Ausgabe: 12 / 1999

Nam June Paik

Der gebürtige Koreaner, 67, gilt als Altmeister der Video- und Medienkunst. Während eine Retrospektive in der Bremer Kunsthalle die wichtigsten Stationen seiner Arbeit dokumentiert (bis 16. Januar 2000), bereitet Paik - nach einem Schlaganfall schwer behindert - eine lang erwartete Einzelschau im New Yorker Solomon R. Guggenheim Museum vor (Start: 11. Februar). Silke Müller besuchte den Künstler in seinem New Yorker Atelier

ART: Wie sehen Ihre neuen Arbeiten aus?

Paik: In New York werden es vor allem Laser-Arbeiten sein.

ART: Skulpturen werden wir also weniger sehen?

Paik: Ja, es ist ein neues Jahrhundert, und es gibt einen neuen Geschmack.

ART: Gibt es ein besonders herausragendes Werk in diesem neuen Komplex?

Paik: Ja. Ich habe mich mit der Bibel beschäftigt, mit Moses und Jakob, und eine Jakobsleiter entworfen. Sie besteht aus Wasser. Das Wasser fällt von der sechsten Etage des Museums hinunter in ein Becken, und der Laser wandert darin hinauf. Das sieht aus wie eine Jakobsleiter. Es wird ein sehr spektakuläres Werk.

ART: Haben sie diese Arbeit eigens für die spiralförmige Architektur des Museums konzipiert?

Paik: Ja, es ist ein raumspezifisches Werk. Ich werde es Ihnen aufzeichnen. Kann ich bitte Kreide und Papier haben?

ART: An Ihren Wänden hängen sehr viele Zeichnungen - in einer Ausstellung habe ich diese Arbeiten noch nie gesehen.

Paik: Ich habe gerade erst damit angefangen. Ich kann nur meine rechte Hand benutzen. Also verwende ich, was mir übrig geblieben ist.

ART: Werden Sie diese Skizzen zeigen?

Paik: Ich glaube nicht. Das ist sehr privat. Aber ich habe für meine neue Ausstellung sehr viel geschrieben.

ART: Mit dem Computer oder per Hand?

Paik: Ich benutze keinen Computer.

ART: Sind Sie nicht am Internet interessiert? Das könnte doch eine neue Quelle für Bilder sein.

Paik: Ja, aber es ist gibt wenige gute bewegte Bilder. Das Internet ist nur gut für stehende Bilder. Für Videobilder ist die Internet-Technik nicht schnell genug. Vielleicht kommt es mit der ISDN-Verbindung. Dann könnte es für mich interessant werden.

ART: Selbst Ihre Arbeiten mit politischem oder philosophischem Hintergrund sind mit großem Vergnügen anzuschauen. Wollen Sie mit ihrer Kunst glücklich machen?

Paik: Ja, ich will populär sein. Ich bin ein Kommunikationskünstler, also muss ich mit meinem Publikum kommunizieren.

ART: Ihre High-Tech-Arbeiten sind oft in Installationen aus altmodischen Fernsehgeräten eingebettet. Arbeiten Sie mit diesen voluminösen Skulpturen gegen die Virtualisierung des Lebens an?

Paik: Ich liebe Nostalgie. Wenn ich mich mit technologischem Fortschritt beschäftige, muss ich auch zurückschauen.

ART: Die Instrumente, die Sie zur Verwirklichung Ihrer Ideen benötigten, waren nicht immer verfügbar. 1970 haben Sie zusammen mit Shuya Abe den Videosynthesizer entwickelt. Hat die Computertechnik Sie inzwischen überholt?

Paik: Nein, ich muss immer noch Teile selbst bauen. Ich habe immer mit analoger Videotechnik gearbeitet. Jetzt ist alles digital, aber analog ist in einigen Fällen immer noch besser. Um beides zusammenzubringen, muss ich improvisieren.

ART: In früheren Jahren waren Ihre Arbeiten sehr provokativ. Einmal sind Sie dafür sogar im Gefängnis gelandet. Glauben Sie, Provokation ist immer noch ein Mittel, neue Diskussionen in der Kunst einzuleiten?

Paik: Ja, aber es ist schwieriger geworden. Die Medien produzieren permanent Sensationen. CNN macht die Leute immun gegen alles Neue.

ART: Aber Sie arbeiten immer noch mit Bildern. Glauben Sie, Sie können dagegenhalten?

Paik: Deswegen habe ich die Lasertechnik ausgewählt: Sie kann nicht im Fernsehen übertragen werden. Laser ist gleichzeitig zart und erhaben. Er gibt einem ein sensationelles Gefühl. Seit ich vor über zwei Jahren den Schlaganfall erlitten habe, bin ich auf eine bestimmte Art religiös geworden. Ich brauche etwas, das mein Leben aus der täglichen Misere rettet.

Bildunterschrift: Brodelnde Elemente, flimmernde Elektronik: Paik mit seiner Video-Wandskulptur "Mars" (183 x 305 x 56 cm) von 1990 / Für ART skizziert: Guggenheim-Projekt "Jakobsleiter" / Balance zwischen Fortschritt und meditativer Rückschau: die Arbeit "Kerzen-TV" aus dem Jahr 1975 /

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