Ausgabe: 12 / 1999
Seite: 17
Szenen einer schwierigen Ehe
Von
KUNST - KLASSISCHE MODERNE / Marina Bohlmann-Modersohn: Paula und Otto Modersohn. Verlag Rowohlt Berlin, Berlin. 192 Seiten mit 21 Abbildungen. 34 Mark
Für den Feminismus bot ihr Schicksal den Stoff, aus dem Legenden entstehen: Zur unterdrückten Heldin wurde die Malerin Paula Modersohn-Becker (1876 bis 1907) in den siebziger und achtziger Jahren stilisiert, als Unterdrücker erkannten viele Lebensbeschreibungen dieser Zeit die Familie, vor allem aber ihren Mann, den Maler Otto Modersohn. Der habe die nach Paris Entflohene so lange belagert, bis sie, schwanger geworden, mit ihm nach Worpswede heimkehrte, wo sie 1907, wenige Tage nach der Geburt des Kindes, starb - gerade mal 31 Jahre alt. Arme Paula!
Marina Bohlmann-Modersohn, Ehefrau des Modersohn-Enkels Heinrich, hält sich in ihrem Buch über die Beziehung des ungleichen Künstlerpaars mit Meinungen und Urteilen zurück. Um ein Bild der schwierigen Ehe zu zeichnen, benutzt sie vor allem Zitate aus den umfangreichen Tagebuchaufzeichnungen der Künstlerin und den Briefen der Eheleute. Einige bislang unveröffentlichte Äußerungen lassen dabei auf frühe Dissonanzen in der Liebe schließen - etwa wenn Otto Modersohn einen Brief aus Worpswede nach Paris mit der Anrede "Mein liebes Kind, ich danke Dir" beginnt: Der Ehemann scheint längst zu ahnen, dass Paula ihm über den Kopf gewachsen ist.
Zahlreiche Briefe legen jedoch auch offen, wie sehr sich beide Künstler nach verstärkender Partnerschaft bei der Arbeit sehnten. Der schwerblütige Landschaftsmaler aus Westfalen und die elf Jahre jüngere, vor Auf- und Ausbruchslust berstende, vor allem an der Darstellung von Menschen interessierte Paula stützten sich gegenseitig wohl nur für eine kurze Zeit des Glücks. Offen bleibt dagegen die Beziehung der Künstlerin zu dem Dichter Rainer Maria Rilke und dem Soziologen Werner Sombart. Beide Männer malte sie in Paris; von der Entstehungsgeschichte der bemerkenswerten Porträts aber erfährt der Leser leider nichts.
