Ausgabe: 04 / 1997
Seite: 125

Der Konzertsaal hat die Form einer antiken Arena

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Weimar ist Klassik, und Weimar ist Bauhaus. doch schon sechs Jahre nach ihrer Gründung 1919 durch Walter Gropius wanderte die Avantgarde-Schmiede aus der konservativen Residenzstadt Weimar nach Dessau ab. Gleichwohl möchten die Kölner Architekten Thomas van den Valentyn und S. Mohammad Oreyzi ihren neomodernen Neubau für das Musikgymnasium im Weimarer Belvedere-Park als Hommage an das Bauhaus verstanden wissen. Das ungewöhnlich elegante Schulgebäude mit seinem auf Säulen schwebenden weißen Attikageschoß erinnert jedoch eher an Le Corbusiers berühmte "Villa Savoye".

Van den Valentyn und Oreyzi wurde in Weimar eine doppelte Aufgabe gestellt: Den Internatstrakt des Gymnasiums mußten sie wegen der Nähe zum barocken SchloßBelvedere unter strengen Auflagen der Denkmalschützer in die historische Substanz der ehemals herzoglichen Stallungen einfügen. Weil jedoch der Zustand des Gebäudes so schlecht war, rissen sie es komplett ab und bauten es _ zumindest in der äußeren Hülle dem Original entsprechend - wieder auf. Das Schulhaus selbst, vom Internat nur wenige Meter entfernt, konnte ohne Rücksicht auf die Umgebung kompromißlos zeitgenössisch entworfen werden. Dafür sorgte schon der Sponsor des Projekts, die Deutsche Bank, die sich im beschränkten Wettbewerb der Planer für den raffiniertesten Vorschlag entschieden hatte. Der Klassentrakt der Schule ist eine aus drei Schichten zusammengesetzte Kiste _ aber was für eine! Das breitere Sockelgeschoß, allseits belegt mit graugrünen Natursteinplatten, schiebt sich tief in den steilen Schloßhang; so ist der Deckel des Unterbaus zugleich das großzügige Podest der Eingangsebene. Ästhetisch hat der Sockel die Funktion eines massiven Fundaments für die Leichtigkeit dessen, was sich darüber erhebt: Die zweite Schicht ist weitgehend verglast, während der flache Quader des Dachgeschosses an den Seiten und per Oberlicht zum Himmel geöffnet ist. Im mittleren, stützenfreien Geschoß wird die entgrenzende Transparenz ausbalanciert durch fünf holzverkleidete Boxen, die zum Teil spielerisch verkantet die äußeren Glasfassaden durchdringen. Diese "Behälter" für den Fachunterricht und das Lehrerzimmer haben ganz verschiedene Grundrisse: halbrund, gewinkelt, rechteckig, quadratisch und kreuzförmig. Die differenzierte Gestalt und Stellung der Boxen_ die als "Kisten in der Kiste" nie die Geschoßdecke berühren. schafft in der Eingangs- und Pausenhalle reizvoll unregelmäßig geschnittene Zwischenräume. Die Schüler können sich wie auf den Plätzen und Gassen einer anmutig inszenierten Stadt fühlen. Eindringlich, aber ohne pädagogische Penetranz bekommen sie einen Blick für die Schönheit von Materialien und für ausgefeiltes Design, und sie erleben die Zusammenhänge von miteinander verzahnten Innen- und Außcnräumen. Auch die einläufige Treppe, die als leichte Konstruktion zur Galerie und den Klassen im oberen Geschoß führt, bietet besten Anschauungsunterricht für die Möglichkeiten offener Architektur: Gemeinsam mit der Galerie unter dem strahlenden Oberlichtdach ist diese geringfügig aus dem rechten Winkel gedrehte Treppe der angenehmste Ort für Bewegung und zwanglose Kommunikation. Die Schüler sitzen auf den Stufen, sie lehnen sich über das Geländer des Umgangs und des Brückenstegs, in den die Treppe mündet, oder sie suchen sich eine ungestörte Ecke in den Nischen der Halle. Die Klassenzimmer besitzen nicht den Charme von Vielfalt und Transparenz, wie er sich in den öffentlichen Bereichen der Schule entfaltet, Immerhin: Die acht einfachen Rechteckräume werden durch innenseitige Oberlichtstreifen und lange Fensterbänder an den Außenseiten gut ausgeleuchtet. Dunkle Sprossenrahmen heben die liegende Form der Fenster in den weiß geputzten Fassaden markant hervor. Hier zeigt sich optisch der stärkste Bezug zur Bauhaus-Tradition. Ein besonderer Clou ist der große Musiksaal im Untergeschoß. Er sieht aus wie eine antike Arena mit Rennbahn und ansteigenden Sitzstufen wie in einem Amphitheater. Der ovale Grundriß setzt sich, nur durch eine Fensterwand getrennt, nach außen als "Waldbühne" im Park fort. Boden und Stufen sind aus Holz; die umlaufende Kolonnadenwand wurde in Beton gegossen. Durch die dichte Abfolge von geöffneten und geschlossenen Flächen in der inneren Raumschale ist die Akustik konzertreif, außerdem eignen sich die Kolonnaden vorzüglich für Auf- und Abtritte bei szenischen Aufführungen. Peter M. Bode