Ausgabe: 04 / 1997
Seite: 90-91

Mit den Augen eines Sehers

Von Carmela Thiele

Seine poetischen Metaphern für die Gewalten der Natur, für Liebe, Tod und Zerstörung hat Enzo Cucchi als Zeichner entwickelt. Als Maler großformatiger Bilder und als Bildhauer wurde er in den achtziger Jahren einer der Stars der italienischen "Transavanguardia". Jetzt bereichert er sein Repertoire um ein neues Motiv und eine alte Technik. Das Motiv ist das Auge, die Technik das Fresko, an dem Cucchi die Leuchtkraft der Farben und die Dauerhaftigkeit reizt, nicht jedoch die Eigenschaft, untransportabel zu sein. Deshalb trug er den nassen Putz aufquerformatige Holzpaneele auf. 33 davon hat er zum Zyklus "Piu vicino alla Luce" (Näher zum Licht) vereint, der nun im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum gezeigt wird.

Cucchi, 1950 in Morro d'Alba bei Ancona als Sohn armer Bauern geboren, ging mit15 Jahren nach Florenz und arbeitete eine Zeitlang bei einem Restaurator. Bis er 1977 seine ersten Einzelausstellungen in Mailand und Rom hatte, schlug er sich als Kellner, Zigarettenschmuggler und Landvermesser durch. Während dieser Zeit zeichnete er ständig _ eine Obsession, die ihn bis heute beherrscht. Inzwischen zählt Cucchi, dem das New Yorker Guggenheim Museum bereits 1986 eineEinzelschau widmete, zu den erfolgreichsten Künstlern der Welt. In Cucchis Werk taucht häufig ein längliches Antlitz auf, ein stilisiertes Selbstbildnis, das erstaunt, entzückt oder erschreckt wahrnimmt, was das Leben an Wundem, Leiden und Träumen zu bieten hat, In "Näher zum Licht" reduziert sichdas Gesicht zum Auge - "als Einzelauge, als Augenpaar, als Augen-Akkumulation, als Augenkopf, als Auge im Antlitz, als Körperauge, mit weißem oder stark buntfarbigem Augapfel, der zwingend schwarzen Iris und einer glanzlichtartigen, wei-ßen Pupille", wie der Museumsdirektor Ulrich Schneider aufzählt. Vordergründig bezieht sich der Künstler, wie in einigen der Arbeiten deutlich wird auf die Augen von Pablo Picasso, etwa in "Guardata Curva" (Blick Windung). 1996, im selben Jahr, als der Licht-Zyklus entstand, setzte er sich in einem Grafik-Ensemble auch mit dem Gesicht und der Sicht des Jahrhundertkünstlers auseinander. Cucchi nutzt das Motiv jedoch in seinen unterschiedlichen Bedeutungen: Das Augeals Fenster der Seele, der Augapfel als biblisches Bild einer gehüteten Kostbarkeit, als alttestamentarisches Zeichen von Weisheit, aber auch als heidnisches Symbol zur Abwendung des Bösen. Zugleich ist der Blick in die Vergangenheit und in eine bedrohliche Zukunft gerichtet - auf zwei Tafeln ist das Augenmotiv mit stilisierten Uhren kombiniert. Cucchi benutzte Scherenschnitte aus grobem Packpapier, die er auf dem Putzbett auslegte und umriß, ehe er mit heftigen Pinselhieben Farbe aufbrachte. Die Papiere fügte eranschließend zu 33 Collagen zusammen, die den Fresken in Motiv und Format gleichen,jedoch im Gegensatz zu deren wilder Farbigkeit monochrom eingefärbt sind. So erlebt der Betrachter Cucchis Reflexionen doppelt. Die 66 Bilder, so Direktor Schneider, lassen ihn Cucchis "große Geste und feineSensibilitäten verspüren und in der Ausstellung Feste der Göttin Mnemosyne feiern". Mnemosyne hieß bei den Alten Griechen die vergöttlichte Personifikation der Erinnerung. Von Zeus geschwängert, wurde sie zur Mutter der Musen. Carmela Thiele Zur Ausstellung ( 12. April bis 8. Juni) erscheint ein 180 Seiten starker Katalog zum Preis von 43 Mark.