Ausgabe: 04 / 1997
Seite: 62-71
Expedition in die Vorzeit der Kunst
Von Karl Gerstner
Der Amerikaner Carl Schuster ( 1904 bis 1969) war einer der eigenwilligsten und faszinierendsten Völkerkundler unserer Zeit. Er konzentrierte sich auf die Erforschung der ältesten Symbole der Kulturgeschichte, studierte Artefakte aus Stein, Knochen, Elfenbein und erkundete auf seinen Reisen, was an Traditionen lebendig geblieben war. Dabei waren ihm nicht nur die Gegenstände wichtig, sondern auch die Menschen. Er mußte mit ihnen reden und auch durch ihre Sprache verstehen lernen, was sie bewog und was sie bewegten. Schuster kannte Kunst auf jedem Niveau. Aber seine Passion galt der Volkskunst der Dörfer und Hütten. Für ihn war die Kunst der Städte und Paläste zwischen wechselnden Moden hin und hergerissen. Und die Kunst der Weltreligionen verfälschte in seinen Augen die alten Symbole, deutete sie um, um sie ihren Zwecken dienstbar zu machen.
Aufvier Wanderungen von Westchina bis nach Südostasien sammelte Schuster in den dreißiger Jahren hauptsächlich Stickereien und Webereien. Dabei galt sein Interesse vor allem der Form, den Mustern und den Motiven. Wo andere nur Verzierung erblickten, entdeckte er Symbole. Ihre Bedeutung, den Inhalt dieser Formen zu entschlüsseln, wurde ihm zur Leidenschaft. Dabei ging er von einer Annahme aus, die schon damals nicht neu und nicht modern war: daß in den unterschiedlichsten Erdgegenden gleiche Motive vorkommen.
Ein gemeinsames Erbe der Menschheit, ohne Zweifel. Der Schweizer Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung ( 1875 bis 1961 ) begründete diese höchst erstaunliche Tatsache damit, daß dieser gemeinsame Zeichenvorrat, diese Archetypen, den Menschen sozusagen in den Genen mitgegeben wurde. Schuster kam zu einer anderen Überzeugung, die neu und modern ist: Die Zeichen, von Menschen in vorgeschichtlicher Zeit geschaffen, seien durch Überlieferung auf uns gekommen _ über die ganze Welt verstreut in Objekten und Begriffen, im immerwährenden Strom der Völkerwanderungen. Jung war von einer Theorie mit universalem Anspruch ausgegangen. Schuster orientierte sich an dem, was noch in Objekten der Volkskunst, in Sitten und Bräuchen abgelegener Völker und Stämme lebendig war. Von diesem wenigen hat Schuster alles Erreichbare gesammelt in einem Leben, das sich nur in Büchern, Museen und auf Reisen abspielte. Er studierte in Wien und Peking. 1938 mußte er vor den Japanern fliehen und kam nach Holland, wo er, der Jude, zwei Jahre später den einmarschierenden Nazis nur mit knapper Not in die USA entkam. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte er gut 20 Jahre - unterbrochen von Forschungsreisen - in Woodstock im Staat New York. Sein Archiv, das jetzt im Basler Museum für Völkerkunde lagert, umfaßt 250 000 Fotos, Tausende von bibliografischen Hinweisen und Karteikarten mit Skizzen und Diagrammen. Erhalten sind auch 18000 Seiten dichter Korrespondenz, geschrieben in mindestens 30 Sprachen - darunter Chinesisch, Russisch, Finnisch, Sanskrit, Ungarisch, Malayisch, Polnisch, Isländisch. Schuster bewegte sich so leicht durch die Sprachen, wie er sich durch Kontinente und Zeitalter bewegte. Und in New York liegt weiteres Material bereit, das demnächst nach Basel überführt wird; insgesamt neun Kubikmeter. Aus diesem Material hat Carl Schuster ein so überraschendes wie überzeugendes Puzzle zusammengesetzt. Anschaulich wird ein Bild des paläolithischen Menschen in seinem erlebten diesseitigen und vermuteten jenseitigen Leben. Vor allem aber fand Schuster Antworten auf Fragen, die den Frühmenschen am meisten beschäftigten - Fragen nach seinem Platz in der endlosen Kette des Daseins, nach der Identität seines Vaters, nach der Möglichkeit einer Wiedergeburt und nach der Ordnung des Kosmos. Schuster hat wenig publiziert. Einerseits, weil er von seiner Fachzunft nie ernst genommen wurde. Andererseits aus Perfektionismus: Er brachte keine Arbeit zu Ende, weil er stets neue Fakten und Belege fand. Ein einziges Mal sollte ein Buch von ihm erscheinen. Es hätte eine in Jahrzehnten gesammelte Dokumentation über das Ursymbol des Sonnenvogels enthalten. Doch bei Überprüfung der mit allen Farblithos druckreifen Korrekturbögen stolperte Schuster über einen Schwachpunkt in seiner Beweisführung und ließ den Druck nicht zu. Zu den wenigen, die Schusters Arbeit kannten und schätzten, gehört der französische Ethnologe und Philosoph Claude Levi-Strauss. Er schrieb: "Wenn Sozialanthropologen nur halb so interessiert wären an materiell existierender Kultur, wie sie vorgeben zu sein, sie würden Carl Schuster mehr Aufmerksamkeit zollen. Seinen faszinierenden Überblick über das weltweite Vorhandensein eines Typs von geometrischen Mustern führt er aufgrund ihrer geographischen Verbreitung und früher bekannter Beispiele auf paläolithische Zeiten zurück." Auch der amerikanische Anthropologe und Eskimo-Forscher Edmund Carpenter, Jahrgang 1922, ließ sich von den Forschungsergebnissen seines Kollegen überwältigen. In 15 Jahren erarbeitete er die zwölfbändige Publikation: Schuster/Carpenter: "Material für Studien über soziale Symbole in vorgeschichtlicher und Stammeskunst". Sie erschien in 600 Exemplaren bei der Rockfoundation, New York, und wurde kostenlos an Wissenschaftler und Bibliotheken verteilt. Carpenter leistete dabei weit mehr, als von einem Herausgeber erwartet wird. Zwar hatte Schuster einen Fundus hinterlassen, der Stoff für Generationen von Forschern enthielt, doch kein einziges druckbares Manuskript. So war Carpenter gezwungen, den Text selbst zu schreiben, was dem Werk sicherlich gut bekommen ist. Denn er schreibt einen klaren Stil, den er als non-academic bezeichnet. Man mag bei ihm den Einfluß des Medientheoretikers Marshall McLuhan spüren, mit dem er in Toronto zusammenarbeitete, oder seiner Arbeit für das kanadische Fernsehen, dem er populäre Sendungen über Völkerkunde lieferte. Das jedenfalls ist der Eindruck beim Durchblättern der Bücher, in denen vorzügliches Bildmaterial dominiert: Das Abbildungsverzeichnis zählt 3973 Nummern. Dazu muß man wissen, daß es einerseits bloß einen Bruchteil des Schusterschen Materials enthält, andererseits aber durch neue, von Edmund Carpenter beigetragene Dokumente angereichert ist. Er ließ Fotos restaurieren, wo es nötig war, und Hunderte von Diagrammen, Skizzen und Zeichnungen neu anfertigen. Kurz: Carpenters Arbeit ist als kongenial zu bezeichnen, und gleichzeitig ist sie eine sensible Hommage an Carl Schuster, den Freund und das Vorbild. Am meisten überraschen die Zeit- und Raumsprünge, in denen Carpenter Schusters Material präsentiert - mit guten Gründen: "Wenn ich Beispiele aus Iberien und Papua, Afrika und Australien übereinanderlege, reiße ich sie nicht aus dem Zusammenhang heraus. Der einzige Zusammenhang ist ihre Ikonographie, ihre Bildersprache. In dieser Bildersprache zählen Epoche, Kultur und Stil wenig. Denn jedes ausgewählte Beispiel könnte ich leicht durch ein anderes ersetzen von einem anderen Stamm, aus einer anderen Periode. Ein Arrangement wird durch Form bestimmt, nicht durch Geschichte." Die Dinge so synchron statt ungleichzeitig zu betrachten, das erlaubt Edmund Carpenter auch sein engeres Forschungsgebiet, die Kultur der Eskimos. Sie lebten und leben unter ähnlichen Bedingungen wie die eiszeitlichen Jäger in Europa und Asien. Ebenso weist ihre Kunst eine frappierende Ähnlichkeit mit der Kunst jener Stämme auf. Nur: Dazwischen klafft eine Lücke von einigen tausend Jahren. Die älteste Eskimokunst ist vielleicht 3000 Jahre alt, die jungsteinzeitliche zwischen 10 000 und 40 000. "Man kann sich", so Edmund Carpenter, "des Eindrucks nicht erwehren, daß die Eskimos in ihrer Kunst - wie in anderen Domänen des Lebens - paläolithische Traditionen bis in die jüngste Gegenwart fortführen." Ich weiß, es gibt Berufenere als mich, einen Künstler, über dieses Opus magnum zu schreiben. Aber das Mißtrauen der Fachwelt scheint Carl Schuster über seinen Tod hinaus zu verfolgen: Sie schweigt und schweigt. Seine Erkenntnisse sind immer noch umstritten _ für den, der die Beweise nicht zur Kenntnis nehmen will. Aber abgesehen davon gibt es auch für einen Künstler gute Gründe, sich mit der Materie zu beschäftigen. Es geht um nichts Geringeres als um den Urgrund der Kunst. Als die Kunst noch nicht Kunst hieß. Die Thesen von Carl Schuster und Edmund Carpenter kann und will ich nicht kritisch rezensieren. Als Nicht-Fachmann habe ich das Privileg, keiner Schule - in der Wissenschaft der Völkerkunde sehr ausgeprägt - anzugehören. Ich beschränke mich darauf, über das zu berichten, was mich als Laie fasziniert }Text nicht OCR-lesbar} }Text nicht OCR-lesbar} Die großen Kulturen der Vergangenheit lernen wir durch ihre Spuren kennen, welche die Zeit überdauern und welche wir vorgefunden haben - mehr oder weniger zu-Befällig entdeckt oder ausgegraben. Am ergiebigsten - und geheimnisvollsten - sind die Zeichencodes. Damit wurde lebendige Sprache verschlüsselt und konserviert, oft sehr ausschweifend. Der Franzose Jean-Francois Champollion ( 1790 bis 1832) entzifferte die Hieroglyphen _ doch es war lange vor seiner Zeit schon der Ehrgeiz der Forscher, vergessene Schriften und Schriftsysteme wieder lesbar zu machen. Heute können wir auch den Nachlaß der Assyrer und Babylonier in ihrer Keilschrift lesen oder den der Germanen in ihren Runen. Am längsten hat die komplexe Bilderschrift der Maya und Azteken der Enträtselung widerstanden; aber auch dieser Code ist geknackt. Was aber wissen wir von den Kulturen, die den großen vorausgingen? Die Menschen lebten meist als Nomaden, sie gründeten noch keine Städte, bauten keine Paläste und Tempel. Zudem konnten sie nur wenige Materialien bearbeiten, die dauerhaft eine Botschaft bewahrten. Hatten sie überhaupt Codes, die zu entziffern sind und die zu entziffern sich lohnt? Für Carl Schuster war dies keine Frage, sondern Stachel für seinen Forscherdrang_ denn schließlich, so lautete seine Überzeugung, geht es um das Fundament unserer Kultur, auf dem wir weiterbauen. Carl Schuster suchte Stämme auf, die noch ein ursprüngliches Leben führten, um ihre Sprache der Formen und Bilder zu studieren, ihre Ikonografie. Er fand sie in der Bemalung oder Tätowierung der Körper, die eine zentrale symbolische Bedeutung im sozialen Kontext besaß. Er fand sie auch in der Gestaltung der Kleidung, Textilien, Geräte, Hütten und vor allem der Arte- fakte für religiöse Rituale und Zeremonien. Darin manifestieren sich auflebendige Art Traditionen, die zwar vergänglich sind, aber aufweit zurückliegende Wurzeln schließen lassen, manchmal bis auf die Steinzeit. Was die Archäologen ausgraben, so sein Credo, kann nur durch das verstanden werden, was lebendige Evidenz ist. Aus einem Brief an einen Kollegen: "Niemand hat die geringste Vorstellung davon, wie diese Welt wirklich ist. Das einzige, was mit Sicherheit gesagt werden kann, ist, daß sie verschieden von dem ist, was irgendjemand annimmt. Soweit ich sehen kann, existiert kein klares Bild von den kulturellen Traditionen der heutigen Welt. Und niemand vergegenwärtigt sich, daß solch ein Bild erstellt werden kann und muß_ aufgrund langwieriger und mühseliger empirischer Beobachtungen. Und dieses Bild kann nur Gültigkeit haben, wenn die Beobachtungen auf weltweiter Basis durchgeführt werden, ohne jede willkürliche Auslassung. Dies mag nicht brillant formuliert sein", so schrieb er weiter",aber vielleicht erklärt es, warum ich die Diskussionen über Prinzipien vermeide und meine Energie daraufkonzentriere, ein Bild der Welt so aufzubauen, wie es ist. Indem ich es anschaue, statt darüber zu diskutieren und Folgerungen von dem abzuleiten, was ich sehe." Carl Schuster, so Edmund Carpenter, war nicht der erste, der dieses Ziel verfolgte. Aber er war der erste, der es erreichte. Dazu brauchte er neben wissenschaftlicher Akribie vor allem Vorstellungskraft und den Mut, alte Seh- und Denkgewohnheiten über Bord zu werfen. *** Was zum Beispiel sehen wir bei der Betrachtung von Abbildung 1 ? Ein geometrisches Muster? Eine Bienenwabenstruktur? Dekoration? Ornament? Oder handelt es sich um den Rapport eines Elements (Abbildung 2), das nichts darstellt außer sich selbst? Wenn wir ein anderes Element (Abbildung 3) aus dem Muster schälen, sehen wir deutlich etwas, was etwas bedeutet: einen Menschen mit Kopf, Rumpf, Armen und Beinen. Setzen wir (Abbildung 4) zwei solcher Menschenbilder zusammen, bilden sie ein Paar, Mann und Frau. Mit einem dritten darunter, einem Kind, einem Nachkommen, ergibt sich eine Familie, Abbildung 5. Werfen wir einen Blick zurück auf Abbildung 1, sehen wir dieses Bild mit anderen Augen. Es ist jetzt mehr als nur Verzierung, mehr als etwas ästhetisch Beliebiges. Es handelt sich um die Darstellung eines konkreten Inhalts: um ein genealogisches Muster. In der Vertikalen wird der Ablauf der Generationen dargestellt, in der Horizontalen die Verwandtschaft. Es handelt sich, mit anderen Worten, um eine Art Stammbaum. Stammbaum natürlich nicht, wie wir ihn kennen: als Diagramm von der Abstammung mehr oder weniger bedeutender Persönlichkeiten. Hier ist es das Profil der Individuen, welches das Profil der Familien konstituiert. Im Stammesverständnis ist es umgekehrt: Der Stamm zählt alles. Seine Angehörigen sind nichts als ein Teil davon. Sie haben das Leben von ihren Ahnen empfangen und geben es ihren Nachkommen weiter; sie verehren ihre Ahnen und leben in der Gewißheit, dereinst als Ahnen ebenso verehrt zu werden. Das Genie von Carl Schuster war es, den Code aus den Abertausenden von untersuchten Motiven herauszulesen. Und zwar nicht bloß in dem oben beschriebenen, relativ naheliegenden Fall, sondern auch in schwieriger durchschaubaren Abwandlungen, die er nach verschiedenen Prototypen einteilte. Die Abbildungen 7 bis 13 zeigen den getreppten und den gekurvten Typus, den Hocker und das Stundenglas, Menschen-Symbole mit gestreckten und mit hängenden Gliedern. Von dieser Basis aus führten Carl Schuster die Recherchen in immer fernere Gefilde. Zunächst erkannte er, daß Symbole, eine verkürzte Zeichensprache, ihrerseits wieder verkürzt werden, daß also oft ein Teil für das Ganze steht. Die Abbildungen 14 bis 19 zeigen die zunehmende Abstrahierung des Motivs von Abbildung 3 " Zuerst fällt der Kopfweg (Abbildung 15), der als Individuumsmerkmal ohnehin eine geringe Rolle spielt - in Umkehrung des christlichen Gebots: Du sollst kein Bildnis weder von dir noch von andern machen. Wohl aber von den Göttern. Dann wird das Rückgrat als überflüssig eliminiert (Abbildung 16). Von den übriggebliebenen Winkellinien genügt schließlich eine, auf den Chevron gekürzt, wie in Abbildung 17. Durch die Wiederholung dieses Elements (Abbildungen 18 und 19) werden wiederum in der Senkrechten die Generationen und in der Waagerechten die Verwandtschaften dargestellt. Die genealogischen Muster sind Abbilder vom Stamm als einer Ganzheit, als nahtloses Geflecht in Vergangenheit und Zukunft. Stammesangehörige leben in der Identität ihres Stammes, nicht ihrer Persönlichkeit. Individuation, wie wir sie als höchstes Bildungsziel verstehen, ist ihnen fremd. Von den vielen in der Geschichte erfundenen Zeichensystemen ist keines älter. Es überdauerte mindestens 30 000 Jahre und überquerte Kontinente. Die Muster wurden auf Körper tätowiert, auf Kleider gemalt, in Textilien gewebt, in Waffen graviert und dorthin getragen, wo immer ihre Träger hingingen.
