Ausgabe: 04 / 1997
Seite: 92

Mordopfer mit der Hand am Gemächt

Von Boris Hohmeyer

Piet Mondrian ist sein erklärtes Feindbild: Abstraktion hält der 1928 in Wien geborene Alfred Hrdlicka für die Kapitulation des Künstlers vor Fotografie und Fernsehen. Der virtuellen Realität setzt er Menschenbilder von bedrohlicher Materialität entgegen; oft bleiben Teile des Steinblocks unbearbeitet - wie zur Erinnerung an den Kampf des Bildhauers mit dem Marmor und an die Kraft, die er gekostet hat.

Der Kunstverein Frankfurt und die städtische Ausstellungshalle Galerie im Karmeliterkloster zeigen jetzt gemeinsam rund 200 Werke des Künstlers aus fünf Jahrzehnten, darunter 25 Skulpturen. Hrdlickas Themen, immer wieder variiert, sind Sexualität, Gewalt und Tod: Dem Serienmörder Fritz Haarmann widmete er einen Grafik- und Skulpturen-Zyklus, der zugleich von den Wurzeln des Nationalsozialismus im deutschen Bürgertum handelt. Als der Regisseur Pier Paolo Pasolini 1975 von einem Strichjungen ermordet und überfahren wurde, meißelte Hrdlicka den Leichnam aus Carrara-Marmor- eine zwischen Dreck und Kondomen in den Boden gequetschte Masse mit der Hand am Gemächt. In erster Linie sieht sich Hrdlicka als politischen Künstler; zu seinen prominentesten Werken zählen drastische Mahnmale, die in Wien und Hamburg an die Greuel des Weltkriegs und des Völkermords durch die Nationalsozialisten erinnern. Zum 200. Geburtstag von Franz Schubert (1797 bis 1828)jedoch schlägt Hrdlicka eher persönliche Töne an: Wie schon in einer Serie von Zeichnungen aus den achtziger Jahren behandelt er in zwei Bronzeskulpturen das Leben des Komponisten, das entgegen idyllischen Klischees durch Armut und jahrelanges Siechtum geprägt war. Zur Ausstellung (bis 4. Mai) erscheint ein Katalog zum Preis von 39 Mark. Weitere Stationen: Künstlerhaus Wien (23. Mai bis 22. Juni), Stadtgalerie Klagenfurt (3. Juli bis 21. September). Kraftvolle Kämpfe: Alfred Hrdlicka