Ausgabe: 02 / 1999
Seite: 10-20
Georg Baselitz Vorwärts in die Erinnerung
Von Axel Hecht Heinz Peter Schwerfel Michael Lange
Georg Baselitz Neue Bilder für den Reichstag und ein Bekenntnis zur Sentimentalität des Alterwerdens
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die seine Kindheit prägten: Wird Baselitz, lebenslanger Streiter für die reine Malerei ohne gesellschaftlichen Bezug, mit 60 zum Historienmaler? Zum ersten Mal bekennt sich der Künstler, der seit 1969 seine Motive kippt, um ihnen jede Bedeutung zu nehmen, zu kulturgeschichtlichen und sogar politischen Inhalten. Um diese neue Inhaltlichkeit abzureden, die er der "Sentimentalität des Älterwerdens" zuschreibt, wendet der Maler für ihn ungewöhnliche, aber rigorose Malmethoden mit viel Transparenz und wenig Farbe an. Vor seiner großen Ausstellung im Amsterdamer Stedelijk Museum (ab 20. Februar) sprachen mit Georg Baselitz die ART-Redakteure Axel Hecht und Heinz Peter Schwerfel.
ART: Demnächst hängen zwei Ihrer Bilder an prominenter Stelle im Berliner Reichstag. Sind Sie jetzt ein Staatskünstler?
Baselitz: Ich habe nicht das Gefühl, für diesen Staat gearbeitet zu haben, und ich fühle mich auch nicht ergriffen vom Ort Reichstag. Ich habe an keinem Wettbewerb teilgenommen und auch keinen Auftrag akzeptiert, sondern immer betont, daß ich nur etwas machen würde, wenn mir etwas zum Ort Passendes einfiele. Das könne man dann kaufen, wenn man wolle. Das hat man jetzt getan.
ART: Anfangs hatten Sie Ihre Teilnahme sogar verweigert. Was hat Sie umgestimmt?
Baselitz: Götz Adriani, der Kunstsachverständige der Auswahlkommission, ist an mich herangetreten. Seine Wunschkandidaten waren Polke, Richter, Kiefer und ich. Nicht der Ort Reichstag spielte also für mich die entscheidende Rolle, sondern die Auswahl der Künstler.
ART: Heute stehen nicht mehr vier, sondern 26 Künstler auf der Teilnehmerliste. Fühlen Sie sich da hintergangen?
Baselitz: Nein, aber bei der heutigen Künstlerliste hätte ich bestimmt nicht mitgemacht. Als diese öffentlich wurde, waren meine Bilder längst fertig, deshalb interessiert mich das alles heute nicht mehr. Auch im Museum kann ich mich ja nicht schützen gegen die Umgebung, in die ich gehängt werde.
ART: Aber im Museum suchen Sie den Dialog mit der Kunstgeschichte und nicht wie im Reichstag mit Zeitgenossen, zumal dort eine betont demokratische Auswahl vieles verwässert.
Baselitz: Ich habe ja auch nicht gesagt, daß ich damit einverstanden bin. Ich bin sogar ziemlich entsetzt über all die Namen, die da plötzlich auftauchen, während andere völlig fehlen. Etwa Immendorff, der nie gefragt wurde, was mir absolut unerklärlich ist. Oder Penck. Dabei sind das doch die beiden einzigen Künstler, die sich mit derjüngeren deutschen Geschichte wirklich beschäftigt haben. Aber es geht ja nicht um irgendwelche Listen, sondern um das, was ich in diesem krausen, überproportionierten, vorbelasteten Gebäude im Dialog mit der Geschichte machen kann.
ART: Wie haben Sie als Maler Kunstgeschichte und Politik miteinander verknüpft?
Baselitz: Ich stand vor dem Problem, was ich als gegenständlicher Maler in einem solchen Gebäude zeigen kann. Zum Glück fiel mir Caspar David Friedrich ein, mit dessen Grafik ich mich damals gerade beschäftigte. Von Friedrichs Bruder Christian gibt es vier ganz wichtige Holzschnitte, die er nach Arbeiten Caspar Davids geschnitten hat - die "Melancholie", "Die Frau am Abgrund", "Der schlafende Knabe am Grabe" und das "Selbstporträt". Diese Holzschnitte sind so etwas wie Manifeste der deutschen Romantik. Es gibt in Deutschland, ja in ganz Europa nichts Vergleichbares, was das Gefühl jener Zeit ausdrückt und gleichzeitig die Beziehung zum Heute herstellt.
