Ausgabe: 04 / 1997
Seite: 116-117

Wie man mit Bildern Budgetlöcher stopfen kann

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Ausgeschlossen, sprach Jeroen Giltay, Hauptkustos für Alte Kunst am Rotterdamer Museum Boijmans Van Beuningen. Er verhandelte über eine Japan-Tournee von Meisterwerken seines Hauses. Mehr oder weniger freudig gab er 60 Bildern die Reiseerlaubnis, aber das Prunkstück der Sammlung, versicherte er dem japanischen Partner, werde das Museum nicht verlassen-"nur über meine Leiche".

Dann fiel er um - und lebt glücklich bis zum heutigen Tag. Pieter Brueghels kleine Fassung des "Turmbaus zu Babel" ging trotz aller Kustoden-Ängste um die vier Jahrhunderte alte Tafel nach Ostasien. Der Japaner hatte nämlich angeboten, das vereinbarte Honorar um 25 Prozent aufzustocken. "Die Offerte", erinnert sich Giltay, "war so verlockend, daß wir in die Knie gingen." An die Summe mag sich der Kustos nicht erinnern, aber das Gerücht, daß damals, 1992, eine Million Gulden (900000 Mark) aufs Museumskonto flossen, kann er kaum dementieren. Inzwischen boomt der Leihverkehr mit Japan und anderen fernöstlichen Ländern noch viel kräftiger - mit schwer absehbaren Rückwirkungen auf den Ausstellungsbetrieb im Westen. Dreimal soviel wie die Rotterdamer, 2,7 Millionen Mark, kassierte 1995 das Kroeller-Müller Museum in Otterlo dafür, daß es in Jokohama und Nagoia rund 30 Gemälde und 40 Zeichnungen von Nippons Lieblingseuropäer ausstellte, Vincent van Gogh. Aber auch schwerer verdauliche Kost wird gerne genommen: Rudi Fuchs, Chef des Amsterdamer Stedelijk Museums, konnte vor kurzem ein Budgetloch von fast einer Million Mark stopfen, indem er 60 Werke, darunter Bilder von Kasimir Malewitsch, Jackson Pollock und Georg Baselitz, zu Gastspielen in vier japanischen Orten und in Südkoreas Hauptstadt Seoul entsandte. Die Niederländer haben's besonders nötig, denn seit sie, bei geringen öffentlichen Zuwendungen, weitgehend privatwirtschaftlich organisiert sind, wissen sie so trefflich in Yen zu rechnen wie etwa Briten oder Russen. Im Moskauer Puschkin-Museum wurden dieser Tage Werke des italienischen Barock - so von Guido Reni, Bernardo Bellotto oder Cavaliere D'Arpino - für eine gutdotierte Japan-Tournee eingepackt. Das Londoner Victoria and Albert Museum schickte zwischen 1992 und 1995 fünf Ausstellungen, gesponsert von der Tokioter Kaufhauskette Hankyu, nach Japan, und gerade geht eine abgespeckte Version der großen William-Morris-Schau (ART 2/1997) ins Land der Kirschblüte. Die Briten genieren sich, Geldbeträge zu nennen, geben aber zu bedenken: "Wenn wir es mit Museen zu tun haben, wollen wir nur unsere Kosten decken, doch bei kommerziellen Partnern wären wir dumm, wenn wir nicht von deren Reichtum profitieren würden." Noch genierlicher als die Briten geben sich die Franzosen. Dort ist es den Museen grundsätzlich untersagt, Leihgebühren für Bilder zu verlangen. So ging denn letztes Jahr eine Claude-Monet-Schau aus dem Pariser Musee d'Orsay gratis nach Taipeh, die glücklichen Taiwanesen mußten nur die Kosten tragen. Inzwischen sind sie nicht mehr ganz so fröhlich, seit sie erfuhren, daß die Versicherungssumme ungewöhnlich hoch und der Gewinn saftig war, umgerechnet beinahe eine Million Mark. Als Versicherer fungierte der Verband der französischen Staatsmuseen. Was den französischen Museen untersagt ist - das Außenministerium darf Leihhandel betreiben. Nimmt man's genau, verleiht aber auch dessen Kunstabteilung, die Association Francaise d'Action Artistique, nicht Bilder gegen Geld, sondern vermietet Ausstellungen, tout compris. So überwiesen das Museum zeitgenössischer Kunst in Seoul, das Pekinger Haus der Kunst auf dem Platz des Himmlischen Friedens und ein Museum in Taipeh je rund 400 000 Mark für eine Pierre-Soulages-Ausstellung ein Preis, den in Europa niemand