Ausgabe: 04 / 1997
Seite: 93
Das Leben liegt allein in den Augen
Von Boris Hohmeyer
"Einer Plastik von Giacometti kann man sich nicht nähern", schrieb Jean-Paul Sartre im Jahr 1948. Tatsächlich war Alberto Giacometti (1901 bis 1966) jahrzehntelang bemüht, mit seinen Skulpturen ein Gefühl von Distanz zu vermitteln. Aus der Nähe, so hat er einmal erklärt, werde das Interesse am Schauen durch die Lust zur Berührung verdrängt.
Der Künstler wollte darstellen, was er sah, nicht was er dachte. Eine vollplastische Büste zu modellieren erschien ihm unsinnig, weil er den Kopf des Modells nie von allen Seiten zugleich sehen, sondern sich seine Rundung nur vorstellen konnte. Beim Versuch, Entfernung abzubilden, wurden seine Skulpturen zunächst immer kleiner, schließlich soll das Werk mehrerer Jahre in sechs Streichholzschachteln gepaßt haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand Giacometti die Lösung: Er längte seine Statuen ins Extreme, ohne ihnen dabei mehr Masse zu geben. Wer die würdevollen dürren Gestalten von nahem betrachtet, sieht nur die zerklüftete Oberfläche von Gips oder Bronze -über das Wesen der Figur erfährt er nichts. Die Münchner Hypo-Kunsthalle zeigt rund 150 Plastiken, Zeichnungen und Gemälde Giacomettis, darunter frühe Hauptwerke wie den "Käfig" von 1931 oder den "Surrealistischen Tisch" von 1933. Der Schwerpunkt liegt aber auf der Produktion der letzten 20 Lebensjahre, als neben den legendären Figuren auch eine Reihe von unruhig gestrichelten Porträtbildern entstand. All diesen Werken gemeinsam sind Augen, die in strenger Frontalität den Betrachter fixieren. Ihnen galt Giacomettis besondere Sorgfalt, denn er war überzeugt davon, daß "sich der lebende Mensch einzig durch den Blick vom Toten unterscheidet". zur Ausstellung ( 17. April bis 29. Juni) erscheint im Hirmer-Verlag München, ein Katalog zum Preis von 48 Mark (im Buchhandel 98 Mark).
