Ausgabe: 04 / 1997
Seite: 26-33
In Holland wird Baukunst zum Volkssport
Von Kerstin Schweighfer Christian Richters
Ob kühne Brücken oder stolze Museen, eine Universität mit Meditationsgarten oder Wohnhäuser voller Licht: Die jungen Architekten in Holland bauen auf eine reiche Tradition, doch befreien sie sich von verstaubten Dogmen und Konventionen. Sie spielen mit Formen, erproben neue Materialien, nehmen Rücksicht auf die Bedürfnisse des Menschen - und sparen dabei noch Geld- Sinnlichkeit und Lebensfreude sind ihnen wichtiger als gewichtiges Pathos und große Gesten. Nur keine Monumente bauen! lautet ihr Motto: Architektur ist eine fröhliche Wissenschaft VON KERSTIN SCHWEIGHÖFER FOTOS: CHRISTIAN RICHTERS Als eine Busladung italienischer Touristen mit gezückten Fotoapparaten das Haus umzingelt, bleibt Francine Houben noch sitzen und nippt weiter an ihrem Kaffee. Ärgerlich wird sie erst, als sich einer dreist durch die Hecke zwängt und einen Fuß in den japanischen Garten setzt: "Gucken dürfen Sie, das bin ich gewöhnt - aber mein Grundstück ist tabu ! " meint die dunkelhaarige Architektin und geht an den Tretautos ihrer drei kleinen Kinder vorbei auf die Terrasse, um den Eindringling zu verscheuchen. Francine Houbens Villa in Rotterdam ist zum Muß geworden auf der Sightseeing-Liste europäischer Architekturfans. Kein Wunder, wenn man als Mitbegründerin von "Mecanoo", dem erfolgreichsten niederländischen Architekturbüro der vergangenen Jahre, auch noch in einem typischen "Mecanoo"-Haus wohnt: Gemeinsam mit ihrem Kollegen Erick von Egeraat sorgte die Architektin durch raffiniert ineinander verschachtelte Stockwerke für räumliche Kontinuität und durch Materialvielfalt für Abwechslung und Wärme, denn neben Glas, Stahl und Beton wurden auch Bambus und Holz verwendet. Großzügige Glasflächen lassen das Haus auf geradezu atemberaubende Weise vom Licht durchfluten, das Büro im Untergeschoß scheint nahtlos überzulaufen in den Garten, wo glattgewaschene Flußkiesel zum Ufer des kleinen Kanals führen.
Die Delfter Gruppe "Mecanoo", benannt nach dem Metallbaukasten und der Zeitschrift des "de Stijl"-Architekten Theo van Doesburg ( 1883 bis 1931 ), gehört zu einer Generation junger Baumeister in den Niederlanden, die längst auch im Ausland bekannt sind für abwechslungsreiche und unkonventionelle Architektur. Statt Standardlösungen suchen sie neue Wege, etwa indem sie unterschiedliche Materialien wie in einer Collage kombinieren: mal rauh, mal fein, mal kalt, malwarm, mal gerade, mal krumm. Inspirationsquelle für ihren "Modernismus ohne Dogmen" ist die reiche Traditionder holländischen Moderne. Vorbilder wie Gerrit Rietveld, Jacobus Oud oder Hendrick Berlage werden respektiert; neue Materialien und neue technische Möglichkeiten helfen, ihre Ideen den Anforderungen der Gegenwart anzupassen. Neutralität und kühle Zurückhaltung sind den jungen Architekten zuwider, die strenge Geometrie der Bauten aus den sechziger und siebziger Jahren lehnen sie ab: Architektur habe sinnlich zu sein, fordern sie, sozial, und sie habe die Geschichte eines Ortes zu berücksichtigen. "Heiter soll sie sein, eine fröhliche Wissenschaft", sagt Ben van Berkel, der Rotterdam mit der Erasmusbrücke ein neues Wahrzeichen gegeben hat. "Schmackhaft wie gutes Essen", verlangt Erick van Egeraat, dessen Naturmuseum als Prachtstück des Rotterdamer Museumsparks gefeiert wird. "Freundlich, ohne einschüchternde Monumentalität", meint Jo Coenen aus Maastricht, der mit multifunktionellen Gebäuden wie dem "Kunst-Cluster" in Tilburg "Menschen zusammenbringen" will. Und für Francine Houben und ihre "Mecanoo"-Kollegen Chris de Weijer und Henk Doell soll Architektur "poetisch, manchmal romantisch" sein. Der Aufstieg der 1984 gegründeten Gruppe