ART: Sie beschwören den Geist der deutschen Romantik als Zeit des Aufbruchs, der Suche nach Freiheit?
Baselitz: Caspar David Friedrich steht für ein bestimmtes Deutschland und für eine bestimmte deutsche Malerei. Er ist kein Maler großer Bilder oder großer Themen - im Unterschied zu den Franzosen Gericault oder Delacroix. Aber er besitzt etwas sehr Menschliches, Vergeistigtes, das nichts mit Zeitgeist oder Stil zu tun hat. Ich habe versucht, durch enorme Vergrößerung dieser sehr kleinen Holzschnitte die Hermetik Friedrichs und damit das enge Gehäuse der deutschen Künstlerromantik zu sprengen. An der Darstellung selbst habe ich nur wenig geändert, ich habe mich auf die mittige Figur konzentriert und die Landschaft weggelassen.
ART: Sie haben die zentrale Figur übernommen und vervielfältigt, sie aber in einer Art leerem Raum belassen?
Baselitz: Die Bilder sollen eine klare Zeichnung haben, mit dem scharfen Kontrast zwischen Schwarz und Weiß arbeiten. Besonders wichtig ist der aus Figuren bestehende Rand, eine Art Bordüre, die das Bild schließt und aus ihm ein Emblem macht. Indem die Figur das Bild kreisförmig umschließt, ist sie ja auch nicht nur auf dem Kopf zu sehen, sondern aufsteigend fallend und liegend, so daß ich mein sonstiges Arbeitssystem, den Gegenstand auf dem Kopf zu malen, hier eigentlich aufhebe.
ART: Die Bordüre, sagen Sie, gibt den Bildern etwas Emblemhaftes, sie strahlen nicht mehr nach außen, beziehen die Wand nicht mit ein, sondern grenzen sich gegen die mächtige Architektur des Reichstags ab.
Baselitz: Genau das ist das Problem. Früher hätte man Bilder dieser Dimension gerahmt. Aber heute kann ich mir gar keinen zeitgenössischen Rahmen vorstellen, der das bewältigen könnte. Also habe ich versucht, jedes Bild mit seiner Bordüre zu rahmen, es also selbständig zu machen. Aber das Emblemhafte gibt den Bildern auch eine gewisse Traurigkeit, eine Ernsthaftigkeit, die man ihnen wohl kaum absprechen kann. Trotz des magentafarbenen Flecks, trotz der Leichtigkeit durch die unbearbeitete Leinwand ist da kein lustiges Ding draus geworden, und ich denke mir mal wieder, daß ich das eben auch gar nicht kann, ein rein dekoratives Bild malen.
ART: Sie haben immer betont, Ihre Kunst sei L' art pour l'art, ohne Inhalt. Nun nehmen Sie konkret Bezug auf Kulturgeschichte, und das auch noch an einem politischen Standort. Beginnt damit ein neues Kapitel für den Künstler Baselitz?
Baselitz: Dieses neue Kapitel dauert bereits zwei, drei Jahre. So ganz L'art pour l'art war meine Kunst ja nie, denn es gab ja immer den Gegenstand, und der hatte oft mit meiner Biografie zu tun - Personen, Landschaften, Ereignisse. Darin lag oft eine Sentimentalität, die ich zu unterdrücken versuchte. Aber in den letzten Jahren hat diese Sentimentalität, man kann auch sagen dieser Kitsch, Oberhand gewonnen. Ich denke, das ist eine Art künstlerischer Midlife-Krise. Und wenn ich mir Arbeiten bekannter Künstler, die ich sehr liebe, anschaue, zum Beispiel Willem de Kooning, Jasper Johns und auch Gerhard Richter, dann kann man überall dasselbe Phänomen erleben.
ART: Gab es für diese Krise einen Aus-Iöser?
Baselitz: Ein Schlüsselerlebnis war mein Besuch bei der Gauck-Behörde. Ich dachte, dort gäbe es Notizen über meine jüngste Vergangenheit, hätte aber wissen müssen, daß nur über DDR-Bürger gesammelt wurde. Also habe ich dort Angaben gefunden, die meine Schulzeit betrafen, bis zum Beginn meines Kunststudiums in Ost-Berlin.
