Ausgabe: 04 / 1997
Seite: 124
Mit Polizeischutz rückten Bagger gegen die Stadtmauer
Von
Rrankreichs Archäologen schlagen Alarm: Die Regierung will die beamteten Wissenschaftler in die Privatwirtschaft entlassen und die gesetzlichen Regelungen zum Bodendenkmalschutz lockern. Käme es dazu, so warnen die Betroffenen, bliebe kein Instrument, um vor großen Bauvorhaben archäologische Untersuchungen durchzusetzen. Die Zulassung von Archäologen läge im Ermessen der Bauunternehmer. Aus Protest gegen die Regierungspläne trat die überwiegende Mehrheit der 2500 französischen Archäologen am 21 " "Januar in einen Streik. Acht Tage später demonstrierten rund 1000 von ihnen vor dem Pariser Kulturministerium.
Ausgelöst wurden die Proteste zu Jahresbeginn durch die "Affäre von Rodez". In der südfranzösischen Stadt römischen Ursprungs zerstörte ein Immobilienunternehmer wissentlich und mit offizieller Billigung Reste der mittelalterlichen Stadtmauer. Der Bauherrbefand die Kosten von einer Million Franc - umgerechnet rund 300 000 Mark - für die Rettung der Objekte untragbar. Nach einem durch die lokalen Vertreter des Kulturministeriums angeordneten Baustopp ging das Zerstörungswerk am 14. Januar unter Polizeischutz wieder los. Während Bagger sich an der mittelalterlichen Mauer zu schaffen machten, legten die Archäologen der Region Midi-Pyrenees die Arbeit nieder und zogen protestierend an die Baustelle. Premierminister Alain Juppe stellte sich auf die Seite des Bauherren; der Protest weitete sich zum landesweiten Streik aus. "Es krankt an einer chaotischen Rechtslage", klagt der Pariser Archäologie-Professor Christian Goudineau. Vor sechs Jahren etwa arbeiteten 100 Archäologen mit einem Budget von 60 Millionen Franc auf der Baustelle des "Grand Louvre" - das Projekt galt als vorbildlich. "Wir haben Schätze zur antiken Vorgeschichte Frankreichs gerettet", meint Goudineau, "und ganze Epochen wie die gallische Spätantike und den mittelalterlichen Alltag erst entdeckt. Wenn aber ein einziger Großunternehmer nicht mitspielt wie in Rodez, stürzt das System zusammen." Robert Fleck
