Ausgabe: 04 / 1997
Seite: 14-23

Freundliche Einladung, die Kunst zu besetzen

Von Alfred Welti

Der Fettstuhl von Joseph Beuys, der genagelte Stuhl von Günther Uecker, die verpackten Stühle von Christo, der verhüllte Stuhl von Antoni Tapies: Was haben sie gemeinsam? Fett, Nägel, Tücher, Schnüre entfremdeten sie ihrem profanen Zweck. Man darf auf sie schauen, sich aber nicht auf sie setzen. Mobiliar wurde Kunst.

Was, bitte, sind dann die aus Moniereisen oder anderem Billigmetall zusammengeschweißten Möbel des Wiener Bildhauers, Objektemachers und Malers Franz West? Stühle, Bänke, Diwane, Chaiselongues, Sofas und Causeusen, auf die sich die Leute setzen, lümmeln oder legen dürfen, um Kunst, Filme oder Videos zu betrachten, um zu diskutieren, ihren Körper neu oder anders zu erleben, zu schmusen oder einfach bloß auszuruhen. Wird hier Kunst zum Mobiliar? Mit Kunst, versichert West, 50, habe das zunächst wenig zu tun gehabt. Es sei ihm irgendwann einmal darum gegangen, für sich und seine Freunde ordentliche Sitzgelegenheiten zu haben, billiger als schöne teure und nicht so häßlich wie billige Fabrikate. West sitzt aufeinem etwas wackligen Exemplar in seinem Atelier und grantelt, Sitzmöbel seien doch nur ein Aspekt seiner Arbeit. Aus Kassel, sagt er, sei ihm zu Ohren gekommen, daß auch das documenta-Team ihn bloß als den Verrückten mit den Sofas sehe. Und so hieß es denn auch offiziell, zur documenta X im Sommer sei West "definitiv" nicht eingeladen. Es hält ihn nicht lange auf dem Diwan. Der Mann mit dem struppigen Bart, der ums Kinn herum grau wird, muß aufpassen,daß seine beiden Assistenten beim Aufräumen nicht allzuviel von dem Gerümpel ausrangieren, das im Atelier herumliegt - eingerissene Wellpappe, angebrochene Sperrholzplatten, vergammelte Kleinmöbel, Altmetall, Gipsbrocken, Dosen mit angetrockneter Farbe. All das könnte irgendwann einmal Träger oder Teil einer Arbeit werden. Er braucht viel Material, denn die Ausstellungsmacher reißen sich um den Mann,der als einer der vielseitigsten, innovativsten und risikofreudigsten zeitgenössischen Künstler gilt und bei allem Engagement gänzlich undogmatisch argumentiert. So preist der Wiener Museumsdirektor Lorand Hegyi Wests "unglaubliche Mobilität und Offenheit, seine grenzenlose Freude am Durchqueren", seine "souveräne Haltung, mit der er zugleich völlig persönliche, fast "intime' und fast unerträglich "geheime' Botschaften und klare, modellierbare, transportierbare, rationell umsetzbare Paradigmen visualisieren kann". Das Museum moderner Kunst in Wien, die Kunsthalle in Basel, das Kröller-MüllerMuseum in Otterlo waren Stationen der jüngsten Werkschau von Franz West. Ende 1996 eine Ausstellung im Hamburger Kunstverein, eine im Künstlerhaus Bregenz, eine in der Wiener Galerie Kalb, eine bei seinem New Yorker GaleristenDavid Zwirner. In diesem Jahr stehen, außer der Teilnahme an der großen Schau "Skulptur. Projekte in Münster" und acht weiteren Projekten sechs Einzelausstellungen aufdem Programm, in Frankreich, der Schweiz, Deutschland Portugal, Ungarn und denUSA. Höhepunkt wird, im Herbst, eine Schau im New Yorker Museum of Modern Art. Franz West, der als reiner Amateur begann und noch mit 33 in Wiener Wirtshäusern Zeichnungen und Collagen für 20 Schilling das Blatt