Ausgabe: 01 / 1996
Seite: 68-71

Bilder vom Licht in den Straßen von London

Von Carmela Thiele

Der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen zeigt Gemälde des Malers, der im vergangenen Jahr Großbritannlen auf der Biennale von Venedig vertrat "Alles verändert sich ständig", sagt Leon Kossoff, "das Licht, die Menschen, das Wetter. Ob man mit einem Modell arbeitet oder eine Landschaft zeichnet - alles muß täglich rekonstruiert werden." Die krustigen Bilder des Engländers, der in diesem Jahr 70 wird spiegeln solche Erkenntnis wider: Immer wieder kratzt er die Farbe ab, die er mit vehementen Pinselhieben pastos, bisweilen fast reliefartig auf die Leinwand häuft, er legt neue Schichten dar-über, zeichnet in sie hinein, so daß tiefer liegende Schichten wieder zum Vorschein kommen.

Gemeinsam mit Francis Bacon (1909 bis 1992) und Lucian Freud (Jahrgang 1922), Frank Auerbach (Jahrgang 1931) und dem Biennale-Preisträger R.B. Kitaj (Jahrgang 1932) wird Kossoff zu den führenden Vertretern der "School of London" gerechnet, einer lose gefügten Gruppe von Künstlern, die sich seit den fünfziger Jahren mit einer expressiven, oft von düsteren Gefühlen und Ängsten getragenen Figuration gegenüber Abstraktion und Minimal Art, Konzeptkunst und Installation behaupten konnten. Ihrem Selbstverständnis nach sind sie Maler, Erben einer künstlerischen Tradition - keine Avantgardisten und schon gar keine von Moden beeinflußten Entertainer. Kein Wunder also, daß sich im vergangenen Sommer auf der Biennale von Venedig - auf der üblicherweise die Entwicklung der Gegenwartskunst dokumentiert wird - die Geister an Kossoffs Malerei schieden. Richard Dorment lobte im "Daily Telegraph" den "Durchbruch im Spätwerk"; William Packer feierte Kossoff in der "Financial Times" als "Künstler von wahrer Statur und Autorität", der aus all dem "Wirrwarr" (Packer) aus High-Tech- und Multi-Media-lnstallationen herausragt: "Mit Kossoff sind wir wieder bei dem Künstler angelangt, der in direktem Kontakt mit seinem Material arbeitet und mit seinem Gemälde in unmittelbarer, emotionaler Weise auf seine Umgebung eingeht." Für Waldemar Januszczak von der "Sunday Times" dagegen waren Kossoffs "Bilder von London und einigen nackten Londonern genauso freudlos wie ein regnerischer Nachmittag in Kilburn", und Geraldine Norman von der "lndependant Review" bezeichnete die Entscheidung der britischen Kommissarin Andrea Rose für den Altmeister gar als die "reaktionärste Wahl seit zehn Jahren". Trotz der harschen Kritik an seinem Biennale-Beitrag ist Kossoffin seinerHeimat hoch geehrt: Die Tate Gallery kaufte im vergangenen Jahr sein Bild "Christchurch Spitalfields, Morgen" für 150 000 Pfund (rund 320 000 Mark) und plant für nächsten Juni eine große Retrospektive. Auf dem europäischen Festland ist Kossoff noch wenig bekannt; jetzt zeigt der Kunstverein in Düsseldorf bis zum 21. Januar den größten Teil von Kossoffs Biennale-Beitrag, 25 Porträts, Aktbilder und Stadtlandschaften aus den Jahren 1986 bis 1994 - es ist die erste Einzelschau des Künstlers in Deutschland. Leon Kossoff wurde 1926 als Kind russischer Emigranten in London geboren. "Seit ich zwölf Jahre alt bin", erinnert er sich, "habe ich gezeichnet und gemalt." Von 1949 bis 1953 studierte er in London an der St. Martin's School of Art und anschließend bis 1956 am Royal College ofArt. Mit seinem Freund Frank Auerbach besuchte er Abendkurse von David Bomberg (1890 bis 1957), einem der wichtigsten Vertreter der englischen Moderne. Bombergs geometrisch-kühle Abstraktion wirkte für die englische Malerei schulbildend. Rückblickend stellt Kossoff fest, daß der Kontakt