Ausgabe: 04 / 1997
Seite: 38-43

''Kunst trägt kein Frischhaltedatum''

Von Axel Hecht Robert Fleck

''Kunst trägt kein Frischhaltedatum''

Keine andere Ausstellung bestimmt schon im Vorfeld so stark die Diskussion auf der Kunstszene wie die documenta. Am 21. Juni wird in Kassel die d X, die zehnte Weltausstellung internationaler zeitgenössischer Kunst, eröffnet.

Die Jubiläumsschau (bis 28. September) ist zugleich die letzte documenta in diesem Jahrhundert - und dabei die erste, deren Leitung einer Frau übertragen wurde. In der Schlußphase der Vorbereitung sprachen die ART-Redakteure Robert Fleck und Axel Hecht mit der aus Paris stammenden documenta- Chefin Catherine David über Programm, Ausrich- tung und Risiken ihres "Museums der 100 Tage" ART: Catherine David, vor zwei Jahren haben Sie gesagt: "Wie das Medium Film ist die documenta als langsame und geduldige Arbeit der Montage aufzufassen." Jetzt ist der Film kurz vor der Vollendung. Wie beschreiben Sie in diesem Augenblick den Zustand Ihrer documenta X? Catherine David: Das Tempo nimmt zu, da wir am Stichtag fertig sein müssen. Beim Film ist man ja oft flexibel die Premiere einer documenta aber kann man nicht verschieben. Eine riesige Kulturveranstaltung dieser Art hat eigene Gesetze. Nehmen Sie nur die Tatsache, daß wir verschiedene Ausstellungsorte bespielen: So befindet sich der Kulturbahnhof noch im Umbau, er steht uns erst in letzter Minute zur Verfügung. Kurzum: Man benötigt eine beinahe militärische Organisation des documenta-Teams, so überraschend das aus dem Mund einer Französin klingen mag, Aber ich bin zuversichtlich, daß zum 20. Juni alles fertig wird. ART: Wie wird sich Ihre documenta von früheren unterscheiden? Ihr Vorgänger Jan Hoet hat 1992 mit der documenta 9 zwar viele schlechte Kritiken geerntet, doch hat ihn der beispiellose Publikumserfolg von 609000 Besuchern auch bestätigt. David: Mich störte von Anbeginn, daß alle Maßstäbe von der documenta 9 abgeleitet wurden. Als ob das Abenteuer documenta nicht bereits 1955 begonnen hätte! Das ist keine Pauschalkritik an Jan Hoet. Die documenta hat ja ihre eigenen starren Gesetze und weckt stets große, unerfüllbare Erwartungen. Ich will aber nicht der Faszination bestimmter populärer Aspekte erliegen. Die documenta X wird kein Jahrmarkt der Kunst, keine enzyklopädische Aufzählung. In einer Zeit, die von einer enormen Verwirrung geprägt ist - in der Kunst, aber auch in Gesellschaft und Politik -, gilt es, das ästhetische Denken und die künstlerischen Vorstellungen neu zu befragen, und zwar nicht nur in der bildenden Kunst. Also keine Ausstellung zum ewigen Thema: Was gibt es Neues? Sondern die großen Fragen der Gegenwart im Spiegel der Künste. ART: Einen wichtigen Teil Ihrer Ausstellung nennen Sie "Retroperspektive". Was verstehen Sie darunter? David: Wenn ich Retroperspektive sage, meine ich nicht Retrospektive im musealen Sinn. Ich zeige Künstler, die eher Antihelden der Kunstszene waren und deren Werke, obgleich sie in den sechziger und siebziger Jahren entstanden, noch heute unverbraucht und hochaktuell sind, Ich denke an den Amerikaner Gordon Matta-Clark, den Brasilianer Helio Oiticica oder an den Belgier Marcel Broodthaers. Sie sind leiderjung gestorben, sonst nähmen sie in der künstlerischen Debatte der Gegenwart einen zentralen Rang ein. Sie alle waren keine Künstlerfürsten und Alleinunterhalter und keine Leute, die mit dem Spektakulären geliebäugelt haben. ART: Zur Retroperspektive haben Sie aber auch den noch lebenden Italiener Michelangelo Pistoletto eingeladen. David: Das ist kein Widerspruch, denn ich will ja gerade in einer solchen Mammutveranstaltung zeigen, daß ein künstlerisches Werk sich über lange Zeiträume hinweg entwickelt und nicht kurzfristigen Modetrends folgt. Kunstwerke tragen nun mal kein Frischhaltedatum wie Salate. ART: Und wo ist da die Perspektive, Ihr Blick nach vorn? David: An der Retroperspektive soll durchaus auch die Veränderung der künstlerischen Praktiken sichtbar werden. Dieses Problem beschäftigt heute viele. Die documenta X wird also nicht die Frage beantworten: "Wie wird die Kunst im 21. Jahrhundert aussehen?" Diese Frage ist absurd, wir sind ja keine Hellseher und Wahrsager. Aber die Fragen, was ist ein Kunstwerk, welche neuen Formen nimmt die Kunst an, wie sieht die Rolle des Künstlers aus - diese Fragen beschäftigen mich sehr, und sie stehen auch im Zentrum der gegenwärtigen Debatte. Hier bietet die documenta eine einmalige Chance. Wenn man sie nicht als bloße Momentaufnahme begreift, kann man zeigen, wie sich die Auffassung von Kunst verändert hat. Die Größe dieser Veranstaltung und die Erwartungen des breiten Publikums - all das schafft enorme Zwänge, aber im Vergleich zu Museen und anderen Bereichen des Kunstbetriebs stellt die documenta auch einen unermeßlichen Freiraum bereit. Den werden wir uns nicht nehmen lassen. ART: Sie haben Werke versprochen, die noch eine "ästhetische, kognitive, sinnliche und sogar ethische Erfahrung" ermöglichen. Können Sie dafür Beispiele nennen? David: Ich denke an Gerhard Richter, dessen "Atlas der Fotos, Collagen und Skizzen" im Rahmen der Retroperspektive gezeigt wird. Er entstand zwar schon in den sechziger und siebziger Jahren, doch mir ist es wichtig, ein großes Publikum, das diese Arbeit nicht kennt, mit dieser umfassenden Gegen-überstellung fotografischer Bilder aller Art zu konfrontieren.

