Ausgabe: 04 / 1997
Seite: 86-87
Der Glanz im Mantel der Marchesa
Von Boris Hohmeyer
Das Geschäft lief glänzend. Im 17. Jahrhundert war Genua eines der reichsten Handelszentren Europas, und die adligen Kaufleute umgaben sich mit Kunstsammlungen und aufwendigen Neubauten. Einziger Fehler der Pracht: Anders als vergleichbare Stadtrepubliken wie Venedig oder Florenz hatte Genua nie selbst eine nennenswerte Künstlerschule hervorgebracht; Maler und Architekten mußten meist von außerhalb angeworben werden.
Da traf es sich günstig, daß in Antwerpen eine Italienreise zur Malerausbildunggehörte. Die regen Verbindungen zwischen den beiden Hafenstädten führten dazu, daß vielejunge Künstler die Genueser Geschäftspartner von Bekannten um Unterkunft baten. Manche ließen sich auf Dauer nieder, andere blieben nur wenige Monate wie der junge Peter Paul Rubens (1577 bis 1640). Dafür stellte er mit den Porträts, die er im Jahre 1606 hier malte, alle Kollegen in den Schatten. Den stärksten Eindruck scheinen diese Bilder 15 Jahre später auf seinen Schülerund Mitarbeiter Anthonis van Dyck (1599 bis 1641) gemacht zu haben. Der hatte, als er im Oktober 1621 nach Italien aufbrach, bereits an mehreren Großprojekten der Rubens-Werkstatt mitgewirkt und auch auf eigene Rechnung religiöse Bilder gemalt, die ihn geeignet erscheinen ließen, seinem Lehrer und Arbeitgeber ernsthafte Konkurrenz zu machen. Wenn van Dyck geglaubt hatte, er kenne Rubens, so müssen ihn dessen italienische Frühwerke verblüfft haben. Statt der weichen Konturen und satten Fleischtöne der Antwerpener Bilder fand er hier kalt leuchtende Farben, vornehm-bleiche Gesichter und an Caravaggio gesehulte Licht-Schatten-Effekte. Obendrein hatten die Genueser im Gegensatz zu den Flamen keine Skrupel, Reichtum offen zur Schau zu stellen. Vor allem die jüngeren prunkten mit Juwelen und teuren Stoffen, und Rubens hatte diesen Putz aufs schönste zur Geltung gebracht. Van Dyck scheint diese Bilder als Herausforderung begriffen zu haben: Eine seiner frühesten Genueser Kundinnen, heute bekannt als "Marchesa Balbi", setzte er in auffallend rubensnaher Pose in einen Sessel und legte mit ihrem funkelndenBrokatumhang ein malerisches Virtuosenstück hin. Ein andermal postierte van Dyck ganz wie Rubens eine Dame im Dreiviertelprofil vor hohe Säulen, übertraf das Vorbild jedoch an Lebendigkeit, indem er das Modell ruhig schreiten ließ, In diesem Wettstreit entwickelte er seinen legendären Porträtstil, der in den folgenden zwei Jahrhunderten als unübertrefflich galt. Von 1621 bis 1627 blieb van Dyck in Italien, und immer wieder kam erzwischen Reisen durch das Land nach Genua zurück; mehr als 100 Bilder sollen hier damals entstanden sein. Die Ausstellung bringt jetzt 41 von ihnen mit Werken zusammen, die van Dyck in den Palästen des städtischen Adels gesehen haben kann, darunter Arbeiten Caravaggios und der Barockmeister Bernardo Strozzi und Giulio Procaccini. In einem Saal sind die Bilder sogar in mehreren Reihen übereinander gehängt, umdie Atmosphäre einer Privatgalerie nachzuempfinden. Freilich wird durch das Konzept der Schau sichtbar, daß van Dyck auch anderswo große Kunst erlebt haben muß - die Hauptwerke Tizians etwa, deren Einfluß sich in Farbwahl und Architekturmotiven vieler Bildnisse zeigt, konnte er nur in Venedig kennenlernen. So bleiben die Werke von Rubens und van Dyck die überragenden Höhepunkte der Ausstellung. Gewissermaßen als Fußnote zu den beiden großen Flamen ist aber auch zu sehen, was einige ihrer heute kaum bekannten Landsleute dantals in Genua produziert haben. Mit einem von ihnen, Cornelis de Wael, sowie dessen Bruder Lucas war van Dyck eng befreundet; vor seiner Rückkehr nach Antwerpen hat er die beiden in einem Doppelbildnis porträtiert. Anscheinend hatte er es nach sechs Jahren in Italien plötzlich eilig mit dem Aufbruch: Das Abschiedsgeschenk blieb unvollendet. Zur Ausstellung (bis zum 13. Juli) erscheint ein Katalog
