Ausgabe: 04 / 1997
Seite: 130-131
Malerfürst aus den Bergen
Von
Der Bauer hat ein Gesicht wie aus Holz geschnitzt, sein Körper gleicht einem knorrigen Baumstamm. Die Schüssel vor ihm ist leer, neben ihm steht der Sohn, die Frau wendet dem Betrachter den gebeugten Rücken zu. Ganz in sich versunken, die Hände gefaltet, warten sie in monumentaler Zeitlosigkeit. "Das Tischgebet" nannte Albin Egger-Lienz dieses 1923 entstandene Gemälde.
Die Bildwelt des Tiroler Malers ( 1868 bis 1926) spiegelt in nüchternen Tönen das harte Leben der Bauern wider. Von Lienz in Osttirol über die Münchner Akademie gelang dem unehelichen Sohn des Fotografen Georg Egger der Aufstieg in den Kreis der Malerfürsten. Der Ort seiner Kindheit wurde Teil seines Namens, die Alpenwelt mit ihren Bewohnern sein Motiv.
Umstritten und später anerkannt, feierte Egger-Lienz seine größten Erfolge in Italien, wo er als "deutscher Michelangelo" bezeichnet wurde, "der von den Alpenzu uns herabgestiegen" sei. Alte Meister wie Giotto waren seine Vorbilder, zur Avantgarde bewahrte er Abstand, In einer Zeit, als die Fauves die Farbe längst befreit hatten, hielt eran seiner brauntonigen Monumentalmalerei fest, "weil die Malerei nicht der Malerei wegen da ist, sondern wegen des Gedankens".
Im vorliegenden Band kommt neben Ila Egger-Lienz, einer Tochter des Künstlers, vor allem er selbst zu Wort. Dadurch werden seine künstlerischen Ansichten lebendig, vor allem im Streit mitdem Schweizer Konkurrenten Ferdinand Hodler, dem ervorwarf, in seiner Kunst "kein Wachstum aus sich selbst heraus" zu vollziehen. Diese Kunst, so tadelte er in eigenwilliger Rechtschreibung, führe "zum Schwächlichen und Karakterlosen". Historische Fotografien und ausgewählte Bildbeispiele bieten eine sehr persönliche Sicht auf den Künstler, der in Österreich zu den ganz Großen der frühen Moderne zählt. Julia Wallnöfer