bezahlt hätte. Ein Insider: "In den letzten Jahren haben sich etliche an der Naivität der asiatischen Newcomer bereichert. Das ist aber bald vorbei. Die werden allmählich auch zu Profis." Die Japaner sind es längst. Sie zahlen gutes Geld lassen sich aber keinen Ramsch aufschwatzen. Und sie wissen über die Bestände und Nöte europäischer Museen Bescheid. Als das Essener Museum Folkwang sich entschloß, seinen Altbau zu sanieren, im Finanzierungsplan aber eine Lücke klaffte, kreuzten Abgesandte der Tokioter Agentur White Public Relations in Essen auf und erbaten sich für die Zeit der Renovierung 65 Meisterwerke für eine Tournee mit sechs Stationen; inzwischen ist eine siebente dazugekommen. "Eine glückliche Fügung", sagt Kustos Mario-Andreas von Lüttichau und beteuert, daß, erstens, das Museum Folkwang nicht die Initiative ergriffen habe und, zweitens, so etwas nie wieder vorkommen werde. Die Künstlerliste, zeitlich von der Romantik bis zum Expressionismus, alphabetisch von Max Beckmann bis Maurice de Vlaminck, liest sich wie ein Gotha der neueren Kunstgeschichte. Eine halbe Millionen Besucher lockte die Schau in sechs staatlichen und städtischenjapanischen Instituten sowie im Museum des Tokioter Kaufhaus-Riesen Tobu an. Wieviel Geld dafür ins krisengeschüttelte Revier floß, bleibt der Öffentlichkeit vorenthalten. "Ja, es ist schon wahr, die Bilder mußten anschaffen gehen", sagt von Lüttichau, "aber über Geld spricht man nicht." Auch Rainer Budde vom Kölner Wallraf-Richartz-Museum, der im vergangenen Jahr mit Bildern seines Hauses eine viermonatige Impressionisten-Tournee für Japan zusammenstellte, behält Zahlen lieber für sich und sieht in Ausstellungstourneen generell "eine große Gefahr". Vorreiter bei diesem Trend seien die Amerikaner, sagt er. Die allerdings verzichten auf Geheimniskrämerei, etwa im Fall der legendären Barnes-Collection aus Merion in Pennsylvania, die in Washington, Paris, Tokio, Toronto und München mit Buchund Souvenirverkäufen 17,5 Millionen Dollar einspielte. Da klingt es recht bescheiden, wenn Irina Antonowa, Chefin des Moskauer Puschkin-Museums, 1996 für die Schau "Von Monet bis Picasso" im Mailänder Palazzo Reale, die dann noch nach Den Haag ging, gleich zu Beginn den Preis von 1,5 Millionen Dollar garantiert haben wollte. Sie bekam das Geld, der Verlag Mondadori streckte es vor, Eintrittsgelder von 500 000 Besuchern und Katalogverkäufe brachten es wieder herein. Viel schwieriger und noch Problematischer ist es, mit dem Ausleihen einzelner Bilder Geld zu machen. Routinemäßig verlangen amerikanische Museen kleinere Summen, das New Yorker Whitney Museum etwa 250 Dollar von Museen und 1500 von privaten Galerien. Die deutschen Museen zögern, Leihgebühren zu verlangen, freuen sich aber mitunter, wenn ein gebrechliches Bild angefordert wird. Dann muß der Leihnehmer, wenn er es denn haben will, die Restaurierung zahlen, und da kommen schnell fünfstellige Summen zusammen. Auch andere Sachleistungen sind beliebt, etwa neue Rahmen oder Verglasung. Eine gewisse Bescheidenheit beim Verleih einzelner Stücke zahlt sich aus, denn, so Gerd Lukoschik, Verwaltungsdirektor der Staatlichen Museen zu Berlin Preußischer Kulturbesitz: "Es ist nicht sinnvoll, daß sich die Museen das Geld abwechselnd aus der Tasche ziehen." Sonst gibt's holländische Zustände. Seit die Museen der Niederlande weitgehend selbständig wirtschaften, kassieren sie sich auch gegenseitig ab, und dann sind die kleinen Häuser und die Ausstellungsinstitute ohne eigene Bestände die Dummen. "Ich hab' nur meine schönen blauen Augen", jammert Wim van Krimpen, Chef der Rotterdamer KunstHal. Vom Tropenmuseum in Amsterdam wollte er eine Anzahl Puppen leihen_ aus dem Depot. Dafür verlangte das Institut 60 000 Gulden. Die Puppen blieben im Keller, die Schau fiel flach. } Text nicht OCR-lesbar}