Ausgabe: 01 / 1996
Seite: 38-47
Ein Beben von Leidenschaft und Anmut
Von Martin Tschechne Roman Mrz
Der in Berlin lebende Maler, 58, liest zarte Poesie, farbige Prosa dann entstehen seine energiegeladenen Gemälde
VON MARTIN TSCHECHNE FOTO: ROMAN MÄRZ Der Auftrag war knapp und klar: "Schlachte den Vater", hieß es in dem Telegramm; ein Flugticket lag bei - Walter Stöhrer machte sich aufden Weg nach Stuttgart.
Gerufen hatte ihn das Opfer selbst. HAP Grieshaber, Holzschneider, Buch-Künstler und Zeichner, war von 1956 bis 1959 Stöhrers Lehrer an der Kunstakademie in Karlsruhe gewesen. Jetzt, im April 1969, ehrte ihn der Württembergische Kunstverein in Stuttgart mit einer Sonderschau zum 60. Geburtstag, doch der störrische Grieshaber war unzufrieden damit, daß im Kuppelsaal nur Plakate vergangener Ausstellungen zu sehen waren. "Schnee von gestern", grollte er, zog sich in sein Atelier auf der Achalm bei Reutlingen zurück und kam nach zwei langen Nächten mit einer "Wandzeitung" hervor, die er den Plakaten gegenüberstellte: vier Bahnen mit Zeichen und Parolen, voller Ungestüm und Zorn mit dem Kohlestift auf das dünne Papier geschleudert. Dann riefer nach Stöhrer. Der brauchte fünf Stunden, ein paar Schinkenbrötchen und eine Stange Zigaretten, um das insgesamt gut 25 Meter lange und 2,20 Meter hohe Werk zu schlachten, um Linien und Formen in Eimern von Farbe zu ersäufen, Zeichen zu durchkreuzen und Parolen seine Widerrede entgegenzusetzen: "Studium ist Selbstbestimmung", hatte der Lehrer geschrieben - gerade mal "Selbstbestimmung" ließ der einstige Schüler stehen. Die Papierbahnen wanderten in Grieshabers Nachlaß-Azchiv und blieben dort 25 Jahre. Als Stöhrer aber im vergangenen Oktober den mit 30 000 Mark dotierten Stottgarter Hans-Molfenter-Preis überreicht bekam, ehrte ihn die Galerie der Stadt Stottgart mit einer Retrospektive seiner Gemälde (bis 7. Januar), der sie die vier mit "Stöhrer '69" signierten Bahnen als Auftakt voranstellte - im Vorraum eben jenes Kuppelsaals, in dem einst der Ritualmord geschehen war. "Nein, Mord war es nicht", sagt der Künstler und lächelt. Im Januar wird er 59, ein schlanker, drahtiger Mann mit schlohweißem Haar und elegant fließenden Bewegungen. Seit 1959 lebt er in Berlin; die umfangreiche Liste seiner Ausstellungen nennt Orte wie Florenz und Humlebaek, New York, Los Angeles und Tokio. Sein Galerist Gerhard Reinz in Köln und die Galerien Nothelfer und Brusberg in Berlin verkaufen seine Gemälde für Preise um 70 000 Mark, Papierarbeiten ab 5000 Mark - Stöhrer ist erfolgreich, wohlhabend und zufrieden. Ein Werkverzeichnis der Gemälde ist in Arbeit; sein grafisches Gesamtwerkrund 2500 Blätter - bekommt die Kunsthalle Bremen als Geschenk. Seit neun Jahren ist Stöhrer zudem Professor an der Berliner Hochschule der Künste und gibt selbst weiter, was er in seinem Malerleben erworben hat. "Er hat immer in Metaphern über Malerei gesprochen", rechtfertigt der einstige Schüler seine Tat. "Ich habe versucht aufzunehmen, weiterzuführen, mit Farbe auf die Vorgabe zu reagieren." Von Empedokles bis zu den Versen der Pop-Ära Tatsächlich ragen aus den wilden, gestischen Pinselschlägen auf dem Stuttgarter Bilderfries immer wieder die knappen Zeichen und Figuren des Lehrers hervor. Stöhrer griff die Vorgaben auf, setzte dem glatten, auf dem Zeichentisch entstandenen Kohlestrich Grieshabers eigene Kürzel in poröser, beinahe bröseliger Linie entgegen - die Wand des Ausstellungsraums von damals war eine rauhe Unterlage - und ließ Ströme von Dispersionsfarbe über Schrützüge und Strichmuster schwappen, aber auch behutsam, Inseln bildend, um sie herumfließen. "Es ist eine Art Simultantnalerei", sagt er, "auch wenn sie nicht zur gleichen Zeit entstanden ist." Solche malerischen Dialoge hatte er schon vorher mit Horst Antes und Dieter Krieg ausprobiert, seinen Mitschülern in der Klasse Grieshaber; bis weit in die siebziger Jahre sollte er seine Versuchsreihe fortsetzen, die Kunst als öffentlichen Prozeß zu inszenieren - mal allein vor Zuschauern, mal gemeinsam mit Kollegen, mal auch mit dem Publikum. Es war die Zeit von Aktionskunst und Happening; Walter Stöhrers Ziel war zumindest die "offene Werkstatt". Vier Jahre vor der rituellen - und übrigens vor den Besuchern der Grieshaber-Schau vorgenommenen - Schlachtung der Vaterfigur, 1965, warder Maler aufeinen sehrprivaten Anlaß für sein (zunächst noch) öffentliches Handeln gestoßen: Er hatte den Erzählungszyklus "Die Zimtläden" von Bruno Schulz gelesen - ohne zu wissen, daß der 1942 in Galizien ermordete jüdische Schriftsteller auch Maler gewesen war. "Ich war begeistert von dieser unerhört farbigen, visuellen und sinnlichen Prosa", erinnert sich Stöhrer. Von jetzt an suchte er den Dialog auch mit der Literator. Er habe nie eines der Bücher gekauft, aus denen sich später Gemälde entwickeln sollten, sagt der Künstler- es waren immer Leihgaben oder Geschenke von Freunden, die ihn auf das aufmerksam machen, was er suchte: "alle Art von Literatur, die ihren Wurzeln nach stark optisch ist". Das Verfahren, auf die Freunde und den Zufall zu vertrauen, hat seine Vorzüge: Stöhrers Schatz an literarischen Entdeckungen ist umfangreich und von keinem Kategoriensystem der Literaturwissenschaft eingeengt - von H.C. Artmann bis Unica Zürn reicht die Belesenheit des Malers, vom mittelalterlichen Katalanen Ramön Llull bis zum modernistischen Portogiesen Fernando Pessoa, von den Fragmenten des Vorsokratikers Empedokles bis zu den ungehemmt subjektiven Gedichten des Pop- und Protest-Lyrikers Rolf Dieter Brinkmann. Begeistert hat ihn der Roman "Der Kopfdes Vitus Bering" von Kottrad Bayer, eine aus Bildern und Fragmenten zu Mystik und Ekstase, Veitstanz und Schamanismus montierte Biografie des russischen Seefahrers und Polarforschers: "Eine imaginäre Reise im Schädel des Schriftstellers", schwärmt Stöhrer. "Die historische Figur benutzt er eigentlich nur so, wie ich den Konrad Bayer benutzt habe." Per Anhalter zu den Verbildern nach Paris Als Anlaß nämlich, als Auslöser, als Initialzündung für den Malprozeß: Am Anfang der Reise durch den Schädel des Malers steht oft ein Zitat, manchmal eine ganze Seite, manchmal nur ein Fragment, von Stöhrer schnell und flüchtig auf die Leinwand gehuscht (ein Foto, ein Einkaufszettel, eine Zeichnung können ähnliche Dienste leisten). Aus der Schrift erwächst in machtvollen, die ganze Fläche umfassenden Schwüngen die freie Linie; aus der Linie fügen sich Figuren zusammen, Andeutungen von Gesichtern, Fratzen, Masken, Totenschädel, eine Hand, ein Auge, ein Phallus, eine Vagina. Dann folgt die Farbe : Rot und Schwarz, ein kühlendes Blau, ein hämisches Gelb, energiegeladen und gewalttätig, anmutig, rasant und voller Leidenschaft. "Stöhrer behandelt die Farben, als seien sie ein Naturereignis", schrieb Eberhard Roters, der frühere Direktor der Berlinischen Galerie (ART 9/1993). "Ich kaufe keine Zwischentöne", sagt der Maler. Ein Satz aus der Erzählung "Nadja" von Andre Breton wurde zum Schlüsselsatz auch für Stöhrers Verfahren: "Die Schönheit wird konvulsiv sein", formulierte der Vordenker des Surrealismus (in anderer Übersetzung heißt es: " "wird wie ein Beben sein")",oder sie wird nicht sein" - und der Küstler verteidigt das Terrain für seine leidenschaftlichen Eruptionen, seine konvulsiven, heftigen Entladungen mit allen Mitteln: Seine Leinwände sind von oft gewaltiger Größe; von allen Seiten macht er sich über sie her, und immer wieder veriäßt er sie, um nach Tagen oder Wochen daran weiterzuarbeiten wie ein Chirurg am offenen Herzen. "Hab' ich Wut, sauf' ich Blut", peitscht er sich auf, wenn er sein Atelierwiederbetritt, und erst nach zwei oder drei Durchgängen legt er sich fest, wo oben ist und wo unten. "Es geht tun Reichtum und Unordnung", sagt er, "und darum, wie ich mir die Kzait und die Lust erhalte, die Arbeit an einem Bild wiederaufzunehmenindem ich nämlich offen bleibe, solange es möglich ist." "Was machen Sie eigentlich, wenn Sie nicht malen?" hat ihn Grieshaber einmal gefragt, und Stöhrer scheint keine rechte Antwort darauf gewußt zu haben - denn noch heute ist ihm die Verletzung von damals gegenwärtig. Vielleicht hat sie ihm den nötigen Zorn für seine fortgesetzten Rituale gegeben, vielleicht auch den Vorzug vor allen anderen Schülern, als es darum ging, den Vater zu überwinden. Stöhrer war nämlich