Ausgabe: 04 / 1997
Seite: 94
Von der Magie ins Dickicht der Zahlen
Von Ruth Hndler
Eine nüchterne Zahlenkolonne bezeichnet, was anders kaum darzustellen wäre: die amourösen Höchstleistungen eines "Übermannes". Der gleichnamige Roman von Alfred Jarry inspirierte den Katalanen Joan Miro 1925 zu dem Gemälde "Die Addition". Vor einem malerisch-verschwommenen Farbraum vermitteln einzelne verschlüsselte Elemente Motive des Textes, darunter die Anzahl der Liebesakte und die zärtliche Annäherung des Paares nach erreichtem Rekord.
Das Chiffrierbild gehört zu den rund 450 Werken der ambitionierten Schau "Magieder Zahl", mit der Karin von Maur, die stellvertretende Direktorin der Stuttgarter Staatsgalerie, nach "Vom Klang der Bilder" ( 1985) ein weiteres großes Themenprojekt vorstellt, Im Ausstellungssaal des von James Stirling entworfenen Museumsbaus sind als eindrucksvoller Auftakt neben Miro die Klassiker von Kubismus bis Pop Art, von Pablo Picasso und Georges Braque bis Robert Indiana und Andy Warhol mit hochrangigen Leihgaben aus aller Welt versammelt. Mit dabei sind jene allein aus rätselhaften Zahlen komponierten Zeichnungen vonOskar Schlemmer, die für die Schlemmer-Spezialistin von Maur der erste Anlaßwaren, dieses Motiv in der Kunst unseres Jahrhunderts zu verfolgen. Hatte die Ludwigshafener Ausstellung "Mathematik und Kunst" vor zehn Jahren auflogischen Strukturen basierende Gegenwartswerke präsentiert, so lenkt die Stuttgarter Schau nun den Blick auf Zahlen und numerische Systeme als Bildmotive, und zwar von den Anfängen der Avantgarde bis heute. Damit tut sich ein schier unendlich weites Feld auf, denn: "Magisch ist nicht allein der unergründliche Charakter der Zahlen selbst, dem die Künstler durch teilweise ausgeklügelte rationale Systeme nachspüren", schreibt Karin von Maur im Katalog, der manche geheimnisvolle Komposition erst verständlich macht. "Magisch ist auch die anhaltende und gegenwärtig wieder verstärkt wirksame Faszination der Zahl als Form und Zeichen, Sinnbild und Denkfigur." Elf Themenbereiche wie "Ziffernschrift und malerischer Gestus", "Die Zahl in der Natur", "Der numerierte Mensch" oder "Zahl und Sprache" schlagen wenigstens provisorische Schneisen durch den Dschungel des Materials. Richtig bändigen ließ sich die überwältigende Fülle der mit Ziffern, Nummern oder Codes versehenen Werke aber nicht. So kann man den Besuch der Schau je nach Erwartungshorizont und Kondition entweder als magische Entdeckungsreise durch die Bildwelten von Klassikern und Nachwuchskünstlern genießen oder als ausufernde Mühsal verfluchen. Zahlen können bei Kasimir Malewitsch oder Kurt Schwitters als Realitätsfragmente auftauchen, können in den abstrahierten Uniformen und Abzeichen des Amerikaners Marsden Hartley Signale für Eingeweihte aussenden oderim Spätwerk eines Salvador Dali naturwissenschaftliche Erkenntnis in eine poetische Bildersprache einflechten. Angesichts solcher Vielfalt kommt die Riesen-Ausstellung unvermeidlich ins Abzählen und Abhaken. Trotz ihres enzyklopädischen Anspruchs hat Karin von Maur versucht,jene Künstler hervorzuheben, bei denen Zahlenwerke und ihre bildliche Analyse im Zentrum der Arbeit stehen; dazu gehören Rune Mields, Hanne Darboven und Mel Bochner. In den dichtgedrängten Arrangements der zusätzlichen Ausstellungsbereiche - ausgeräumte Säle der ständigen Sammlung und der Vortragssaal erweitern die Schaufläche auf 2000 Quadratmetervermengen sich die künstlerischen Positionen aber zwangsläufig, und das Qualitätsgefälle zwischen den einzelnen Arbeiten tut manchmal schon weh. Dem gestreßten Besucherbleibt der Rückzug in einen Raum, der ganz der zentralenPersönlichkeit dieser Schau gewidmet ist: dem in Frankreich lebenden Polen Roman Opalka. Inmitten der "Detail"-Bilder seines 1965 begonnenen Projekts "1 bis oo", deren weiße Zahlenreihen auf immer hellerem Grund dem geistigen Weiß und der Vollendung des Werks durch den Tod des Künstlers entgegenschreiten, teilt sich dann doch eine magische Kraft der Zahl mit. Als beständig verfolgbare, unumkehrbare Spur gibt sie hier der Zeit Gestalt undsteckt, Verkürzung und Beschleunigung ausschließend, die Grenzen des Lebens ab. Ruth Händler "Magie der Zahl". Staatsgalerie Stuttgart (bis 19. Mai). Katalog im Verlag Gerd Hatje, Ostfildern: 49 Mark im Buchhandel 98 Mark Ruth Händler, 44 ist freie Kunstkritikerin in Stuttgart und seit 1985 ART-Korrespondentin. Sie besuchte die Ausstellung "Magie der Zahl in der Kunst des 20. Jahrhunderts" in der Staatsgalerie Stuttgart