Für seine Erkenntnis, daß sich die Menschheit von einem Ort aus über den ganzen Globus verbreitete, wurde Carl Schuster belächelt oder befehdet - je nachdem. Heute, Jahrzehnte später, ist sie zu einer anerkannten These in der Wissenschaft geworden: Anthropologen machten diesen Ursprungsort im heutigen Kenia aus, Genforscher und Sprachwissenschaftler unterstützten sie mit ihren Untersuchungen. *** Die uns überlieferten Zeugnisse aus der Steinzeit sind ein Bruchteil von einem Bruchteil dessen, was war. Man begreift Schusters Passion, diese toten Zeugnisse zu ergänzen und mit lebenden zu erhellen, wo immer dies möglich war. Zum Beispielläßt die verbreitete Sitte der Körperbemalung respektive Tätowierung Rückschlüsse auf viel ältere Epochen zu. Noch heute werden - meist als Teil eines Initiationsrituals-Stammesangehörige mit Symbolen für ihre Vorfahren bedeckt und so in ein genealogisches Diagramm verwandelt (Abbildungen 23 und 24). Durch diese Zeremonie wird der einzelne zum Glied in der langen Kette seiner Ahnen, zum Mitglied seines Stammes - verantwortlich dafür, einen eigenen Beitrag zu dessen Fortbestehen zu leisten. Die Abbildung 22 zeigt einen "Hauspfosten", einen Angehörigen, vielleicht den Begründer des Stammes mit aufgemaltem respektive eingeschnitztem Muster. Viele Fachleute fragen sich, warum Carl Schuster der Decodierung der genealogischen Muster eine so grundlegende Wichtigkeit einräumt. Sein Interesse wird verständlich, wenn wir uns heute, im Zeitalter der Übervölkerung, vergegenwärtigen, daß die Generationenfolge und damit die Erhaltung des Stammes _ und letzten Endes der Art - das primäre Gesellschaftsziel der paläolithischen Menschen war. Die Formen mögen differieren, reduziert oder redundant sein - die Grundregeln der genealogischen Muster sind stets die gleichen. Die gleichen Ideen, die gleiche Intelligenz liegen Beispielen aus der afrikanischen Steinzeit, dem alten Europa wie dem heutigen Melanesien zugrunde. Es ist, schreibt Edmund Carpenter, wie mit dem Schach: Wie verschieden die Figuren auch immer sind, vom figürlichen Ritterspiel bis zum kubischen Bauhausschach - die Regeln sind seit ihrer Überarbeitung in Nordwestindien um 570 auf der ganzen Welt die gleichen. Der Vergleich ist nicht zufällig. Es ist gut möglich, daß das Schachspiel aus der genealogischen Ikonografie entwickelt wurde - etwa aus Spielanlagen von Wiedergeburtsritualen: Der Bauer, der unbeschadet das Schachbrett überquert, wird als Königin wiedergeboren, während der rivalisierende König in dem Moment stirbt, wenn er seiner Untertanen beraubt wird. * ** Es ist schwierig, wenn nicht unmöglich, aus unserer Sicht auf das Kunstverständnis anderer Kulturkreise respektive anderer Epochen zu schließen. Wir schenken jeder Kunst nur dann Beachtung, wenn wir sie an unseren Kriterien messen können. Die damals, zu Beginn des Jahrhunderts, noch primitiv genannte Kunst Afrikas faszinierte und inspirierte bekanntlich Pablo Picasso und half dem Kubismus auf die Sprünge. Mittlerweile bewundern wir ein Bild von Picasso nicht anders als ein Glasfenster aus dem 13. Jahrhundert: als ästhetisches Objekt aus Form und Farbe. Wer interessiert sich schon dafür, daß das Glasfenster mit Maria und dem Jesuskind ganz anders gesehen werden wollte? Für den mittelalterlichen Menschen zählte nicht die Kunst des Künstlers, sondern die Botschaft, die Kraft, die vom Bild ausging und die in der bilderarmen Zeit von damals überwältigend gewesen sein muß: Kult statt Kunst. Wie sollten wir das in einer Zeit nachempfinden können, da wir in einer nie gekannten Bilderflut zu ertrinken drohen? In Ägypten, in der x-ten Grabkammer, kam es mir einmal schockartig zum Bewußtsein: Die ganze Herrlichkeit, die zu betrachten war, war weder für mich noch für die anderen nach Tausenden zählenden Touristen, noch für irgendeines Menschen Auge bestimmt. Sie war ausschließlich geschaffen und reserviert für die Götter, zu welchen der Begrabene unterwegs war. Unsere Kunstbeflissenheit ist für die alten Ägypter nichts als eine barbarische Grabschändung. Der Baum ist die natürliche Metapher für Verzweigung in aller Genealogie. Der sogenannte Y-Pfosten (Abbildung 25), ein Teil des Baums, ist denn auch nichts anderes als ein weit verbreitetes genealogisches Diagramm. Er symbolisiert genetische Vereinigung und ständig wachsende Vermehrung durch Teilung wie sich die Familie, der Clan, der Stamm fortpflanzt (das Wort verrät etwas von der ursprünglichen Selbstverständlichkeit: daß der Mensch, nicht anders als die Pflanze, wie alles in der Natur überlebt.) Abbildung 26 zeigt eine eindrucksvolle Installation aus Y-Pfosten, die Überreste eines Häuptlingshauses. Sie könnte in der heutigen Kunstszene glorios bestehen. Oft tragen solche Y-Pfosten menschliche Züge, sie haben Köpfe oder Gesichter an den Enden, bisweilen auch Genitalien und Brüste an den entsprechenden Stellen - und stets und überall repräsentiert die rechte Abzweigung die väterliche, die linke die mütterliche Abkunft. Wie wichtig der Y-Pfosten ist, geht aus der zentralen Rolle hervor, die er im sozialen Leben der Stammesgemeinschaft spielte: In der Regel markierte er einen Opferplatz, den wichtigsten am Ort, jenen, an dem auch Menschen geopfert wurden.
In allen Erdteilen verbreitet wie die Y-Pfosten sind doppelköpfige Figuren (Abbildung 27). Der Anthropologe Edmund Carpenter sieht in ihnen Ausarbeitungen von Y-Pfosten, Vervollständigung der in diesen enthaltenen Vermenschlichung. Im Urchristentum war der Buchstabe Y Symbol für die Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Die Stammbaum-Metapher ist so naheliegend, daß sie sozusagen "natürlich" ist. Sie reicht bis weit ins Paläolithikum zurück und wurde - wahrscheinlich sehr schnell - zu einem hochentwickelten Zeichensystem weiterentwickelt: Bei den doppelköpfigen Figuren, den Gelenkmarkierungen und Rapportmustern aus Gliedmaßen ist nichts mehr natürlich. Das sind Erfindungen, Kopfgeburten, übertragen durch Praxis und Weitersagen. Was sich hier andeutet, weist über die genealogischen Muster, über die Abstammungssymbole hinaus auf eine neue Kategorie von Symbolen, solche nämlich, die Verwandtschaft betreffen. Sind jene samt und sonders einfach, generalisierend, so sind diese komplex und spezifisch: Sie betreffen Heiratsregeln, Erbrecht, Funktionen - den eigentlichen Stoff der Verwandtschaft. Auch für solch anspruchsvolle Sachverhalte bildet eine genial einfache Assoziation das Mittel der Darstellung: Verwandte sind Menschen, die miteinander in einer mehr oder weniger engen körperlichen Beziehung stehen _ und diese ist am menschlichen Körper zu zeigen. Schön drückt die Sprache ganz allgemein den Körperbezug in Glied und Mitglied aus. Im Französischen bezeichnet "membre" die beiden Begriffe in einem Wort, desgleichen im Englischen "member". Etwas weiter hergeholt ist "remember" für erinnern: etwas wieder eingliedern - nämlich ins Gedächtnis. Die Gelenke zwischen den Gliedern dienten ursprünglich dazu, Verwandtschaftsverhältnisse zu spezifizieren. Dies ist in zahlreich vorkommenden Menschenfiguren (siehe Abbildung 28) zu sehen, bei denen die Gelenke - hauptsächlich Schultern, Ellbogen und Knie - mit Gesichtern markiert sind. Welches Gelenk welche Beziehung ausweist, ist von Stamm zu Stamm verschieden. Unbestritten nimmt das Knie die erste Stelle ein. Im Lateinischen geht dies aus der Verwandtschaft von genu (- Knie) und genus (- Herkunft, Geburt, Familie) hervor. Diese besteht auch in vielen indoeuropäischen Sprachen. Das vorkolumbische Mixtec braucht sogar das gleiche Wort für Knie und Gebärmutter. Der Stammsitz des Stammhalters, des Kronprinzen, ist das rechte Knie. Das gilt auch für den Sohn des christlichen Gott-Vaters: Bis ins späte Mittelalter wird Jesus Christus auf dem Knie der Heiligen Jungfrau sitzend dargestellt, in der byzantinischen Bildwelt auf dem rechten Knie Gottes. Ursprüngliche Konventionen erhalten sich oft lange in Beiläufigkeiten wie dieser: Im ländlichen Irland konnte der älteste Sohn erst heiraten, wenn er Land erbte - was, wenn die Eltern lange lebten, zu erheblichen Altersdifferenzen zwischen den Ehepartnern führen konnte. Und nicht selten zu Spekulationen über die Legitimität der Kinder. Der Mann proklamierte öffentlich seine Vaterschaft, indem er das Kind auf sein rechtes Knie setzte. Die Dogon in Westafrika legten mit Steinen das Schema eines Menschen auf dem Boden aus (Abbildung 29). Acht Steine markierten die hauptsächlichen Gelenke und symbolisierten Verwandtschaftsbeziehungen. Der neunte, wichtigste Stein stand für den Kopf des Stammgründers. Alle andern Steine wurden durch Linien verbunden - und ergaben eine Art von frühem Gesetz, das festlegte, welcher Verwandtschaftsgrad sich mit welchem liieren durfte. So wurde Inzucht vermieden. Auch im mittelalterlichen Sachsenspiegel - ebenfalls einer Art Gesetzbuch - ist die Verbindung von Gelenken und Verwandtschaftsgraden explizit erläutert: Da steht der Kopf (in Abbildung 30 als Doppelkopf) für Vater und Mutter, der Nacken für Brüder und Schwestern, die Schulter für Vettern ersten Grades, die Fingergelenke für Vettern zweiten bis sechsten Grades und so fort. * ** Der menschliche Körper liefert auch die Symbole für sehr viel komplexere Beziehungsmuster - vom Gesellschaftskörper des Stammes bis hin zum Modell für das Universum. Die senkrechte Symmetrie des Körpers legt es nahe, ihn in eine rechte und linke Hälfte zu teilen - oder auch in eine männliche und weibliche. Auf der einfachsten Ebene symbolisiert diese Teilung die oppositionellen Geschlechterhälften, aus deren Verbindung die Nachkommenschaft erwächst (Abbildung 31 ). Eine horizontale Teilung auf der Höhe des Nabels trennt aufsteigende von absteigenden Generationen und symbolisiert die körperliche Kontinuität. Das durch die Senkrechte und Waagerechte gebildete Kreuz mag als Symbol des ersten Wesens gelten, als Ursprung allen Seins. Oder als der erste Mann und das erste Weib, gekreuzt in der Paarung. Der Schnittpunkt der Linien, der Nabel, galt als axis mundi, als Zentrum der Erde und des Universums - daher auch die Redewendung, daß sich einer als Nabel der Welt betrachtet. Warum der Nabel eine im Wortsinn zentrale Rolle spielt, hängt zunächst von seinem Platz im menschlichen Körper ab: Er ist das Geburtsmal. an dem die Nabelschnur hing - Symbol für das Leben schlechthin. In der stilisiert-gegenständlichen Kunst späterer Kulturen ist oft der Nabel als Dreh- und Angelpunkt sozusagen beim Wort genommen: Das in Abbildung 32 gezeigte runde Ornament zeigt Mann und Weib beim Koitus; nicht das Kopulieren gemeinhin, sondern der kosmische Akt der Schöpfung }Text nicht OCR-lesbar} }Text nicht OCR-lesbar} ist gemeint, die Erzeugung des Stamms, der Ursprung menschlichen Lebens, In den abstrakt-geometrischen Formen der gleichen Symbolik hat es übrigens die Swastika (vulgo Hakenkreuz) durch Mißbrauch zu unverdienter Anrüchigkeit gebracht. In Abbildung 33 ist wieder der Nabel als Schnittpunkt des Kreuzes zu erkennen. Durch das Kreuz entstehen vier Felder mit dem genealogischen Diagramm - sie stehen wohl für die Clans, die einem Stamm angehören. Aus der Darstel-Jung geht auch hervor, warum im Symbol für Stammesangehörige der Kopf meistens fehlt: Die vier Felder werden nämlich überwölbt von einem Gesicht; es stellt den Ur-Ahnen dar, den Begründer, den Stammvater. Dieser mythischen Figur gegenüber sind alle Nachkommen nichts als Reproduktionen von dem Einen und Einzigen. Sie gelten nicht als Individuen, sondern bilden zusammen den Kollektivkörper des Stammes. * ** ruder symbolischen Vierteilung beruht auch die - eigentlich durch kein rationales Kriterium gerechtfertig-_ Gliederung der Zeit in vier Jahreszeiten und des Raums in vier Himmelsrichtungen. Manche Stammesvölker ordnen den vier Teilen vier Farben zu, vier Stimmungen, vier Untergottheiten oder Vorfahren. Als Ganzes konstituieren die vier Teile das Erste Wesen; mikrokosmisch in jedem Individuum präsent, makrokosmisch im Universum. Dies ist die Art Antwort, die sich der Mensch ausdenkt auf die unbeantwortbare Frage, woher er kommt. Das Erste Wesen ist in den Mythen vieler Stammesvölker ein Riesen-Riese, der aus sich selbst das Universum erschuf, die Welt und was darauf wächst und gedeiht. Für Eingeborene der Gesellschaftsinseln brachte dieses Wesen die Schöpfung zuwege, indem es Teile seiner selbst verwandelte: Das Rückgrat wurde zum Bergrücken, die Rippen zu Berghängen und so weiter. Offenbar war es gefiedert, denn die Federn wurden zu Bäumen, Sträuchern und Büschen, um die Erde zu bekleiden. Allgemeiner verbreitet ist der Mythos, daß das Urwesen die Schöpfung aus sich selbst gebar. Und da - so stelle ich mir das vor - der übliche Gebärprozeß zu lange dauern würde, sind die Geschöpfe überall aus seinem Körper herausgequollen, vornehmlich aus Gliedmaßen und Gelenken. Relikte solcher Vorstellungen finden sich etwa noch in der Hochkultur der Azteken oder im antiken Griechenland. Bekanntlich wurde Dionysos aus dem Schenkel des Göttervaters Zeus geboren, Pallas Athene sprang ihm aus dem Kopf. Abstammung und Verwandtschaft, daß diese beiden Aspekte einen breiten Raum einnehmen in Carl Schusters Archiv und in seiner Theorie, darf nicht verwundern:
Es sind die ursprünglichsten, zentralen Themen im Leben der Menschheit. Sie waren der Ausgangspunkt aller Kultur. Ihre Bewältigung war einerseits von praktischem Nutzen bei der Organisation des gesellschaftlichen Lebens, andererseits waren sie von Anfang an mystischer Natur. Literatur zum Thema: Carl Schuster, Edmund Carpenter: Patterns That Connect. Social Symbolism in Ancient and Tribal Art. Verlag Harry N. Abrams, New York.
