Ausgabe: 04 / 1997
Seite: 96
Eine Rolex von den Zinsen
Von Ruth Hndler
Auf Eisenquadraten von Carl Andre hatten 30 Paar "Mondrian Boots" aus der Boutique ihren Laufsteg gefunden. Der Angriff der Schuhmode auf die Minimal Art, inszeniert von der Genfer Shopping-Künstlerin Sylvie Fleury, war der vordergründigste Beitrag zu einer Suche nach Vorbildern oder Sparringspartnern der aktuellen Kunst: Renate Damsch-Wiehager, die Leiterin der Galerie der Stadt Esslingen in der Villa Merkel, hatte 20 meist jüngere Künstler aufgefordert, mit eigenen Arbeiten auf selbstgewählte Werke aus der Stuttgarter Staatsgalerie zu reagieren.
Der sperrige Titel der Schau ist Sigmund Freuds Text "Jenseits des Lustprinzips" entliehen: Wenn sein Enkel Spielzeug fortschleuderte und wieder heranholte, interpretierte der Begründer der Psychoanalyse das als symbolische Inszenierung des Verlusts und der Wiederkehr von Liebesobjekten. Der Maler Konrad Klapheck, mit 62 Jahren der älteste Teilnehmer, hängte ein Temperabild seines Studienkollegen Gotthard Graubner neben seine "Gastgeberin", die er auf Graubners Rat mit stärkerem Gelb verbessert hatte. Die 26jährige Wienerin Elke Krystufek konfrontiert ihre Fotocollagen "Guns and Fun" mit Siebdrucken von Andy Warhol, weil "Warhol alles war, was ein Künstler sein möchte: erfolgreich, reich und weltbekannt". Mathis Neidhart überlegte sich als Kommentar zur wirtschaftlichen Situation des Kulturbetriebs, ein Gemälde von Willem de Kooning für die Dauer der Ausstellung beleihen zu lassen, um vom Zinsertrag eine teure Rolex-Uhr zu erwerben. Tiefere Erkenntnisse vermag die Schau nicht zu vermitteln: Fähigkeit oder Wille der Künstler zu ernsthaftem Dialog mit älteren Werken sind offenbar begrenzt. Grenzenlos ist nur die Beliebigkeit vieler Arrangements. Weshalb Carl Andre auch prompt sein entweihtes und zudem falsch ausgelegtes Bodenstück unter Protest zurückzog. Ruth Händler "Fort! Da! Cooperations - 20 internationale Künstler/innen im Dialog mit der Sammlung Gegenwartskunst der Staatsgalerie Stuttgart". Esslingen, Villa Merkel, bis 6. April. Katalog: 35 Mark.
