Ausgabe: 01 / 1996
Seite: 28-33
Der Tanz ist lebendige Skulptur
Von
ihre menschenähnlichen figuren aus sackleinen und leim haben magdalena abakanowicz bekannt gemacht
Tanzstile interessieren mich überhaupt nicht, auch nicht die Regeln des
Butoh-Tanzes", stellt Magdalena Abakanowicz fest. Dennoch hat die polnische Bildhauerin eine "tiefe und bewegende Erfahrung"
gemacht, die sie für den Tanz und die künstlerische Arbeit mit Tänzern
begeisterte: Sie betrachtete in Warschau ein Video, das ihr Akiko Motofuji, eine
Meisterin des modernen japanischen Ausdruckstanzes Butoh, aus Tokio geschickt
hatte. Daraufwar ein Tanz zu sehen, den Akiko Motofuji und ihre Ballettgruppe 1993 in
Hiroschima improvisiert hatten, zwischen 40 in Bronze gegossenen Rückenfiguren
und um sie herum - am Ort von Magdalena Abakanowicz' großem Denkmal iür
Hiroschima. Es war kurz vorher dort aufgestellt worden, angeregt durch eine
Unterschriften-Initiative in der Stadt.
Beim Anschauen des Videos entdeckte die Bildhauerin im Tanz der Butoh-Truppe
"eine unbekannte und faszinierende Interpretation des menschlichen Körpers:
Manchmal bezog sich der Tanz auf meine Skulpturen, als sei er aus ihnen
hergeleitet." Sie schlug Akiko Motofuji vor, zusammen zu arbeiten. Magdalena Abakanowicz zeichnete Bewegung für Bewegung Tänze, die sie als eine
Weiterentwicklung von Ideen versteht, wie sie in ihren Skulpturen bereits
angelegt sind. Das sind die Werkgruppen, die sie "Alterationen", Verwandlungen, nennt - darum
heißt das Ballett "Alteration of Alterations". Akiko Motofuji, deren Mann Tatsumi Hijikata den Butoh erfunden hat, stodierte
mit ihrer Truppe die Tänze ein, zu Musik, die auf alten japanischen Instrumenten
gespielt wird. Die Uraufführung fand in einem Lagerhaus in Tokio statt, die zweite Vorstellung
1994 beim dortigen Tanzfestival. Die von der Truppe und Magdalena Abakanowicz zusammen erarbeitete, jetzt
gültige Fassung wurde zum 50. Jahrestag des Atombombenabwurfs in Hiroschima aufgeführt. Ein begeistertes Publikum sah im vergangenen Herbst zwei Vorstellungen in
Warschau zur Eröffnung einer Abakanowicz-Schau im Zentrum für zeitgenössische
Kunst. Wenn es finanziell klappt, wollen die Künstlerinnen im März zum Abschluß der
Abakanowicz-Schau im Skulpturen-Park von Vorkshire eine Vorstellung geben, im
Mai zur Eröffnung ihrer Ausstellung in der Charlottenborg-Ausstellungshalle in
Kopenhagen. Auf jeden Fall wird die Bildhauerin weiterhin mit Tänzern arbeiten. Für 1997 werden schon Amerika-Pläne gemacht. I.S.