Aufvier Wanderungen von Westchina bis nach Südostasien sammelte Schuster in den dreißiger Jahren hauptsächlich Stickereien und Webereien. Dabei galt sein Interesse vor allem der Form, den Mustern und den Motiven. Wo andere nur Verzierung erblickten, entdeckte er Symbole. Ihre Bedeutung, den Inhalt dieser Formen zu entschlüsseln, wurde ihm zur Leidenschaft. Dabei ging er von einer Annahme aus, die schon damals nicht neu und nicht modern war: daß in den unterschiedlichsten Erdgegenden gleiche Motive vorkommen.
Ein gemeinsames Erbe der Menschheit, ohne Zweifel. Der Schweizer Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung ( 1875 bis 1961 ) begründete diese höchst erstaunliche Tatsache damit, daß dieser gemeinsame Zeichenvorrat, diese Archetypen, den Menschen sozusagen in den Genen mitgegeben wurde. Schuster kam zu einer anderen Überzeugung, die neu und modern ist: Die Zeichen, von Menschen in vorgeschichtlicher Zeit geschaffen, seien durch Überlieferung auf uns gekommen _ über die ganze Welt verstreut in Objekten und Begriffen, im immerwährenden Strom der Völkerwanderungen. Jung war von einer Theorie mit universalem Anspruch ausgegangen. Schuster orientierte sich an dem, was noch in Objekten der Volkskunst, in Sitten und Bräuchen abgelegener Völker und Stämme lebendig war. Von diesem wenigen hat Schuster alles Erreichbare gesammelt in einem Leben, das sich nur in Büchern, Museen und auf Reisen abspielte. Er studierte in Wien und Peking. 1938 mußte er vor den Japanern fliehen und kam nach Holland, wo er, der Jude, zwei Jahre später den einmarschierenden Nazis nur mit knapper Not in die USA entkam. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte er gut 20 Jahre - unterbrochen von Forschungsreisen - in Woodstock im Staat New York. Sein Archiv, das jetzt im Basler Museum für Völkerkunde lagert, umfaßt 250 000 Fotos, Tausende von bibliografischen Hinweisen und Karteikarten mit Skizzen und Diagrammen. Erhalten sind auch 18000 Seiten dichter Korrespondenz, geschrieben in mindestens 30 Sprachen - darunter Chinesisch, Russisch, Finnisch, Sanskrit, Ungarisch, Malayisch, Polnisch, Isländisch. Schuster bewegte sich so leicht durch die Sprachen, wie er sich durch Kontinente und Zeitalter bewegte. Und in New York liegt weiteres Material bereit, das demnächst nach Basel überführt wird; insgesamt neun Kubikmeter. Aus diesem Material hat Carl Schuster ein so überraschendes wie überzeugendes Puzzle zusammengesetzt. Anschaulich wird ein Bild des paläolithischen Menschen in seinem erlebten diesseitigen und vermuteten jenseitigen Leben. Vor allem aber fand Schuster Antworten auf Fragen, die den Frühmenschen am meisten beschäftigten - Fragen nach seinem Platz in der endlosen Kette des Daseins, nach der Identität seines Vaters, nach der Möglichkeit einer Wiedergeburt und nach der Ordnung des Kosmos. Schuster hat wenig publiziert. Einerseits, weil er von seiner Fachzunft nie ernst genommen wurde. Andererseits aus Perfektionismus: Er brachte keine Arbeit zu Ende, weil er stets neue Fakten und Belege fand. Ein einziges Mal sollte ein Buch von ihm erscheinen. Es hätte eine in Jahrzehnten gesammelte Dokumentation über das Ursymbol des Sonnenvogels enthalten. Doch bei Überprüfung der mit allen Farblithos druckreifen Korrekturbögen stolperte Schuster über einen Schwachpunkt in seiner Beweisführung und ließ den Druck nicht zu. Zu den wenigen, die Schusters Arbeit kannten und schätzten, gehört der französische Ethnologe und Philosoph Claude Levi-Strauss. Er schrieb: "Wenn Sozialanthropologen nur halb so interessiert wären an materiell existierender Kultur, wie sie vorgeben zu sein, sie würden Carl Schuster mehr Aufmerksamkeit zollen. Seinen faszinierenden Überblick über das weltweite Vorhandensein eines Typs von geometrischen Mustern führt er aufgrund ihrer geographischen Verbreitung und früher bekannter Beispiele auf paläolithische Zeiten zurück." Auch der amerikanische Anthropologe und Eskimo-Forscher Edmund Carpenter, Jahrgang 1922, ließ sich von den Forschungsergebnissen seines Kollegen überwältigen. In 15 Jahren erarbeitete er die zwölfbändige Publikation: Schuster/Carpenter: "Material für Studien über soziale Symbole in vorgeschichtlicher und Stammeskunst". Sie erschien in 600 Exemplaren bei der Rockfoundation, New York, und wurde kostenlos an Wissenschaftler und Bibliotheken verteilt. Carpenter leistete dabei weit mehr, als von einem Herausgeber erwartet wird. Zwar hatte Schuster einen Fundus hinterlassen, der Stoff für Generationen von Forschern enthielt, doch kein einziges druckbares Manuskript. So war Carpenter gezwungen, den Text selbst zu schreiben, was dem Werk sicherlich gut bekommen ist. Denn er schreibt einen klaren Stil, den er als non-academic bezeichnet. Man mag bei ihm den Einfluß des Medientheoretikers Marshall McLuhan spüren, mit dem er in Toronto zusammenarbeitete, oder seiner Arbeit für das kanadische Fernsehen, dem er populäre Sendungen über Völkerkunde lieferte. Das jedenfalls ist der Eindruck beim Durchblättern der Bücher, in denen vorzügliches Bildmaterial dominiert: Das Abbildungsverzeichnis zählt 3973 Nummern. Dazu muß man wissen, daß es einerseits bloß einen Bruchteil des Schusterschen Materials enthält, andererseits aber durch neue, von Edmund Carpenter beigetragene Dokumente angereichert ist. Er ließ Fotos restaurieren, wo es nötig war, und Hunderte von Diagrammen, Skizzen und Zeichnungen neu anfertigen. Kurz: Carpenters Arbeit ist als kongenial zu bezeichnen, und gleichzeitig ist sie eine sensible Hommage an Carl Schuster, den Freund und das Vorbild. Am meisten überraschen die Zeit- und Raumsprünge, in denen Carpenter Schusters Material präsentiert - mit guten Gründen: "Wenn ich Beispiele aus Iberien und Papua, Afrika und Australien übereinanderlege, reiße ich sie nicht aus dem Zusammenhang heraus. Der einzige Zusammenhang ist ihre Ikonographie, ihre Bildersprache. In dieser Bildersprache zählen Epoche, Kultur und Stil wenig. Denn jedes ausgewählte Beispiel könnte ich leicht durch ein anderes ersetzen von einem anderen Stamm, aus einer anderen Periode. Ein Arrangement wird durch Form bestimmt, nicht durch Geschichte." Die Dinge so synchron statt ungleichzeitig zu betrachten, das erlaubt Edmund Carpenter auch sein engeres Forschungsgebiet, die Kultur der Eskimos. Sie lebten und leben unter ähnlichen Bedingungen wie die eiszeitlichen Jäger in Europa und Asien. Ebenso weist ihre Kunst eine frappierende Ähnlichkeit mit der Kunst jener Stämme auf. Nur: Dazwischen klafft eine Lücke von einigen tausend Jahren. Die älteste Eskimokunst ist vielleicht 3000 Jahre alt, die jungsteinzeitliche zwischen 10 000 und 40 000. "Man kann sich", so Edmund Carpenter, "des Eindrucks nicht erwehren, daß die Eskimos in ihrer Kunst - wie in anderen Domänen des Lebens - paläolithische Traditionen bis in die jüngste Gegenwart fortführen." Ich weiß, es gibt Berufenere als mich, einen Künstler, über dieses Opus magnum zu schreiben. Aber das Mißtrauen der Fachwelt scheint Carl Schuster über seinen Tod hinaus zu verfolgen: Sie schweigt und schweigt. Seine Erkenntnisse sind immer noch umstritten _ für den, der die Beweise nicht zur Kenntnis nehmen will. Aber abgesehen davon gibt es auch für einen Künstler gute Gründe, sich mit der Materie zu beschäftigen. Es geht um nichts Geringeres als um den Urgrund der Kunst. Als die Kunst noch nicht Kunst hieß. Die Thesen von Carl Schuster und Edmund Carpenter kann und will ich nicht kritisch rezensieren. Als Nicht-Fachmann habe ich das Privileg, keiner Schule - in der Wissenschaft der Völkerkunde sehr ausgeprägt - anzugehören. Ich beschränke mich darauf, über das zu berichten, was mich als Laie fasziniert }Text nicht OCR-lesbar} }Text nicht OCR-lesbar} Die großen Kulturen der Vergangenheit lernen wir durch ihre Spuren kennen, welche die Zeit überdauern und welche wir vorgefunden haben - mehr oder weniger zu-Befällig entdeckt oder ausgegraben. Am ergiebigsten - und geheimnisvollsten - sind die Zeichencodes. Damit wurde lebendige Sprache verschlüsselt und konserviert, oft sehr ausschweifend. Der Franzose Jean-Francois Champollion ( 1790 bis 1832) entzifferte die Hieroglyphen _ doch es war lange vor seiner Zeit schon der Ehrgeiz der Forscher, vergessene Schriften und Schriftsysteme wieder lesbar zu machen. Heute können wir auch den Nachlaß der Assyrer und Babylonier in ihrer Keilschrift lesen oder den der Germanen in ihren Runen. Am längsten hat die komplexe Bilderschrift der Maya und Azteken der Enträtselung widerstanden; aber auch dieser Code ist geknackt. Was aber wissen wir von den Kulturen, die den großen vorausgingen? Die Menschen lebten meist als Nomaden, sie gründeten noch keine Städte, bauten keine Paläste und Tempel. Zudem konnten sie nur wenige Materialien bearbeiten, die dauerhaft eine Botschaft bewahrten. Hatten sie überhaupt Codes, die zu entziffern sind und die zu entziffern sich lohnt? Für Carl Schuster war dies keine Frage, sondern Stachel für seinen Forscherdrang_ denn schließlich, so lautete seine Überzeugung, geht es um das Fundament unserer Kultur, auf dem wir weiterbauen. Carl Schuster suchte Stämme auf, die noch ein ursprüngliches Leben führten, um ihre Sprache der Formen und Bilder zu studieren, ihre Ikonografie. Er fand sie in der Bemalung oder Tätowierung der Körper, die eine zentrale symbolische Bedeutung im sozialen Kontext besaß. Er fand sie auch in der Gestaltung der Kleidung, Textilien, Geräte, Hütten und vor allem der Arte- fakte für religiöse Rituale und Zeremonien. Darin manifestieren sich auflebendige Art Traditionen, die zwar vergänglich sind, aber aufweit zurückliegende Wurzeln schließen lassen, manchmal bis auf die Steinzeit. Was die Archäologen ausgraben, so sein Credo, kann nur durch das verstanden werden, was lebendige Evidenz ist. Aus einem Brief an einen Kollegen: "Niemand hat die geringste Vorstellung davon, wie diese Welt wirklich ist. Das einzige, was mit Sicherheit gesagt werden kann, ist, daß sie verschieden von dem ist, was irgendjemand annimmt. Soweit ich sehen kann, existiert kein klares Bild von den kulturellen Traditionen der heutigen Welt. Und niemand vergegenwärtigt sich, daß solch ein Bild erstellt werden kann und muß_ aufgrund langwieriger und mühseliger empirischer Beobachtungen. Und dieses Bild kann nur Gültigkeit haben, wenn die Beobachtungen auf weltweiter Basis durchgeführt werden, ohne jede willkürliche Auslassung. Dies mag nicht brillant formuliert sein", so schrieb er weiter",aber vielleicht erklärt es, warum ich die Diskussionen über Prinzipien vermeide und meine Energie daraufkonzentriere, ein Bild der Welt so aufzubauen, wie es ist. Indem ich es anschaue, statt darüber zu diskutieren und Folgerungen von dem abzuleiten, was ich sehe." Carl Schuster, so Edmund Carpenter, war nicht der erste, der dieses Ziel verfolgte. Aber er war der erste, der es erreichte. Dazu brauchte er neben wissenschaftlicher Akribie vor allem Vorstellungskraft und den Mut, alte Seh- und Denkgewohnheiten über Bord zu werfen. *** Was zum Beispiel sehen wir bei der Betrachtung von Abbildung 1 ? Ein geometrisches Muster? Eine Bienenwabenstruktur? Dekoration? Ornament? Oder handelt es sich um den Rapport eines Elements (Abbildung 2), das nichts darstellt außer sich selbst? Wenn wir ein anderes Element (Abbildung 3) aus dem Muster schälen, sehen wir deutlich etwas, was etwas bedeutet: einen Menschen mit Kopf, Rumpf, Armen und Beinen. Setzen wir (Abbildung 4) zwei solcher Menschenbilder zusammen, bilden sie ein Paar, Mann und Frau. Mit einem dritten darunter, einem Kind, einem Nachkommen, ergibt sich eine Familie, Abbildung 5. Werfen wir einen Blick zurück auf Abbildung 1, sehen wir dieses Bild mit anderen Augen. Es ist jetzt mehr als nur Verzierung, mehr als etwas ästhetisch Beliebiges. Es handelt sich um die Darstellung eines konkreten Inhalts: um ein genealogisches Muster. In der Vertikalen wird der Ablauf der Generationen dargestellt, in der Horizontalen die Verwandtschaft. Es handelt sich, mit anderen Worten, um eine Art Stammbaum. Stammbaum natürlich nicht, wie wir ihn kennen: als Diagramm von der Abstammung mehr oder weniger bedeutender Persönlichkeiten. Hier ist es das Profil der Individuen, welches das Profil der Familien konstituiert. Im Stammesverständnis ist es umgekehrt: Der Stamm zählt alles. Seine Angehörigen sind nichts als ein Teil davon. Sie haben das Leben von ihren Ahnen empfangen und geben es ihren Nachkommen weiter; sie verehren ihre Ahnen und leben in der Gewißheit, dereinst als Ahnen ebenso verehrt zu werden. Das Genie von Carl Schuster war es, den Code aus den Abertausenden von untersuchten Motiven herauszulesen. Und zwar nicht bloß in dem oben beschriebenen, relativ naheliegenden Fall, sondern auch in schwieriger durchschaubaren Abwandlungen, die er nach verschiedenen Prototypen einteilte. Die Abbildungen 7 bis 13 zeigen den getreppten und den gekurvten Typus, den Hocker und das Stundenglas, Menschen-Symbole mit gestreckten und mit hängenden Gliedern. Von dieser Basis aus führten Carl Schuster die Recherchen in immer fernere Gefilde. Zunächst erkannte er, daß Symbole, eine verkürzte Zeichensprache, ihrerseits wieder verkürzt werden, daß also oft ein Teil für das Ganze steht. Die Abbildungen 14 bis 19 zeigen die zunehmende Abstrahierung des Motivs von Abbildung 3 " Zuerst fällt der Kopfweg (Abbildung 15), der als Individuumsmerkmal ohnehin eine geringe Rolle spielt - in Umkehrung des christlichen Gebots: Du sollst kein Bildnis weder von dir noch von andern machen. Wohl aber von den Göttern. Dann wird das Rückgrat als überflüssig eliminiert (Abbildung 16). Von den übriggebliebenen Winkellinien genügt schließlich eine, auf den Chevron gekürzt, wie in Abbildung 17. Durch die Wiederholung dieses Elements (Abbildungen 18 und 19) werden wiederum in der Senkrechten die Generationen und in der Waagerechten die Verwandtschaften dargestellt. Die genealogischen Muster sind Abbilder vom Stamm als einer Ganzheit, als nahtloses Geflecht in Vergangenheit und Zukunft. Stammesangehörige leben in der Identität ihres Stammes, nicht ihrer Persönlichkeit. Individuation, wie wir sie als höchstes Bildungsziel verstehen, ist ihnen fremd. Von den vielen in der Geschichte erfundenen Zeichensystemen ist keines älter. Es überdauerte mindestens 30 000 Jahre und überquerte Kontinente. Die Muster wurden auf Körper tätowiert, auf Kleider gemalt, in Textilien gewebt, in Waffen graviert und dorthin getragen, wo immer ihre Träger hingingen.