ART: Wird es noch mehr solcher Werke geben? David: Aufgabe der documenta ist es nicht, einen Überblick über die Kunstgeschichte seit 1955 zu geben oder noch mehr Kunstwerke aufzuspüren, die zu Unrecht kaum bekannt sind. Wir befinden uns in einer Epoche der allgemeinen Desorientierung. In politischer Hinsicht herrscht extremer Konservatismus, teils gar Reaktion. Da schien mir der Beweis nötig, daß die zweite Jahrhunderthälfte keine Verfallszeit der Kunst darstellt, sondern daß es starke künstlerische Äußerungen gab und gibt. Wir zeigen Werke, die wichtige Fragen gestellt haben und die nach wie vor gültig sind. ART: Wen wollen Sie mit Ihrer documenta überhaupt erreichen? David: Eine documenta wendet sich an viele Publikumsgruppen, mit jeweils unterschiedlicher Vorbildung, Erwartung und Interessenlage. Ich habe mir ein Modell der konzentrischen Ringe zurechtgelegt. Manche Publikumsgruppen werden alle Ringe, alle Ebenen der Ausstellung, erfassen. Andere dagegen betreten nur zwei Ringe oder einen. Dabei ist mir wichtig, daß die Ausstellung Besuchern, die zum ersten Mal überhaupt zeitgenössische Kunst erleben, ebenso etwas sagt wie den abgebrühten Experten. ART: Sie haben zweifelnd gefragt: "Kann Kunst noch ein Zeuge sein?" Haben Sie unter den Künstlern von heute Zeugen und authentische Bilder entdeckt? David: Ich suche nicht authentische Bilder, sondern künstlerische Positionen, die heute auch eine Zeugenschaft über die Epoche einschließen. Allerdings stoßen dabei zahlreiche Äußerungen der politisch korrekten Kunst aus den neunziger Jahren an ihre Grenzen. Geschichte erschöpft sich nicht in festen Vorstellungen und Bildern. Diese Kunst ist sicher voller guter Absichten. Doch wenn manche Künstler sagen, sie dächten über Geschichte und Gedächtnis nach, sehe ich bei ihnen leider nur Klischees. ART: Ihre documenta grenzt die Bilder der heutigen Kunst ab gegen die Konkurrenz der Bilder aus dem Fernsehen, aus der Werbung, aus dem Internet und aus dem Alltag. Eine ähnliche Analyse hat ja auch Harald Szeemann mit seiner documenta 5 im Jahr 1972 versucht. Wodurch unterscheidet sich Ihr Ansatz von Szeemanns damaliger Position? David: Die beiden Epochen sind nicht vergleichbar. Wie die meisten aus meiner Generation habe ich die documenta 5 nicht mit eigenen Augen gesehen. 1972 war Höhepunkt und Abschluß einer überaus dynamischen und intensiven Zeit - gerade auch in der Kunst. Die Zeit der Utopien, des Aufbruchs. Davon sind wir heute weit entfernt. Die Rolle der Bilder ist heute noch weit entscheidender als damals, Ich halte nicht viel von Gegenüberstellungen der guten Bilder der Kunst und der schädlichen Bilder der Medien. Nehmen Sie nur das Internet: Da gibt es jede Menge langweilige und schlechte Dinge, aber von Zeit zu Zeit finden Sie ein interessantes Projekt. Ähnlich ist es mit dem Fernsehen. Neben viel Schwachsinn gibt es auch Arte, was beweist, daß gutes Fernsehen mit ein wenig Hartnäckigkeit möglich ist. ART: Sie bezeichnen die Zeit der documenta 5 als überaus lebendige, produktive Epoche der Kunst. Kommt Ihnen die Kunst heute weniger vital vor als 1972? David: Wenn man sich die Mühe macht, etwas genauer hinzusehen, entdeckt man, daß sich durchaus grundlegende Dinge im ästhetischen und geistigen Bereich ereignen, allerdings nicht ausschließlich innerhalb der bildenden Kunst. Den entscheidenden Gedanken und Neuerungen der Kultur begegnet man heute häufig anderswo. Die Museen sind in der Krise und derzeit nicht gerade sehr lebendig. ART: Sie wollen in Ihrer documenta die Kunst über die Kunstwelt hinausführen und andere Bereiche einbeziehen? David: Ich wäre froh, wenn dies als das eigentliche Thema der documenta X erkannt würde. Wir möchten der ästhetischen Erfahrung ihren angestammten Rahmen zurückgeben, nämlich den Raum der Kultur im weitesten Sinn. Die documenta stellte zumindest bis Ende der siebziger Jahre die liberale Variante der modernen Kunstausstellung dar. Heute erleben wir das Ende dieser Ausstellungsform und das Ende des White Cube, des klaren, weißen Ausstellungsraums der Moderne. Heute noch eine Ausstellung mit breitem Informationscharakter und universalistischem Anspruch zu machen ist eigentlich nicht mehr möglich; und wenn man es dennoch wagt, so sind grundlegende Veränderungen nötig, die der Besucher hoffentlich spüren und als Erfahrung mit nach Hause nehmen wird. Ich glaube nach wie vor an das individuelle Erlebnis vor dem Kunstwerk, das Sichhineinversetzen in das Bild. Keine Angst. Es gibt keine allgegenwärtigen Schrifttafeln an jeder Wand. ART: Vermischt Ihre documenta nicht Elemente der herkömmlichen Kunstausstellung mit den Elementen eines Symposiums? Wir meinen die Sektion " 100 Tage - 100 Gäste". David: Viele Leute denken, " 100 Tage-100 Gäste" sei ein Vortragszyklus, und fragen sich, was das auf der documenta soll. Wir haben jedoch Künstler eingeladen, deren Arbeit in Performances, theatralischen Auftrittsformen besteht oder die sonst etwas zu sagen haben. Daneben kommen Schriftsteller, Musiker, Filmemacher, Städtebauer, auch