Ausgabe: 02 / 1999
Seite: 22-25

Die Avantgarde wird Staatskunst

Von Christian Trster

Kunst und Demokratie Rund 70 Millionen Mark gibt der Bund für die Kunst in den neuen Berliner Regierungs- und Parlamentsgebäuden aus. Ein Jahrhundert-Programm

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Und nun hat auch die Kultur ihren Rekord. Rund 70 Millionen Mark gibt der Bund für Kunst am Bau aus. Der amerikanische Staat, staunte die "New York Times", habe in den vergangenen 35 Jahren gerade 55 Millionen für die Kunst an öffentlichen Gebäuden aufgebracht. In Berlin aber wird das Geld nicht nur in einer einzigen Stadt, sondern auch noch binnen weniger Jahre ausgegeben - beispiellos für eine westliche Demokratie. Der Grund: Eine Richtlinie aus den fünfziger Jahren sah vor, bis zu zwei Prozent einer Bausumme für Kunst aufzuwenden. Inzwischen wurde aus der Richtlinie eine Kann-Bestimmung, doch für Berlin stieg der Bund ein, selbst wenn entsprechend den Baukosten große Summen zusammenkamen: acht Millio- neu Mark für den Reichstag, 20 Millionen für die Bundestags-Büros, 30 Millionen für die Ministerien.

26 Künstler werden von April an das Reichstagsgebäude schmücken. Dazu gehören Malerstars und Dissidenten der ehemaligen DDR, ein paar Heroen der westdeutschen Nachkriegskunst, angeführt von Sigmar Polke, Gerhard Richter und Georg Baselitz _ aber auch, um Weltoffenheit zu demonstrieren, je ein Künstler aus den einst alliierten Staaten Frankreich, Rußland und den USA. Für England trat der Architekt Sir Norman Foster an. Sein künstlerischer Beitrag war der Umbau des Reichstags.

In den Neubauten für die Bundestagsbüros nahe dem Reichstag werden 27 Künstler der nachfolgenden Generation mit Aufträgen bedacht; dazu kommen 82 Künstler in den Ministerien. Die Liste reicht von Stephan Balkenhol über Claes Oldenburg und Wolfgang Laib bis zu Arend Zwicker. Künstlernamen für Bundesrat (Kunst-Budget rund drei Millionen Mark) und Kanzleramt (rund sieben Millionen) sind noch nicht bekannt. Für das Kanzleramt hat inzwischen der Kulturbeauftragte Michael Naumann die Zuständigkeit übernommen.

70 Millionen Mark für Kunst am Staatsbau _ das wirft Fragen auf zum Thema Kunst, Macht und Öffentlichkeit. Verpassen sich die Staatsorgane womöglich einen Panzer der Repräsentationskultur? Werden die Bundesbauten eine zementierte documenta, ein Nationalmuseum, Stand 1998? Oder ist die Republik erwachsen geworden und erträgt ein zeitgemäßes Bild ihrer eigenen Modernität? Eine Debatte darüber ist kaum zu vernehmen - erstaunlich bei Umfang und Bedeutung der Aufträge. Allein die Beteiligung von Künstlern aus der ehemaligen DDR löste bislang öffentliche Diskussion aus.

Den Auftakt machte die "Berliner Zeitung" im Dezember 1997. Sie bemängelte, daß die DDR-Kunst ausgegrenzt werde - und ließ sich dabei auch nicht von der Tatsache beirren, daß nach dem damaligen Stand der Dinge das Verhältnis von West- zu Ost-Künstlern im Reichstag 4:2 betrug. Dennoch löste der Beitrag breite Zustimmung aus, vor allem im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", wo die Leipziger Künstler traditionell eine starke Lobby haben.

Zwei Monate später protestierten 58 Intellektuelle, unter ihnen viele Oppositionelle der ehemaligen DDR, gegen die Beteiligung von Bernhard Heisig an der Ausgestaltung des Reichstags. Als Beispiel für "kreative Anbiederung und flexibles Weiterkriechen in den Schleimspuren der Macht" stellte der Schriftsteller Lutz Rathenow den Maler hin; später wurde gar der Vorwurflaut, Heisig sei im Alter von 16 Jahren Mitglied der Waffen-SS geworden. Doch Proteste und Tiefschläge fruchteten nichts: Der in der DDR hochdekorierte Heisig malt ein Bildpanorama für die Cafeteria des Reichstags, und auch von dem ebenfalls angefeindeten Leipziger Maler Wolfgang Mattheuer wird ein Bild angekauft.

Ansonsten aber herrscht bleierne Ruhe über dem größten demokratischen Kunstprogramm des Jahrhunderts. Vorbei scheinen die Zeiten, als man sich noch durch moderne Kunst herausgefordert fühlte, vergessen auch der Skandal um die Anschaffung einer Skulptur von Joseph Beuys für den Behnisch-Bau des Bundestags in Bonn. Keine vier Jahre ist es her, daß der Haushaltsausschuß die Gelder für den Erwerb einfach sperrte und die damalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth mit Hetzbriefen aus dem ganzen Land bombardiert wurde. Ist die Kunst so harmlos geworden, daß sich niemand mehr aufregt? Wird sie enden wie die Wanddekoration im Arbeitsamt der siebziger Jahre - stell dir vor, da ist Kunst, und keiner guckt hin?

