Ausgabe: 01 / 1996
Seite: 105
Hat der Florentiner Meister sein eigenes Werk kopiert ?
Von
Kunstgeschichte: Expertenstreit um ein Gemälde von Raffael
Wir alle kennen - nur allzu gut den privaten Gemäldesammler, der sich
einbildet, ihm gehöre das Original zu einem Meisterwerk in Museumsbesitz",
schrieb Viscount Lee of Fareham im Jahre 1934. "Immer riskiert er, sich lächerlich zu machen."
In dieser Gefahr war der englische Edelmann selbst; Er hatte ein kleines Bild
der Heiligen Familiemiteinem Lamm erworben, das er für ein eigenhändiges Werk
Raffaels hielt und auf dem sich tatsächlich der Name des Meisters und die
Jahreszahl 1504 fanden. Doch ein allgemein anerkanntes, fast identisches Werk hing bereits im Madrider
Prado. Welches der beiden Täfelchen Raffael selbst gemalt hat, darüber streiten
seither die Expertenwenn sie die schwer zugängliche "Lee-Fassung" überhaupt zur
Kenntnis nehmen. Inzwischen ist dieses Bild über mehrere Stationen. offenbar in deutschen
Privatbesitz gekommen. In Kassel wird es jetzt zum ersten Mal öffentlich gezeigt, zusammen mit einer
ramponierten Vorzeichnung, etlichen alten Kopien des Motivs und einem Foto des
Prado-Gemäldes (Museum Fridericianum, bis zum 21. Januar). Der Initiator der Ausstellung, Jürgen M. Lehmann, präsentiert die Lee-Fassung ausdrücklich als Ur-Bild. Allerdings ist auch die Madrider Version signiert und datiert, letzteres mit
einem rätselhaften "MD VII IV". Lehmanns Erklärung dafür: Raffael habe 1507 das damals schon drei Jahre alte
Motiv auf Bestellung noch einmal gemalt und dabei neben dem Datum der Ausführung
auch das der Bild-Erfindung vermerkt. Daß die Komposition von 1504 stammen soll, ist glaubhaft. Da war der junge Maler gerade aus der umbrischen Provinz nach Florenz und dort
unter den Einfluß Leonardos gekommen. Die "Heilige Familie" wirkt wie ein erster Versuch, neue Eindrücke mit
Bewährtem zu verbindenals wären Leonardos Figuren in einer Landschaft des
Raffael-Lehrers Perugino einem Lamm des Niederländers Hans Memling begegnet. Wenn die Prado-Version ein früheres Bild wiederholt, heißt das freilich noch
nicht, daß dieses Original erhalten und mit der Lee-Fassung identisch sein muß.
Die übertrifft zwar alle in Kassel gezeigten Kopien an malerischer Qualität,
hat aber auch Schwächen. Ob etwa bei den ziemlich flachen Gesichtern ein künstlerischer Neuansatz
Raffaels nicht ganz geglückt ist, ob ein Gehilfe des Malers es nicht besser
konnte oder ob ein Restaurator außer Schmutz auch originale Schattierungen
entfernt hat, läßt sich nicht mit Sicherheit beantworten. Der Streit kann weitergehen. Boris Hohmeyer
