Ausgabe: 04 / 1997
Seite: 54-61

Von Kämpfen, Zweifeln und von Zärtlichkeit

Von Gnter Engelhard

VON GÜNTER ENGELHARD Härtetest auf dem Kölner Kunstmarkt im November 1996: Irritiert, neugierig, lauernd umkreisen viele von denen, die sonst recht gut wissen, wo's langgeht, die Koje der Münchner Galerie Thomas. Porträts sind dort zu sehen, herausfordernd farbgesättigte Frauenbildnisse mit ein paar Männern dazwischen. Spontan freuen sich die ungelernten Kunstfreunde, und die gelernten Kenner suchen unruhig nach Begriffen. Um feministischen Realismus, das scheint sicher, wird es sich bei soviel kritischer Souveränität im Umgang mit dem eigenen Geschlecht schwerlich handeln.

Und gleich kommen die witzigen Abwehrfragen: Wer hängt sich schon einen fremden Kopf an die Wand? Wenn Xenia Hausner das hört, hat der Fragesteller bereits Konkurs in den Künsten angemeldet. Der rhetorisch versteckte Vorwurfenthält das Eingeständnis des blockierten Wahrnehmungsvermögens beim Anblick von Malerei - als setze schon das Erscheinen eines erkennbaren Menschen der Bildbetrachtung Grenzen. "Augenfällige Inhalte können zweifellos belastend sein", gibt die Malerin zu, "aber es ist doch andererseits seltsam, daß man Inhalte auf Biegen und Brechen in ein Bild hineinkonstruiert, sobald sie dort nicht ersichtlich sind." In der abschätzigen Frage, wer sich denn einen fremden Kopf hinhänge, ist auch die Kapitulation vor der Intensität des fertigen Porträts enthalten: Erlebnisse, erst recht die erlebte Autonomie eines menschlichen Gesichts, behindern das Spekulieren. Einige sehen gleich gar keine Malerei mehr; sie verdächtigen das Gesicht überdies, sich bewußt der kunstwissenschaftlichen Einordnung zu entziehen. Denn eigentlich hat der Maler ja schon alles geleistet. Er heizt nur noch die reine Neugier aufeine andere Existenz an. Xenia Hausner, 1951 geborene Tochter des Malers Rudolf Hausner (1914 bis 1995), der mit seinen Selbstporträts - stets als Adam_ die Wiener Schule des Phantastischen Realismus überflügelte, inszeniert diese Existenz.

Heute liegt Peter Simonischek Modell für das Sterben des Vaters. Gestern hat der Schauspieler die Malerin wissen lassen, er werde morgens ins Atelier kommen und bis in die Nacht bleiben. Dann sei aber auch Schluß. Ob er mit offenen, mit geschlossenen oder mit verrutschten Augen liegen solle. "Weißt", sagt der schwere Held aus der Steiermark, dem zwischen Apoll im Lendenschurz und dem behäbigen Lebensgenießer Gajew in Tschechows "Kirschgarten" kein Männertyp fremd geblieben ist, "ich hab' in meinem Leben schon viele Tote gespielt." Dann entschließt sich der Protagonist, die Malerin mit gebrochenem Blick zu überwältigen. Und sie, die immer noch weitermalen könnte, wenn ihre Modelle bereits das Ende der Sitzung herbeisehnen, steht an diesem Tag zwölf Stunden an der Leinwand. Neben dem mit Kissen garnierten, auf ein Podest gestemmten Lager des Schauspielers erhebt sie auf großformatiger Hartfaserplatte einen erstklassigen Theatertod in den Rang der familiären Trauerarbeit.

Am Abend ist Xenia Hausner völlig erschöpft. Im vierten Stock eines Hauses an der Berliner Fasanenstraße hat sie durch Malerei das Fenster zum Wiener Wald geöffnet und ihren Todesdarsteller mit letztem Ausblick zur Mödlinger Landschaft auf den väterlichen Lieblingsplatz gebahrt. Aus dem Gedächtnis hat sie ihre Halbschwester Tanja in einem Zustand ganz eigener Entrückung vor das Lager des Stellvertreters gesetzt. Seitwärts, rechts am Fußende, verharrt als Wächter die schwarze Silhouette des Schäferhundes Adamek statt eines Todesengels.

" Die Sitzungen sind wie spannendes Theater" "Du sollst nicht immer nurjunge, schöne Frauen malen; mal auch mal alte Männer", hat ihr kürzlich bei der Premierenfeier für das neue Schauspiel von Peter Handke der Regisseur Claus Peymann gesagt - wobei offenblieb, ob er den Titel des Stücks auf sich selbst angewandt wissen wollte: "Zurüstungen für die Unsterblichkeit". Daß sie mehr Frauen als Männer in Szene setzt, gesteht sie gern",weil Frauen für mich eben einfach schöner sind". Allerdings macht ihnen die Malerin diese Schönheit streitig. Charismatische Gestalten haben immer eine aufreibende Geschichte hinter sich - und nur dafür, ihnen diese Geschichte durch Farbe aus Haut und Kleidern zu reiben, interessiert sich die Malerin.

