Ausgabe: 01 / 1996
Seite: 3
Liebe Leserin, lieber Leser
Von Axel Hecht
Alle Jahre wieder im November fällt London und mit der Metropole ganz
Großbritannien ins Turner-Fieber. Wer, so wird dann spekuliert, gewinnt diesmal den großen, den einzig wichtigen
Kunstpreis des Inselreichs? 1995 ging die begehrte Auszeichnung an Damien Hirst,
30, den wohl spektakulärsten Vertreter einer Neo-Konzept-Kunst (ART 7/1993),
der vorzugsweise Schafe, Rinder und Haie in Formaldehyd einlegt. In Riesenaquarien ausgestellt, sollen die Kunst-Kadaver dem Publikum als
sinnfällige Metaphern für Lebens- und Sterbensnöte gelten.
Mag über die künstlerische Qualität solcher Schocktherapie noch heftig
gestritten werden, nach dem Urteil der Jury ist Hirst "der Künstler, der für die
bildende Kunst Englands in den abgelaufenen zwölf Monaten den bedeutendsten
Beitrag geleistet und damit die Gegenwartskunst beim breiten Publikum ins
Gespräch gebracht hat". Die öffentliche Bestätigung des Jury-Entscheids kam prompt: Bereits mehrmals
mußte die gegenwärtige Ausstellung mit Hirst-Werken in Londons renommierter Tate
Gallery wegen Überfüllung geschlossen werden. Zum elftenmal erlebt England damit eine Zeremonie, die so britisch ist wie die
Teepause: Auf Anregung der "Patrons of New Art", eines Freundeskreises der Tate
Gallery, wurde 1984 jener Preis gestiftet, der nach William Turner (1775 bis
1851), Englands berühmtem Vorläufer der Moderne, benannt ist. Im Vorfeld der Entscheidung präsentiert die sechsköpfige Jury dem Publikum eine
Werkschau der Kandidaten - meist sind es vier bis sechs Künstlerinnen und
Künstler- im Museum. Die Entscheidung wird schließlich vom Kulturminister unter Anwesenheit der
Aspiranten bei einem Festakt bekanntgegeben. Hollywood mit seiner Oscar-Verleihung läßt grüßen. Schon die erste Kandidaten-Schau 1984 war ein Triumph: Rund zwei Millionen
Menschen stürmten das Museum. In den Wettbüros iührte der Maler Howard Hodgkin die Favoritenliste an. Den Preis gewann dann freilich der Neo-Expressionist Malcolm Morley. Fast erübrigt sich der Hinweis, daß die BBC die Kandidatenkür auch noch zum
nationalen Fernseh-Ereignis machte. Tu felix Britannia möchte der Festländer neidisch denken. Haben wir nicht hierzulande Preise über Preise, mit denen wir unsere Maler,
Bildhauer und Zeichner überhäufen und verwöhnen? Sind unsere Patrone etwa weniger wert? Schließlich haben sie so wohlklingende Namen wie Rubens, Dürer oder Beckmann! Dazu noch die üppigen Auszeichnungen, die Banken, Stiftungen und Länder
vergeben. Warum fiebert bei uns keiner der Bekanntgabe entgegen, warum schweigen ARD und
ZDF, warum will keiner auf Rosemarie Trockel oder Gerhard Merz wetten? Haben wir vielleicht zu viele Preise, und wird die einzelne Juryentscheidung
auch deswegen nicht mehr diskutiert? Ihr Axel