Architekten wie Rem Koolhaas und Philosophen wie Etienne Balibar zu Wort. Dabei interessiert mich keineswegs, was Etienne Balibar über zeitgenössische Kunst denkt. Darüber wird er auch nicht sprechen, sondern eher über kulturelle Identitäten; denn da ist er Experte. ART: Als Sie zur Leiterin der documenta X berufen wurden, geschah das auch in der Erwartung eines multikulturellen Konzepts. Lösen Sie diese Erwartung ein? David: Das war auch so ein Mißverständnis. Es ist in der Kunstwelt Mode geworden, Künstler aus Afrika und Asien einzuladen. Das ist zumeist eine Alibi-Geste, im besten Fall Konformismus, bisweilen auch einfach Kolonialismus. Für solchen Exotismus bin ich nicht zu haben. Die ungleichmäßige Entwicklung der Moderne in den verschiedenen Teilen der Welt äußert sich in sehr unterschiedlichen Traditionen. Deshalb auch die "100 Gäste". Es gibt Länder, in denen die zeitgenössische bildende Kunst keine wesentliche Rolle spielt, während starke Werke der Literatur und der Musik entstehen. Nur: Wie stellt man das aus? Deshalb ist es notwendig, Schriftsteller, Filmemacher und Musiker aus Afrika in die documenta zu holen. Andere Länder, Brasilien etwa, haben dagegen ihren legitimen Platz in der bildenden Kunst der Avantgarde. Die abstrakte Kunst von Helio Oiticica ist uns unmittelbar zugänglich. Es wäre also völlig verfehlt, von "Dritte-Welt-Kunst" zu sprechen. ART: Sie haben gesagt: "Die documenta X nimmt bewußt die ganze Stadt ein." Meinen Sie das metaphorisch, oder setzen Sie auf Ihrem documenta-Parcours vom Kulturbahnhof bis zum Flußufer der Fulda besondere urbane Akzente? David: Kassel ist eine mittlere Stadt in einer tiefen wirtschaftlichen Krise, die durch den Mauerfall und die Globalisierung ausgelöst wurde. Die Epoche des Wiederaufbaus nach 1945 ist heute endgültig abgeschlossen, und wir haben das durchaus zum Themaerhoben. Nicht mit der Aufstellung von Großskulpturen und anderen, oft pseudokritischen Kunstwerken, sondern in Form eines präzisen Parcours. Zum ersten Mal macht eine documenta die Stadt wirklich zum Thema. Der Parcours beginnt beim Kulturbahnhof, einer Art architektonischer Rückblende auf den Wiederaufbau, und verläuft bis zur Fulda. Die Karlsaue wird diesmal nicht bespielt, denn 1997 halte ich es für anachronistisch, in einem Barockgarten auszustellen. ART: Welchen Stellenwert hat die Kunst mit neuen Medien in Ihrer documenta - also Film, Video, Computerkunst, Internet? David: Selbstverständlich kommen die neuen Medien zu Wort. Doch weder als eigene Abteilung im Ghetto noch als messianische Botschaft vom Heilsbringer Elektronik. Es wird hier und da Bildschirme in der Ausstellung geben, auch Internet-Stationen. Mehrere künstlerische Projekte im Web werden speziell für die documenta entworfen. Doch Internet ist ein Hilfsmittel, nicht mehr. Die Anhänger von Technologie über alles werden enttäuscht sein, ebenso wie die reinen Puristen. Vor dem neuen Akademismus vieler Medienkünstler mit ihrem exhibitionistischen Gehabe will ich mich hüten. ART: Noch keine documenta-Leitung war im Vorfeld so gut daraufvorbereitet, ihren Besuchern jede Art von Vermittlung anzubieten. Ihr Führungsdienst offeriert nicht nur Informationen in mehreren Sprachen bis hin zur Gebärdensprache der Taubstummen. Jeder Besucher kann sich auch unterschiedliche Intensitätsgrade aussuchen. Wie wichtig ist für Sie die Vermittlung? David: Gute Führungen sind bei der documenta nichts Neues, die verschiedenen Intensitätsgrade dagegen schon. 40 Prozent der Besucher, so wissen wir, wünschen eine Führung. Das ist doch eine enorme Zahl. Und wenn man schon Führungen anbietet, dann am besten auch gleich gute. Es klingt vielleicht paradox, wenn ich das sage. Denn Museumspädagogik ist nicht gerade mein Steckenpferd. Aber wenn sie mich davor bewahrt, in der Ausstellung selbst populistisch zu sein, wird sie bedeutend. ART: Service bis ins kleinste Detail? David: Diese scheinbaren Details sind mitbestimmend für den Eindruck, den der Besucher mit nach Hause nimmt. Man darf nicht verwirrt herauskommen mit dem Gefühl, sich gelangweilt und Zeit und Geld vergeudet zu haben. Wenn man das Schlangestehen in praller Sonne vermeiden kann, die Getränke vernünftige Preise haben und Kinder die Ausstellung ohne ermüdende Marathonwanderungen besichtigen können, dann zählt das doch. Die Besucher müssen fühlen, daß sie in der documenta willkommen sind und ernst genommen werden. Danach können sie denken, was sie wollen. Aber man hat sie immerhin respektiert. Das ist das mindeste. Denn schließlich zahlen sie, und wir arbeiten mit öffentlichem Geld. ART: Zu Ihrem Vermittlungskonzept gehört auch "Das Buch", eine spröde, dickleibige Publikation, die den Katalog ersetzen soll. Darin publizieren Sie, was Sie nichtzeigen wollen oderkönnen. Offenbart dieser Ansatz vielleicht ein Stück Zweifel der documenta-Macherin an der Überzeugungskraft der ausgestellten Arbeiten? David: Da bin ich nicht einverstanden. Der traditionelle Katalog funktioniert bei zeitgenössischer Kunst ja kaum noch.