Zur Zeit jedenfalls herrschen Frühlingsgefühle zwischen Politik und Kultur. "Wir hatten nie den Eindruck daß uns von der Regierung auch nur etwas nahegelegt wurde", lobt der Museumsdirektor Klaus Bußmann aus Münster, und sein Tübinger Kollege Götz Adriani betont: "Die Akzeptanz für die Gegenwartskunst durch die Parlamentarier ist einmalig. Wir beklagen uns immer, daß Politik und Kultur zu wenig miteinander umgehen. Jetzt ist die Politik bereit, da sollte die Kunst auch bereit sein." Sie ist es. Dem Ruf der Kunstberater folgten sogar eingefleischte Skeptiker wie Hans Haacke, der gleich in zwei Bauten vertreten sein wird. Thomas Schütte, von dem es anfänglich hieß, er wolle nicht einen Staat dekorieren, der ,jahrzehntelang gegen die Intellektuellen und die Künstler" gearbeitet habe, legte inzwischen einen Entwurf für das Bundesratsgebäude vor. Seine Skepsis, sagt er heute, habe weniger einer zu großen Staats-Nähe als der mangelhaften architektonischen Qualität gegolten. Und von Imi Knoebel, der sich geweigert hatte",Politikerhäuser zu schmücken", sind mittlerweile zwei Bilder für das Paul-Löbe-Haus angekauft worden.

Leichtes Fremdeln bleibt dennochvor allem bei jenen, die es sich leisten können. "Baselitz sagte zu mir: ,Ich brauche den Staat nicht"`, erinnert sich Peter Conradi, bis 1998 Bundestagsabgeordneter der SPD und Mitglied im Kunstbeirat, "und Polke meinte, er nehme keine Aufträge an." Um die prominenten Künstler dennoch zu gewinnen, einigten sich die Beteiligten beim Reichstag auf ein Verfahren, das alle Möglichkeiten offen läßt: Die Künstler produzieren, was sie wollen, der Kunstbeirat kauft. Kauft er nicht, dürfte klar sein, wer der Blamierte ist - die Künstler jedenfalls können die Bilder problemlos dem Kunstmarkt übergeben.

Thematische Vorgaben gab es für keinen Künstler, nur ortsbezogen sollten die Arbeiten sein. Dies kann sowohl für die Architektur wie für Geschichte und Gegenwart der jeweiligen Institution gelten. Polit- und Historien-Kunst wird es vor allem im Reichstag geben. Gerhard Richter liefert - abstrakte Malerei und thematische Reflexion in einem - ein dreiteiliges Hinterglasbild in verfremdeten Nationalfarben; Sigmar Polke plant einen Lichtkasten nach dem Vorbild einer Postkarte, die das Denkmal der Germania am Niederwald nahe Rüdesheim zeigt. Die Amerikanerin Jenny Holzer läßt Zitate aus deutschen Parlamentsreden von 1895 bis 1998 über ihre elektronischen Schriftbänder laufen, und Bernhard Heisig faßt deutsche Geschichte zu einer düsteren Melange zusammen.

Außerhalb des Reichstages jedoch bleibt politische Kunst eher die Ausnahme - es gehe schließlich nicht darum, erläutert Klaus Bußmann, "den Abgeordneten und Sekretärinnen in den Arbeitsbereichen kritisches Bewußtsein zu vermitteln".

Es scheint, als wolle die deutsche Konsens-Gesellschaft, die ästhetische Radikalpositionen bislang nur über die Museen einband, die Künste nun doch näher an ihren Busen ziehen - weil aber Liebe nicht nach Namen fragt, kommt in den Bundesbauten manches zusammen, was nicht zusammengehört. So sind unter dem Dach des Reichstags sowohl Hanne Darboven wie auch Wolfgang Mattheuer vertreten, im Paul-Löbe-Haus trifft der strenge Formalist Ellsworth Kelly aus den USA auf den hintersinnig verspielten Tobias Rehberger, im Außenministerium stößt sich Kunstbetriebskritiker Hans Haacke am Ästheten Gerhard Merz. "Das Ganze", lästert der Kunsthistoriker Roberto Ohrt, "bestätigt die hierarchischen Strukturen in all ihrer Dämlichkeit: aus jedem Dorf ein Köter, und die dicksten Kläffer sitzen ganz vorne." Tatsächlich ist die Parade der Marktführer - Polke, Richter, Baselitz - im Reichstag eine der wenigen dezidierten Entscheidungen der Parlamentarier. Ansonsten herrscht - wie bei Steuer- und Rentenreform - Pluralität in ihrer unentschiedensten Form. Nur bei einer Frage blitzt Entschlossenheit auf: Absolutistische Konzepte werden gebrochen. Außer Lothar Baumgarten im neuen Bundespräsidialamt gelang es keinem Künstler oder Architekten, ein einheitliches Konzept für einen Bau durchzusetzen.

