Ausgabe: 01 / 1996
Seite: 52-55
Die ganze Stadt ist ein Museum
Von Peter Meleghy
Reisen mit ART - Gent
Durch die hohen Fenster der St.-Bavo-Kathedrale fällt fahles Licht auf die nächtliche Nebenstraße. Es leuchtet so gespenstisch, als hätten die Geister des letzten Kunstraubs Mondschein eingeschaltet, um weitere Bilder des berühmfen Genter Altars zu stehlen.
Rundherum jedoch prunkt die Altstadt in warmem Lichtschmuck. Die St.-Nicolaus-Kirche aus dem 13. Jahrhundert schimmert in mattem Braun, blaßgrau ragen die neogotischen Türme der Post von 1910 empor, hellgelb funkelt der goldgeschmückte Turm des Belfriedes, des Wachturms aus dem 14. Jahrhundert, und die St.-Bavo-Kathedrale, zwischen 1274 und 1569 errichtet, ist in rötlichen Glanz getaucht. Nur einige Schritte weiter, am Gewürzkai des alten Hafens, spiegeln sich Häuserzeilen malerisch auf der glatten Wasseroberfiäche. Die meisten Gebäude haben hohe Treppengiebel, einige sind zudem mit schlanken Türmchen und dünnen Bronzefiguren verziert.
Die Stadt am Zusammenfluß von Schelde und Leie mit ihren Kanälen, Brücken, kopfsteingepflasterten Gäßchen und geschlossenen Plätzen hat eine bewegte Geschichte. Schon im 13. Jahrhundert wurde Gent durch Herstellung und Verkauf von Stoffen geradezu unermeßlich reich - Anfang des 14. Jahrhunderts war die Stadt eine der größten und mächtigsten Städte Europas und besaß bereits ihre heutige Ausdehnung. Ohne Zwang zur Sparsamkeit konnten die Baumeister von Gent mit den Stilen spielen. Sie erbauten die Festung Gravensteen nach dem Vorbild syrischer Kreuzritterburgen und den Turm der St.-Nicolaus-Kirche in kühler Scheldegotik. - Während der liberalen Herrschaft der Maria von Burgund erblühten im 15. Jahrhundert die Künste - zeitweise arbeiteten auch die Brüder Hubert und Jan van Eyck in Gent. Im 16. Jahrhundert gewannen die Spanier die Vorherrschaft über die Niederlande, englische Tuche wurden zur Konkurrenz auf dem Markt - die Stadt geriet in eine Krise. Erst im 18. Jahrhundert brachte die Baumwollindustrie neuen Aufschwung; um das Jahr 1800 revolutionierte die Einführung englischer Spinnmaschinen die Textilindustrie, Gent gelangte wieder zu Wohlstand. In den Weltkriegen wurde die Stadt von deutschen Soldaten besetzt, aber nicht zerstört - das großartige Stadtbild blieb also erhalten.
Das bedeutendste Kunstwerk der Binder van Eyck, der "Genter Altar", befindet sich nach langem Irrweg wieder in der St.-Bavo-Kathedrale. Das 1432 vollendete Polyptichon aus 26 Bildtafeln ist das größte erhaltene Werk der altniederländischen Malerei. In bis dahin nie gesehener Wirklichkeitstreue und Farbenfreude zeigt es Szenen aus der Bibel wie die "Verkündigung an Maria" und die "Anbetong des Lammes".
Engel, Heilige, Märtyrer, Apostel, Propheten und kirchliche Würdenträger treten auf, außerdem Pilger, Fürsten, Richter und auf den beiden schmalen Außenfiügeln Adam und Eva in unschuldiger Blöße. Albrecht Dürer, dem Marias Schönheit und Evas wohlgerundeter Bauch besonders gefallen haben sollen, nannte das Werk "ein überköstlich hochverständig Gemäl".
Im Jahr 1566 konnte das Altarbild nur mit Mühe vor den Bilderstürmern gerettet werden, 1640 entging es knapp einem Brand. Als der auch in Flandern regierende Kaiser Josef II, von Üsterreich Adam und Eva 1781 wegen ihrer vermeintlich unkeuschen Nacktheit durch bekleidete Figuren ersetzen ließ, verschwanden die Originale. Erst 80 Jahre später tauchten sie wieder auf und wurden vom Brüsseler Museum angekauft.