Es gibt keine Entsprechung mehr zwischen einer Katalogabbildung und einer künstlerischen Arbeit, die sich als Installation in den dreidimensionalen Raum ausbreitet. Andererseits kann man die Fragen und Probleme, die eine Installation stellt, im Medium Buch sehr wohl dokumentieren und kritisch beleuchten, Im Gegensatz zum üblichen Katalog ist "Das Buch" interessant und lesbar, selbst wenn man die Ausstellung nicht gesehen hat. Wenn sich schon so überraschend viele Leute anläßlich der documenta für zeitgenössische Kunst interessieren, und zwar auch solche, die nicht nach Kassel reisen können oder wollen, dann kann man sie doch nicht links liegenlassen. Die Ausstellung, "Das Buch" und das Programm " 100 Tage _ 100 Gäste" bilden zusammen das Ereignis documenta X. Diese drei Bereiche sind mannigfaltig verzahnt. Zudem gibt es selbstverständlich einen Kurzführer, in dem die Künstler alphabetisch aufgeführt sind. ART: Rechnen Sie mit Protesten von Besuchern, die nur für einen Tag nach Kassel kommen können und dadurch nicht das ganze Filmprogramm erleben und von den 100 Gästen auch nur einem einzigen zuhören können? David: Ja und nein. Ich habe in meinem Leben bislang dreimal eine documenta besucht und niemals alles gesehen. In einer Poussin-Retrospektive mit 90 Bildern können Sie alles sehen. Aber in einer Ausstellung zeitgenössischer Kunst ist das unmöglich. Sobald Sie Werke zeigen, die sich - wie seit Ende der fünfziger Jahre üblich _ in der Gesamtheit eines Raumes entfalten, wird es sinnlos zu sagen: "Ich habe alles gesehen." Heute gibt es zudem noch Werke, die für den virtuellen Raum von Internet entworfen und verwirklicht werden. Das heißt, Sie besichtigen die documenta, befinden sich aber bei sich zu Hause.