begann mit dem Gewinn eines Wettbewerbs für den Kruisplein, einen Platz in Rotterdam, an dem die Planer demonstrierten, daß sozialer Wohnungsbau nicht nur billig, sondern auch schön und kreativ sein kann. Damals waren Houben, de Weijer und Doell noch Studenten - denn anders als etwain Deutschland muß der Architektennachwuchs in Holland nicht Studienabschluß undBerufserfahrung nachweisen, bevor er bauen darf: Oft sind junge Talente hierin einem Alter erfolgreich, in dem andere gerade erst beginnen. Als sie Ende 30 waren, konnten die Mitglieder von "Mecanoo" aufzehn Jahre Zusammenarbeit und gut 180 Aufträge zurückblicken; neuerdings wenden sie sich auch dem Bau von Schulen zu - mit Erfolg, wie etwa die neue Wirtschaftsfakultätder Universität von Utrecht zeigt: Statt einer Standardlösungmit einer bravenGrünfläche ums Haus entwarfen die Architekten nach dem Vorbild einer arabischen Festung einen Gebäudeblock, der drei Gärten umschließt - einen dschungelartigüppigen, einen meditativen und einen mit künstlichem Teich und Felsbrocken. Das Geld für solche Extras mußte an anderer Stelle eingespart werden, denn proQuadratmeter durfte der Bau nicht mehr als umgerechnet 1250 Mark kosten. Die Flure gerieten nüchtern, die Hörsäle funktional - nicht umsonst gelten dieArchitekten in Holland als Meister im Sparen: Sie bauen dreimal so schnell undein Drittel so teuer wie die Kollegen in Deutschland oder Frankreich. Junge Architekten werden von der Regierung großzügig gefördert Die Auftraggeberziehen mit: "Wer für dasselbe Geld etwas Neues bekommen kann", dieseErfahrung hat Erick van Egeraat gemacht, "entscheidet sich für das Neue." Die Universität von Utrecht war eines der letzten Projekte des Architekten alsMitglied von "Mecanoo"; vor zwei Jahren eröffnete er in Rotterdam ein eigenes Büro. Seine Vorliebe gilt dem Glas, das auch sein Naturmuseum wie eine zerbrechlicheHaut umzieht. "Ich möchte Dinge enthüllen", erklärt der 40 Jahre alte Architekt",und überraschende Verbindungen legen." Beim Hauptgebäude der ING-Bank in Budapest zum Beispiel prallen Alt und Neu ingeradezu spektakulärer Weise aufeinander: Hinter der prächtig restaurierten, 100Jahre alten Neorenaissance-Fassade hat van Egeraat einen organisch geformtenKonferenzraum ins Dach eingelassen, der den Bau wie ein Walfischgerippekrönt. Wer die Bank betrete, meint der Architekt, der spüre die Anwesenheit des Walfischs sofort, noch bevor er ihn gesehen habe: "Genau das will ich erreichen", sagt er: "Architektur spürbar, Unsichtbares fühlbar machen!" Sein Kollege Ben van Berkel, ebenfalls 40, entwirft seine Projekte am Computer.Er wolle "instabilen Strukturen Stabilität verleihen", beschreibt der in Amsterdam ansässige Architekt sein Anliegen und läßt kühn gebogene Formen über den Bildschirm wandern. Die Spannung und Harmonie geschwungener Linien kennzeichnet seine Bauten: Wie der Bug eines gewaltigen Schiffs schiebt sich der Büro-, Hotel- und Ladenkomplex"de Kolk" in Amsterdam an die Straßenkreuzung; die Moebius-Villa inNaarden hat die Form einer liegenden Acht, so daß Wohnen, Schlafen und Arbeiten eine unendliche Schleife bilden. Auch die Erasmusbrücke in Rotterdam mit ihrem berühmten Knick entstand am Computer. "Das geht nicht!" warnten die Statiker den Architekten, als sie seinen Entwurfsahen - und die Brücke steht doch. In den Niederlanden sei es eben möglich",interessante Dinge zu tun", meint Benvan Berkel und lobt das staatliche Förderungsprogramm: "Wer gut ist, kann reisen, studieren und Projekte ausarbeiten." Mit verschiedenen Stiftungen und Fonds will die Regierung die Startbedingungenfür junge Architekten verbessern; wichtigstes Organ dabei ist der 1993 gegründete "Architektur-Stimulierungsfonds", Insgesamt hat der Staat von 1993 bis