schon Maler, als er an die Akademie kam. Er hatte eine Lehre als Werbegrafiker in Karlsruhe abgeschlossen, kannte sich in Drucktechniken aus und wußte, wie Sophia Loren auf den damals noch gemalten Filmplakaten effektvoll in Szene zu setzen war. "Der Meister", sagt er, immer noch stolz, "setzte zum Schluß nur noch die Glanzlichter auf." Nebenher bekam er regelmäßig Aufträge von den "Badischen Neuesten Nachrichten", der Tageszeitung in Karlsruhe. "Ich war", sagt er, "so was wie ein Wunderkind im Zeichnen" - er lieferte romantische Szenen aus dem Schloßpark, mal ein schmiedeeisernes Tor, mal ein Aktbild nach einer Vorlage des Bildhauers Wilhelm Lehmbruck. Die Blätter wurden gegen 25 Mark Honorar gedruckt und ließen sich hinterher noch gut für 120 oder 150 Mark verkaufen. Zudem war sein leiblicher Vater Maler gewesen - kein großartiger, wie Stöhrer heute sagt, aber es genügte, die fünfköpfige Familie mit seinen Aquarellen durch die Nachkriegsjahre zu bringen. Der Sohn lernte die oberrheinische Malerei kennen, wnchs aufmit den Reproduktionen der Gemälde von Frans Hals und Adolph Menzel und besuchte mit seinem Vater die Kunsthallen der Umgebung. Er begeisterte sich für den deutschen Expressionismus, und in den Sommerferien fuhr er per Anhalter nach Paris, um Künstler wie Raoul Ubac von der neuen "Ecole de Paris", den Tachisten Wols und den Art-Brut-Maler Iean Dubuffet kennenzulernen. Ein älterer Freund, der Maler Peter Dreher, zeigte ihan die Kunstakademie. Der Expressionist Erich Heckel, Mitbeginnder der Künstlergemeinschaft "Brücke" und nach dem Krieg Professor in Karlsruhe, bestimmte das Klima an der Hochschule, und Stöhrer war beeindruckt: "Die Drucke an der Wand, die Stoffe der Sitzbezüge, die Weinflaschen und die tollen Frauen, die hier ein und aus gingen - das war alles Heckel." HAP Grieshaber kam als Nachfolger, und Stöhrer war aufs neue begeistert. Der Lehrer war ein wuchtiger und charismatischer Mann, ein Querkopf, der seine Schüler zu Samuel Beckett und Eugene Ionesco ins Theater schickte statt an die Staffelei, der im Widerstand gearbeitet hatte und noch immer kämpfte: gegen Krieg und Unterdrückung, gegen eine Kulturpolitik, in der Kunststudenten nach einer Prüfungsordnung aus der Nazi-Zeit aussortiert wurden - und gegen künstlerische Strömungen, deren Ara in seinen Augen voinber war: "Wir Schüler seiner Klasse waren sehr schnell einig gegen die triste, theorielastige Soße des europäischen Informel", sagt Stöhrer. "Maler wie Bernard Schultze, Emil Schumacher oder Hans Platschek - das war für uns Vergangenheit." Grieshaber erläuterte seinen Studenten den Abstrakten Expressionismus der New Vorker Schule um Jackson Pollock und Willem de Kooning, die das automatische Schreiben der Surrealisten aufgegriffen und weiterentwickelt hatten. Stöhrer weiß noch, wie er voller Begeisterung die Zeichnungen aus den psychotherapeutischen Sitzungen von Pollock kopiert und dessen Vokabular regelrecht auswendig gelernt hat - doch sagt er heute: "Pollock war ein Endpunkt. Die Farbigkeit bei Arshile Gorky oder de Kooning war für mich wichtiger." Er hörte Voriesungen über Matthias Ginnewald, den Meister des Isenheimer Altars, vertiefte sich im Atelier seines Lehrers in ein Bild des neusachlichen Malers Paul Kleinschmidt und studierte die Sammlung des schwäbischen Lehrers Oberle, der Stapel von Kinderbildem an die Akademie gebracht hatte. Er begegnete der vitalen, aus dem Unbewußten schöpfenden Malerei des Dänen Asger Jorn von der Gruppe "Cobra" und seiner Nachfolger von der Münchner Gruppe "Spur" - und entdeckte endlich die unbeholfene Malerei von Kindern und Geistesgestörten als Ausgangspunkt einer eigenen Bildsprache: kraftvoll und zerstörerisch und dennoch voller Anmut und Romantik. "Alle Organisationen der Materie sind unbeständig und locker, leicht empfänglich für Rückbildungen und Auflösungen", heißt es in der Erzählung "Traktat über die Mannequins oder das zweite Buch Genesis" aus dem Zyklus "Die Zimtläden" von Bruno Schulz. "Es steckt nichts Böses in der Reduktion des Lebens aufandere und neue Formen. Der Mord ist keine Sünde." Walter Stöhrer hatte das gelesen, bevor er nach Stuttgart fuhr.
