Ausgabe: 04 / 1997
Seite: 80-85
Eine Reise durch die Bilderflut
Von Heinz Peter Schwerfel
Die Kunsthalle zeigt einen neuen Zyklus von 366 Zeichnungen des 1953 geborenen Amerikaners Robert Longo ist berühmt geworden als Hansdampf in allen Medien, als einer, der auf Risiko lebt und arbeitet, der ständig Neues erprobt und Bewährtes aufs Spiel setzt. Die Stationen einer Karriere aus dem Bilderbuch hat Longo in Rekordzeit durchlaufen: als Jugendlicherein Problemkind, als Kunststudent ein Alternativer, als Künstler in kürzester Zeit Aufsehen, Erfolg, Starrummel, Reichtum. Dann kam der Absturz. Nachdem er Ende der siebziger Jahre als Wunderkind gefeiert worden war, verspottete ihn die "New York Times" 1989 anläßlich seiner Retrospektive im Los Angeles County Museum of Art als "Robert Long Ago" ("Robert lang ist's her"). Da war der Amerikaner gerade mal 36 und Tiefschläge nicht gewohnt; er reagierte auf die Kritikerschelte wie ein verschrecktes Kind und ging ins Exil. Inzwischen hat er wieder Tritt gefaßt, ist nach New York zurückgekehrt, doch ist ihm das Auf und Ab seines bewegten Lebens noch anzumerken: Nachdenklich und für einen amerikanischen Künstler regelrecht bescheiden wirkt es, wie Longo immer wieder die Diskussion sucht, eigene Arbeiten in Frage stellt und Fehler zugibt. Als "Mischung aus Egozentrik und krankhafter Unsicherheit" bezeichnet er sich selbst. Mit dem eitlen Energiebündel, das sich in den achtziger Jahren bei Vernissagen wie ein Rockstar feiern ließ und dank fleißiger Assistenten lange Wartelisten von Sammlern bediente, hat der Longo von heute auf den ersten Blick nicht mehr viel gemein.
Kräftiger als früher, aber weiterhin ganz in Schwarz gewandet, bereitet der Familienvater eigenhändig den Kaffee zu, plaudert überjunge Künstler wie Matthew Barney, dem er eine große Karriere prophezeit, und demonstriert gleichzeitig seinem dreijährigen Sohn an einem Wäschekorb, wie ein Basketball einzuwerfen ist. Den logistischen Apparat seines Ateliers hat er abgespeckt, die Sekretärin kommt nur noch halbtags, und die Hälfte der Loftetage am Rande von Chinatown ist verkauft. An der Wand hängen wieder Arbeiten in jenem Medium, das Longo einst berühmt machte: die Schwarzweiß-Zeichnung. Der Künstler ist zu seinen Ursprüngen zurückgekehrt. Vorbei die aufwendigen Multimedia-Experimente mit Performance und Rockmusik, die modischen Videoclips, perfekt fabrizierten Skulpturen und theatralischen Installationen, deren Höhepunkt und zugleich Schlußakkord das 1987 auf der documenta 8 gezeigte "All You Zombies: Truth Before God" (etwa: All Ihr Zombies:
Wahrheit vor Gott) war: ein sich um die eigene Achse drehendes, futuristisches Kriegsmonster vor klassizistischem Opernhausmodell, ein pathetischer Bronze-Terminator, der sich in Hollywood sicherlich wohler gefühlt hätte als in Kassel. Heute zeichnet Longo eigenhändig und im Alleingang, ganz ohne Assistenten, jeden Tag ein Bild mit dem Kohlestift. Jetzt wird die aus 366 Alltagsbildern bestehende Arbeit "Magellan", benannt nach dem portugiesischen Seefahrer (um 1480 bis 1521), in Tübingen und dunn in Bielefeld ausgestellt: eine multimediale Entdeckungsreise auf Papier, ein bedächtiger Trip durch Fernsehen, Zeitschriften, Werbeplakate, Tageszeitung. "Nach all den Jahren an der Spitze von großen Mitarbeiterteams", sagt Longo, "wollte ich endlich mal wieder allein arbeiten." Vorbei auch der Traum von Hollywood: Obwohl sein 22 Millionen Dollar (rund 35 Millionen Mark) teurer Science-fiction-Krimi "Johnny Mnemonic" trotz vernichtender Kritiken den Produzenten Geld eingespielt hat, ist dem Künstler der Sprung von der Kunstgemeinde in die Kinowelt nicht gelungen. Aus einem Kunststar wird eben selten ein Popstar; nicht jeder ist