zum vergangenen Jahr 11,6 Millionen Gulden (rund 10,5 Millionen Mark) ausgegeben, um das "Architekturklima" zu fördern. Das ganze Land ist eine Errungenschaft kühner Architekten Hinzu kommt das vielzitierte holländische Wirtschaftswunder mit einem Wachstum, von dem die Nachbarn nur träumen können. Hollands Baubranche boomt, im Rest Europas herrscht Flaute: "Bei mir rufen regelmäßig Kollegen aus Spanien, Deutschland oder der Schweiz an", erzählt Jo Coenen, "und fragen, ob ich nicht Arbeit für sie hätte." Der 47 Jahre alte Limburger sieht sich vor allem als Städtebauer: Unter seinerLeitung entstehen neue Viertel in Maastricht und Linz, auch Berlin hat ihnbeider Neugestaltung des Gendarmenmarktes zu Rate gezogen. Coenens Ideal ist die alteuropäische Stadt - "eine schönere kenne ich nicht". Noble Plätze will er schaffen, das Beste aus einem Ort herausholen, zum Promenieren einladen: Im stimmungsvollen Innenhof seines "Kunst-Clusters" in Tilburg etwa verschmelzen Vorplatz, Klostergarten und Gebäudekomplex zu einem harmonischen Ganzen; in Rotterdam sorgen Arkadengänge und ein Teich dafür, daß das Niederländische Architekturinstitut NAI zum Bindeglied zwischen Museumsparkund Stadt wird. Dieses Projekt bescherte Coenen 1993 den internationalen Durchbruch; prominenteMitbewerber wie Rem Koolhaas hatten das Nachsehen: "Lästig für sie", meint er, "aber für mich ein unglaublich gutes Gefühl !" Daß Hollands Architektennachwuchs seine Ideen so frei verwirklichen kann, liegtnicht nur an Wirtschaftslage und Förderungsprogrammen : "Architektur hat hier schon immer einen ganz besonderen Stellenwert eingenommen", erklärt die aus Berlin stammende NAI-Direktorin Kristin Feireiss: Das gesamte Land wurde einst dem Wasser abgerungen, ist also Menschenwerk, zudem stunden die Handel treibenden Holländer Innovationen stets offen gegenüber. "Außerdem", fügt Kristin Feireiss hinzu, "gehört das Land zu den am dichtestenbesiedelten Regionen der Welt, und angesichts der Enge waren die Architekten immer genötigt, ganz besonders kreativ zu sein." In den vergangenen Jahren erfreuten sie sich einer stetig wachsenden Beliebtheit; Holland erlebt derzeit einen regelrechten Architektur-Boom: Ausstellungen und Manifestationen zum Thema häufen sich, der "Tag der Architektur", immer im Juni, ist zum nationalen Ereignis geworden. Die Architekturkritik gehört - wie Film- oder Theaterkritiken _ zum festen Programm der Zeitungen, die Zahl der lokalen Architekturzentren stieg seit 1993von vier auf 27, und einer Umfrage zufolge finden 65 Prozent aller Bürger Architektur wichtig. In der Heimat ist das Klima für die niederländischen Architekten also ideal daßder Freiraum für kreative Experimente im Ausland kleiner ist, haben sie vor allem in Deutschland zu spüren bekommen: Ben van Berkel kann seinen Entwurf fürdas Berliner Polizeipräsidium vorerst auf Eis legen; auch Erick van Egeraat muß sich mit seinem spektakulären Projekt für einen unterirdischen Stuttgarter Hauptbahnhof noch gedulden. Obwohl der Entwurf viel Anklang fand, haben die Stadtväter zur zweiten Runde geläutet. Der Niederländer ist zwar wieder mit von der Partie, aber, so klagt er: "Das ist wieder mal typisch deutsch. Erst sind sie total begeistert, dann bekommen sie Angst vor der eigenen Courage." Literatur zum Thema: Hans Ibelings: Niederländische Architektur des 20. Jahrhunderts. Prestel-Verlag, München. Jaarboek 1994/1995 und 1995/1996 Architectuur in Nederland. Herausgegeben vom Nederlands Architectuurinstituut, Rotterdam. Kristin Feireiss: Ben van Berkel. Verlag Ernst und Sohn, Berlin. Mecanoo. Architekten. Herausgegeben von der Fundacion cultural del colegio de arquitectos, Madrid Kataloge Ben van Berkel sowie Erick van Egeraat. Beide Galerie Aedes, Berlin.