Für seine Erkenntnis, daß sich die Menschheit von einem Ort aus über den ganzen Globus verbreitete, wurde Carl Schuster belächelt oder befehdet - je nachdem. Heute, Jahrzehnte später, ist sie zu einer anerkannten These in der Wissenschaft geworden: Anthropologen machten diesen Ursprungsort im heutigen Kenia aus, Genforscher und Sprachwissenschaftler unterstützten sie mit ihren Untersuchungen. *** Die uns überlieferten Zeugnisse aus der Steinzeit sind ein Bruchteil von einem Bruchteil dessen, was war. Man begreift Schusters Passion, diese toten Zeugnisse zu ergänzen und mit lebenden zu erhellen, wo immer dies möglich war. Zum Beispielläßt die verbreitete Sitte der Körperbemalung respektive Tätowierung Rückschlüsse auf viel ältere Epochen zu. Noch heute werden - meist als Teil eines Initiationsrituals-Stammesangehörige mit Symbolen für ihre Vorfahren bedeckt und so in ein genealogisches Diagramm verwandelt (Abbildungen 23 und 24). Durch diese Zeremonie wird der einzelne zum Glied in der langen Kette seiner Ahnen, zum Mitglied seines Stammes - verantwortlich dafür, einen eigenen Beitrag zu dessen Fortbestehen zu leisten. Die Abbildung 22 zeigt einen "Hauspfosten", einen Angehörigen, vielleicht den Begründer des Stammes mit aufgemaltem respektive eingeschnitztem Muster. Viele Fachleute fragen sich, warum Carl Schuster der Decodierung der genealogischen Muster eine so grundlegende Wichtigkeit einräumt. Sein Interesse wird verständlich, wenn wir uns heute, im Zeitalter der Übervölkerung, vergegenwärtigen, daß die Generationenfolge und damit die Erhaltung des Stammes _ und letzten Endes der Art - das primäre Gesellschaftsziel der paläolithischen Menschen war. Die Formen mögen differieren, reduziert oder redundant sein - die Grundregeln der genealogischen Muster sind stets die gleichen. Die gleichen Ideen, die gleiche Intelligenz liegen Beispielen aus der afrikanischen Steinzeit, dem alten Europa wie dem heutigen Melanesien zugrunde. Es ist, schreibt Edmund Carpenter, wie mit dem Schach: Wie verschieden die Figuren auch immer sind, vom figürlichen Ritterspiel bis zum kubischen Bauhausschach - die Regeln sind seit ihrer Überarbeitung in Nordwestindien um 570 auf der ganzen Welt die gleichen. Der Vergleich ist nicht zufällig. Es ist gut möglich, daß das Schachspiel aus der genealogischen Ikonografie entwickelt wurde - etwa aus Spielanlagen von Wiedergeburtsritualen: Der Bauer, der unbeschadet das Schachbrett überquert, wird als Königin wiedergeboren, während der rivalisierende König in dem Moment stirbt, wenn er seiner Untertanen beraubt wird. * ** Es ist schwierig, wenn nicht unmöglich, aus unserer Sicht auf das Kunstverständnis anderer Kulturkreise respektive anderer Epochen zu schließen. Wir schenken jeder Kunst nur dann Beachtung, wenn wir sie an unseren Kriterien messen können. Die damals, zu Beginn des Jahrhunderts, noch primitiv genannte Kunst Afrikas faszinierte und inspirierte bekanntlich Pablo Picasso und half dem Kubismus auf die Sprünge. Mittlerweile bewundern wir ein Bild von Picasso nicht anders als ein Glasfenster aus dem 13. Jahrhundert: als ästhetisches Objekt aus Form und Farbe. Wer interessiert sich schon dafür, daß das Glasfenster mit Maria und dem Jesuskind ganz anders gesehen werden wollte? Für den mittelalterlichen Menschen zählte nicht die Kunst des Künstlers, sondern die Botschaft, die Kraft, die vom Bild ausging und die in der bilderarmen Zeit von damals überwältigend gewesen sein muß: Kult statt Kunst. Wie sollten wir das in einer Zeit nachempfinden können, da wir in einer nie gekannten Bilderflut zu ertrinken drohen? In Ägypten, in der x-ten Grabkammer, kam es mir einmal schockartig zum Bewußtsein: Die ganze Herrlichkeit, die zu betrachten war, war weder für mich noch für die anderen nach Tausenden zählenden Touristen, noch für irgendeines Menschen Auge bestimmt. Sie war ausschließlich geschaffen und reserviert für die Götter, zu welchen der Begrabene unterwegs war. Unsere Kunstbeflissenheit ist für die alten Ägypter nichts als eine barbarische Grabschändung. Der Baum ist die natürliche Metapher für Verzweigung in aller Genealogie. Der sogenannte Y-Pfosten (Abbildung 25), ein Teil des Baums, ist denn auch nichts anderes als ein weit verbreitetes genealogisches Diagramm. Er symbolisiert genetische Vereinigung und ständig wachsende Vermehrung durch Teilung wie sich die Familie, der Clan, der Stamm fortpflanzt (das Wort verrät etwas von der ursprünglichen Selbstverständlichkeit: daß der Mensch, nicht anders als die Pflanze, wie alles in der Natur überlebt.) Abbildung 26 zeigt eine eindrucksvolle Installation aus Y-Pfosten, die Überreste eines Häuptlingshauses. Sie könnte in der heutigen Kunstszene glorios bestehen. Oft tragen solche Y-Pfosten menschliche Züge, sie haben Köpfe oder Gesichter an den Enden, bisweilen auch Genitalien und Brüste an den entsprechenden Stellen - und stets und überall repräsentiert die rechte Abzweigung die väterliche, die linke die mütterliche Abkunft. Wie wichtig der Y-Pfosten ist, geht aus der zentralen Rolle hervor, die er im sozialen Leben der Stammesgemeinschaft spielte: In der Regel markierte er einen Opferplatz, den wichtigsten am Ort, jenen, an dem auch Menschen geopfert wurden.
In allen Erdteilen verbreitet wie die Y-Pfosten sind doppelköpfige Figuren (Abbildung 27). Der Anthropologe Edmund Carpenter sieht in ihnen Ausarbeitungen von Y-Pfosten, Vervollständigung der in diesen enthaltenen Vermenschlichung. Im Urchristentum war der Buchstabe Y Symbol für die Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Die Stammbaum-Metapher ist so naheliegend, daß sie sozusagen "natürlich" ist. Sie reicht bis weit ins Paläolithikum zurück und wurde - wahrscheinlich sehr schnell - zu einem hochentwickelten Zeichensystem weiterentwickelt: Bei den doppelköpfigen Figuren, den Gelenkmarkierungen und Rapportmustern aus Gliedmaßen ist nichts mehr natürlich. Das sind Erfindungen, Kopfgeburten, übertragen durch Praxis und Weitersagen. Was sich hier andeutet, weist über die genealogischen Muster, über die Abstammungssymbole hinaus auf eine neue Kategorie von Symbolen, solche nämlich, die Verwandtschaft betreffen. Sind jene samt und sonders einfach, generalisierend, so sind diese komplex und spezifisch: Sie betreffen Heiratsregeln, Erbrecht, Funktionen - den eigentlichen Stoff der Verwandtschaft. Auch für solch anspruchsvolle Sachverhalte bildet eine genial einfache Assoziation das Mittel der Darstellung: Verwandte sind Menschen, die miteinander in einer mehr oder weniger engen körperlichen Beziehung stehen _ und diese ist am menschlichen Körper zu zeigen. Schön drückt die Sprache ganz allgemein den Körperbezug in Glied und Mitglied aus. Im Französischen bezeichnet "membre" die beiden Begriffe in einem Wort, desgleichen im Englischen "member". Etwas weiter hergeholt ist "remember" für erinnern: etwas wieder eingliedern - nämlich ins Gedächtnis. Die Gelenke zwischen den Gliedern dienten ursprünglich dazu, Verwandtschaftsverhältnisse zu spezifizieren. Dies ist in zahlreich vorkommenden Menschenfiguren (siehe Abbildung 28) zu sehen, bei denen die Gelenke - hauptsächlich Schultern, Ellbogen und Knie - mit Gesichtern markiert sind. Welches Gelenk welche Beziehung ausweist, ist von Stamm zu Stamm verschieden. Unbestritten nimmt das Knie die erste Stelle ein. Im Lateinischen geht dies aus der Verwandtschaft von genu (- Knie) und genus (- Herkunft, Geburt, Familie) hervor. Diese besteht auch in vielen indoeuropäischen Sprachen. Das vorkolumbische Mixtec braucht sogar das gleiche Wort für Knie und Gebärmutter. Der Stammsitz des Stammhalters, des Kronprinzen, ist das rechte Knie. Das gilt auch für den Sohn des christlichen Gott-Vaters: Bis ins späte Mittelalter wird Jesus Christus auf dem Knie der Heiligen Jungfrau sitzend dargestellt, in der byzantinischen Bildwelt auf dem rechten Knie Gottes. Ursprüngliche Konventionen erhalten sich oft lange in Beiläufigkeiten wie dieser: Im ländlichen Irland konnte der älteste Sohn erst heiraten, wenn er Land erbte - was, wenn die Eltern lange lebten, zu erheblichen Altersdifferenzen zwischen den Ehepartnern führen konnte. Und nicht selten zu Spekulationen über die Legitimität der Kinder. Der Mann proklamierte öffentlich seine Vaterschaft, indem er das Kind auf sein rechtes Knie setzte. Die Dogon in Westafrika legten mit Steinen das Schema eines Menschen auf dem Boden aus (Abbildung 29). Acht Steine markierten die hauptsächlichen Gelenke und symbolisierten Verwandtschaftsbeziehungen. Der neunte, wichtigste Stein stand für den Kopf des Stammgründers. Alle andern Steine wurden durch Linien verbunden - und ergaben eine Art von frühem Gesetz, das festlegte, welcher Verwandtschaftsgrad sich mit welchem liieren durfte. So wurde Inzucht vermieden. Auch im mittelalterlichen Sachsenspiegel - ebenfalls einer Art Gesetzbuch - ist die Verbindung von Gelenken und Verwandtschaftsgraden explizit erläutert: Da steht der Kopf (in Abbildung 30 als Doppelkopf) für Vater und Mutter, der Nacken für Brüder und Schwestern, die Schulter für Vettern ersten Grades, die Fingergelenke für Vettern zweiten bis sechsten Grades und so fort. * ** Der menschliche Körper liefert auch die Symbole für sehr viel komplexere Beziehungsmuster - vom Gesellschaftskörper des Stammes bis hin zum Modell für das Universum. Die senkrechte Symmetrie des Körpers legt es nahe, ihn in eine rechte und linke Hälfte zu teilen - oder auch in eine männliche und weibliche. Auf der einfachsten Ebene symbolisiert diese Teilung die oppositionellen Geschlechterhälften, aus deren Verbindung die Nachkommenschaft erwächst (Abbildung 31 ). Eine horizontale Teilung auf der Höhe des Nabels trennt aufsteigende von absteigenden Generationen und symbolisiert die körperliche Kontinuität. Das durch die Senkrechte und Waagerechte gebildete Kreuz mag als Symbol des ersten Wesens gelten, als Ursprung allen Seins. Oder als der erste Mann und das erste Weib, gekreuzt in der Paarung. Der Schnittpunkt der Linien, der Nabel, galt als axis mundi, als Zentrum der Erde und des Universums - daher auch die Redewendung, daß sich einer als Nabel der Welt betrachtet. Warum der Nabel eine im Wortsinn zentrale Rolle spielt, hängt zunächst von seinem Platz im menschlichen Körper ab: Er ist das Geburtsmal. an dem die Nabelschnur hing - Symbol für das Leben schlechthin. In der stilisiert-gegenständlichen Kunst späterer Kulturen ist oft der Nabel als Dreh- und Angelpunkt sozusagen beim Wort genommen: Das in Abbildung 32 gezeigte runde Ornament zeigt Mann und Weib beim Koitus; nicht das Kopulieren gemeinhin, sondern der kosmische Akt der Schöpfung }Text nicht OCR-lesbar} }Text nicht OCR-lesbar} ist gemeint, die Erzeugung des Stamms, der Ursprung menschlichen Lebens, In den abstrakt-geometrischen Formen der gleichen Symbolik hat es übrigens die Swastika (vulgo Hakenkreuz) durch Mißbrauch zu unverdienter Anrüchigkeit gebracht. In Abbildung 33 ist wieder der Nabel als Schnittpunkt des Kreuzes zu erkennen. Durch das Kreuz entstehen vier Felder mit dem genealogischen Diagramm - sie stehen wohl für die Clans, die einem Stamm angehören. Aus der Darstel-Jung geht auch hervor, warum im Symbol für Stammesangehörige der Kopf meistens fehlt: Die vier Felder werden nämlich überwölbt von einem Gesicht; es stellt den Ur-Ahnen dar, den Begründer, den Stammvater. Dieser mythischen Figur gegenüber sind alle Nachkommen nichts als Reproduktionen von dem Einen und Einzigen. Sie gelten nicht als Individuen, sondern bilden zusammen den Kollektivkörper des Stammes. * ** ruder symbolischen Vierteilung beruht auch die - eigentlich durch kein rationales Kriterium gerechtfertig-_ Gliederung der Zeit in vier Jahreszeiten und des Raums in vier Himmelsrichtungen. Manche Stammesvölker ordnen den vier Teilen vier Farben zu, vier Stimmungen, vier Untergottheiten oder Vorfahren. Als Ganzes konstituieren die vier Teile das Erste Wesen; mikrokosmisch in jedem Individuum präsent, makrokosmisch im Universum. Dies ist die Art Antwort, die sich der Mensch ausdenkt auf die unbeantwortbare Frage, woher er kommt. Das Erste Wesen ist in den Mythen vieler Stammesvölker ein Riesen-Riese, der aus sich selbst das Universum erschuf, die Welt und was darauf wächst und gedeiht. Für Eingeborene der Gesellschaftsinseln brachte dieses Wesen die Schöpfung zuwege, indem es Teile seiner selbst verwandelte: Das Rückgrat wurde zum Bergrücken, die Rippen zu Berghängen und so weiter. Offenbar war es gefiedert, denn die Federn wurden zu Bäumen, Sträuchern und Büschen, um die Erde zu bekleiden. Allgemeiner verbreitet ist der Mythos, daß das Urwesen die Schöpfung aus sich selbst gebar. Und da - so stelle ich mir das vor - der übliche Gebärprozeß zu lange dauern würde, sind die Geschöpfe überall aus seinem Körper herausgequollen, vornehmlich aus Gliedmaßen und Gelenken. Relikte solcher Vorstellungen finden sich etwa noch in der Hochkultur der Azteken oder im antiken Griechenland. Bekanntlich wurde Dionysos aus dem Schenkel des Göttervaters Zeus geboren, Pallas Athene sprang ihm aus dem Kopf. Abstammung und Verwandtschaft, daß diese beiden Aspekte einen breiten Raum einnehmen in Carl Schusters Archiv und in seiner Theorie, darf nicht verwundern:
Es sind die ursprünglichsten, zentralen Themen im Leben der Menschheit. Sie waren der Ausgangspunkt aller Kultur. Ihre Bewältigung war einerseits von praktischem Nutzen bei der Organisation des gesellschaftlichen Lebens, andererseits waren sie von Anfang an mystischer Natur. Literatur zum Thema: Carl Schuster, Edmund Carpenter: Patterns That Connect. Social Symbolism in Ancient and Tribal Art. Verlag Harry N. Abrams, New York.