Wer sich auf Xenia Hausner einläßt, der weiß recht gut, daß sie die kritische Sicht, die jemand auf sich selbst hat, meist gar noch verstärkt. "Ich male keine Prominenten", stelltsieklar. "Ich kenne nur Prominente, die mir ins Konzept passen." Den Hausmeister, der sich einer Sitzung verweigert, weil er nicht berühmt genug sei, läßt sie wissen, daß die Museen der Welt leer wären, wenn Maler ihre Auswahl unter diesem Gesichtspunkt getroffen hätten, Ihr Casting, ihre Besetzung der Wirklichkeit, ist davon abhängig, ob die gemalten Menschen einen existentiellen Augenblick im Leben der Künstlerin betreffen. Dieses Leben ist geprägt von der Härte des Umgangs mit sich selbst.

Um die Fetzen fliegen zu lassen, hat sie die Farbe. Das ist ein großes Glück. Die anfängliche Scham- und Verweigerungshaltung schmilzt dahin, während auf hartem Holz die Aufweichung der Konfiguration in Acryl betrieben wird. Ein gemeinsames Wollen entsteht; man schiebt sich gegenseitig in ein intimes Verhältnis. "Die Gemalten und ich - wir sind mindestens verflossene Liebespaare", bekennt die manische Beziehungsund Verhaltensforscherin. So erklärt sich auch die Vorliebe für Doppel- und Mehrfachporträts, auf denen die Abgebildeten voneinander zu erzählen und sich wechselseitig zu erläutern scheinen. "Die Porträtsitzungen", sagt sie",sind wie spannendes Theater." Dort war sie fast zwei Jahrzehnte lang, an der Wiener Burg und am Schiller-Theater Berlin, in Salzburg und Brüssel und London. Als begehrte Bühnenbildnerin hat sie nie Einsamkeit empfunden. Der szenische Entwurfwar ihre Domäne. Um ihn konnte sie wütend streiten, sobald man ihr das Budget schmälern oder das Konzept verwässern wollte. Heute ist es nur noch der eigene Pinsel, der sie aus dem Bild werfen kann " Wenn die Partner, mit denen sie ihre Gemälde besetzt, das Atelier verlassen haben, ist sie mit ihrer Euphorie und ihrem Horror allein. Die größte Freiheit, die größte Lust, die größte Verzweiflung - alles erlebt sie jetzt ohne Augenzeugen.

Damals war das anders: Der Vorhang ging hoch, und sie erlebte durch andere die Wirkung des Kunstwerks, dem sie zum Bild und ins Kostüm verholfen hatte. Sie blickte auf die Schau- und Kampfplätze ihrer künstlerischen Selbstbehauptung. Aber jedesmal kam der vernichtende Moment: Nichts blieb übrig von dieser prachtvollen künstlichen Realität, in der sie mit Malern des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit, mit den magischen Raumprojektionen von Rene Magritte und dem erotischen Farbendekor des Rokoko-Malers Jean-Honore Fragonard Zwiesprache gehalten hatte. Zerlegt in ihre Einzelteile, heimatlos außerhalb der Bühne, entzogen sich die malerischen Raumphantasien mit den expressiv in Grün, Blau, Lila wabernden Wänden dem konservierenden Zugriff_ und damit der Erinnerung. Von Mal zu Mal ertrug sie den Gedanken an die Auflösung weniger.

Wenn das so schwer fällt, sagte sie sich, ist es eigentlich nicht mein Betätigungsfeld. Vor acht Jahren, zwischen zwei Ausstattungen, erlaubte sie sich mitten im erfolgreich auf Spielpläne fixierten Berufsleben eine Ausgleichs-übung: Den Rest einer Preßspanplatte benutzte sie, um sich freizumalen aus ihrer Verdrossenheit über das kurze Leben der angewandten Theaterkunst.

Es folgte das Lawinenerlebnis _ die Umsetzung der frei gewordenen Energie und die farbige Kraftausschüttung innerhalb einer enormen Produktion. Zeichnen konnte sie von Kindheit an, Skizzen waren auf Schritt und Tritt entstanden. 1m Bildband "Rätselraum Fremde Frau" (Edition Braus) berichtet ihr Mann, der Schriftsteller und Drehbuchautor Knut Boeser, "die Fremde" (- Xenia, griechisch) zeichne automatisch und Justvoll geradezu zwanghaft, vermutlich sogar im Schlaf. Bei der Umstellung auf Malerei kam es darauf an, die Figur mit dem Pinsel zu skizzieren und die gezeichnete Spur malerisch aufzulösen, Ihre auf der Bühne stets hoch eingeschätzte Perfektion im Umgang mit Licht griff sogleich auf die Farbe über. "Mein trüber Blick aufs Leben läßt sie gerinnen." Das ist eine typisch österreichische, auf Widerspruch angelegte Verdrehung des malerischen Resultates: Die Lust nämlich, mit der dieser "trübe Blick" sich das farbigste Leuchten aneignet, illuminiert Fleisch und Textilien. Prompt folgt die Temperaments-Korrektur: "Manchmal vereinfachen oder radikalisieren sich die Dinge in meiner impulsiven Handschrift. Aber nie um den Preis des Verlustes von Wahrheit." Zwischen Zusammenbruch und Angriffslust Zielstrebig, ohne Kontakt zum Kunstbetrieb, hat sie in Berlin und in ihrem Landhaus am Traunsee ein Werk von über 60 Gemälden entwickelt. Nach vereinzeltem Auftritt bei Heike Curtze (Wien) und kompakter Präsentation in der Galerie von Raimund Thomas (München), der ihre Arbeiten zu Preisen zwischen 8000 und 42 000 Mark verkauft, sind jetzt 30 Gemälde auf einen Schlag im Wiener Museumsquartier zu sehen, anschließend im Leipziger Museum der Bildenden Künste.