Die Neuerung bei documenta X ist die umfassende Information darüber, was jeweils stattfindet. Wir werden rechtzeitig übersichtliche Programme herausgeben. Der Besuchertrifft dann seine Wahl. Darüber hinaus bieten wir die Möglichkeit, die Filme nachzuholen, die man verpaßt hat. ART: Sie kennen als einzige das ganze Konzept und die Problematik Ihrer Schau - wie viele Besucher erwarten Sie im Sommer 1997 in Kassel? David: Wir benötigen 500 000 Besucher, um in die schwarzen Zahlen zu kommen und ohne Defizit die Voraussetzung für eine Fortsetzung der documenta zu schaffen.

Das ist ein wirtschaftlicher Zwang. Als ich zur künstlerischen Leiterin der documenta X bestellt wurde, war das Budget bereits beschlossen. Man hatte an der documenta 9 Maß genommen. Mir wäre ein kleinerer Rahmen fast lieber gewesen. So sind wir in der Zwangslage, viel Geld das wir nicht haben, erst mal auszugeben, um es anschließend wieder zu verdienen. ART: Wird alles rechtzeitig zur Er-öffnung fertig, oder sind Sie noch im Risiko? David: Wir liegen mehr oder weniger im Zeitplan. Wenn alles schon drei Tage vor der Eröffnung fertig würde, wäre es keine documenta. Ich habe keine Angst vor der Vorstellung, zwischen zwei Ministern noch rasch eine Wand weiß zu streichen. Es gibt Werke mit kompliziertem Aufbau. Dafür wurde alles generalstabsmäßig geplant. Die Anzahl der Zwischenwände ist festgelegt, das Material geordert. ART: Warum verzichten Sie darauf, den zentralen Platz vor dem Fridericianum mit Kunstwerken zu beleben? Noch kein documenta-Macher hat sich das entgehen lassen.

David: Ich denke nicht, daß der Platz ein guter Ort für Kunstwerke ist. Er wird doch schon so sehr beansprucht von all den Menschen, die das Fridericianum betreten und verlassen, daß er für Kunst einfach zu laut ist. Lebendig ist er auch so, das können Sie mir glauben, durch all die Würstchenbuden und den Buchladen. Zudem ist die Idee des Skulpturenparks heute überholt. Ich denke, wir finden andere Möglichkeiten, die Kasseler Bevölkerung einzubeziehen, ohne ein solches Alibi-Spielzeug vor dem Fridericianum. ART: Wie fühlen Sie sich inzwischen in Kassel? David: In einer ganz normalen Arbeitssituation - ich pendle zwischen Wohnung und Büro, Ich habe das Gefühl, bei einer vergleichbaren Ausstellung in Los Angeles wäre es genauso. Es handelt sich um eine aufreibende Teamarbeit. Zehn Jahre lang sollte man ein solches Leben nicht führen, man würde verrückt.