Ausgabe: 04 / 1997
Seite: 44-53
Der sachliche Blick
Von Klaus Honnef
Noch immer gilt sein Buch mit 100 Aufnahmen und dem provokanten Titel "Die Welt ist schön" ( 1928) in der deutschen Fotografenszene als Bibel fotografischer Ästhetik. Die Kulturkritik dagegen verurteilte es gleich nach Erscheinen als Paradebeispiel für die Verlogenheit des Mediums: In dem Buch entlarve sich, so höhnte etwa Walter Benjamin, "die Haltung einer Photographie, die jede Konservenbüchse ins All montieren, aber nicht einen der menschlichen Zusammenhänge fassen kann". Albert Renger-Patzsch, vor 100 Jahren am 22. Juni in Würzburg geboren, ist nach wie vor ein umstrittener Fotograf. Seine Anhänger feiern ihn als Erneuerer der deutschen Fotografie; seine Gegner verunglimpfen ihn als "photographischen Schmock" (Benjamin). Er selbst sah sich als Vorkämpfer einer von ihm selbst so benannten "fotografischen Fotografie".
"Dieses Buch", so sagte er über "Die Welt ist schön", "war die Kampfansage gegen die Fotografen, denen die Fotografie nicht "künstlerisch' genug war, die glaubten, durch manuelle Eingriffe schlechte Fotos zur Kunst erheben zu können."Albert Renger-Patzsch kommentierte seinen Standpunkt gerne und ausführlich. Er fühlte sich verpflichtet, das Medium Fotografie von allen ästhetischen Ansprüchen zu befreien, die den technischen Voraussetzungen zuwiderliefen. Nicht malerische Stimmungen im Dämmerlicht zu beschwören war das Ziel seiner fotografischen Ästhetik, sondern die Dinge der sichtbaren Wirklichkeit mit technischer Präzision so sachlich wie möglich zu vergegenwärtigen. "Man sollte", so lautete sein Credo",in der Fotografie vom Wesen des Gegenstandes ausgehen, mit rein fotografischen Mitteln versuchen, diesen darzustellen, ganz gleich, ob es ein Mensch, eine Landschaft, eine Architektur oder sonst etwas ist." Renger-Patzschs Vater war ein begeisterter Amateurfotograf; mit zwölf Jahren begann auch der Sohn zu fotografieren. Gleich nach dem Abitur an der Kreuzschule in Dresden wurde er Soldat, von 1916bis 1918 _ der Erste Weltkrieg hat sein Bewußtsein nachhaltig geprägt: Auch für Albert Renger-Patzsch ist mit der Niederlage Deutschlands eine ganze Welt zusammengebrochen; vielleicht erklärt sich aus dieser Erfahrung sein Widerwillegegen die idealisierende, romantisierende - gegen die bildungsbürgerliche Kultur. Als Leiter der Bildstelle im Folkwang-Archiv in Hagen traf er auf Ernst Fuhrmann, einen umtriebigen und gebildeten jungen Mann aus dem Hamburger Bürgertum. Mit Renger-Patzsch teilte er die Leidenschaft für die Fotografie. Unter Fuhrmanns Namen erschienen zahlreiche Bücher und Fotografien in neuem, betont sachlichem Stil, aber noch immer ist sich die Forschung nicht darüber einig, ob er überhaupt fotografiert hat. Fest steht, daß Renger-Patzsch in seinem Auftrag an der berühmt gewordenen Buchserie "Die Welt der Pflanze" arbeitete. In dieser Zeit bildete sich die charakteristische Bildsprache des jungen Fotografen aus; seine erste Publikation über "Das Chorgestühl von Cappenberg" ist schon ein markantes Beispiel dafür. Die erfreuliche Resonanz veranlaßte Renger-Patzsch, sich im niedersächsischen Bad Harzburg selbständig zu machen. In rascher Folge erschienen in Berlin zwei weitere Bücher mit seinen Bildern, "Die Halligen" ( 1927) und "Lübeck" ( 1928), ehe er mit seinem programmatischen"Die Welt ist schön" Aufsehen erregte. Wäre es nach dem Fotografen gegangen, hätte das Werk schlicht "Die Dinge" geheißen - doch ist der wahrscheinlich vom Verleger Kurt Wolff erdachte Titel imHinblick auf die Auswahl der Aufnahmen treffender: Porträts, Stilleben, Tier-und Pflanzenbilder, Landschaften, Technik- und Architekturaufnahmen sowie Werbefotografien vereinigen sich zu einem unsystematischen Allerlei - der Reiz der Bilder liegt allein in ihrer ungewöhnlich sachlichen und schmucklosen Inszenierung. Erst vor dem Hintergrund der damals vorherrschenden Kunstfotografie gewinnt derEindruck des Außergewöhnlichen seine Konturen: In Wahrheit nämlich sind Renger-Patzschs Aufnahmen keineswegs frei von versteckten Romantizismen - und einzigartig war seine Bildsprache schon gar nicht. Fotografen wie August Sander, Werner Mantz und Karl Blossfeldt hatten sich dasgleiche fotografische Idiom zu eigen gemacht und waren sogar in Konzept und Ausführung noch radikaler. Und Laszlo Moholy-Nagy, Lehrer am Bauhaus in Weimar und später in Dessau, lieferte die gewagteren fotografischen Konstruktionen - ebenso wie Germaine Krull oder die sowjetischen Fotografen Alexander Rodtschenko und Boris Ignatowitsch. Der Schriftsteller Kurt Tucholsky entdeckte Parallelen auch in der amerikanischen Fotografie: "Diese reine Augenfreude am konkreten Ding, am Material, an der lebenden Sache", so kommentierte er Renger-Patzschs Beitrag zueiner Ausstellung in Paris, "findet sich nur noch bei den Amerikanern, die ambesten abgeschnitten haben. Das ist, um ein dummes Modewort abzuwandeln"alte Sachlichkeit', jene, die nie ausstirbt"der Spötter Tucholsky spielte auf die damals viel diskutierte "neue Sachlichkeit" in der Malerei an, deren Bilder zwar präzise wie Fotografien seinwollten, in der die Fotografie selbst aber keine Rolle spielte. Hinter der Strenge verbarg sich ein Romantiker Wie die meisten Gemälde der Neuen Sachlichkeit kennzeichnet auch die Fotografien von Renger-Patzsch eine merkwürdige stilistische Unentschiedenheit. In seltsamem Gegensatz zur behaupteten Klarheit des fotografischen Ansatzes steht der versteckte Romantizismus. Obwohl auch Sander und Blossfeldt ihre zeitgenössischen Abzüge merkbar nuancierter gestalteten, als spätere Prints suggerieren, schwelgt Renger-Patzschgeradezu im Auskosten subtiler Oberflächeneffekte und brilliert virtuos mit den feinsten Abstufungen der Grauwerte in seinen Schwarzweiß-Aufnahmen. Seine wenigen Porträts allerdings sind überwiegend schwach; sie berühren sich in der ästhetischen Auffassung mit den völkisch-rassistischen Typen-Bildnissen von Erna Lendvai-Dircksen und Erich Retzlaff. Ist es wirklich bloß Zufall, daß die Nationalsozialisten dem Fotografen aus BadHarzburg als einzigem Vertreter seiner Zunft zwei umfangreiche Einzelausstellungen widmeten? Tatsächlich war er wohl ein unpolitischer Mensch. Wie ein weltabgewandter Gelehrter wirkt er in den wenigen Porträts, die es vonihm gibt - ein Kopf mit markanten Zügen und scharf ausgebildetem Kinn: einer, der völlig in seiner Sache aufgeht. Sein vielleicht ehrgeizigstes Projekt schloß Renger-Patzsch nicht ab. Er war 1928 nach Essen gezogen, zum einen der lukrativen Werbe- und Industrieaufträge wegen, zum anderen