Ausgabe: 04 / 1997
Seite: 120-121
Im alten Kurhaus trifft der Schüler auf den Lehrer
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Vom Cafe auf der Dachterasse fällt der Blick auf die barocken Gartenanlagen. Unter der Regierung des Statthalters Johann Moritz von Nassau-Siegen ( 1604 bis 1679) hat sich Kleve zur Gartenstadt entwickelt, an der auch andere europäische Residenzen sich orientierten.
Moritz kultivierte seine Extravaganz. So funktionierte er Kanonenrohre zu Monumenten für den Frieden um. Eines von ihnen wurde zum Vorbild der "Straßenbahnhaltestelle", die der in Kleve aufgewachsene Joseph Beuys 1976 auf der Biennale von Venedig zeigte. Waren bislang vor allem seine Anhänger an den Niederrhein gepilgert - vom 18. April an bietet die Stadt auch Einblick in Leben und Werk seines Lehrers: Nach siebenjähriger Vorbereitungszeit eröffnet das Museum Kurhaus Kleve; der Nachlaß des rheinischen Bildhauers Ewald Matare markiert einen Schwerpunkt des Hauses. Vor allem aber ist auf der 2500 Quadratmeter großen Schaufläche zeitgenössischeKunst zu sehen. Die als Dauerleihgabe integrierte Sammlung Ackermans umfaßt Bilder von Sigmar Polke und ganze Werkkomplexe von Katharina Fritsch, Reinhard Mucha und Thomas Schütte - auch Joseph Beuys war vom Niederrhein aus zu Weltruhm gekommen. Daneben belegen Installationen von Mario Merz und Giuseppe Penone, Räume von Juan Munoz und Christian Boltanski, Skulpturen von Richard Deacon und Tony Craggdie Vorliebe der Sammler für Bildhauerei. Seit gut zehn Jahren sammeln Heinz und Simone Ackermans (47 und 39 Jahre alt) zeitgenössische Kunst. Schon eine ihrer ersten größeren Erwerbungen, die aus 30 Vitrinen bestehenden "Kopfdiktate" von Reinhard Mucha, war viel zu groß für ihr Wohnzimmer. Das Paar entschloß sich, die heute auf 70 Werke angewachsene Sammlung öffentlich zugänglich zu machen. Sie entschieden sich schon früh für Kleve, weil die Räume des Museums dort auf Zuwachs geplant waren. "Außerdem", so betont Heinz Ackermans, "hat der Ort eine Aura." Der Eingangsbereich des Museums Kurhaus Kleve wird durch eine Wandmalerei von Ulrich Erben beherrscht; in der 30 Meter langen Wandelhalle stehen Katharina Fritschs "Elefant" ( 1987) und Skulpturen der englischen Bildhauer Tony Cragg, Richard Deacon und Bill Woodrow. Im ersten Stock dann sind die Arbeiten Ewald Matares in Nachbarschaft zu frühenArbeiten von Joseph Beuys zu sehen. Bis zum Februar 1999 soll auch ein Atelier, das Beuys von 1957 bis 1963 als Arbeitsraum nutzte, in einem Anbau des Kurhauses rekonstruiert und zugänglich gemacht werden. "Wir wollten nie das größte und beste Museum bauen, sondern einen wunderbaren Ort schaffen", sagt Guido de Werd, Direktor des bislang im Haus Koekkoek untergebrachten Städtischen Museums. Das baufällige, aber repräsentative Kurhaus an der Tiergartenstraße bot sich als idealer Ort, die Geschichte der Stadt und ihrer Denkmäler zu dokumentieren. Die Entwürfe des Düsseldorfer Typografen Walter Nikkels und des Architekten Heinz Wrede aus Goch orientieren sich an dem dreiteiligen Komplex, der aus Friedrich-Wilhelms-Bad (1846), Wandelhalle und Bad-Hotel ( 1872) besteht. Außen erstrahlt das Gebäude in neoklassizistischer Würde, innen entstanden großzügige Raumfolgen mit modernster Museumstechnik. Carmela Thiele