Das aufflammende Interesse verwundert wenig: Die Lebenswirklichkeit der gemalten Personen ist aufeine expressive Klimax hin, auf Erschöpfung und Zusammenbruch, aber auch auf Konfliktbereitschaft und Angriffslust zugespitzt. Man blickt auf die Boheme der neuen Jahrhundertwende. Daß die malerische Geste der Entblößung von Körper und Seele zustrebt, ist zumindest ungewöhnlich. Aufnackten Körpern zeichnen sich Verfärbungen ab, als habe der Pinsel die Haut gestaucht.

Wie das auf einem Kinderfoto sardonisch lächelnde Mädchen von einst sich als erwachsene Frau die Kleider vom Leibe malt ("Nachher", 1994), verrät Leidenslust. Überdies ist ihr Temperament geprägt durch eine ungewöhnlich lebhafte Form der Melancholie. Die "Nacht der Skorpione" ( 1995) heißt das rhetorisch aufgebäumteVierer-Porträt der modernen Macbeth-Hexen, weil die Malerin-Xenia Hausners Sternbild ist der Steinbock mit aufsteigendem Skorpionnachträglich erfahren hat, daß auch die anderen drei eng mit dem Zeichen des Skorpions verbunden sind: Alle haben sich verausgabt, sind erschöpft von einem aufreibenden Leben oder dabei, sich aufzureiben. Diesem Zustand entspricht die kreidig trockene Farbigkeit.

Bisweilen aber kann es auch geschehen, daß Pinselführung sich aufunerwartete Weise verfeinert, sobald Inhalt und Person es nahelegen - wenn sie nämlich unter dem Blick der Malerin in einen Zustand schöner Ruhe verfallen: "Manchmal habe ich ein Bild im Kopfund suche mir die Besetzung", sagt die Künstlerin, "und manchmal male ich um einen Menschen ein Bild herum." So entsteht eine lebensnah theatralisierte Malerei, in der weder Tragödie noch Komödie zu kurz kommen, weder Allegorie noch Satire, weder Melodram noch Farce.

Voll lauernder Sinnlichkeit blicken die drei Fleischverkäuferinnen aus der "Spar"-Filiale von Traunkirchen über ihren Schlachtaltar hinweg ("Spar", 1993/94); ausgerechnet ein englischer Sammler hat diese beklemmende Genreszene erworben. Eine andere ist sozusagen volksverbunden und erhebt schon rein inhaltlich Anspruch auf Verbleib im Lande: Als die 18jährige Tochter des Grafen Salm-Reifferscheidt sich nebst den gräflichen Verwandten Strachwitz und Waldburg-Zeil zum Geburtstag in Gmunden ein familiäres Trachtenfest wünschte, war Xenia Hausner als getarnte Hoffotografin mit der Polaroid-Kamera zur Stelle.

Auf drei Meter Breite und 2,26 Meter Höhe von der Malerin vereint, posieren jetzt zehn Vertreter der Gmundener Jeunesse doree in Tracht und Dirndl für das österreichische Millennium: So präsentiert sich eine selbstbewußt anachronistische Landaristokratie auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend.

Renate Ankner hat nicht sterben wollen, bevor die Malerin zurückkehrte von den letzten Opernproben in Düsseldorf. Das Porträt ihrer krebskranken Nachbarin war fertig bis auf die Hände. Xenia Hausner hat die Premiere nicht abgewartet, sondern das Bild vollendet (1992): "Sie wollte, daß nur dies von ihr übrigbleibt. Mit der Bündelung ihrer letzten Kraft und ihres Wollens hat Renate gleichsam daran mitgemalt." Das ist es, wodurch diese Porträts auffällig werden: Unter die Kuratel ihres Pinsels gestellt, bleibt den Modellen der Xenia Hausner gar keine andere Wahl, als sich auch kraft eigener Energie in den Gemälden einzurichten. Ausstellungen: Kunsthalle Wien im Museumsquartier ( 14. Mai bis 22. Juni); Museum der Bildenden Künste Leipzig ( 10. Juli bis 17. August). Im Wienand Verlag, Köln, erscheint ein 200 Seiten starker Katalog zum Preis von 39 Mark, Buchhandelsausgabe: 78 Mark.