zu Bomberg ihm erst das Gefühl gegeben habe, Maler zu sein: "Zu Bomberg zu kommen bedeutete nach Hause zu kommen." Seine Themen findet Kossoff in seiner unmittelbaren Umgebung: "Das merkwürdige Licht, die endlosen Straßen" in London, sagt er, faszinierten ihn seit 40 Jahren. Ein bevorzugtes Motiv ist die Christchurch in Spitalfields, eine ehemals hugenottische Kirche im Londoner Eastend, die der Architekt Nicholas Hawksmoor (1661 bis 1736) entworfen hat. Erste Zeichnungen davon fertigte Kossoff Mitte der fünfziger Jahre an. Die Skizzenbücher füllten sich, aber erst in den achtziger Jahren entdeckte er dieses Motiv als Anlaß für eine Serie von Gemälden. Ähnlich dem französischen Impressionisten Claude Monet (1840 bis 1926), der die Kathedrale von Rouen immerwieder zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten festgehalten hat, nähert sich auch Kossoff seiner Lieblingskirche: Er malte sie im Frühjahr und im Sommer, an einem düsteren Winterabend und am lichten Morgen, an einem stürmischen Sommertag und in sommerlicher Abendstimmung. In diesen Stodien drückt er nach eigenen Worten nicht nur "die Akkumulation von Erinnerung" aus, sondern auch das Bewußtsein", daß dieses Bauwerk bald von bedrohlichen Bürohäusern begraben sein wird". Christchurch sei für Kossoff "ein Ort der Epiphanie im weitesten Sinne", schrieb der Kritiker William Feaver",eine Manifestation von dem, was Bestand hat in der Kunst". Auch wenn Kossoffs Bilder von bestimmten Plätzen in London inspiriert sind, handeln sie immer auch von der menschlichen Figur. Kossoff beobachtet den Menschen, "wie er durch die Straßen geht und den Raum ver-ändert". Auf dem Gemälde "Außerhalb Kilburn Underground (Atom-Frühling)" von 1987 drängeln sich die Männer und Fcauen voc der U-Bahn-Station. Neben den Straßenszenen malt Kossoff auch Porträts und Akte. Sein Bruder Chaim und seine Frau Peggy sitzen ihm immer wieder Modell. Die vereinfachten Konturen, die er mit pastosen Strichen aufdie Leinwand bringt, und die hohen Backenknochen machen, daß beide Modelle einander ähneln. Die Stimmung im Bild teilt sich über die Farbgebung mit, die von dunkel glühenden Rot-Tönen bis zum fahlen Ocker reicht. Bei der Arbeit mit den Modellen schlägt das Prinzip der Ver-änderung besonders durch. "Jedesmal wenn das Modell sitzt, hat sich alles verändert", erläutert Kossoff. "Du hast dich verändert, es hat sich verändert. Die Anweisungen, an die du dich zu erinnem versuchst, sind nicht mehr da." Die Akte haben, so meint der Kritiker David Sylvester", eine oberflächliche Ähnlichkeit mit manchen Akten der deutschen Expressionisten, aber die spielen Rollen, die der Künstler ihnen zugedacht hat" - Kossoffs Akte dagegen seien "keine Charaktere, sondern Wesen, die nur dazu da sind, angeschaut zu werden". Die Gemälde berichteten nicht "von der Bedeutung, die diese Frauen für den Maler spielen, sondern sie handeln von der Präsenz dieser Frauen im Raum". Kossoffs Farben erscheinen häufig dumpf und undurchdringlich, zu einem alles verschlingenden Grau vermengt. David Sylvester, der mit seinen Schriften über Alberto Giacometti und Francis Bacon bekannt wurde, spricht im Zusammenhang mit Kossoffs Farben von "Schlamm und Lehm", konzediert dem Maler aber auch ein "Gespür für Licht" und "Brillanz", "gleichgültig, ob die Palette bleich oder dunkel" sei. Zur Ausstellung im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf (bis 21. Januar) erscheint der englische Biennale-Katalog ( 100 Seiten) mit einem deutschsprachigen Supplement zum Preis von 55 Mark. Die Ausstellung geht anschließend vom 9. Februar bis 31. März ins Amsterdamer Stedelijk Museum.