ein Warhol. Wenn die amerikanische Kritik mit dem Filmemacher Longo genauso barsch umspringt wie mit dem Künstler, hat das sicher auch mit der enttäuschten Hoffnung zu tun, in Longo einen möglichen Nachfolger des Allround-Genies der Pop An gefunden zu haben, Innerhalb der in den achtziger Jahren berühmt gewordenen Generation amerikanischer Künstler, mit der ihn, wie er sagt, eine "gesunde Feindseligkeit" verbindet, war und ist Longo der Vielseitigste: Die Maler Eric Fischl und David Salle haben sich schnell in die Vergessenheit gemalt, Julian Schnabel in den Akademismus, Jeff Koons pokerte zu hoch mit seiner Kunst der Selbstdarstellung, lediglich Künstlerinnen wie Cindy Sherman und Jenny Holzer ragen heute noch aus dem vom Markt hochgepuschten Mittelmaß der achtziger Jahre heraus. Alle Künstler seiner Generation aber, die guten wie die schlechten, praktizieren das, was Longo immer verpönt hat: einen Stil. Eine Handschrift wie eine Handelsmarke, leicht wiederzuerkennen und gut zu vermarkten. Beneidet Longo sie heute darum, er, dessen Stillosigkeit bei den Sammlern zum Handikap geworden ist? "Ich habe immer Angst vor Stil gehabt", sagt er. "Ich wollte kein Markenzeichen, sondern ein in sich konsequentes Denksystem, das sich spielerisch der verschiedensten Medien und Formen bedient." Walter De Maria, Jannis Kounellis, Sigmar Polke: Sie sind seine Leitfiguren_ und vor allem der Amerikaner Bruce Nauman, der in seinen Videoinstallationen, Filmprojektionen, Neonbildern, Lichträumen, Wachs- oder Bronzeskulpturen immer wieder neue Bilder zu alten Themen findet. Was unterscheidet die beiden? Bruce Nauman ist in seinen Bildfindungen immer offen geblieben, vieldeutig und vor allem bescheiden, während das Multitalent Robert Longo dem eigenen Größenwahn zum Opferfiel. Wie er selbst heute sagt: "Zu viel Ego, zu viele Drogen, zu viel Aggressivität." Wann immer er die Macht der Medien von Hollywood bis CNN angriff, um ihre verführerischen Bilder zu denunzieren, hat er selbst Verführerisches geschaffen _etwa in der Serie der "Bodyhammer" von 1993, in der er in riesigen Zeichnungen die in Amerika verbreiteten Schußwaffen in all ihrer kalten Schönheit porträtierte. Gegenüber der perfekten Wucht der Zeichnungen geriet derplastisch weniger spektakuläre Hauptteil des Werkblocks ins Hintertreffen, nämlich die verschlüsselten Statistiken von Mordopfern in den Städten des Landes. Nicht zuletzt die "Bodyhammer" brachten Longo in der politisch peinlich korrekten New Yorker Kunstszene den Vorwurf ein, seine Kunst sei faschistoid- weil sie die Macht der Bilder nicht kritisiere, sondern zelebriere. "Ich weiß", gesteht er heute, "meine medienkritischen Bilder sind selbst Teil des kritisierten Mediums geworden. Aber sind sie deshalb unkritisch?" Sind sie nicht. Die ambivalente Auseinandersetzung mit der Medienwelt war von Anfang an Longos Thema. 1953 in Brooklyn als Sohn italienischer Einwanderergeboren und in Long Island aufgewachsen, litt er lange an einer Lesestörung, die zu spät diagnostiziert wurde. Die schulischen Leistungen hingen durch, der Fernsehkonsum wurde pathologisch; Kino, Comics und Rockmusik prägten den Alltag des Jungen. Sein Berufsziel war lange Zeit der Sport, bis Longo "von heute auf morgen aufhörte zu wachsen". Er wurde ein Hippie und spielte als Gitarrist in Rockbands, ehe er unter dem Einfluß seiner Schwester, einer Opernsängerin, plötzlich umdachte, sein Abitur nachholte und mit einem Stipendium als Restaurator nach Florenz reiste. Starke Frauen haben in Longos Leben immer eine wichtige Rolle gespielt. Neben der Schwester war es die Künstlerin Cindy Sherman, mit der Longo als Kunststudent eine alternative Galerie in Buffalo betrieb und die US-Heroen der siebziger