ins Wasser ein, schweben schier endlos in Zeitlupe und gleiten dann wieder nach oben, um erneut krachend einzutauchen.

"The Messenger" ("Der Bote") von 1996 besteht aus nur einer Projektion, entworfen für ein Portal der mittelalterlichen Kathedrale von Durham in Nordengland. Aus tiefdunklem, ruhigem Wasser taucht extrem langsam ein nackter Körper auf und sinkt nach einigen Atemzügen wieder hinab. "In jedem Leben", sagt dazu Bill Viola, "gibt es Momente des Stillstands, ungeplante, aber ganz entscheidende Augenblicke, die wir erst erkennen, wenn wir sie erleben. Jedes Detail nimmt man mit gesteigerter Aufmerksamkeit wahr. Staunend und ehrfürchtig spürt man eine elementare Kraft und hat das Gefühl momentaner Vollkommenheit. Kennen Sie dieses Gefühl nicht auch?" Ausstellung: Bill Viola. Werke aus 25 Jahren, Im Museum für Moderne Kunst, der Schirn Kunsthalle und an anderen Orten in Frankfurt/Main vom 6. Februar bis zum 18. April. Literatur: Ein Katalog mit 216 Seiten kommt im Cantz Verlag, Ostfildern, heraus, zunächst in englischer Sprache, späterauch aufdeutsch (78 Mark). Gleichzeitig erscheint eine Monografie von Rolf Lauter (Hrsg.): Bill Viola. Der Mensch und sein Kosmos, Prestel-Verlag, München (48 Mark/im Buchhandel 98 Mark).