Ausgabe: 01 / 1996
Seite: 76-77
Realismus und Romantik als Schwestern
Von Petra Bosetti
Darmstadt/Mainz: Carl Philipp Fohr Die Landesmuseen beider Städte erinnern an den früh gestorbenen Zeichner der Romantik (1795 bis 1818)
Der "vielversprechendste aller hiesigen jungen Künstler im Fach der
Landschaftsmalerei", so schrieb Karoline von Humboldt ihrem Mann, dem
Philosophen und Staatsmann Wilhelm von Humboldt, im Juli 1818 aus Rom, "Fohr aus
Heidelberg, ist beim Baden in der Tiber ertrunken".
Der Künstler wurde nur 22 Jahre alt - doch hat er ein Werk hinterlassen, das
ihn zu einem der führenden Landschaftsmaler der Romantik macht, obwohl es fast
ausschließlich aus Zeichnungen und Aquarellen besteht. "Realismus und Romantik", schreibt dazu der Kunsthistoriker Paul F. Schmidt, "reichen sich schwesterlich die Hand." Das Hessische Landesmuseum Darmstadt und das Landesmuseum Mainz richten ihm
nunein wenig verspätet - zum 200. Geburtstag Ausstellungen aus; Das Mainzer Kupferstichkabinett zeigt 16
Aquarelle und Zeichnungen aus eigenem Bestand. Das Hessische Landesmuseum in Darmstadt präsentiert 80 Arbeiten aus seinem
Fundus von 350 Fohr-Blättern. Das Museum hatte schon früh angefangen, Blätter des Künstlers anzukaufen -
erste Arbeiten stammen von der Hand des 15jährigen Fohr. Vier Gemälde (von sieben erhaltenen) kommen zur Ausstellung aus dem
Privatbesitz der Herzöge von Baden - die Erb- und Großherzogin Wilhelmine hatte
Fohrs Talent gefördert. Sie hatte dem hochbegabten Jungen ein jährliches Stipendium von 400 Gulden
gegeben und ihn 1815 aufdie Münchner Kunstakademie geschickt. Doch dort wurde er nicht glücklich: Der strenge Klassizismus seiner Lehrer
widersprach seinen romantischen Idealen. Erst in Italien fand Fohr verwandte Seelen: 1816 kam er nach Rom und stieß dort
zu den Lukasbindern _ einer Gruppe junger Künstler, die sich nach einer
mittelalterlichen Künstlergemeinschaft benannt hatten. Die Italiener verspotteten sie als "Nazarener", weil die jungen Deutschen mit
ihren langen Gewändern und wallenden Haaren dem traditionellen Christusbild
entsprachen - dieser Name ging in die Kunstgeschichte ein. Auch die Lukasbrüder hatten sich vom strengen Klassizismus abgekehrt und
pfiegten eine "neudeutsche, religiös-patriotische Kunst" (Herders Lexikon der
Kunst). Die Landschaften, die in den anderthalb Jahren entstanden, markieren einen
Höhepunkt in Fohrs Werk. Zur Ausstellung in Darmstadt (bis 3. März) erscheint ein 250 Seiten starker Katalog, der Fohrs Gesamtwerk im
Landesmuseum dokumentiert. Zur Ausstelhng in Mainz (bis 4. Februar) erscheint ein Katalogheft.