verscherbelte,um seine abendliche Zeche bezahlen zu können, hat es geschafft. Die Freude darüber ist mit einem skeptischen Staunen gepaart - "naja, solang die Leut' meine Sachen mögen" - und reichlich verhalten, denn der Grübler West weiß zwischen Ruhm und Leistung wohl zu unterscheiden. Nebenher, scherzt er, sei sein Wohlbefinden spürbar durch den Umstand getrübt,daß der österreichische Fiskus seit Jahren die Westsche Buchführung rigidestenund für den Künstler kostspieligen Prüfungen unterziehe, wiewohl er seine Steuern stets so treu wie traurig bezahle. Ob er schon einmal erwogen hat, die Herrn Inspektoren zu Objekten seiner "Animismusstudien" zu machen? 1992 stellte er zur documenta 9 "Lemurenköpfe" auf und schlug vor, ihnen die entstellten Mäuler mit Speiseresten und Küchenabfällen zu stopfen, die alsbald in Verwesung übergehen würden. Zudem könne man auf ihnen "Namenszettel bzw. Transparente befestigen", um herauszufinden, "ob Animismus Früchte trägt" - will heißen, ob Wünsche oder Verwünschungen, je nachdem, in Erfüllung gehen. Die "Lemuren", übermannshohe, grob geformte, auf rostige Eisenständer montierte Köpfe aus weiß bestrichenem Aluminium, ohne Augen und auf den ersten Blick erschreckend häßlich, verkörpern die dritte Generation im plastischen Werk von Franz West, in dem die Unterschiede zwischen abstrakt und gegenständlich, zwischen informell und konkret, so fließend sind, daß sie so gut wie keine Rolle spielen. In der Menschendarstellung, so West, habe Alberto Giacometti - "unüberbietbar"- einen Schlußpunkt gesetzt, nur beim menschlichen Kopf sehe er noch einen gewissen Handlungsbedarf. Der führt dann zu Lemuren-Häuptern oder - zweite Generation - zu amorphen, kantigen Formen, bei denen Mund, Nase oder Stirn mitunter angedeutet sind. Am Anfang standen die "Paßstücke", die West Mitte der siebziger Jahre entwickelte und bis heute produziert, um auf seine Weise die Kluft zwischen Künstler und Betrachter zu überbrücken. Das Publikum wird aufgefordert, die mit Gips, Papiermache oder Kunstharz bekleideten Holz- oder Metallgegenstände unterschiedlichster Form nach Gusto zubenutzen. Schriftlich, per Foto oder per Video werden - unverbindliche - Benutzungsvorschläge erteilt. } Text nicht OCR-lesbar} Franz West So erlebt man in West-Ausstellungen eine museums-untypische Atmosphäre. Da mühen sich Besucher mit West-Objekten nach der Art von Gewichthebern, andere agieren wie Hammerwerfer, sie hängen sich gekrümmte Formen um den Hals, stecken die Köpfe durch Löcher oder setzen sie sich auf. Wieder andere nehmen die mobilen Werke scheu in die Hände, um sie behutsam wieder zurückzulegen, oder tragen sie nachdenklich herum. Zur haptischen Komponente tritt das Element der Bewegung und zur Bewegung das der Ruhe - auf Sofas oder Sesseln des Rohdesigners Franz West, dessen Möbel vielen Zwecken dienen: natürlich zum Sitzen, als Teile von Installationen oder auch als freundliche Transporteure von Kunst: Die Überzüge oder Beläge von Sofas und Diwanen läßt er oft von befreundeten Künstlern entwerfen. Darin kommt etwas Wesentliches in der Ästhetik des Franz West zum Vorschein: Stärker als fast alle seine Kollegen begreift und gestaltet er seine Kunst als Gemeinschaftsarbeit - sei es mit Kollegen, sei es mit dem Publikum. So wird