Immer wieder wurden Tafeln des Altars geraubt oder verkauft, und immer wieder kamen sie zurück. Von 1920 an war das Werk komplett zu besichtigenbis 1934 erneut zwei Tafeln gestohlen wurden. Eine wurde von der Polizei aufgespürt und zurückgebracht, das zweite Bild, "Die gerechten Richter", ist bis heute nicht wieder aufgetaucht und mußte durch eine Kopie ersetzt werden. Seit 1986 hat derAltar einen eigenen Raum im linken Seitenschiff der St.-Bavo-Kathedrale, wo er bei leiser Choralmusik von allen Seiten besichtigt werden kann.
Die eindrucksvollsten Räume der Kirche liegen im Untergeschoß und stammen aus dem 10. Jahrhundert. Dort wölben sich die Decken in runden, spitzen oder kreuzförmigen Bögen und werden von niedrigen, teilweise abenteuerlich schief stehenden Säulen getragen; an den Wänden finden sich gut erhaltene Fresken.
Am Rand des ruhigen Citadelparks befindet sich im Museum für Schöne Künste die wichtigste Gemäldesammlung der Stadt. Unmittelbar hinter der hohen klassizistischen Eingangshalle hängen in einem zentralen Saal acht riesige Brüsseler Wandteppiche mit Darstellungen aus der antiken Geschichte und Mythologie. In der Abteilung iür alte Kunst sind neben einigen Werken berühmter Künstler wie Peter Paul Rubens und Frans Hals überwiegend Landschaften, Seestücke und Stillleben von weniger bekannten Niederländern versammelt. Zu den Glanzpunkten des Hauses zählen die großformatigen Bilder von Joachim Beuckelar (1533 bis 1573) mit ihren deftigen Küchen- und Marktszenen.
Höhepunkt der Sammlung ist das um 1515 entstandene Gemälde "Kreuztragung" von Hieronymus Bosch. Um das erschöpfte Antlitz von Christus mit der Dornenkrone drängen sich die fratzenhaften Köpfe seiner Peiniger mit ihren grauen und gelben Gesichtern, ihren Knollennasen und den zahnlosen, geifernden Mündern.
Das Museum für zeitgenössische Kunst im selben Haus zeigt Werke belgischer Maler der Klassischen Moderne, so von Paul Delvaux und Rene Magritte; außerdem widmet es sich der internationalen Kunst aus der Zeit nach 1945. Arbeiten der jüngsten Künstlergeneration kann der Besucher in den Räumen hinter dem überdachten Innenhof kennenlernen, in denen Jan Hoet, Direktor des Hauses und Leiter der documenta 9 von 1992, wechselnde Ausstellungen zeigt.
Hervorragende antike Objekte-Waffen, Glas und Schmuck - sind im Bijlokemuseum, einer Zisterziensererinnenabtei vom Anfang des 13. Jahrhunderts, zu sehen. In einem anderen ehemaligen Kloster, der im 7. Jahrhundert gegrüdeten Abtei St. Peter, ist das "Zentrum für Kunst und Kultur" untergebracht. Noch bis zum 7. Januar erinnert hier eine Dokumentation an den Raub der Altartafel "Die gerechten Ritter" aus der Kathedrale St. Bavo im Jahr 1934, an mysteriöse Erpresserbriefe und den plötzlichen Tod eines Wechselagenten, der starb, gerade als er das Geheimnis lüften wollte.
Etwas seltsam erscheint der Führer durch die Galerienszene der Stadt: Auf der langen Liste, die der Besucher bei der Touristeninformation im Alten Rathaus erhält, sind neben den Galerien auch Rahtnenhandlungen und Farbengeschäfte aufgeflihrt - vielleicht, um über den unaufkaltsamen Galerienschwund hinwegzutäuschen? Die Gent Art Gallery hat die Pforten geschlossen, und der Kunsthändler Michel Rooryck zieht nach Ostende, weil er "nicht verhungern möchte".
Doch die Galerie Fortlaan 17 ist überragend. In herrlichen Räumen mit Blick auf den Citadelpark zeigen Micheline Lesaffre, Etienne Tailleu und Roos Cleve junge Kunst der Avantgarde. "Schon seit 1989", sagt die Galeristin Lesaffre, "und wir leben noch." Zur Zeit sind drei österreichische Künstler zu Gast: Walter Vopova und Gunter Damisch zeigen Gemälde, Brigitte Kowanz bietet eine Lichtinstallation.
Leider sind die Galerien schwer zu finden. Viele Häuser in Gent tragen keine Hausnummern, andere dafür bis zu fünf. Doch das Verwirrspiel hat auch eine gute Seite: Wer sich verlaufen hat, entdeckt manchmal zufällig herrliche Gebäude, Straßen und Plätze. Schließlich ist in Gent die Stadt selbst die größte Attraktion.
