Ausgabe: 04 / 1997
Seite: 95

Nebensachen als Füllstoff

Von Joachim Hauschild

Was hat Rainer Maria Rilke mit der Nike von Samothrake zu schaffen, was mit der Venus von Milo? Wenig_ doch Gipsabgüsse der beiden Skulpturen, über die der Dichter (1875 bis 1926) in einem Brief an seine Frau ganze vier Sätze notiert hat, dominieren das alte Atelier in der Münchner Villa Stuck. Nur in einer verkleinerten Version wird dagegen Auguste Rodins "Ehernes Zeitalter" gezeigt, über das sich Rilke in seinem Rodin-Buch von 1903 wesentlich geäußert hat. So verschiebt diese Ausstellung die Akzente - und das bekommt ihr nicht. Vor allem ist unverständlich, daß die Schau nach der Übernahme aus dem Clemens-Sels-Museum in Neuss, wo der Raum offenbar begrenzt war, nun in München partout alle Stockwerke füllen muß, ausgebaut mit reichlich Grafik und gewagten Hilfskonstruktionen.

Die Ausstellung will Rilkes "Kunsterfahrungen" nachvollziehbar machen " doch wird die Absicht ins Gegenteil verkehrt, wenn neben Gustave Moreaus "Pieta" von 1875 Rilkes Satz steht, er habe in einer Ausstellung dieses Malers "das Gefühl, daß ich da nicht hineingehörte", oder andererseits der kleine Lichtdruck eines gezeichneten Stefan-George-Porträts von Curt Stoeving gehängt wird und dazu Rilke vermeldet: "Um solche Bilder muß man Zimmer bauen." Wirklich schlüssig ist das Konzept nur an wenigen Stellen. So war Rilke der Künstlerkolonie Worpswede eng verbunden, über die er 1903 ein Buch veröffentlichte - entsprechend gut sind in der Ausstellung Heinrich Vogeler, Rilkes Frau Clara Westhoff oder Paula Modersohn-Becker dokumentiert. Von ihr stammt ein "Bildnis Rainer Maria Rilke" von 1906, das dem Dichter gar nicht gefiel und das er mit einem geschriebenen "Selbstbildnis" konterkarierte. Auch der Torso einer griechisch-archaischen Jünglingsstatue hat Rilke zu einem berühmten Gedicht inspiriert; in der Ausstellung ist ein Gipsabguß davon effektvoll in einer Nische plaziert, daneben stehen die Verse: "Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt. "" Das einzige in der Ausstellung vertretene Werk aus dem Besitz des Dichters ist ein Blatt des schizophrenen Zeichners Adolf Wölfli. Rilke erhielt es als Geschenk, nachdem er enthusiastisch ge-äußert hatte, der Fall Wölflis werde "dazu helfen, einmal über die Ursprünge des Produktiven neue Aufschlüsse zu gewinnen". "Rainer Maria Rilke unddiebildende Kunst seiner Zeit". Museum Villa Stuck, München, bis 6. April. Danach in den Kunstsammlungen Böncherstraße, Bremen (3. Juni bis 31 " August) und im Georg-Kolbe-Museum, Berlin ( 14. September bis 9. November). Katalog im Prestel-Verlag, München: 38 Mark, im Buchhandel 78 Mark.