Ausgabe: 12 / 1999

Unter Aluminium-Lamellen kam ein Juwel zu Tage

Gelungener Rückbau eines Kaufhauses in Wuppertal

Als das Kaufhaus Michel im Zentrum von Wuppertal-Elberfeld 1930 eröffnet wurde, bewunderte man seine progressive Architektur. Dem federführenden Architekten Emil Fahrenkamp und seinem Kollegen Georg Schäfer attestierten die zeitgenössischen Kritiker damals, ihr Bauwerk sei "elegant und dynamisch", es besitze "federnde Spannung" und bewege sich im "gleichen Rhythmus" wie der fahrende Verkehr. Man pries die stromlinienförmige Gestalt des "modernsten Kaufhauses in Westdeutschland" und hob besonders die Attraktion eines Terrassencafes mit Fernblick auf dem flachen Dach des Gebäudes hervor.

Der Rheinländer Fahrenkamp kannte natürlich aus Veröffentlichungen oder durch persönlichen Augenschein Erich Mendelsohns kühn gekurvte Schocken-Kaufhäuser in Chemnitz und Stuttgart. Durch sie ließ er sich zweifellos inspirieren. Beim Kaufhaus Michel überwiegt trotzdem die eigene Leistung, die Nachschöpfung unterscheidet sich durchaus von ihren Vorbildern. Dazu gehört der ästhetische Kunstgriff, dass die rund um die Ecken gezogenen Fensterbänder dieses frühen Eisenbeton-Skelettbaus nicht glatt und bündig mit den steinernen Brüstungen abschließen, sondern plastisch hervortretend die Fassade profilieren. Beeindruckend ist auch, wie die Masse des immerhin acht Geschosse hohen Hauses nach oben hin optisch vermindert wird: Die Fassade der sechsten Etage tritt etwas zurück, damit das hauchdünne Flugdach darüber umso schwebender erscheint. Und weil auch beide Attikageschosse über der markanten Dachplatte zweifach zurückspringend gestaffelt sind, behält jenes "messerscharfe" Gesims seine dominierende Leichtigkeit.

Die Schönheiten dieses raren Beispiels für die anschmiegsame rheinische Moderne - die nicht so weiß, kantig, pur und streng wie die Bauhaus-Moderne war - konnte man allerdings jahrzehntelang überhaupt nicht wahrnehmen, nicht einmal vermuten. 1951 war das Gebäude vom Hertie-Konzern übernommen und umgebaut worden. Ein reizvoller Oberlichtsaal im Art-Deco-Stil verschwand zugunsten einer Treppe; die ursprüngliche Verkleidung der Brüstungen mit Travertin wurde durch Platten aus Muschelkalk ersetzt. Noch gravierender waren die Eingriffe Anfang der siebziger Jahre, als ein Möbelgeschäft die Immobilie in bester Innenstadtlage und direkter Nähe zum Von der Heydt-Museum erwarb. Der neue Besitzer entstellte das Haus mit einem Überwurf aus dem Fertigbaukasten der damals üblichen Verkaufsarchitektur brutal: Fahrenkamps prägnant modellierter Baukörper wurde in einen modischen Aluminium-Lamellen-Anzug gesteckt, die runden Ecken wichen scharfen Kanten, und schwarze Zierstreifen legten sich über die Glasbänder, von denen nun nichts mehr zu sehen war. Auch das bei den Passanten beliebte Dachcafe musste seinerzeit den Betrieb einstellen.

Doch es gab Kenner, die wussten, dass sich unter dem falschen Kleid das noch weitgehend erhaltene Original verbarg. Es war der junge Wuppertaler Kunsthistoriker Christoph Heuter, der 1991 erstmals öffentlich forderte, Fahrenkamps Architektur wiederherzustellen. Aus seiner Idee entwickelte sich eine Diskussion in der Stadt, die schließlich auch die Denkmalpfleger aktiv werden ließ: Sie stellten das Haus 1994 unter Denkmalschutz und formulierten strikte Auflagen für den Fall der Restaurierung. Davon ließ sich jedoch die Modefirma Sinn, die das Gebäude inzwischen nutzt, nicht abschrecken. Sie beauftragte die Düsseldorfer Architekten Dolle & Gross mit der Freilegung der Fassaden. Das behutsam betriebene Rettungswerk ist kürzlich vollendet worden. Wuppertal, nicht eben verwöhnt durch Zeugnisse exzellenter Baukultur, kann stolz sein auf die Wiedergewinnung dieser lokalen Inkunabel der Klassischen Moderne. Übrigens: Emil Fahrenkamps berühmtester Bau, das 1931 fertiggestellte, unverwechselbare Stufen-Bürohaus am Berliner Landwehrkanal, wird zur Zeit ebenfalls in seinen ursprünglichen Zustand zurückverwandelt.

Bildunterschrift: Urzustand: Kaufhaus Michel 1930 / Rekonstruktion: Der Bau von Fahrenkamp steht wieder für die Moderne / Schuhkarton: Fast 30 Jahre versteckte eine Aluminiumfassade die Architektur /

Abo