Ausgabe: 04 / 1997
Seite: 124
Kampf dem Kitsch - notfalls gegen die Staatsmacht
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Seit langem schon schimpfen und scherzen die Moskauer über die zunehmende "Zeretelisierung" ihrer Stadt: Gemeint sind riesige Kitsch-Skulpturen des georgischen Bildhauers Surab Zereteli (ART 7/1995), die ohne öffentliche Diskussion an prominenten Orten aufgestellt werden. Die gewaltigen Kosten steigern den Unmut einer Bevölkerung, deren Gehälter, Renten und Stipendien oft verspätet oder gar nicht gezahlt werden. Die meisten Künstler und Galeristen schwiegen, denn der autokratisch regierende Bürgermeister und Zereteli-Patron Juri Luschkow stellt vielen von ihnen Räume und Mittel zur Verfügung und entscheidet über die Berufung in kulturelle Gremien.
Als jedoch im vergangenen Winter Zeretelis etwa 90 Meter hohes Standbild von Zar Peter dem Großen (Kosten je nach Quelle: 30 bis 75 Millionen Mark) aufeiner eigens angelegten Plattform in der Moskwa Gestalt annahm, war das Maß offenbar voll: Mit Protestaktionen vor den Skulpturen des georgischen Kollegen wandte sich der Installationskünstler Anatoli Osmolowski mit Gleichgesinnten an die Öffentlichkeit. Jetzt fordern Künstler- und Jugendgruppen die Demontage der Werke. Der Moskauer Galerist Marat Guelman, der früher Luschkows Entscheidungen unterstützte, setzte sich an die Spitze einer Initiativgruppe, die 100 000 Unterschriften sammeln will, um eine Volksabstimmung zu erwirken. Die Aktion zeigt Wirkung: Wie Guelman nach einem Treffen mit Luschkow berichtet, will der Bürgermeister eine Expertenkommission einsetzen, die innerhalb von zwei Monaten aufgrund von "soziologischerund ästhetischer Forschungsarbeit" das Schicksal des Kolosses mitentscheiden soll. In St. Petersburg beobachtet man die Moskauer Aktion mit Sorge: Sollte das Peter-Denkmal in der Hauptstadt abgebaut werden, so fürchten viele Bürger, könnte ihre Stadt damit zwangsbeglückt werden. Gregory Ingleright