"Eine durchgehende Ikonografie wie bei einem Barockpalais geht heute nicht mehr", verteidigt Armin Zweite diese Haltung. Entsprechend geriet der Direktor der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Streit mit Stephan Braunfels, dem Architekten der Bundestagsbüros am Spreebogen. Der hatte sich für seine Bauten ein strikt minimalistisch-konstruktives Kunstkonzept ausgedacht und in Teilen auch durchgesetzt. "Irgendwann aber", erinnert sich Braunfels, "sagte Rita Süssmuth: ,Jetzt ist Schluß mit trocken, nun muß auch mal was dazwischen. ' ." Also wird dem Architekten ein knallgrünes Werk von Neo Rauch vor ein Treppenhaus gehängt. Statt Konstruktivismus nun blanke Figuration, zehn Meter hoch und von hinten beleuchtet. "Eine Niederlage", seufzt Braunfels - es blieb nicht die einzige: Über der 200 Meter langen Zentralhalle sollen Leuchtstoffröhren von Francois Morellet installiert werden. In den Augen des Kunstberaters Zweite ein gelungenes Beispiel für ironischen Umgang mit der Architektur. Für Braunfels dagegen eine Katastrophe: "Das ist eine Weihnachtsdekoration wie von der Friedrichstraße." Auch Architekt Hans Kollhoff plante zum Bau gleich die künstlerische Ausgestaltung mit: Seinen Erweiterungs- und Umbau des ehemaligen Reichsbankgebäudes für das Außenministerium präsentierte der Architekt mit einem Licht- und Farbkonzept von Gerhard Merz. Der Konzeptkünstler liebt das Pathos: In einem Foyer zum Beispiel soll der Porphyr-Fußboden auf Hochglanz poliert und vom Gesims her mit 1200 kobaltblauen Leuchtstoffröhren beschienen werden.

"Instinktlos", kritisiert der Berliner Kunsthistoriker Hans-Ernst Mittig. Merz sei ein Künstler, "der immer wieder Motive der NS-Ästhetik ausschlachte, ohne die historischen Quellen dafür kenntlich zu machen." Immerhin war der Gebäudekomplex an der Spree der erste Großbau der Nazis in Berlin; in seinen Kellern lagerte später das geraubte Gold der europäischen Juden. So etwas auszublenden, kommentiert auch Merz' Künsterkollege Hans Haacke, sei unverantwortlich.

Die Kunstberater wollen das Projekt unbeanstandet lassen, schließlich sei es zusammen mit dem Bau genehmigt worden, als es den Kunstbeirat noch gar nicht gab. "Wenn Gerhard Merz einen Raum gestaltet hat, dann kann man nicht gut ein Bild dazuhängen", erläutert Klaus Bußmann. Weil der Bau aber groß genug ist, fand sich schließlich doch noch ein Flecken, um je ein Werk von Hans Haacke und Hanne Darboven darin zu plazieren.

Wenn es noch eines Beweises bedarf, daß die Berliner Republik nicht anders sein wird als die Bonner - das Kunstprogramm erbringt ihn. Kompromiß statt Haltung, Konsens statt Radikalität: Machtausübung in der Gremiendemokratie ist eben ein kleinteiliges Geschäft. Und daß die Konsensfähigkeit des politischen Systems nicht Gleichgültigkeit oder das Fehlen von Rückgrat bedeutet, davon berichtet ein anderes Kunstwerk. Joseph Beuys' "Tisch mit Aggregat", vor gut vier Jahren noch aus dem Behnisch-Bau in Bonn verbannt, kehrt nun doch ins Haus des Souveräns zurück: Als Leihgabe des Instituts für Auslandsbeziehungen soll es im Reichstag aufgestellt werden. Rita Süssmuth, so vermutet der ehemalige SPD-Abgeordnete Thomas Krüger, "hatte da wohl noch einen offen". Christian Tröster Die Entscheider Verschiedene Gremien entscheiden über die Kunst am Bau. Für alle Bundestagsbauten - also Reichstagsgebäude samt dazugehörigen Büros - war der Kunstbeirat des Bundestags zuständig. Das Gremium aus neun Parlamentariern unter der Leitung von Rita Süssmuth (CDU) wurde von einer Gruppe von Künstlern, Kunsthistorikern und Museumsdirektoren beraten, darunter Götz Adriani, Kunsthalle Tübingen; Klaus Werner, Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig Armin Zweite, Kunstsammlung Nordrhein- Westfalen, Düsseldorf, Manfred Schneckenburger, Kunstakademie Münster.

Für die Ministerien schlug der Kunstbeirat der Bundesregierung die Künstler vor. Tätig waren unter anderem Klaus Bußmann, Westfällisches Landesmuseum, Münster; Peter-Klaus Schuster, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München, und Wilfried Wang, Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt/Main.

Für das Kanzleramt hat nach der Wahl Michael Naumann, Kutturbeauftragter der Bundesregierung, die Zuständigkeit an sich gezogen. Er ließ sich beraten von Peter-Klaus Schuster und Christoph Stölzl vom Deutschen Historischen Museum in Berlin.