ART: Ihre Akte endet also mit dem 19. Lebensjahr?
Baselitz: Ja, ein halbes Jahr nach meinem Eintritt in die West-Berliner Hochschule der Künste. Anfangs hat die Stasi da noch jemanden hinter mir her geschickt. Der hat alles notiert - wann ich im Kino war, wo ich Würstchen gegessen habe - danach gab's nichts mehr. Die Lektüre dieser Papiere hat mich sehr gerührt. Sie erinnerte mich daran, wie mies diese Zeit war, und mich haben meine Eltern gedauert, meine Geschwister, diese ganze Zeit, die man in einer falschen Weise verbracht hat. In der man Dinge hätte tun müssen, die man heute nicht mehr nachholen kann, die erledigt sind. Was ich heute malerisch versuche, ist eine Art Wiedergutmachung. Ich will etwas nachholen, was den Leuten ausjener Zeit-einschließlich meiner Persongerecht wird. Deshalb male ich meine Familie: die Schwester mit zu großen Zähnen und Zöpfen, den Vater mit einem Auge und abstehenden Ohren. Ich male, an was ich mich erinnern kann.
ART: Sie haben sogar nach einer neuen Technik gegriffen.
Baselitz: Diese Porträts sind für meine Begriffe sehr sentimentalen Ursprungs, aber in der Ausführung reine Methode. Und die Methode war eine Form der Malerei, die nie schwer werden kann, die immer leicht bleibt: das Aquarell. Also durchsichtig, fließend, nahezu konturlos, es gibt keine Düsternis, es bleibt immer licht.
ART: Haben Sie diese Strategie, sehr persönliche Themen durch rigorose Methode zu neutralisieren, nicht schon immer angewandt? Etwa als Sie 1968 Ihre Freunde auf dem Kopf stehend porträtierten? Das waren Ihre ersten gekippten Bildmotive. Auch Ihre Frau Elke malen Sie seit Jahrzehnten immer wieder, der Rückgriffaufpersönliche oder sentimentale Themen ist also nichts Neues.
Baselitz: Das stimmt. Als ich 1970 die Serie meiner Freunde malte, suchte ich ein Motiv, das persönlich war, ohne daß der Betrachter es ihm anmerkt.
ART: Trotzdem zielen Sie zur Zeit über die eigene Biografie hinaus aufeine kollektive Erinnerung, und das haben Sie vorher noch nie getan.
Baselitz: Ich bin sehr engagiert, was deutsche Kunst und Kunstgeschichte betrifft. Ich muß das Deutsche verteidigen, denn die deutsche Kunst der Vergangenheit wird überall in der Welt diskriminiert. Das hat verschiedene Gründe, aber sagen wir mal, es ist vor allem die Häßlichkeit, die aus diesen deutschen Bildern und Skulpturen spricht. Deshalb mache ich es genauso wie die Ahnen, ich weigere mich, amerikanisch zu malen öder italienisch, ich bestehe immer darauf, möglichst deutsch zu sein. Ich glaube, daß diese Haltung in den Bildern sichtbar wird.
ART: Sie sprachen bei Caspar David Friedrich vom Vergeistigten. Meinen Sie damit das Sublime, das sich vor allem in der Naturdarstellung zeigt? Gibt es also eine Sehnsucht nach Metaphysik in Ihrer Auseinandersetzung mit Friedrich?
Baselitz: Ich liebe die Natur und ihre Stimmungen, aber mehr noch liebe ich die Kunst. Kunst, die man hören, anschauen oder lesen kann. Die Kunst ist, womit ich mich beschäftige, sie ist mein Leben. Und dabei stoße ich immer wieder auf Künstler, die sich mit der Geschichte und ihrem Gerümpel auseinandergesetzt haben.
ART: Zum Gerümpel der Geschichte gehören inzwischen auch Ihre derzeitigen Themen. Nach der Aufarbeitung der eigenen Kindheit in der DDR setzen Sie sich nun mit dem Sozialistischen Realismus auseinander, der Ihnen doch immer verhaßt war. Wie kam es dazu?