er selbst zum Impresario, zum Vermittler, zum Ermöglicher gemeinsamer Erlebnisse, zum Anreger und Diskussionsteilnehmer. Die von Joseph Beuys verheißene "Soziale Plastik"-West versucht sie aufliebenswürdig werbende Art zu verwirklichen, ohne damit Heilslehren verbreiten zu wollen. West, ein Genie der Freundschaft und Geselligkeit, bittet Kollegen, Skulpturenvon ihm zu bemalen; er verfaßt zusammen mit Schriftstellern oder KunstexpertenTexte zu seinen Werken, legt für Freunde kleine Kollektionen von Bildern anderer an, in die er dann auch mal eine Collage von eigener Hand einschleust. Er verschenkt Werke, läßt sich welche schenken, versucht die Geschenke miteinander kommunizieren zu lassen - wenn's klappt, entsteht ein festes Ensemble, eine Wand, ein Raum. Und nie versäumt es West, im Katalog, auf Einladungskarten, in den Ausstellungsorten sämtliche Miturheber zu nennen. Sein Kommunikationstalent war es, das West das Überleben sicherte, auch in denkräftezehrenden Jahren vor dem Erfolg. Der Sohn einer Zahnärztin und eines Kohlenhändlers ging mit 16 von der Schule,trieb sich seither in den einander vielfach überschneidenden Wiener Künstler-,Dichter- und Bohemekreisen herum. Die Rituale der Wiener Aktionisten beeindruckten und irritierten ihn so stark,daß er krank wurde. Mit 23 fing er an zu zeichnen. "Mutterkunst" nennt er die frühen, naiv-gefälligen Blätter heute - weil sie seiner Mutter Emilie gefallen sollten, die den jungen Mann ohne bürgerliche Zukunftsperspektive über Wasser hielt. Vier Jahre später begann der Amateur, zur Avantgarde aufzuschließen, er wandtesich der Plastik zu, die ersten "Paßstücke" entstanden. Er schloß Freundschaft mit dem Literaten und Kritiker Reinhard Priessnitz, demder Künstler, heute ungeheuer belesen, viele Hinweise auf Literatur und Psychologie dankt " Und er bezirzte die Mitarbeiterinnen der renommierten Galerie nächst St. Stephan, denen er so gut wie täglich seine Aufwartung machte. 1977 bekam er dort eine erste kleine Ausstellung, weitere folgten. Der Ausstellungsmacher Kasper König wurde auf ihn aufmerksam und forderte ihn 1981 auf, sich am "heute"-Teil der Kölner Großschau "Westkunst" zu beteiligen. West, inzwischen 34, legte Gruppen von "Paßstücken" auf flache Sockel und forderte, erfolgreich, zur Benutzung der Arbeiten auf. Der internationale Durchbruch schien nahe. Doch genau in diesen Jahren feierte die neoexpressionistische Malerei ihre Triumphe, und im Schatten der Neuen Wilden mußten Wests Konzepte weiter im Stillen reifen, bis ihn der Schweizer Ausstellungsmacher Harald Szeemann 1985 zu seiner Zürcher Schau "Spuren, Skulpturen und Monumente ihrer präzisen Reise" einlud. West baute seine erste Großskulptur, "Zitat". Mit dem Werk reist seither, als integraler Bestandteil, ein mehrmals modifizierter Text mit einem Verweis auf Shakespeare: "Das Motiv für die letzte Fassung dieser Skulptur entsprang der Schlagzeile eines Artikels über etruskische Kunst: Wo Plumpheit in Eleganz umkippt. Demnach sähe man hier ein nachsprachliches Zitat, ich zeige auch meine Vorstellung einer imaginären Gestaltpsychologie: STERBEN - SCHLAFEN-SCHLAFEN! VIELLEICHT AUCH TRAUMEN! - JA DA LIEGT'S: WAS IN DEM SCHLAF FÜR TRAUME KOMMEN MÖGEN, " " (bei Zitat dreht es sich um ein von mir lange