Aufvier Wanderungen von Westchina bis nach Südostasien sammelte Schuster in den dreißiger Jahren hauptsächlich Stickereien und Webereien. Dabei galt sein Interesse vor allem der Form, den Mustern und den Motiven. Wo andere nur Verzierung erblickten, entdeckte er Symbole. Ihre Bedeutung, den Inhalt dieser Formen zu entschlüsseln, wurde ihm zur Leidenschaft. Dabei ging er von einer Annahme aus, die schon damals nicht neu und nicht modern war: daß in den unterschiedlichsten Erdgegenden gleiche Motive vorkommen.
Ein gemeinsames Erbe der Menschheit, ohne Zweifel. Der Schweizer Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung ( 1875 bis 1961 ) begründete diese höchst erstaunliche Tatsache damit, daß dieser gemeinsame Zeichenvorrat, diese Archetypen, den Menschen sozusagen in den Genen mitgegeben wurde. Schuster kam zu einer anderen Überzeugung, die neu und modern ist: Die Zeichen, von Menschen in vorgeschichtlicher Zeit geschaffen, seien durch Überlieferung auf uns gekommen _ über die ganze Welt verstreut in Objekten und Begriffen, im immerwährenden Strom der Völkerwanderungen. Jung war von einer Theorie mit universalem Anspruch ausgegangen. Schuster orientierte sich an dem, was noch in Objekten der Volkskunst, in Sitten und Bräuchen abgelegener Völker und Stämme lebendig war. Von diesem wenigen hat Schuster alles Erreichbare gesammelt in einem Leben, das sich nur in Büchern, Museen und auf Reisen abspielte. Er studierte in Wien und Peking. 1938 mußte er vor den Japanern fliehen und kam nach Holland, wo er, der Jude, zwei Jahre später den einmarschierenden Nazis nur mit knapper Not in die USA entkam. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte er gut 20 Jahre - unterbrochen von Forschungsreisen - in Woodstock im Staat New York. Sein Archiv, das jetzt im Basler Museum für Völkerkunde lagert, umfaßt 250 000 Fotos, Tausende von bibliografischen Hinweisen und Karteikarten mit Skizzen und Diagrammen. Erhalten sind auch 18000 Seiten dichter Korrespondenz, geschrieben in mindestens 30 Sprachen - darunter Chinesisch, Russisch, Finnisch, Sanskrit, Ungarisch, Malayisch, Polnisch, Isländisch. Schuster bewegte sich so leicht durch die Sprachen, wie er sich durch Kontinente und Zeitalter bewegte. Und in New York liegt weiteres Material bereit, das demnächst nach Basel überführt wird; insgesamt neun Kubikmeter. Aus diesem Material hat Carl Schuster ein so überraschendes wie überzeugendes Puzzle zusammengesetzt. Anschaulich wird ein Bild des paläolithischen Menschen in seinem erlebten diesseitigen und vermuteten jenseitigen Leben. Vor allem aber fand Schuster Antworten auf Fragen, die den Frühmenschen am meisten beschäftigten - Fragen nach seinem Platz in der endlosen Kette des Daseins, nach der Identität seines Vaters, nach der Möglichkeit einer Wiedergeburt und nach der Ordnung des Kosmos. Schuster hat wenig publiziert. Einerseits, weil er von seiner Fachzunft nie ernst genommen wurde. Andererseits aus Perfektionismus: Er brachte keine Arbeit zu Ende, weil er stets neue Fakten und Belege fand. Ein einziges Mal sollte ein Buch von ihm erscheinen. Es hätte eine in Jahrzehnten gesammelte Dokumentation über das Ursymbol des Sonnenvogels enthalten. Doch bei Überprüfung der mit allen Farblithos druckreifen Korrekturbögen stolperte Schuster über einen Schwachpunkt in seiner Beweisführung und ließ den Druck nicht zu. Zu den wenigen, die Schusters Arbeit kannten und schätzten, gehört der französische Ethnologe und Philosoph Claude Levi-Strauss. Er schrieb: "Wenn Sozialanthropologen nur halb so interessiert wären an materiell existierender Kultur, wie sie vorgeben zu sein, sie würden Carl Schuster mehr Aufmerksamkeit zollen. Seinen faszinierenden Überblick über das weltweite Vorhandensein eines Typs von geometrischen Mustern führt er aufgrund ihrer geographischen Verbreitung und früher bekannter Beispiele auf paläolithische Zeiten zurück." Auch der amerikanische Anthropologe und Eskimo-Forscher Edmund Carpenter, Jahrgang 1922, ließ sich von den Forschungsergebnissen seines Kollegen überwältigen. In 15 Jahren erarbeitete er die zwölfbändige Publikation: Schuster/Carpenter: "Material für Studien über soziale Symbole in vorgeschichtlicher und Stammeskunst". Sie erschien in 600 Exemplaren bei der Rockfoundation, New York, und wurde kostenlos an Wissenschaftler und Bibliotheken verteilt. Carpenter leistete dabei weit mehr, als von einem Herausgeber erwartet wird. Zwar hatte Schuster einen Fundus hinterlassen, der Stoff für Generationen von Forschern enthielt, doch kein einziges druckbares Manuskript. So war Carpenter gezwungen, den Text selbst zu schreiben, was dem Werk sicherlich gut bekommen ist. Denn er schreibt einen klaren Stil, den er als non-academic bezeichnet. Man mag bei ihm den Einfluß des Medientheoretikers Marshall McLuhan spüren, mit dem er in Toronto zusammenarbeitete, oder seiner Arbeit für das kanadische Fernsehen, dem er populäre Sendungen über Völkerkunde lieferte. Das jedenfalls ist der Eindruck beim Durchblättern der Bücher, in denen vorzügliches Bildmaterial dominiert: Das Abbildungsverzeichnis zählt 3973 Nummern. Dazu muß man wissen, daß es einerseits bloß einen Bruchteil des Schusterschen Materials enthält, andererseits aber durch neue, von Edmund Carpenter beigetragene Dokumente angereichert ist. Er ließ Fotos restaurieren, wo es nötig war, und Hunderte von Diagrammen, Skizzen und Zeichnungen neu anfertigen. Kurz: Carpenters Arbeit ist als kongenial zu bezeichnen, und gleichzeitig ist sie eine sensible Hommage an Carl Schuster, den Freund und das Vorbild. Am meisten überraschen die Zeit- und Raumsprünge, in denen Carpenter Schusters Material präsentiert - mit guten Gründen: "Wenn ich Beispiele aus Iberien und Papua, Afrika und Australien übereinanderlege, reiße ich sie nicht aus dem Zusammenhang heraus. Der einzige Zusammenhang ist ihre Ikonographie, ihre Bildersprache. In dieser Bildersprache zählen Epoche, Kultur und Stil wenig. Denn jedes ausgewählte Beispiel könnte ich leicht durch ein anderes ersetzen von einem anderen Stamm, aus einer anderen Periode. Ein Arrangement wird durch Form bestimmt, nicht durch Geschichte." Die Dinge so synchron statt ungleichzeitig zu betrachten, das erlaubt Edmund Carpenter auch sein engeres Forschungsgebiet, die Kultur der Eskimos. Sie lebten und leben unter ähnlichen Bedingungen wie die eiszeitlichen Jäger in Europa und Asien. Ebenso weist ihre Kunst eine frappierende Ähnlichkeit mit der Kunst jener Stämme auf. Nur: Dazwischen klafft eine Lücke von einigen tausend Jahren. Die älteste Eskimokunst ist vielleicht 3000 Jahre alt, die jungsteinzeitliche zwischen 10 000 und 40 000. "Man kann sich", so Edmund Carpenter, "des Eindrucks nicht erwehren, daß die Eskimos in ihrer Kunst - wie in anderen Domänen des Lebens - paläolithische Traditionen bis in die jüngste Gegenwart fortführen." Ich weiß, es gibt Berufenere als mich, einen Künstler, über dieses Opus magnum zu schreiben. Aber das Mißtrauen der Fachwelt scheint Carl Schuster über seinen Tod hinaus zu verfolgen: Sie schweigt und schweigt. Seine Erkenntnisse sind immer noch umstritten _ für den, der die Beweise nicht zur Kenntnis nehmen will. Aber abgesehen davon gibt es auch für einen Künstler gute Gründe, sich mit der Materie zu beschäftigen. Es geht um nichts Geringeres als um den Urgrund der Kunst. Als die Kunst noch nicht Kunst hieß. Die Thesen von Carl Schuster und Edmund Carpenter kann und will ich nicht kritisch rezensieren. Als Nicht-Fachmann habe ich das Privileg, keiner Schule - in der Wissenschaft der Völkerkunde sehr ausgeprägt - anzugehören. Ich beschränke mich darauf, über das zu berichten, was mich als Laie fasziniert }Text nicht OCR-lesbar} }Text nicht OCR-lesbar} Die großen Kulturen der Vergangenheit lernen wir durch ihre Spuren kennen, welche die Zeit überdauern und welche wir vorgefunden haben - mehr oder weniger zu-Befällig entdeckt oder ausgegraben. Am ergiebigsten - und geheimnisvollsten - sind die Zeichencodes. Damit wurde lebendige Sprache verschlüsselt und konserviert, oft sehr ausschweifend. Der Franzose Jean-Francois Champollion ( 1790 bis 1832) entzifferte die Hieroglyphen _ doch es war lange vor seiner Zeit schon der Ehrgeiz der Forscher, vergessene Schriften und Schriftsysteme wieder lesbar zu machen. Heute können wir auch den Nachlaß der Assyrer und Babylonier in ihrer Keilschrift lesen oder den der Germanen in ihren Runen. Am längsten hat die komplexe Bilderschrift der Maya und Azteken der Enträtselung widerstanden; aber auch dieser Code ist geknackt. Was aber wissen wir von den Kulturen, die den großen vorausgingen? Die Menschen lebten meist als Nomaden, sie gründeten noch keine Städte, bauten keine Paläste und Tempel. Zudem konnten sie nur wenige Materialien bearbeiten, die dauerhaft eine Botschaft bewahrten. Hatten sie überhaupt Codes, die zu entziffern sind und die zu entziffern sich lohnt? Für Carl Schuster war dies keine Frage, sondern Stachel für seinen Forscherdrang_ denn schließlich, so lautete seine Überzeugung, geht es um das Fundament unserer Kultur, auf dem wir weiterbauen. Carl Schuster suchte Stämme auf, die noch ein ursprüngliches Leben führten, um ihre Sprache der Formen und Bilder zu studieren, ihre Ikonografie. Er fand sie in der Bemalung oder Tätowierung der Körper, die eine zentrale symbolische Bedeutung im sozialen Kontext besaß. Er fand sie auch in der Gestaltung der Kleidung, Textilien, Geräte, Hütten und vor allem der Arte- fakte für religiöse Rituale und Zeremonien. Darin manifestieren sich auflebendige Art Traditionen, die zwar vergänglich sind, aber aufweit zurückliegende Wurzeln schließen lassen, manchmal bis auf die Steinzeit. Was die Archäologen ausgraben, so sein Credo, kann nur durch das verstanden werden, was lebendige Evidenz ist. Aus einem Brief an einen Kollegen: "Niemand hat die geringste Vorstellung davon, wie diese Welt wirklich ist. Das einzige, was mit Sicherheit gesagt werden kann, ist, daß sie verschieden von dem ist, was irgendjemand annimmt. Soweit ich sehen kann, existiert kein klares Bild von den kulturellen Traditionen der heutigen Welt. Und niemand vergegenwärtigt sich, daß solch ein Bild erstellt werden kann und muß_ aufgrund langwieriger und mühseliger empirischer Beobachtungen. Und dieses Bild kann nur Gültigkeit haben, wenn die Beobachtungen auf weltweiter Basis durchgeführt werden, ohne jede willkürliche Auslassung. Dies mag nicht brillant formuliert sein", so schrieb er weiter",aber vielleicht erklärt es, warum ich die Diskussionen über Prinzipien vermeide und meine Energie daraufkonzentriere, ein Bild der Welt so aufzubauen, wie es ist. Indem ich es anschaue, statt darüber zu diskutieren und Folgerungen von dem abzuleiten, was ich sehe." Carl Schuster, so Edmund Carpenter, war nicht der erste, der dieses Ziel verfolgte. Aber er war der erste, der es erreichte. Dazu brauchte er neben wissenschaftlicher Akribie vor allem Vorstellungskraft und den Mut, alte Seh- und Denkgewohnheiten über Bord zu werfen. *** Was zum Beispiel sehen wir bei der Betrachtung von Abbildung 1 ? Ein geometrisches Muster? Eine Bienenwabenstruktur? Dekoration? Ornament? Oder handelt es sich um den Rapport eines Elements (Abbildung 2), das nichts darstellt außer sich selbst? Wenn wir ein anderes Element (Abbildung 3) aus dem Muster schälen, sehen wir deutlich etwas, was etwas bedeutet: einen Menschen mit Kopf, Rumpf, Armen und Beinen. Setzen wir (Abbildung 4) zwei solcher Menschenbilder zusammen, bilden sie ein Paar, Mann und Frau. Mit einem dritten darunter, einem Kind, einem Nachkommen, ergibt sich eine Familie, Abbildung 5. Werfen wir einen Blick zurück auf Abbildung 1, sehen wir dieses Bild mit anderen Augen. Es ist jetzt mehr als nur Verzierung, mehr als etwas ästhetisch Beliebiges. Es handelt sich um die Darstellung eines konkreten Inhalts: um ein genealogisches Muster. In der Vertikalen wird der Ablauf der Generationen dargestellt, in der Horizontalen die Verwandtschaft. Es handelt sich, mit anderen Worten, um eine Art Stammbaum. Stammbaum natürlich nicht, wie wir ihn kennen: als Diagramm von der Abstammung mehr oder weniger bedeutender Persönlichkeiten. Hier ist es das Profil der Individuen, welches das Profil der Familien konstituiert. Im Stammesverständnis ist es umgekehrt: Der Stamm zählt alles. Seine Angehörigen sind nichts als ein Teil davon. Sie haben das Leben von ihren Ahnen empfangen und geben es ihren Nachkommen weiter; sie verehren ihre Ahnen und leben in der Gewißheit, dereinst als Ahnen ebenso verehrt zu werden. Das Genie von Carl Schuster war es, den Code aus den Abertausenden von untersuchten Motiven herauszulesen. Und zwar nicht bloß in dem oben beschriebenen, relativ naheliegenden Fall, sondern auch in schwieriger durchschaubaren Abwandlungen, die er nach verschiedenen Prototypen einteilte. Die Abbildungen 7 bis 13 zeigen den getreppten und den gekurvten Typus, den Hocker und das Stundenglas, Menschen-Symbole mit gestreckten und mit hängenden Gliedern. Von dieser Basis aus führten Carl Schuster die Recherchen in immer fernere Gefilde. Zunächst erkannte er, daß Symbole, eine verkürzte Zeichensprache, ihrerseits wieder verkürzt werden, daß also oft ein Teil für das Ganze steht. Die Abbildungen 14 bis 19 zeigen die zunehmende Abstrahierung des Motivs von Abbildung 3 " Zuerst fällt der Kopfweg (Abbildung 15), der als Individuumsmerkmal ohnehin eine geringe Rolle spielt - in Umkehrung des christlichen Gebots: Du sollst kein Bildnis weder von dir noch von andern machen. Wohl aber von den Göttern. Dann wird das Rückgrat als überflüssig eliminiert (Abbildung 16). Von den übriggebliebenen Winkellinien genügt schließlich eine, auf den Chevron gekürzt, wie in Abbildung 17. Durch die Wiederholung dieses Elements (Abbildungen 18 und 19) werden wiederum in der Senkrechten die Generationen und in der Waagerechten die Verwandtschaften dargestellt. Die genealogischen Muster sind Abbilder vom Stamm als einer Ganzheit, als nahtloses Geflecht in Vergangenheit und Zukunft. Stammesangehörige leben in der Identität ihres Stammes, nicht ihrer Persönlichkeit. Individuation, wie wir sie als höchstes Bildungsziel verstehen, ist ihnen fremd. Von den vielen in der Geschichte erfundenen Zeichensystemen ist keines älter. Es überdauerte mindestens 30 000 Jahre und überquerte Kontinente. Die Muster wurden auf Körper tätowiert, auf Kleider gemalt, in Textilien gewebt, in Waffen graviert und dorthin getragen, wo immer ihre Träger hingingen.
