Ausgabe: 01 / 1996
Seite: 50-51
Die Musik kommt aus der Ananas
Von Kerstin Schweighfer
Das Radio als Kunstobjekt - Entwürfe aus Südafrika
Sender- Suchlauf und Lautstärkeregler sind nicht immer leicht zu finden, doch
abgesehen davon funktionieren die Geräte tadellos. Die Ausstellung "Radio Südafrika" in der Rotterdamer Kunsthal (bis 7. Januar) zeigt 50 Klang-Kunstwerke von Künstlern aus Südafrika - und oft gaben
Volkskunst und Trivialmythen den Anstoß zu kuriosen Entwürfen: Ein Rundfunkgerät
sieht aus wie ein vollgepackter Überland-Reisebus, eines wie ein Brötchen mit
Bulette und Zwiebelringen, bei dem die Musik aus einer Ananasscheibe kommt.
David Rossouw aus Johannesburg entwarf eine zweieinhalb Meter große,
phantastische Figur mit einem Goldfischglas anstelle des Kopfes. C. J. Morkel provozierte das Publikum mit aggressiver Pornografie: Er versteckte die
Hörfunktechnik zwischen den gespreizten Beinen einer lebensgroßen, ganz in Leder
gekleideten Sado-Maso-Puppe; zwei männliche Sklaven rechts und links dienen
als Lautsprecherboxen. Neben weißer Prominenz aus der Großstadt wie Rossouw und Morkel sind auch viele
schwarze Künstler aus Dörfern und Townships vertreten, zumeist Autodidakten
wie der 60 Jahre alte Trust Senda Tshuma aus Zimbabwe, der den Lautsprecher
seines Radios in die vorgestreckte Hand eines hockenden Mannes montierte und die
Skulptur "Baseball-Handschuh" nannte. Robert Lungupi, 29 Jahre alt und ohne festen Wohnsitz, ist gleich mit mehreren
Werken in der Schau vertreten; sein originellstes Stück vereint die Porträtköpfz
der wichtigsten Männer des Landes, Nelson Mandela, Frederik Willem de Klerk
und Mangosuthu Gatsha Buthelezi, zu einem harmonischen Dreiklang - als habe es
die Apartheid in Südafrika nie gegeben. Die Idee zur Ausstellung hatte der Johannesburger Kunsthändler Trent Read, als
er mitten im Busch ein Radio in einer Öltonne entdeckte. Gemeinsam mit der populären südafrikanischen Rundfunkstation "Radio 702" riefer
150 Künstler auf, ein Radio-Kunstwerk zu entwerfen - mit Erfolg: 80 Prozent
der Arbeiten waren schon am Eröffnungstag der Schau zu Preisen zwischen 900 und
1800 Mark verkauft. Erna Beumers, die Afrika-Kustodin am Völkerkundemuseum in Rotterdam, war bei
einem Rundgang so hingerissen, daß sie die 50 schönsten Exemplare nach Holland
holte. Afrika habe eine starke mündliche Tradition, erläutert Erna Beumers, das
geschriebene Wort sei weniger wichtig als das gesprochene; "Selbst im tiefsten
Dschungel stößt man noch auf ein Transistorradio." Hörfunkpropaganda ist bei Wahlen mitentscheidend; bisweilen wird die Macht des
Rundiünks auch mißbraucht, um Haß zu schüren oder - wie in Ruanda - zu
Staatsstreichen und Massenmord aufzurufen. Doch will die Niederländerin das einseitige Image Afrikas ais "verlorener
Kontinent des Elends und des Todes" zurechtrücken. Für Erna Betzmers sind die klingenden Kunstwerke "ein ausgezeichnetes Mittel,
um etwas über Afrika zu erzählen, ohne belehrend werden zu müssen - auf
unterhaltsame, heitere Art". Die Besucher strömen jedenfalls in Scharen ins Auditorium der Kunsthal, wo die
Radios zum Teil federnd von der Dekke hängen und den Raum zum Tanzen bringen. Alle Radios funktionieren, und jeder Besucher darf sie ausprobieren. "Letzten Sonntag", stöhnt eine Mitarbeiterin, "herrschte hier ein
unbeschreiblicher Lärm." Kerstin Schweighöfer
