Ausgabe: 04 / 1997
Seite: 120

Einblicke in den vergessenen Alltag der Arbeiterklasse

Von

Hamburgs Bürgermeister Henning Voscherau stimmte 1989 dagegen - verhindern konnte er es nicht: Nach 16 Jahren politischer Kämpfe und dank beständigen Engagements von Förderverein, Arbeitskreisen, Gewerkschaften und Kulturhistorikern hat in der Hansestadt zu Jahresbeginn das "Museum der Arbeit" eröffnet (Maurienstraße 19, Mo 13-21, Di-Sa 10_17, So 10-18, Telefon 29842364).

Für rund 13 Millionen Mark wurde die einstige "New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie" im Bezirk Barmbek behutsam umgebaut; anhand von Gebrauchsgegenständen und Dokumenten, aber auch mit Hilfe noch funktionstüchtiger Maschinen und ganzer Fabrikeinrichtungen wird nun der verlorengegangene Alltag der Arbeiterklasse rekonstruiert. Der tiefgreifende Wandel von der Industrialisierung zum Zeitalter des Computers und der Freizeitgesellschaft, die Geschichte aussterbender Berufe und der Menschen, die sie ausübten, sind die Anliegen der 25 Mitarbeiter in Hamburgs siebentem staatlichem Museum. So wird zum Beispiel zwischen Heringsfiletiermaschine, Räucherofen und Filetiertisch über die Situation der Arbeiterinnen im Hamburger Hafen informiert; in der im Museum wiederaufgebauten Anstecknadelfabrik Wild läßt sich die Geschichte des Hamburger Unternehmens und seiner einstigen Mitarbeiter studieren. Wie die Arbeit das Leben der Familien bestimmt hat, welche Auswirkungen etwa die Elektrifizierung des Haushalts hatte, aber auch die Entwicklung ganzer Industriezweige wie Hafen und grafisches Gewerbe und die damit zusammenhängenden Veränderungen in der sozialen Struktur der Stadt, sind Themen der ständigen Ausstellung. Der Direktor des Museums, Gernot Krankenhagen, 55, früher Projektleiter im Deutschen Museum München, will vor allem die "Menschen hinter den Maschinen" zeigen. Schon vor seiner Eröffnung hatte das Museum mit themenorientierten Stadtrundgängen sowie Außenstellen im Hamburger Hafen, wo zum Beispiel zwei ausgediente Rollkräne zu besichtigen sind, Einblicke in die Geschichte der Arbeit gegeben. Für die Premiere im eigenen Haus wählte Krankenhagen ein sinnfälliges Motto: "An die Arbeit!" Silke Müller