belegtes, auffrisiertes, mit Bleifolie überzogenes Bettgestell)." West, so die Kunsthistorikerin Eva Badura-Triska, verweist damit "auf seine Reflexion über die unterschiedliche Lesbarkeit und Wirkungsweise von bildlichenund sprachlichen Zeichen beziehungsweise deren unterschiedliche Möglichkeiten,Bedeutungen und Inhalte zu transportieren". Inzwischen weiß der große Kommunikator, der eine Vernissage auch schon mal mitGerüchen (WC-Geruchssteine und Haarspray) oder mit Speisen und Getränken (Kohlund Kümmel plus Rum mit Himbeersaft) bereichert, längst auch das Medium Video für sich zu nutzen er zeigt Aufnahmen von Personen, die mit Paßstücken agieren.Mit dem Video hat er auch die Musik in seinen Kunstraum geholt. Der Klassik-Liebhaber bevorzugt selten gehörte Stücke, etwa das Oratorium "DieAuferstehung des Lazarus" von Franz Schubert oder Mandolinenmusik von Ludwig van Beethoven. Kaum eine wichtige Schau zeitgenössischer Kunst, in der Franz West seit Szeemanns Zürcher Schau von 1985 nicht vertreten ist. 1990 stellte er mit seinen Landsleuten Herbert Brandl und Ernst Caramelle im Musee d'Art Moderne de la Ville de Paris aus und erprobte eine neue Form kommunikativer Skulptur: Seine Arbeit bestand aus sieben Säulen, die von nackten Männern und Frauen in einem Saal umhergetragen wurden. Auf ein Signal hin stellten sie die Stücke ab - und die Position des Werks warfestgelegt. Im selben Jahr vertrat Franz West Ostetreich auf der Biennale in Venedig, und als er 1992 auf der documenta 9 seine Lemurenköpfe aufstellte, sorgte er zudem für eine der Hauptattraktionen des Kasseler Kunstsommers: Er möblierte das documenta-Freilichtkino mit 72 großen Diwanen, die er mit Teppichen belegte. West nahm dafür bei einer antiken römischen Steinbank Maß. Das Diwan-Ensemble (Titel: "Auditorium") wurde anschließend vom Französischen Nationalfonds für zeitgenössische Kunst erworben und lädt heute im Centre d'ArtContemporain Domaine de Kerguehennec zum Ausruhen. Mit enormem Fleiß und nicht nachlassendem Witz beschickte der Künstler - zwischenzeitlich für drei Semester Gastprofessor an der Frankfurter Städelschule - Ausstellungen in Europa, Japan und Amerika. Eine Schau im Kasseler Museum Fridericianum aber charakterisiert besonders schön Wests soziale Intelligenz und seine lakonische Überzeugungskraft: In dem vom damaligen Direktor Veit Loers eingerichteten "Museum auf Zeit" zeigte West von 1993 bis 1995, dicht gedrängt neben eigenen Arbeiten und Videos, Bilder undObjekte von mehr als einem Dutzend Kollegen. Die Installation "Atelier", eine Art Kreativkneipe, enthielt auch zwei Bänke und einen Tisch mit dem schriftlichen Hinweis: "An diesem Tisch kann Bier getrunken werden, Flaschen und Dosen auf dem Tisch stehen lassen." An der Wand befestigte Franz West eine weitere Botschaft an sein Publikum: "Das Atelier ist ein Modell, in dem Arbeiten, die mich betreffen, stehen und hängen, während die Unerschöpflichkeit der Konstellationen der leeren und vollen Bierflaschen bzw. Dosen das Spiel der Kreativität erklärt, das Sie hier bedienen sollen." P. S. An der documenta X nimmt West (das Freundschaftsgenie) nun wohl doch teil. Sein Landsmann Heimo Zobernig, zuständig für die Einrichtung der documenta-Halle, hat bei ihm 300 Stühle geordert. } Text nicht OCR-lesbar}