Für seine Erkenntnis, daß sich die Menschheit von einem Ort aus über den ganzen Globus verbreitete, wurde Carl Schuster belächelt oder befehdet - je nachdem. Heute, Jahrzehnte später, ist sie zu einer anerkannten These in der Wissenschaft geworden: Anthropologen machten diesen Ursprungsort im heutigen Kenia aus, Genforscher und Sprachwissenschaftler unterstützten sie mit ihren Untersuchungen. *** Die uns überlieferten Zeugnisse aus der Steinzeit sind ein Bruchteil von einem Bruchteil dessen, was war. Man begreift Schusters Passion, diese toten Zeugnisse zu ergänzen und mit lebenden zu erhellen, wo immer dies möglich war. Zum Beispielläßt die verbreitete Sitte der Körperbemalung respektive Tätowierung Rückschlüsse auf viel ältere Epochen zu. Noch heute werden - meist als Teil eines Initiationsrituals-Stammesangehörige mit Symbolen für ihre Vorfahren bedeckt und so in ein genealogisches Diagramm verwandelt (Abbildungen 23 und 24). Durch diese Zeremonie wird der einzelne zum Glied in der langen Kette seiner Ahnen, zum Mitglied seines Stammes - verantwortlich dafür, einen eigenen Beitrag zu dessen Fortbestehen zu leisten. Die Abbildung 22 zeigt einen "Hauspfosten", einen Angehörigen, vielleicht den Begründer des Stammes mit aufgemaltem respektive eingeschnitztem Muster. Viele Fachleute fragen sich, warum Carl Schuster der Decodierung der genealogischen Muster eine so grundlegende Wichtigkeit einräumt. Sein Interesse wird verständlich, wenn wir uns heute, im Zeitalter der Übervölkerung, vergegenwärtigen, daß die Generationenfolge und damit die Erhaltung des Stammes _ und letzten Endes der Art - das primäre Gesellschaftsziel der paläolithischen Menschen war. Die Formen mögen differieren, reduziert oder redundant sein - die Grundregeln der genealogischen Muster sind stets die gleichen. Die gleichen Ideen, die gleiche Intelligenz liegen Beispielen aus der afrikanischen Steinzeit, dem alten Europa wie dem heutigen Melanesien zugrunde. Es ist, schreibt Edmund Carpenter, wie mit dem Schach: Wie verschieden die Figuren auch immer sind, vom figürlichen Ritterspiel bis zum kubischen Bauhausschach - die Regeln sind seit ihrer Überarbeitung in Nordwestindien um 570 auf der ganzen Welt die gleichen. Der Vergleich ist nicht zufällig. Es ist gut möglich, daß das Schachspiel aus der genealogischen Ikonografie entwickelt wurde - etwa aus Spielanlagen von Wiedergeburtsritualen: Der Bauer, der unbeschadet das Schachbrett überquert, wird als Königin wiedergeboren, während der rivalisierende König in dem Moment stirbt, wenn er seiner Untertanen beraubt wird. * ** Es ist schwierig, wenn nicht unmöglich, aus unserer Sicht auf das Kunstverständnis anderer Kulturkreise respektive anderer Epochen zu schließen. Wir schenken jeder Kunst nur dann Beachtung, wenn wir sie an unseren Kriterien messen können. Die damals, zu Beginn des Jahrhunderts, noch primitiv genannte Kunst Afrikas faszinierte und inspirierte bekanntlich Pablo Picasso und half dem Kubismus auf die Sprünge. Mittlerweile bewundern wir ein Bild von Picasso nicht anders als ein Glasfenster aus dem 13. Jahrhundert: als ästhetisches Objekt aus Form und Farbe. Wer interessiert sich schon dafür, daß das Glasfenster mit Maria und dem Jesuskind ganz anders gesehen werden wollte? Für den mittelalterlichen Menschen zählte nicht die Kunst des Künstlers, sondern die Botschaft, die Kraft, die vom Bild ausging und die in der bilderarmen Zeit von damals überwältigend gewesen sein muß: Kult statt Kunst. Wie sollten wir das in einer Zeit nachempfinden können, da wir in einer nie gekannten Bilderflut zu ertrinken drohen? In Ägypten, in der x-ten Grabkammer, kam es mir einmal schockartig zum Bewußtsein: Die ganze Herrlichkeit, die zu betrachten war, war weder für mich noch für die anderen nach Tausenden zählenden Touristen, noch für irgendeines Menschen Auge bestimmt. Sie war ausschließlich geschaffen und reserviert für die Götter, zu welchen der Begrabene unterwegs war. Unsere Kunstbeflissenheit ist für die alten Ägypter nichts als eine barbarische Grabschändung. Der Baum ist die natürliche Metapher für Verzweigung in aller Genealogie. Der sogenannte Y-Pfosten (Abbildung 25), ein Teil des Baums, ist denn auch nichts anderes als ein weit verbreitetes genealogisches Diagramm. Er symbolisiert genetische Vereinigung und ständig wachsende Vermehrung durch Teilung wie sich die Familie, der Clan, der Stamm fortpflanzt (das Wort verrät etwas von der ursprünglichen Selbstverständlichkeit: daß der Mensch, nicht anders als die Pflanze, wie alles in der Natur überlebt.) Abbildung 26 zeigt eine eindrucksvolle Installation aus Y-Pfosten, die Überreste eines Häuptlingshauses. Sie könnte in der heutigen Kunstszene glorios bestehen. Oft tragen solche Y-Pfosten menschliche Züge, sie haben Köpfe oder Gesichter an den Enden, bisweilen auch Genitalien und Brüste an den entsprechenden Stellen - und stets und überall repräsentiert die rechte Abzweigung die väterliche, die linke die mütterliche Abkunft. Wie wichtig der Y-Pfosten ist, geht aus der zentralen Rolle hervor, die er im sozialen Leben der Stammesgemeinschaft spielte: In der Regel markierte er einen Opferplatz, den wichtigsten am Ort, jenen, an dem auch Menschen geopfert wurden.
In allen Erdteilen verbreitet wie die Y-Pfosten sind doppelköpfige Figuren (Abbildung 27). Der Anthropologe Edmund Carpenter sieht in ihnen Ausarbeitungen von Y-Pfosten, Vervollständigung der in diesen enthaltenen Vermenschlichung. Im Urchristentum war der Buchstabe Y Symbol für die Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Die Stammbaum-Metapher ist so naheliegend, daß sie sozusagen "natürlich" ist. Sie reicht bis weit ins Paläolithikum zurück und wurde - wahrscheinlich sehr schnell - zu einem hochentwickelten Zeichensystem weiterentwickelt: Bei den doppelköpfigen Figuren, den Gelenkmarkierungen und Rapportmustern aus Gliedmaßen ist nichts mehr natürlich. Das sind Erfindungen, Kopfgeburten, übertragen durch Praxis und Weitersagen. Was sich hier andeutet, weist über die genealogischen Muster, über die Abstammungssymbole hinaus auf eine neue Kategorie von Symbolen, solche nämlich, die Verwandtschaft betreffen. Sind jene samt und sonders einfach, generalisierend, so sind diese komplex und spezifisch: Sie betreffen Heiratsregeln, Erbrecht, Funktionen - den eigentlichen Stoff der Verwandtschaft. Auch für solch anspruchsvolle Sachverhalte bildet eine genial einfache Assoziation das Mittel der Darstellung: Verwandte sind Menschen, die miteinander in einer mehr oder weniger engen körperlichen Beziehung stehen _ und diese ist am menschlichen Körper zu zeigen. Schön drückt die Sprache ganz allgemein den Körperbezug in Glied und Mitglied aus. Im Französischen bezeichnet "membre" die beiden Begriffe in einem Wort, desgleichen im Englischen "member". Etwas weiter hergeholt ist "remember" für erinnern: etwas wieder eingliedern - nämlich ins Gedächtnis. Die Gelenke zwischen den Gliedern dienten ursprünglich dazu, Verwandtschaftsverhältnisse zu spezifizieren. Dies ist in zahlreich vorkommenden Menschenfiguren (siehe Abbildung 28) zu sehen, bei denen die Gelenke - hauptsächlich Schultern, Ellbogen und Knie - mit Gesichtern markiert sind. Welches Gelenk welche Beziehung ausweist, ist von Stamm zu Stamm verschieden. Unbestritten nimmt das Knie die erste Stelle ein. Im Lateinischen geht dies aus der Verwandtschaft von genu (- Knie) und genus (- Herkunft, Geburt, Familie) hervor. Diese besteht auch in vielen indoeuropäischen Sprachen. Das vorkolumbische Mixtec braucht sogar das gleiche Wort für Knie und Gebärmutter. Der Stammsitz des Stammhalters, des Kronprinzen, ist das rechte Knie. Das gilt auch für den Sohn des christlichen Gott-Vaters: Bis ins späte Mittelalter wird Jesus Christus auf dem Knie der Heiligen Jungfrau sitzend dargestellt, in der byzantinischen Bildwelt auf dem rechten Knie Gottes. Ursprüngliche Konventionen erhalten sich oft lange in Beiläufigkeiten wie dieser: Im ländlichen Irland konnte der älteste Sohn erst heiraten, wenn er Land erbte - was, wenn die Eltern lange lebten, zu erheblichen Altersdifferenzen zwischen den Ehepartnern führen konnte. Und nicht selten zu Spekulationen über die Legitimität der Kinder. Der Mann proklamierte öffentlich seine Vaterschaft, indem er das Kind auf sein rechtes Knie setzte. Die Dogon in Westafrika legten mit Steinen das Schema eines Menschen auf dem Boden aus (Abbildung 29). Acht Steine markierten die hauptsächlichen Gelenke und symbolisierten Verwandtschaftsbeziehungen. Der neunte, wichtigste Stein stand für den Kopf des Stammgründers. Alle andern Steine wurden durch Linien verbunden - und ergaben eine Art von frühem Gesetz, das festlegte, welcher Verwandtschaftsgrad sich mit welchem liieren durfte. So wurde Inzucht vermieden. Auch im mittelalterlichen Sachsenspiegel - ebenfalls einer Art Gesetzbuch - ist die Verbindung von Gelenken und Verwandtschaftsgraden explizit erläutert: Da steht der Kopf (in Abbildung 30 als Doppelkopf) für Vater und Mutter, der Nacken für Brüder und Schwestern, die Schulter für Vettern ersten Grades, die Fingergelenke für Vettern zweiten bis sechsten Grades und so fort. * ** Der menschliche Körper liefert auch die Symbole für sehr viel komplexere Beziehungsmuster - vom Gesellschaftskörper des Stammes bis hin zum Modell für das Universum. Die senkrechte Symmetrie des Körpers legt es nahe, ihn in eine rechte und linke Hälfte zu teilen - oder auch in eine männliche und weibliche. Auf der einfachsten Ebene symbolisiert diese Teilung die oppositionellen Geschlechterhälften, aus deren Verbindung die Nachkommenschaft erwächst (Abbildung 31 ). Eine horizontale Teilung auf der Höhe des Nabels trennt aufsteigende von absteigenden Generationen und symbolisiert die körperliche Kontinuität. Das durch die Senkrechte und Waagerechte gebildete Kreuz mag als Symbol des ersten Wesens gelten, als Ursprung allen Seins. Oder als der erste Mann und das erste Weib, gekreuzt in der Paarung. Der Schnittpunkt der Linien, der Nabel, galt als axis mundi, als Zentrum der Erde und des Universums - daher auch die Redewendung, daß sich einer als Nabel der Welt betrachtet. Warum der Nabel eine im Wortsinn zentrale Rolle spielt, hängt zunächst von seinem Platz im menschlichen Körper ab: Er ist das Geburtsmal. an dem die Nabelschnur hing - Symbol für das Leben schlechthin. In der stilisiert-gegenständlichen Kunst späterer Kulturen ist oft der Nabel als Dreh- und Angelpunkt sozusagen beim Wort genommen: Das in Abbildung 32 gezeigte runde Ornament zeigt Mann und Weib beim Koitus; nicht das Kopulieren gemeinhin, sondern der kosmische Akt der Schöpfung }Text nicht OCR-lesbar} }Text nicht OCR-lesbar} ist gemeint, die Erzeugung des Stamms, der Ursprung menschlichen Lebens, In den abstrakt-geometrischen Formen der gleichen Symbolik hat es übrigens die Swastika (vulgo Hakenkreuz) durch Mißbrauch zu unverdienter Anrüchigkeit gebracht. In Abbildung 33 ist wieder der Nabel als Schnittpunkt des Kreuzes zu erkennen. Durch das Kreuz entstehen vier Felder mit dem genealogischen Diagramm - sie stehen wohl für die Clans, die einem Stamm angehören. Aus der Darstel-Jung geht auch hervor, warum im Symbol für Stammesangehörige der Kopf meistens fehlt: Die vier Felder werden nämlich überwölbt von einem Gesicht; es stellt den Ur-Ahnen dar, den Begründer, den Stammvater. Dieser mythischen Figur gegenüber sind alle Nachkommen nichts als Reproduktionen von dem Einen und Einzigen. Sie gelten nicht als Individuen, sondern bilden zusammen den Kollektivkörper des Stammes. * ** ruder symbolischen Vierteilung beruht auch die - eigentlich durch kein rationales Kriterium gerechtfertig-_ Gliederung der Zeit in vier Jahreszeiten und des Raums in vier Himmelsrichtungen. Manche Stammesvölker ordnen den vier Teilen vier Farben zu, vier Stimmungen, vier Untergottheiten oder Vorfahren. Als Ganzes konstituieren die vier Teile das Erste Wesen; mikrokosmisch in jedem Individuum präsent, makrokosmisch im Universum. Dies ist die Art Antwort, die sich der Mensch ausdenkt auf die unbeantwortbare Frage, woher er kommt. Das Erste Wesen ist in den Mythen vieler Stammesvölker ein Riesen-Riese, der aus sich selbst das Universum erschuf, die Welt und was darauf wächst und gedeiht. Für Eingeborene der Gesellschaftsinseln brachte dieses Wesen die Schöpfung zuwege, indem es Teile seiner selbst verwandelte: Das Rückgrat wurde zum Bergrücken, die Rippen zu Berghängen und so weiter. Offenbar war es gefiedert, denn die Federn wurden zu Bäumen, Sträuchern und Büschen, um die Erde zu bekleiden. Allgemeiner verbreitet ist der Mythos, daß das Urwesen die Schöpfung aus sich selbst gebar. Und da - so stelle ich mir das vor - der übliche Gebärprozeß zu lange dauern würde, sind die Geschöpfe überall aus seinem Körper herausgequollen, vornehmlich aus Gliedmaßen und Gelenken. Relikte solcher Vorstellungen finden sich etwa noch in der Hochkultur der Azteken oder im antiken Griechenland. Bekanntlich wurde Dionysos aus dem Schenkel des Göttervaters Zeus geboren, Pallas Athene sprang ihm aus dem Kopf. Abstammung und Verwandtschaft, daß diese beiden Aspekte einen breiten Raum einnehmen in Carl Schusters Archiv und in seiner Theorie, darf nicht verwundern:
Es sind die ursprünglichsten, zentralen Themen im Leben der Menschheit. Sie waren der Ausgangspunkt aller Kultur. Ihre Bewältigung war einerseits von praktischem Nutzen bei der Organisation des gesellschaftlichen Lebens, andererseits waren sie von Anfang an mystischer Natur. Literatur zum Thema: Carl Schuster, Edmund Carpenter: Patterns That Connect. Social Symbolism in Ancient and Tribal Art. Verlag Harry N. Abrams, New York.