Jahre wie Sol LeWitt, Richard Serra oder Vito Acconci dort präsentierte. Seit 1990 ist er mit der deutschen Filmschauspielerin Barbara Sukowa verheiratet; sie ist es, die ihm geholfen hat, Lebenskrise, künstlerische Zweifel und bittere Enttäuschungen in Hollywood zu überstehen. Die Sukowa, sagt Longo, sei für sein Ego "ein Glücksfall": Es hilft ihm, neben jemand zu leben, der selbst vom Taxifahrer erkannt wird. Sie scheinen füreinander gemacht: Barbara Sukowa wurde als Schauspielerin in Rainer Werner Fassbinders "Lola" bekannt; mit einer Figur aus einem Fassbinder-Film begann auch Longos Karriere. "The American Soldier", 1977 aus Blech gestanzt, zeigt die Schlußszene von Fassbinders gleichnamigem Gangsterfilm von 1970, in der die Hauptfigur von hinten erschossen wird. Der sich aufbäumende Körper enthält bereits die wichtigsten Leitmotive aus Longos Werk. Der Tod als Tanz, Gewalt als Ekstase, das Bild als Zitat anderer Bilder, in denen Realität nur gestellt vorkommt. Am konsequentesten angewandt hat Longo die Methode der Übertragung von Bewegung in immer wieder neue Medien in seiner Serie "Menschen in den Städten" ( 1979/82), die ihn berühmt machte. Er bewarf Freunde und professionelle Modelle auf dem Dach seines Ateliers mit Tennisbällen, um Sprung- und Abwehrreaktionen zu provozieren, ließ diese unkontrollierten Bewegungen fotografieren, auf Leinwand projizieren und in Übergröße_ bis zu 250 Zentimeter hoch - mit Kohlestift auf Papier auftragen. Das Ergebnis ist eine Allegorie des Großstadtlebens, eine Choreografie eleganter Menschen zwischen ausgelassenem Tanz und pathetischem Todeskampf. Von 1981 an gab Longo diesen Körperbildern eine weitere, dritte Dimension: In der Installation mit dem lakonischen Titel "Jetzt alle" windet sich die Gestalt aus Fassbinders Film als Bronzeskulptur vor einer perfekt gezeichneten Ruinenstadt, einem universellen Beirut, schön und schrecklich zugleich. Ähnlich theatralisch wirkt "Master Jazz" von 1982/83, eine Komposition aus vier Tafelbildern, die neben vertrauten Figuren aus der Serie "Menschen in den Städten" eine schlafende Frau, einen brüllenden - singenden? _ Farbigen und ein monumentales Architekturfragment zeigen, Anspielungen auf Obsessionen, Ängste und Klischees der amerikanischen Kultur. Nach den "Zombies" von 1986 wurden Longos Installationen plötzlich abstrakter, weniger pathetisch. Der Künstler verarbeitete das umgedrehte Grabmal des Ho Chi Minh zusammen mit einer versteckten Hommage an seine künstlerischen Leitbilder wie Jannis Kounellis oder Joseph Beuys zu "Nostromo". Im über dem Boden schwebenden "Monument der sechziger Jahre" schuf er ein ironisches Mahnmal für jene Zeit, als die Gegner des Vietnamkriegs in Washington versucht hatten, das Pentagon von der Erde zu lupfen. Immer waren seine Ideen subversiv, humorvoll, aufrichtig, doch die kühle Präsentation - der fehlende persönliche Stil? - ließ auch einen "Schwarzen Planeten" von 1988, das Monument für einen schwerkranken Freund, mit seinen organisch wirkenden Blutadern und Gedärmen, die sich aus dem High-Tech-Planeten winden, wie postmoderne Dekoration wirken. Nach der kalten Dusche seiner Retrospektive von 1989 versuchte sich Longo an mehr Gefühl und weniger Inszenierung. Er arbeitete mit Emblemen wie dem Kreuz und schuf eine Serie verbrannter "Flaggen", die mit der Tradition des Sternenbanners in der amerikanischen Kunst seit Jasper Johns spielt _ wie auch mit der monumentalen Historienmalerei eines Anselm Kiefer. Ein wiedererkennbarer Stil war das immer noch nicht, sondern wieder das Spiel mit Zitaten. Mit "Magellan" soll das nun anders werden einfacher, direkter, bescheidener: Wieder ein neuer Robert Longo, oder ganz der alte? }Text nicht OCR-lesbar}