aber auch, um aus eigener Initiative eine umfangreiche fotografische Dokumentation des gesamten Ruhrgebiets zu erstellen.Für kurze Zeit lehrte er auch an der Folkwangschule in Essen, gab dieVerpflichtung aber 1934 nach einem Jahr wieder auf. Die Ursache, heißt es, seien politische Differenzen gewesen; vermutlich stieß sich der Fotograf an der Strategie der Nationalsozialisten, die Fotografie auf die Rolle eines Handwerks zu beschränken. Sein Archiv verblieb gleichwohl in der Folkwangschule; gegen Ende des Krieges fiel es größtenteils einem Bombenangriff zum Opfer. Selbst während des Krieges wurden seine Bücher publiziert",Deutsche Wasserburgen" (1940) oder "Land am Oberrhein" ( 1944). Eine geplante Ver-öffentlichung über Baden und das "deutsche Elsaß" blieb liegen. Nach 1947 kam neuerlich Buch auf Buch heraus. Themen waren Städte, Landschaften, "Bäume" ( 1962) - mit einem Essay von ErnstJünger - und "Gestein" (1966), wozu der konservative Schriftsteller wiederum einen Beitrag leistete. Obwohl er sich nach der Kapitulation des Deutschen Reichs weitgehend zurückgezogen hatte und nur noch selten in die zeitgenössischen Debatten zur Fotografie eingriff, wuchs der Einfluß des Fotografen auf die jüngere Generation. Dennoch, so berichten seine Anhänger, war er verbittert _ offenbar paßte ihm die ganze Richtung nicht mehr. Den Bestrebungen einer subjektiven Fotografie, die der Mediziner und Fotograf Otto Steinert in den fünfziger Jahren proklamierte, stand er skeptisch gegenüber. Die Fotografie "soll erkennen, aufzeigen", sagte Renger-Patzsch. "Will sie deuten, überschreitet sie meist schon ihre Grenzen. Sie soll das der Kunst, in bestimmten Fällen der Wissenschaft überlassen." Sicherlich war das seine tiefste Überzeugung; aber sein fotografisches Werk zeigt, daß er die Welt dennoch gedeutet hat - und genau darin liegt seine Größe.Ausstellungen: Alfred Renger-Patzsch im Museum Folkwang Essen (bis 30. April). Albert Renger-Patzsch-Retrospektive zum 100. Geburtstag. Sprengel Museum Hannover, 13. April bis 22. Juni. Weitere Stationen: Württembergischer Kunstverein, Stuttgart, 10. Juli bis 7. September. Fotomuseum Winterthur, 22. November bis 18. Januar 1998. Haus der Kunst, München, 30. Januar 1998 bis 13. April 1998. Zur Retrospektive erscheint ein 16() Seiten starker Katalog "Meisterwerke" im Verlag Schirmer/ Mosel München, zum Preis von 45 Mark, Buchhandelsausgabe: 98 Mark. Die Städtische Galerie Würzburg zeigt vom 22. Juni bis 17. August Arbeiten aus dem Frühwerk des Künstlers sowie Aufnahmen seines Vaters Robert Renger-Patzsch; das Sauerland-Museum in Amsberg übernimmt die Schau und zeigt sie in erweiterter Form vom 7. September bis 12. Oktober. Zu dieser Ausstellung erscheint ein Katalog mit 60 Tafeln zum Preis von 40 Mark. Albert Renger-Patzsch Archiv: In ihrem "Archiv Ann und Jürgen Wilde" arbeiten die ehemaligen Kölner Galeristen seit 1985 professionell die Nachlässe der Fotografen Albert Renger-Patzsch und Karl Blossfeldt auf. Vom Land Nordrhein-Westfalen 1991 in die Liste national wertvoller Archive aufgenommen, von der Kulturstiftung der Stadtsparkasse Köln unterstützt, stehenFotografien, Dokumente, Korrespondenzen und die Bibliothek dem Fachpublikum nach schriftlicher Anmeldung zur Verfügung (50670 Köln, Im Mediapark 7).