Aufvier Wanderungen von Westchina bis nach Südostasien sammelte Schuster in den dreißiger Jahren hauptsächlich Stickereien und Webereien. Dabei galt sein Interesse vor allem der Form, den Mustern und den Motiven. Wo andere nur Verzierung erblickten, entdeckte er Symbole. Ihre Bedeutung, den Inhalt dieser Formen zu entschlüsseln, wurde ihm zur Leidenschaft. Dabei ging er von einer Annahme aus, die schon damals nicht neu und nicht modern war: daß in den unterschiedlichsten Erdgegenden gleiche Motive vorkommen.
Ein gemeinsames Erbe der Menschheit, ohne Zweifel. Der Schweizer Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung ( 1875 bis 1961 ) begründete diese höchst erstaunliche Tatsache damit, daß dieser gemeinsame Zeichenvorrat, diese Archetypen, den Menschen sozusagen in den Genen mitgegeben wurde. Schuster kam zu einer anderen Überzeugung, die neu und modern ist: Die Zeichen, von Menschen in vorgeschichtlicher Zeit geschaffen, seien durch Überlieferung auf uns gekommen _ über die ganze Welt verstreut in Objekten und Begriffen, im immerwährenden Strom der Völkerwanderungen. Jung war von einer Theorie mit universalem Anspruch ausgegangen. Schuster orientierte sich an dem, was noch in Objekten der Volkskunst, in Sitten und Bräuchen abgelegener Völker und Stämme lebendig war. Von diesem wenigen hat Schuster alles Erreichbare gesammelt in einem Leben, das sich nur in Büchern, Museen und auf Reisen abspielte. Er studierte in Wien und Peking. 1938 mußte er vor den Japanern fliehen und kam nach Holland, wo er, der Jude, zwei Jahre später den einmarschierenden Nazis nur mit knapper Not in die USA entkam. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte er gut 20 Jahre - unterbrochen von Forschungsreisen - in Woodstock im Staat New York. Sein Archiv, das jetzt im Basler Museum für Völkerkunde lagert, umfaßt 250 000 Fotos, Tausende von bibliografischen Hinweisen und Karteikarten mit Skizzen und Diagrammen. Erhalten sind auch 18000 Seiten dichter Korrespondenz, geschrieben in mindestens 30 Sprachen - darunter Chinesisch, Russisch, Finnisch, Sanskrit, Ungarisch, Malayisch, Polnisch, Isländisch. Schuster bewegte sich so leicht durch die Sprachen, wie er sich durch Kontinente und Zeitalter bewegte. Und in New York liegt weiteres Material bereit, das demnächst nach Basel überführt wird; insgesamt neun Kubikmeter. Aus diesem Material hat Carl Schuster ein so überraschendes wie überzeugendes Puzzle zusammengesetzt. Anschaulich wird ein Bild des paläolithischen Menschen in seinem erlebten diesseitigen und vermuteten jenseitigen Leben. Vor allem aber fand Schuster Antworten auf Fragen, die den Frühmenschen am meisten beschäftigten - Fragen nach seinem Platz in der endlosen Kette des Daseins, nach der Identität seines Vaters, nach der Möglichkeit einer Wiedergeburt und nach der Ordnung des Kosmos. Schuster hat wenig publiziert. Einerseits, weil er von seiner Fachzunft nie ernst genommen wurde. Andererseits aus Perfektionismus: Er brachte keine Arbeit zu Ende, weil er stets neue Fakten und Belege fand. Ein einziges Mal sollte ein Buch von ihm erscheinen. Es hätte eine in Jahrzehnten gesammelte Dokumentation über das Ursymbol des Sonnenvogels enthalten. Doch bei Überprüfung der mit allen Farblithos druckreifen Korrekturbögen stolperte Schuster über einen Schwachpunkt in seiner Beweisführung und ließ den Druck nicht zu. Zu den wenigen, die Schusters Arbeit kannten und schätzten, gehört der französische Ethnologe und Philosoph Claude Levi-Strauss. Er schrieb: "Wenn Sozialanthropologen nur halb so interessiert wären an materiell existierender Kultur, wie sie vorgeben zu sein, sie würden Carl Schuster mehr Aufmerksamkeit zollen. Seinen faszinierenden Überblick über das weltweite Vorhandensein eines Typs von geometrischen Mustern führt er aufgrund ihrer geographischen Verbreitung und früher bekannter Beispiele auf paläolithische Zeiten zurück." Auch der amerikanische Anthropologe und Eskimo-Forscher Edmund Carpenter, Jahrgang 1922, ließ sich von den Forschungsergebnissen seines Kollegen überwältigen. In 15 Jahren erarbeitete er die zwölfbändige Publikation: Schuster/Carpenter: "Material für Studien über soziale Symbole in vorgeschichtlicher und Stammeskunst". Sie erschien in 600 Exemplaren bei der Rockfoundation, New York, und wurde kostenlos an Wissenschaftler und Bibliotheken verteilt. Carpenter leistete dabei weit mehr, als von einem Herausgeber erwartet wird. Zwar hatte Schuster einen Fundus hinterlassen, der Stoff für Generationen von Forschern enthielt, doch kein einziges druckbares Manuskript. So war Carpenter gezwungen, den Text selbst zu schreiben, was dem Werk sicherlich gut bekommen ist. Denn er schreibt einen klaren Stil, den er als non-academic bezeichnet. Man mag bei ihm den Einfluß des Medientheoretikers Marshall McLuhan spüren, mit dem er in Toronto zusammenarbeitete, oder seiner Arbeit für das kanadische Fernsehen, dem er populäre Sendungen über Völkerkunde lieferte. Das jedenfalls ist der Eindruck beim Durchblättern der Bücher, in denen vorzügliches Bildmaterial dominiert: Das Abbildungsverzeichnis zählt 3973 Nummern. Dazu muß man wissen, daß es einerseits bloß einen Bruchteil des Schusterschen Materials enthält, andererseits aber durch neue, von Edmund Carpenter beigetragene Dokumente angereichert ist. Er ließ Fotos restaurieren, wo es nötig war, und Hunderte von Diagrammen, Skizzen und Zeichnungen neu anfertigen. Kurz: Carpenters Arbeit ist als kongenial zu bezeichnen, und gleichzeitig ist sie eine sensible Hommage an Carl Schuster, den Freund und das Vorbild. Am meisten überraschen die Zeit- und Raumsprünge, in denen Carpenter Schusters Material präsentiert - mit guten Gründen: "Wenn ich Beispiele aus Iberien und Papua, Afrika und Australien übereinanderlege, reiße ich sie nicht aus dem Zusammenhang heraus. Der einzige Zusammenhang ist ihre Ikonographie, ihre Bildersprache. In dieser Bildersprache zählen Epoche, Kultur und Stil wenig. Denn jedes ausgewählte Beispiel könnte ich leicht durch ein anderes ersetzen von einem anderen Stamm, aus einer anderen Periode. Ein Arrangement wird durch Form bestimmt, nicht durch Geschichte." Die Dinge so synchron statt ungleichzeitig zu betrachten, das erlaubt Edmund Carpenter auch sein engeres Forschungsgebiet, die Kultur der Eskimos. Sie lebten und leben unter ähnlichen Bedingungen wie die eiszeitlichen Jäger in Europa und Asien. Ebenso weist ihre Kunst eine frappierende Ähnlichkeit mit der Kunst jener Stämme auf. Nur: Dazwischen klafft eine Lücke von einigen tausend Jahren. Die älteste Eskimokunst ist vielleicht 3000 Jahre alt, die jungsteinzeitliche zwischen 10 000 und 40 000. "Man kann sich", so Edmund Carpenter, "des Eindrucks nicht erwehren, daß die Eskimos in ihrer Kunst - wie in anderen Domänen des Lebens - paläolithische Traditionen bis in die jüngste Gegenwart fortführen." Ich weiß, es gibt Berufenere als mich, einen Künstler, über dieses Opus magnum zu schreiben. Aber das Mißtrauen der Fachwelt scheint Carl Schuster über seinen Tod hinaus zu verfolgen: Sie schweigt und schweigt. Seine Erkenntnisse sind immer noch umstritten _ für den, der die Beweise nicht zur Kenntnis nehmen will. Aber abgesehen davon gibt es auch für einen Künstler gute Gründe, sich mit der Materie zu beschäftigen. Es geht um nichts Geringeres als um den Urgrund der Kunst. Als die Kunst noch nicht Kunst hieß. Die Thesen von Carl Schuster und Edmund Carpenter kann und will ich nicht kritisch rezensieren. Als Nicht-Fachmann habe ich das Privileg, keiner Schule - in der Wissenschaft der Völkerkunde sehr ausgeprägt - anzugehören. Ich beschränke mich darauf, über das zu berichten, was mich als Laie fasziniert }Text nicht OCR-lesbar} }Text nicht OCR-lesbar} Die großen Kulturen der Vergangenheit lernen wir durch ihre Spuren kennen, welche die Zeit überdauern und welche wir vorgefunden haben - mehr oder weniger zu-Befällig entdeckt oder ausgegraben. Am ergiebigsten - und geheimnisvollsten - sind die Zeichencodes. Damit wurde lebendige Sprache verschlüsselt und konserviert, oft sehr ausschweifend. Der Franzose Jean-Francois Champollion ( 1790 bis 1832) entzifferte die Hieroglyphen _ doch es war lange vor seiner Zeit schon der Ehrgeiz der Forscher, vergessene Schriften und Schriftsysteme wieder lesbar zu machen. Heute können wir auch den Nachlaß der Assyrer und Babylonier in ihrer Keilschrift lesen oder den der Germanen in ihren Runen. Am längsten hat die komplexe Bilderschrift der Maya und Azteken der Enträtselung widerstanden; aber auch dieser Code ist geknackt. Was aber wissen wir von den Kulturen, die den großen vorausgingen? Die Menschen lebten meist als Nomaden, sie gründeten noch keine Städte, bauten keine Paläste und Tempel. Zudem konnten sie nur wenige Materialien bearbeiten, die dauerhaft eine Botschaft bewahrten. Hatten sie überhaupt Codes, die zu entziffern sind und die zu entziffern sich lohnt? Für Carl Schuster war dies keine Frage, sondern Stachel für seinen Forscherdrang_ denn schließlich, so lautete seine Überzeugung, geht es um das Fundament unserer Kultur, auf dem wir weiterbauen. Carl Schuster suchte Stämme auf, die noch ein ursprüngliches Leben führten, um ihre Sprache der Formen und Bilder zu studieren, ihre Ikonografie. Er fand sie in der Bemalung oder Tätowierung der Körper, die eine zentrale symbolische Bedeutung im sozialen Kontext besaß. Er fand sie auch in der Gestaltung der Kleidung, Textilien, Geräte, Hütten und vor allem der Arte- fakte für religiöse Rituale und Zeremonien. Darin manifestieren sich auflebendige Art Traditionen, die zwar vergänglich sind, aber aufweit zurückliegende Wurzeln schließen lassen, manchmal bis auf die Steinzeit. Was die Archäologen ausgraben, so sein Credo, kann nur durch das verstanden werden, was lebendige Evidenz ist. Aus einem Brief an einen Kollegen: "Niemand hat die geringste Vorstellung davon, wie diese Welt wirklich ist. Das einzige, was mit Sicherheit gesagt werden kann, ist, daß sie verschieden von dem ist, was irgendjemand annimmt. Soweit ich sehen kann, existiert kein klares Bild von den kulturellen Traditionen der heutigen Welt. Und niemand vergegenwärtigt sich, daß solch ein Bild erstellt werden kann und muß_ aufgrund langwieriger und mühseliger empirischer Beobachtungen. Und dieses Bild kann nur Gültigkeit haben, wenn die Beobachtungen auf weltweiter Basis durchgeführt werden, ohne jede willkürliche Auslassung. Dies mag nicht brillant formuliert sein", so schrieb er weiter",aber vielleicht erklärt es, warum ich die Diskussionen über Prinzipien vermeide und meine Energie daraufkonzentriere, ein Bild der Welt so aufzubauen, wie es ist. Indem ich es anschaue, statt darüber zu diskutieren und Folgerungen von dem abzuleiten, was ich sehe." Carl Schuster, so Edmund Carpenter, war nicht der erste, der dieses Ziel verfolgte. Aber er war der erste, der es erreichte. Dazu brauchte er neben wissenschaftlicher Akribie vor allem Vorstellungskraft und den Mut, alte Seh- und Denkgewohnheiten über Bord zu werfen. *** Was zum Beispiel sehen wir bei der Betrachtung von Abbildung 1 ? Ein geometrisches Muster? Eine Bienenwabenstruktur? Dekoration? Ornament? Oder handelt es sich um den Rapport eines Elements (Abbildung 2), das nichts darstellt außer sich selbst? Wenn wir ein anderes Element (Abbildung 3) aus dem Muster schälen, sehen wir deutlich etwas, was etwas bedeutet: einen Menschen mit Kopf, Rumpf, Armen und Beinen. Setzen wir (Abbildung 4) zwei solcher Menschenbilder zusammen, bilden sie ein Paar, Mann und Frau. Mit einem dritten darunter, einem Kind, einem Nachkommen, ergibt sich eine Familie, Abbildung 5. Werfen wir einen Blick zurück auf Abbildung 1, sehen wir dieses Bild mit anderen Augen. Es ist jetzt mehr als nur Verzierung, mehr als etwas ästhetisch Beliebiges. Es handelt sich um die Darstellung eines konkreten Inhalts: um ein genealogisches Muster. In der Vertikalen wird der Ablauf der Generationen dargestellt, in der Horizontalen die Verwandtschaft. Es handelt sich, mit anderen Worten, um eine Art Stammbaum. Stammbaum natürlich nicht, wie wir ihn kennen: als Diagramm von der Abstammung mehr oder weniger bedeutender Persönlichkeiten. Hier ist es das Profil der Individuen, welches das Profil der Familien konstituiert. Im Stammesverständnis ist es umgekehrt: Der Stamm zählt alles. Seine Angehörigen sind nichts als ein Teil davon. Sie haben das Leben von ihren Ahnen empfangen und geben es ihren Nachkommen weiter; sie verehren ihre Ahnen und leben in der Gewißheit, dereinst als Ahnen ebenso verehrt zu werden. Das Genie von Carl Schuster war es, den Code aus den Abertausenden von untersuchten Motiven herauszulesen. Und zwar nicht bloß in dem oben beschriebenen, relativ naheliegenden Fall, sondern auch in schwieriger durchschaubaren Abwandlungen, die er nach verschiedenen Prototypen einteilte. Die Abbildungen 7 bis 13 zeigen den getreppten und den gekurvten Typus, den Hocker und das Stundenglas, Menschen-Symbole mit gestreckten und mit hängenden Gliedern. Von dieser Basis aus führten Carl Schuster die Recherchen in immer fernere Gefilde. Zunächst erkannte er, daß Symbole, eine verkürzte Zeichensprache, ihrerseits wieder verkürzt werden, daß also oft ein Teil für das Ganze steht. Die Abbildungen 14 bis 19 zeigen die zunehmende Abstrahierung des Motivs von Abbildung 3 " Zuerst fällt der Kopfweg (Abbildung 15), der als Individuumsmerkmal ohnehin eine geringe Rolle spielt - in Umkehrung des christlichen Gebots: Du sollst kein Bildnis weder von dir noch von andern machen. Wohl aber von den Göttern. Dann wird das Rückgrat als überflüssig eliminiert (Abbildung 16). Von den übriggebliebenen Winkellinien genügt schließlich eine, auf den Chevron gekürzt, wie in Abbildung 17. Durch die Wiederholung dieses Elements (Abbildungen 18 und 19) werden wiederum in der Senkrechten die Generationen und in der Waagerechten die Verwandtschaften dargestellt. Die genealogischen Muster sind Abbilder vom Stamm als einer Ganzheit, als nahtloses Geflecht in Vergangenheit und Zukunft. Stammesangehörige leben in der Identität ihres Stammes, nicht ihrer Persönlichkeit. Individuation, wie wir sie als höchstes Bildungsziel verstehen, ist ihnen fremd. Von den vielen in der Geschichte erfundenen Zeichensystemen ist keines älter. Es überdauerte mindestens 30 000 Jahre und überquerte Kontinente. Die Muster wurden auf Körper tätowiert, auf Kleider gemalt, in Textilien gewebt, in Waffen graviert und dorthin getragen, wo immer ihre Träger hingingen.
