Ausgabe: 04 / 1997
Seite: 34

Ganz von Sinnen in Bonn

Von Alfred Nemeczek

VON Es begann aufeiner Party in Berlin. Listig annoncierte mir die Pressechefin der Bonner Bundeskunsthalle ein Event ihres Hauses, bei dem mir Kunst fast erspart bliebe und ich dennoch auf meine Kosten käme. Wenigstens reinhören solle ich bei einem Kongreß der Kongresse. Titel: "Der Sinn der Sinne". Dauer: vier Tage. Dieses Meeting sei Quintessenz und Superlativ eines seit 1993 laufenden Projekts, das in fünf Veranstaltungen zur Zukunft von Sehen und Hören, Tasten, Schmecken und Riechen schon 122 Referenten und Performer beschäftigt sowie fünf Protokollbücher hervorgebracht habe. Viel Aufwand, fand ich, für ein Thema ohne Problematik.

Denn daß es um die Zukunft meiner Sinne mit steigendem Alter nicht zum besten stand akzeptierte ich und nahm es nicht wichtig. Doch daß Sinne Sinnebleiben, jejünger der Mensch, desto unverbrauchter, davon war ich noch überzeugt, als ich schon im Forum der Bundeskunsthalle saß und mit einem Vorspruch von Direktor Wenzel Jacob der Diskurs-Marathon begann: "Solche Symposien", erläuterte er",haben für unser Haus geradezu den Charakter von Grundlagenforschung." Zunächst einmal staunte ich über die gutgeölte und dazu üppigst dotierte Kongreßmaschinerie mit ihren 38 Vortragenden aus Europa und Übersee, ihren Simultandolmetschern und technischen Helfern, die rund 300 Zuhörern von früh bis spät Scheinwerferglanz, Stereoton und Lichtbilder, Brötchen, Suppe, Schnaps und Espresso boten. Glücklich das Land das es sich auch in Zeiten schrumpfender Kulturbudgets leistet, akademische Gesprächskultur derart perfekt und demonstrativ zu pflegen. All das aus offenbar nichtigem Anlaß. Oder reiste ich gar am Schluß mit einem sechsten Sinn in mein restliches Leben? Ach, auch diesmal unterschätzte ich die Macht der Wissenschaft. Drei Vorträge, zwei Thesen schon war ich problematisiert und "Vom Sinn der Sinne" überzeugt. Erst traten die Soziologen ans Pult, dann die Philosophen, dann die Psychologen und, unterbrochen von Literatur- und Kunstgeschichtlern, die Neurologen, ein Technozoosemiotiker, der mit Elefantenfischen kommuttiziert, und schließlich die Propheten vom Computerfach. Nicht alles wollte und manches konnte ich nicht begreifen. Doch stets, wenn ich nicht schnallte, in welche Diadochenkämpfe der Hörsinn seit Plato mit dem alles dominierenden Sehsinn verwickelt ist und welche Schlappen sich die Sinne, historisch betrachtet, seit Descartes in Konkurrenz zum "über alles triumphierenden Geist" (Dietmar Kamper) eingehandelt haben _ immer dann also, wenn ich einzunicken drohte, fixierte ich das Outfit der Redner. Jüngere Professoren trugen den Hemdkragen geschlossen und neigten zum Zynismus, habilitierte Altachtundsechziger ließen den Kragen offen, damit man ihr Unterhemd sah, und wagten moralische Appelle. Oskar Negt zum Beispiel sprach den menschlichen Sinnen jede Zukunft ab und sah sie in die "Arbeitslosigkeit" geschickt. Angesichts einer fortschreitenden Entsinnlichung der Alltagsrealität setzte er auf "Erfahrungen der Nähe" und ermahnte die Gesellschaft zur "Politik einer Kultivierung der Sinne". Wer nur Doktor war oder Dozent, trug am Rednerpult Krawatte. Drei eingeladene Professorinnen kamen im Designer-Jackett, brillierten mit launigen Gängen durch die Sekundärliteratur ihres Fachs oder plädierten, wie die Philosophin Sybille Krämer, für "Performanz" als kommende Disziplin: Nicht immer nur geschriebene Texte beachten, sondern, ganz sinnlich, auch die dazugehörigen Stimmen. Krämer: "Stimme kommentiert und deutet die Rede." Künstler betonten ihre Praxisnähe durch Jeans, die Computer-Propheten durch wallendes Haar. Und sie klammerten sich wahrlich nicht an Plato. Zaghaft nur hatten die Geisteswissenschaftler Gefahren für Sinne und Identität durch TV-Verblödung und Computer-Autismus insinuiert; Robotik-Professor Hans Moravec aus Pittsburgh kam zur Sache. Spätestens im Jahr 2020, rechnete er vor, vielleicht auch schon 2010, können Computer, was Menschen können, denn die maschinelle Evolution ist zehnmillionenmal schneller als die natürliche. Computer bauen dann Computerfabriken, die Roboter produzieren, die dem leider nur mit Sinnen "für Steinzeit-Stammesbedingungen" ausgerüsteten Menschen dann einen Nischenplatz auf der Erde oder im Weltraum zuweisen. "Unsere Sinne werden überflüssig, auch das ein irgendwie natürlicher Vorgang." Also sprach Moravec. Und von Dolly, dem geklonten Schaf, hatten wir damals alle noch nichts gehört.