Ausgabe: 01 / 1996
Seite: 98
Der Sonnenkönig ging mit goldenem Händedruck
Von
Ämter: Direktorenwechsel in Groningen
Draußen schwammen Froschmänner in fluoreszierenden Tauchanzügen durch den
Verbindungskanal, drinnen wurden die 600 Gäste mit einer Tätowier-Show und
lebenden Bildern bei Laune gehalten; Transvestiten spielten Kellner, aus den
Lautsprechern erschallte Maria Callas, auf Videoschirmen wand sich die
Pop-Sängerin Grace Jones, und dazwischen ließ sich Frans Haks, 57, wie ein
Sonnenkönig feiern, der ein letztes Mal durch sein Versailles stolzierte. "Im Groninger Museum", prophezeite der Reporter der Lokalzeitung nicht ohne
Wehmut, "wird es still werden."
Nach 17 Jahren verabschiedete sich Haks als Museumsdirektor. Er war einer der ersten in den Niederlanden, der Graffiti als Kunstform ansah,
der ein Auge hatte für die "Jungen Wilden" in Deutschland und der die Grenzen
zwischen Architektur, Kunst und Design aufzugeben begann. Als Krönung ließ er sich von dem italienischen Designer Alessandro Mendini
einen quietschbunten Kunsttempel errichten, in dem weiße Wände und Tageslicht
tabu waren (ART 1/1995). Kollegen verspotteten den Bau als überdimensionalen Eisbecher, doch angesichts
der Besucherzahlen wurden sie kleinlaut: 400 000 Gäste kamen in einem Jahr-300
000 mehr als erwartet. Doch schon bei der Planung des Museums hatte es Ärger mit der Stadt gegeben;
als Haks dann der Beihilfe zum Sozialhilfebetrug beschuldigt wurde (ART 6/1993),
ließ die Gemeinde ihn fallen - im Sommer 1996 wollte man sich voneinander
trennen. Dann wurde Haks freigesprochen und beschloß, schon zum 1. Januar zu gehen. Von der beschämten Gemeinde sicherte er sich einen goldenen Händedruck: Bis zu
seinem 61. Geburtstag bekommt er sein Gehalt, dazu eine jährliche Reisekostenpauschale von
18 000 Gulden, umgerechnet rund 16 000 Mark; als Gegenleistung dient er
Groningen als "künstlerischer Berater". Reyn van der Lugt, 46, bisher Direktor der Kulturabteilung im niederländischen
Generalkonsulat von New Vork, wird am 1. April neuer Direktor in Groningen. 50 Kandidaten sollen sich beworben haben,
darunter auffallend wenig Museumsdirektoren: Der Posten, so hieß es, sei Haks
eben zu sehr auf den Leib geschnitten. Van der Lugt hat sich als Promoter niederländischer Kultur in Nordamerika einen
Namen gemacht, unter anderem als Mitorganisator der großen
Piet-Mondrian-Schau (ART 1/1995); jetzt entkräftete Bob Dippel, Vorsitzender
der Museumsstiftung, die größte Befbrchtung von Franz Haks. Auch unter dem neuen Museumsdirektor soll es keine weißen Wände geben. Kerstin Schweighöfer Abschied mit Pomp: Frans Haks Nachfolger: Reyn van der
Lugt
