Ausgabe: 01 / 1996
Seite: 34

Genial gedacht, aber nichts wert

Von Alfred Nemeczek

KUNST-GESCHICHTEN

VON Auch das neue Jahr kommt in den Kleidern des alten. Auf eine sozusagen saisonbereinigte Wende seines Alltags kann keiner hoffen,

der sich im anbrechenden Schaltjahr an 366 Tagen rasieren muß. Mindestens vierzigmal werde ich auch 1996 den Koffer durch deutsche

ICE-Bahnhöfe rollen, die nicht erst zum Kalenderwechsel wieder ein Stück

häßlicher geworden sind.

Verdienen diese abscheulichen Kugel-Uhren, die aufhohen Ständern und mit

abstrus gekrümmten Neon-Zeigern dort neuerdings die Servicepulte markieren,

wirklich noch das Prädikat Design? Und gehört eine Armee eiserner Fahrplanhalter in Menschengestalt, mit der die

Bahn ihr Ambiente zusätzlich verhunzt, noch zur Gattung Plastik? Achja und ach nein. Die Bahn-Verkäufer haben es doch nur gut gemeint und mal wieder eine dieser

brillanten Ideen gehabt, die bei Licht betrachtet nichts wert sind. Vergleichbare Betriebsunfälle hat 1995 auch die Kunstszene produziert. 1. Großartig war die Idee von Gerhard F. Reinz, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Galerien, bei der

Pressekonferenz zum Auftakt des Kölner Kunstmarkts ART zu zitieren. "Die immer wiederkehrende Diskussion über die Größe der Art Cologne", begann

er, "hat " " für uns gelöst. Er hat erklärt: "Nie mehr will ich mich am Streit über Größe und

Unübersichtlichkeit der Kölner Kunstmesse beteiligen. "' Zu Asche wurde der Einfall, als Galeristen und Presseleute Reinz mit

Problemen konfrontierten, die Nemeczek in ART 1/1995 weder erörtern noch lösen

konnte, weil sie noch nicht existierten: Ungünstiger Messetermin (zeitgleich mit

den New Yorker Auktionen zeitgenössischer Kunst) und willkürliche

Verlängerung des Markts, der diesmal zehn statt sieben Tage dauerte - und somit

für Aussteller erheblich teurer wurde. 2. Großartig war die Idee des Kultorforums der SPD, endlich ein praktikables, an

Eintrittserlösen von Museen und Kunstvereinen orientiertes Urheberrechts-Modell

vorzulegen, das bildenden Künstlern künftig Honorare für

Ausstellungsbeteiligungen sichern soll. Schnell hinfällig wurde der gute Gedanke, als in der Zeitschrift "Kunstforum"

potentielle Zahler zu Wort kamen; Gegen das "halbherzige und scheinheilige

Unterfangen" opponierte Leonie Baumann von der Berliner Neuen Gesellschaft für

bildende Kunst; Wulf Herzogenrath, Direktor der Kunsthalle Bremen, warnte vor

"vermeidbarem überbürokratisiertem Unsinn"; Stephan Schmidt-Wulffen vom

Hamburger Kunstverein sah "eine noch strengere Konkurrenz unter den Künstlern"

kommen. Und auch die SPD hat wohl inzwischen begriffen, daß sie sich für ihren Vorstoß

auf die leeren Kassen schwach besuchter Ausstellungsinstitute den ungünstigsten

Zeitpunkt ausgesucht hat. 3. Großartig war die Idee des Hamburger Erotic Art Museums, für die Schau

"Lustobjekte" des Künstlers Karel Trinkewitz mit einem griffigen Untertitel zu

werben. Gar nichts wert war die gewählte Formulierung "Kraft durch Freud". Muß ich wirklich begninden, warum man selbst im Wortspiel die Nähe zur

NS-Organisation "Kraft durch Freude" besser meidet, mag die Versuchung auch groß

sein? 4. Großartig war die Idee des Berliner Senats, bedeutende Künstler per Wettbewerb

um ein zeitgenössisches Entree für den Berliner Lustgarten zu bitten, für den

Platz also, der zu Schinkels Altem Museum führt. Doch ein Eiertanz des Gewinners Gerhard Merz, der erst einen 87 Meter langen

Merz-Bau und dann (auf dem Weg zu einer Null-Lösung?) zwei kleine Pavillons in

Wasserbecken vorschlug, führte die ganze Wettbewerbsidee ad absurdum. 5. Großartig war die Idee der Ausstellungsmacher Jean Clair und Marc Scheps, 1995

die Kunst des 20. Jahrhunderts neu zu interpretieren: Also fehlte Abstraktes im Palazzo Grassi,

wo Clair die Schau zur Hundertjahrfeier der Biennale von Venedig anrichten

durfte. Nichts Ungegenständliches auch im Kölner Museum Ludwig, wo sich Scheps zum 70.

Geburtstag von Peter Ludwig den Vorlieben seines Stifters beugte. Doch die Manipulation stieß auf Kritik; Abstraktion bleibt "eines der

Hauptphänomene unseres Jahrhunderts", wie selbst Scheps in seinem Katalog zugab.

6. Großartig war die Idee des Hamburger Kunstvereins, endlich mal Arbeiten

Hamburger Künstler zu zeigen. Aber ein Auswahlverfahren, mit dem sich Direktor Stephan Schmidt-Wulffen aus

der Verantwortung stahl, machte die Geste zur Farce. Um einer Qualitätsdiskussion von vornherein zu entgehen, verordnete er ein

Stafetten-Prinzip: Der erste Künstler (Rolf Rose vom Kunstvereins-Vorstand)

bestimmte den zweiten, dieser den dritten und so fort. Resultat: "Erste Wahl", ein liebloses, unstrukturiertes Sammelsurium, das

Teilnehmer wie Publikum brüskiert. Anfang vom Ende der Ära Schmidt-Wulffen?