Baselitz: Auch der Sozialistische Realismus gehört zu meiner Kindheit, in dieser Bilderwelt bin ich groß geworden. Der Zweck dieser Malerei, dieser russischen Malerei, denn ich benutze nur russische Vorbilder, ist klar und negativ. Ob aber die Bilder gut oder schlecht sind, diese Frage kann ich nicht beantworten. Man kann Kunst ja nicht verurteilen, nur weil sie nicht zu unserer Avantgarde gehört. Und nur weil meine Erziehung falsch war, mußte ja nicht der Gerasimow, mit dem man mich erziehen wollte, ein schlechter Maler sein. Deshalb habe ich mir wiederum eine Methode ausgedacht, um diese Bilder von der Diskriminierung ihrer Benutzung zu befreien, denn viele von ihnen behandeln ja durchaus allgemeine; humane Themen.
ART: Das ist aber sehr milde von Ihnen, solche ideologiebefrachtete Kunst als human zu bezeichnen.
Baselitz: Gut, nennen wir die Bilder einfach fragwürdig. Wenn man aber eine Methode über sie stülpt, die Methode "Aquarell" oder "Ostasien", wie ich sie nenne - leichte, transparente Malerei ohne Perspektive - dann kann man aus ihnen gute Bilder machen. Und man kann in der eigenen Biografie etwas in Ordnung bringen, womit man bisher nicht klarkam.
ART: Wenn Sie Lenin entkleiden, mokieren Sie sich dann auch über ihn?
Baselitz: Das Brodskij-Bild von "Lenin im Smolny" steht am Anfang des neuen Personenkults, der vorher so nicht betrieben wurde. Dieses Gemälde war eines der faszinierendsten Bilder meiner Schulzeit. Erst mal die verhängten Möbel, dann ein Kommunist im eleganten Anzug, der im Fauteuil an einem kitschigen Tischchen sitzt, die Beine übereinandergeschlagen, dahinter ein Thonet-Stuhl. Diese Details machen das Bild interessant, es ist mehr als nur Propaganda. Erst mal habe ich Lenins Anzug weggelassen. Das ist nichts Ungewöhnliches, weil Maler öfter mal die Leute ausziehen. Dann erinnerte er mich an Darstellungen vom gezüchtigten Titan Kronos, also habe ich ihm Geißelspuren auf die Haut gemalt, denn er ist ja auch bei einem Attentat verletzt worden. Kurz, ich habe Lenin ein wenig menschlicher gemacht.
ART: Früher haben Sie ständig die DDR-Kunst beschimpft - jetzt, zehn Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, nehmen Sie plötzlich malerisch Lenin in Schutz. Zeigen Sie sich da nicht wieder als geschickter Provokateur?
Baselitz: Ich habe mit diesem System nichts zu tun, auch wenn es zu meiner Biografie gehört. Ich will es auch nicht kommentieren, denn irgendwann werden sowieso alle Systeme Geschichte. In meinen Bildern geht es um die eigene Biografie. Der Rest ist Methode. Ich habe dieses Bild nicht als Provokation gemalt.
ART: Aber es wirkt doch so.
Baselitz: Es ist allein die Methode, die provozierend wirkt. Es gibt dieses wunderbare Bild mit dem Titel "In Kriegstagen" von Geli Kortschew. Ein Künstler im Soldatenmantel malt auf eine weiße Leinwand Stalin. Das ist die Skizze. Auf dem Hauptbild dagegen bleibt die Leinwand leer, Stalin ist nicht zu sehen. Die Propaganda war damals so wirksam, daß man die Person Stalin gar nicht mehr brauchte. Das ist das Sublime, der Geist des Bildes. Ich habe mein Bild natürlich auch ohne Stalin gemalt. Aber dem Soldaten, dem habe ich die Gesichtszüge von Caspar David Friedrich gegeben.
ART: Sieht man sich die Farben Ihrer letzten Bilder an, so scheinen sie zarter und heiterer zu werden, zeigt sich da die erste Altersmilde?
Baselitz: Nein. Wenn ich beim späten de Kooning die zarten Farben sehe - Magenta, Hellblau, Hellgelb - dann wirkt das auf den ersten Blick wie eine Schwäche. Man spricht von Senilität, von allgemeiner Altersschwäche, Angst vor starken Kontrasten, aber auch von Alkohol oder Alzheimer. Ich aber illustriere ganz bewußt diesen Zustand des Älterwerdens, der Sentimentalität, und damit glaube ich der Kritik zuvorzukommen. Einen Hintergrundbericht über weitere Kunst für die Regierungsgebäude der Bundeshauptstadt finden Sie auf Seite 22.