Für seine Erkenntnis, daß sich die Menschheit von einem Ort aus über den ganzen Globus verbreitete, wurde Carl Schuster belächelt oder befehdet - je nachdem. Heute, Jahrzehnte später, ist sie zu einer anerkannten These in der Wissenschaft geworden: Anthropologen machten diesen Ursprungsort im heutigen Kenia aus, Genforscher und Sprachwissenschaftler unterstützten sie mit ihren Untersuchungen. *** Die uns überlieferten Zeugnisse aus der Steinzeit sind ein Bruchteil von einem Bruchteil dessen, was war. Man begreift Schusters Passion, diese toten Zeugnisse zu ergänzen und mit lebenden zu erhellen, wo immer dies möglich war. Zum Beispielläßt die verbreitete Sitte der Körperbemalung respektive Tätowierung Rückschlüsse auf viel ältere Epochen zu. Noch heute werden - meist als Teil eines Initiationsrituals-Stammesangehörige mit Symbolen für ihre Vorfahren bedeckt und so in ein genealogisches Diagramm verwandelt (Abbildungen 23 und 24). Durch diese Zeremonie wird der einzelne zum Glied in der langen Kette seiner Ahnen, zum Mitglied seines Stammes - verantwortlich dafür, einen eigenen Beitrag zu dessen Fortbestehen zu leisten. Die Abbildung 22 zeigt einen "Hauspfosten", einen Angehörigen, vielleicht den Begründer des Stammes mit aufgemaltem respektive eingeschnitztem Muster. Viele Fachleute fragen sich, warum Carl Schuster der Decodierung der genealogischen Muster eine so grundlegende Wichtigkeit einräumt. Sein Interesse wird verständlich, wenn wir uns heute, im Zeitalter der Übervölkerung, vergegenwärtigen, daß die Generationenfolge und damit die Erhaltung des Stammes _ und letzten Endes der Art - das primäre Gesellschaftsziel der paläolithischen Menschen war. Die Formen mögen differieren, reduziert oder redundant sein - die Grundregeln der genealogischen Muster sind stets die gleichen. Die gleichen Ideen, die gleiche Intelligenz liegen Beispielen aus der afrikanischen Steinzeit, dem alten Europa wie dem heutigen Melanesien zugrunde. Es ist, schreibt Edmund Carpenter, wie mit dem Schach: Wie verschieden die Figuren auch immer sind, vom figürlichen Ritterspiel bis zum kubischen Bauhausschach - die Regeln sind seit ihrer Überarbeitung in Nordwestindien um 570 auf der ganzen Welt die gleichen. Der Vergleich ist nicht zufällig. Es ist gut möglich, daß das Schachspiel aus der genealogischen Ikonografie entwickelt wurde - etwa aus Spielanlagen von Wiedergeburtsritualen: Der Bauer, der unbeschadet das Schachbrett überquert, wird als Königin wiedergeboren, während der rivalisierende König in dem Moment stirbt, wenn er seiner Untertanen beraubt wird. * ** Es ist schwierig, wenn nicht unmöglich, aus unserer Sicht auf das Kunstverständnis anderer Kulturkreise respektive anderer Epochen zu schließen. Wir schenken jeder Kunst nur dann Beachtung, wenn wir sie an unseren Kriterien messen können. Die damals, zu Beginn des Jahrhunderts, noch primitiv genannte Kunst Afrikas faszinierte und inspirierte bekanntlich Pablo Picasso und half dem Kubismus auf die Sprünge. Mittlerweile bewundern wir ein Bild von Picasso nicht anders als ein Glasfenster aus dem 13. Jahrhundert: als ästhetisches Objekt aus Form und Farbe. Wer interessiert sich schon dafür, daß das Glasfenster mit Maria und dem Jesuskind ganz anders gesehen werden wollte? Für den mittelalterlichen Menschen zählte nicht die Kunst des Künstlers, sondern die Botschaft, die Kraft, die vom Bild ausging und die in der bilderarmen Zeit von damals überwältigend gewesen sein muß: Kult statt Kunst. Wie sollten wir das in einer Zeit nachempfinden können, da wir in einer nie gekannten Bilderflut zu ertrinken drohen? In Ägypten, in der x-ten Grabkammer, kam es mir einmal schockartig zum Bewußtsein: Die ganze Herrlichkeit, die zu betrachten war, war weder für mich noch für die anderen nach Tausenden zählenden Touristen, noch für irgendeines Menschen Auge bestimmt. Sie war ausschließlich geschaffen und reserviert für die Götter, zu welchen der Begrabene unterwegs war. Unsere Kunstbeflissenheit ist für die alten Ägypter nichts als eine barbarische Grabschändung. Der Baum ist die natürliche Metapher für Verzweigung in aller Genealogie. Der sogenannte Y-Pfosten (Abbildung 25), ein Teil des Baums, ist denn auch nichts anderes als ein weit verbreitetes genealogisches Diagramm. Er symbolisiert genetische Vereinigung und ständig wachsende Vermehrung durch Teilung wie sich die Familie, der Clan, der Stamm fortpflanzt (das Wort verrät etwas von der ursprünglichen Selbstverständlichkeit: daß der Mensch, nicht anders als die Pflanze, wie alles in der Natur überlebt.) Abbildung 26 zeigt eine eindrucksvolle Installation aus Y-Pfosten, die Überreste eines Häuptlingshauses. Sie könnte in der heutigen Kunstszene glorios bestehen. Oft tragen solche Y-Pfosten menschliche Züge, sie haben Köpfe oder Gesichter an den Enden, bisweilen auch Genitalien und Brüste an den entsprechenden Stellen - und stets und überall repräsentiert die rechte Abzweigung die väterliche, die linke die mütterliche Abkunft. Wie wichtig der Y-Pfosten ist, geht aus der zentralen Rolle hervor, die er im sozialen Leben der Stammesgemeinschaft spielte: In der Regel markierte er einen Opferplatz, den wichtigsten am Ort, jenen, an dem auch Menschen geopfert wurden.
In allen Erdteilen verbreitet wie die Y-Pfosten sind doppelköpfige Figuren (Abbildung 27). Der Anthropologe Edmund Carpenter sieht in ihnen Ausarbeitungen von Y-Pfosten, Vervollständigung der in diesen enthaltenen Vermenschlichung. Im Urchristentum war der Buchstabe Y Symbol für die Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Die Stammbaum-Metapher ist so naheliegend, daß sie sozusagen "natürlich" ist. Sie reicht bis weit ins Paläolithikum zurück und wurde - wahrscheinlich sehr schnell - zu einem hochentwickelten Zeichensystem weiterentwickelt: Bei den doppelköpfigen Figuren, den Gelenkmarkierungen und Rapportmustern aus Gliedmaßen ist nichts mehr natürlich. Das sind Erfindungen, Kopfgeburten, übertragen durch Praxis und Weitersagen. Was sich hier andeutet, weist über die genealogischen Muster, über die Abstammungssymbole hinaus auf eine neue Kategorie von Symbolen, solche nämlich, die Verwandtschaft betreffen. Sind jene samt und sonders einfach, generalisierend, so sind diese komplex und spezifisch: Sie betreffen Heiratsregeln, Erbrecht, Funktionen - den eigentlichen Stoff der Verwandtschaft. Auch für solch anspruchsvolle Sachverhalte bildet eine genial einfache Assoziation das Mittel der Darstellung: Verwandte sind Menschen, die miteinander in einer mehr oder weniger engen körperlichen Beziehung stehen _ und diese ist am menschlichen Körper zu zeigen. Schön drückt die Sprache ganz allgemein den Körperbezug in Glied und Mitglied aus. Im Französischen bezeichnet "membre" die beiden Begriffe in einem Wort, desgleichen im Englischen "member". Etwas weiter hergeholt ist "remember" für erinnern: etwas wieder eingliedern - nämlich ins Gedächtnis. Die Gelenke zwischen den Gliedern dienten ursprünglich dazu, Verwandtschaftsverhältnisse zu spezifizieren. Dies ist in zahlreich vorkommenden Menschenfiguren (siehe Abbildung 28) zu sehen, bei denen die Gelenke - hauptsächlich Schultern, Ellbogen und Knie - mit Gesichtern markiert sind. Welches Gelenk welche Beziehung ausweist, ist von Stamm zu Stamm verschieden. Unbestritten nimmt das Knie die erste Stelle ein. Im Lateinischen geht dies aus der Verwandtschaft von genu (- Knie) und genus (- Herkunft, Geburt, Familie) hervor. Diese besteht auch in vielen indoeuropäischen Sprachen. Das vorkolumbische Mixtec braucht sogar das gleiche Wort für Knie und Gebärmutter. Der Stammsitz des Stammhalters, des Kronprinzen, ist das rechte Knie. Das gilt auch für den Sohn des christlichen Gott-Vaters: Bis ins späte Mittelalter wird Jesus Christus auf dem Knie der Heiligen Jungfrau sitzend dargestellt, in der byzantinischen Bildwelt auf dem rechten Knie Gottes. Ursprüngliche Konventionen erhalten sich oft lange in Beiläufigkeiten wie dieser: Im ländlichen Irland konnte der älteste Sohn erst heiraten, wenn er Land erbte - was, wenn die Eltern lange lebten, zu erheblichen Altersdifferenzenzwischen den Ehepartnern führen konnte. Und nicht selten zu Spekulationen über die Legitimität der Kinder. Der Mann proklamierte öffentlich seine Vaterschaft, indem er das Kind auf sein rechtes Knie setzte. Die Dogon in Westafrika legten mit Steinen das Schema eines Menschen auf dem Boden aus (Abbildung 29). Acht Steine markierten die hauptsächlichen Gelenke und symbolisierten Verwandtschaftsbeziehungen. Der neunte, wichtigste Stein stand für den Kopf des Stammgründers. Alle andern Steine wurden durch Linien verbunden - und ergaben eine Art von frühem Gesetz, das festlegte, welcher Verwandtschaftsgrad sich mit welchem liieren durfte. So wurde Inzucht vermieden. Auch im mittelalterlichen Sachsenspiegel - ebenfalls einer Art Gesetzbuch - ist die Verbindung von Gelenken und Verwandtschaftsgraden explizit erläutert: Da steht der Kopf (in Abbildung 30 als Doppelkopf) für Vater und Mutter, der Nacken für Brüder und Schwestern, die Schulter für Vettern ersten Grades, die Fingergelenke für Vettern zweiten bis sechsten Grades und so fort. * ** Der menschliche Körper liefert auch die Symbole für sehr viel komplexere Beziehungsmuster - vom Gesellschaftskörper des Stammes bis hin zum Modell für das Universum. Die senkrechte Symmetrie des Körpers legt es nahe, ihn in eine rechte und linke Hälfte zu teilen - oder auch in eine männliche und weibliche. Auf der einfachsten Ebene symbolisiert diese Teilung die oppositionellen Geschlechterhälften, aus deren Verbindung die Nachkommenschaft erwächst (Abbildung 31 ). Eine horizontale Teilung auf der Höhe des Nabels trennt aufsteigende von absteigenden Generationen und symbolisiert die körperliche Kontinuität. Das durch die Senkrechte und Waagerechte gebildete Kreuz mag als Symbol des ersten Wesens gelten, als Ursprung allen Seins. Oder als der erste Mann und das erste Weib, gekreuzt in der Paarung. Der Schnittpunkt der Linien, der Nabel, galt als axis mundi, als Zentrum der Erde und des Universums - daher auch die Redewendung, daß sich einer als Nabel der Welt betrachtet. Warum der Nabel eine im Wortsinn zentrale Rolle spielt, hängt zunächst von seinem Platz im menschlichen Körper ab: Er ist das Geburtsmal. an dem die Nabelschnur hing - Symbol für das Leben schlechthin. In der stilisiert-gegenständlichen Kunst späterer Kulturen ist oft der Nabel als Dreh- und Angelpunkt sozusagen beim Wort genommen: Das in Abbildung 32 gezeigte runde Ornament zeigt Mann und Weib beim Koitus; nicht das Kopulieren gemeinhin, sondern der kosmische Akt der Schöpfung }Text nicht OCR-lesbar} }Text nicht OCR-lesbar} ist gemeint, die Erzeugung des Stamms, der Ursprung menschlichen Lebens, In den abstrakt-geometrischen Formen der gleichen Symbolik hat es übrigens die Swastika (vulgo Hakenkreuz) durch Mißbrauch zu unverdienter Anrüchigkeit gebracht. In Abbildung 33 ist wieder der Nabel als Schnittpunkt des Kreuzes zu erkennen. Durch das Kreuz entstehen vier Felder mit dem genealogischen Diagramm - sie stehen wohl für die Clans, die einem Stamm angehören. Aus der Darstel-Jung geht auch hervor, warum im Symbol für Stammesangehörige der Kopf meistens fehlt: Die vier Felder werden nämlich überwölbt von einem Gesicht; es stellt den Ur-Ahnen dar, den Begründer, den Stammvater. Dieser mythischen Figur gegenüber sind alle Nachkommen nichts als Reproduktionen von dem Einen und Einzigen. Sie gelten nicht als Individuen, sondern bilden zusammen den Kollektivkörper des Stammes. * ** ruder symbolischen Vierteilung beruht auch die - eigentlich durch kein rationales Kriterium gerechtfertig-_ Gliederung der Zeit in vier Jahreszeiten und des Raums in vier Himmelsrichtungen. Manche Stammesvölker ordnen den vier Teilen vier Farben zu, vier Stimmungen, vier Untergottheiten oder Vorfahren. Als Ganzes konstituieren die vier Teile das Erste Wesen; mikrokosmisch in jedem Individuum präsent, makrokosmisch im Universum. Dies ist die Art Antwort, die sich der Mensch ausdenkt auf die unbeantwortbare Frage, woher er kommt. Das Erste Wesen ist in den Mythen vieler Stammesvölker ein Riesen-Riese, der aus sich selbst das Universum erschuf, die Welt und was darauf wächst und gedeiht. Für Eingeborene der Gesellschaftsinseln brachte dieses Wesen die Schöpfung zuwege, indem es Teile seiner selbst verwandelte: Das Rückgrat wurde zum Bergrücken, die Rippen zu Berghängen und so weiter. Offenbar war es gefiedert, denn die Federn wurden zu Bäumen, Sträuchern und Büschen, um die Erde zu bekleiden. Allgemeiner verbreitet ist der Mythos, daß das Urwesen die Schöpfung aus sich selbst gebar. Und da - so stelle ich mir das vor - der übliche Gebärprozeß zu lange dauern würde, sind die Geschöpfe überall aus seinem Körper herausgequollen, vornehmlich aus Gliedmaßen und Gelenken. Relikte solcher Vorstellungen finden sich etwa noch in der Hochkultur der Azteken oder im antiken Griechenland. Bekanntlich wurde Dionysos aus dem Schenkel des Göttervaters Zeus geboren, Pallas Athene sprang ihm aus dem Kopf. Abstammung und Verwandtschaft, daß diese beiden Aspekte einen breiten Raum einnehmen in Carl Schusters Archiv und in seiner Theorie, darf nicht verwundern:
Es sind die ursprünglichsten, zentralen Themen im Leben der Menschheit. Sie waren der Ausgangspunkt aller Kultur. Ihre Bewältigung war einerseits von praktischem Nutzen bei der Organisation des gesellschaftlichen Lebens, andererseits waren sie von Anfang an mystischer Natur. Literatur zum Thema: Carl Schuster, Edmund Carpenter: Patterns That Connect. Social Symbolism in Ancient and Tribal Art. Verlag Harry N. Abrams, New York.
