Ausgabe: 04 / 1997
Seite: 72-77

Offener Safe für 137 Juwelen

Von Axel Hecht

Am Anfang war das Testament. Darin vermachte Constantin Brancusi ( 1876 bis 1957), der 1904 von Rumänien nach Paris gekommen war, seinen gesamten Nachlaß dem französischen Staat. Brancusis wichtigste Bedingung: Der Erbe möge sein Atelier in der Impasse Ronsin 11 " in dem der Bildhauer von 1928 bis zu seinem Tode gelebt und gearbeitet hatte, erhalten und interessierten Besuchern zugänglich machen.

Doch das Künstlerviertel Montparnasse, in dessen Herzen Brancusis Atelier lag, ist längst geschleift. Eine erste Rekonstruktion wurde 1962 im Palais de Tokyo gezeigt, eine zweite Replik nach der Fertigstellung des Centre Georges Pompidou in einem unansehnlichen Schuppen vor der Kulturmaschine errichtet. Nachdem dort Regenwasser durch das undichte Dach gedrungen und Brancusis einmaliges Figurenensemble unter Wassser gesetzt hatte, wurde das Atelier 1990 geschlossen.

Jetzt ist es am selben Ort auf beeindruckende Weise wiederauferstanden. Nach den Plänen des italienischen Architekten Renzo Piano - er hat mit seinem Partner Richard Rogers auch das benachbarte Centre Georges Pompidou entworfen - ist an der Ecke Rue Rambuteau/Rue Saint-Martin ein unauffällig eleganter Bau mit großen Sheddächern entstanden.

Vier Räume, exakt dem Grundriß von Brancusis Original-Atelier nachgezeichnet, beherbergen jetzt den kostbaren Nachlaß des Bildhauers, der sein Leben lang auf der Suche nach der absoluten Form Holz, Stein und Metall bearbeitete: 137 Skulpturen sowie 87 Sockel und Möbel. Auch die Aufstellung hat Modellcharakter; sie folgt der Choreografie, die der Künstler einst selbst vorgab, In den ersten beiden Räumen hatte Brancusi seine Säulen und stark stilisierten Skulpturen von Köpfen und Vögeln in dichter Nachbarschaft arrangiert. Dabei ging es dem Künstler wohl nicht nur um wirkungsvolle Präsentation. Renzo Piano: "Ich glaube, Brancusi hatte den Traum von einem rumänischen Wald im Kopf, in dem seine Werke Teil der Landschaft werden." Im dritten Raum, dem eigentlichen Arbeitsatelier, sind Werkbank und Amboß wieder aufgestellt, hängen Zirkel, Sägen, Stechbeitel und Hämmer in sorgsam ausgeführten Halterungen. Eine kleine Empore führt zur Schlafstätte des Künstlers. Der vierte Raum schließlich wurde von Brancusi als Depot und Materiallager genutzt.

Den gesamten Atelier-Nachbau können die Besucher nun umrunden und durch große Scheiben Einblick nehmen. Das Betreten des Ateliers - im Vorgängerbau noch möglich - hat die Museumsleitung aus konservatorischen Gründen verhindert. Die zuständige Kustodin Marielle Tabart: "Es war fast fahrlässig, die fragilen Werke solchen immensen Temperaturschwankungen auszusetzen und den direkten Kontakt mit ihnen zu erlauben." Öffnungszeiten: Mo, Mi-Fr 12-22, Sa, So 10-22.